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23 März 2020 / Lesezeit: 4 minuten

Entwicklungszusammenarbeit

Wie effektiv sind Mikrokredite wirklich?

Frau Bui mit ihrer Familie vor ihrer Suppenküche in Hue, Zentral-Vietnam. Sie hat bereits zwei Drittel ihres Mikrokredits zurückgezahlt.

Tobias Sauer

Tobias Sauer

Einst galten Mikrokredite als Königsweg aus der Armut, in den vergangenen Jahren hagelte es dann Kritik. Mittlerweile zeigt sich: Die Investition ist im Einzelfall durchaus sinnvoll – wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Ein Beispiel aus Vietnam.

Stolz führt Bui Thi Kim Yen durch ihr kleines Geschäft in der vietnamesischen Stadt Hue. Die junge Frau mit hochgesteckten Haaren und selbstbewusstem Blick hat sich vor einem Jahr mit einem Suppenladen selbstständig gemacht. Gemeinsam mit ihrer Schwester steht sie jeden Morgen ab 4.30 Uhr am Herd und kocht in großen Töpfen Reissuppe. Ihre Kunden können aus zahlreichen weiteren Zutaten wählen, darunter wohlriechende Kräuter, geschnittener Kürbis, Zwiebeln, Garnelen und Schweinefleischstreifen, und so jeweils selbst über den Geschmack ihrer Suppe entscheiden.

Dass sie eines Tages Inhaberin eines kleinen Ladens sein würde, hätte sich die 25-jährige Frau Bui vor einigen Jahren noch nicht ausmalen können. Schließlich gestaltete sich ihr Start ins Leben schwierig. Aufgewachsen in einer sehr armen Familie, fehlte ihr jedes Kapital für eine eigene Geschäftsgründung. Vor fünf Jahren hatte sie begonnen, als Angestellte in einem Suppenladen zu arbeiten. „Dort habe ich gelernt, wie man Suppen kocht“, berichtet sie. „Mit der Zeit wollte ich aber einen eigenen Laden eröffnen.“ Geholfen haben ihr in dieser Situation die drei lokalen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) Codes, Cycad und Reach in Zusammenarbeit mit zwei europäischen Stiftungen, Plan International und der Tui Care Foundation. Sie gewährten Frau Bui einen Kredit über 10 Millionen Dong, umgerechnet knapp 400 Euro – und stellten damit das notwendige Startkapital.

400 Euro Startkapital

Geschichten wie die von Frau Bui klingen zunächst wie eine typische Erfolgsgeschichte aus der Welt der Mikrokredite. Der Theorie nach sollen die geringen Kreditsummen Armen helfen, eigene Geschäfte aufzubauen. Laut den Branchenexperten von Mixmarket wurden 2017 weltweit 112 Miliarden Euro an Mikrokrediten gewährt. Das Geld erhielten 120 Millionen Kreditnehmer, von denen 71 Millionen in Südasien leben. 80 Prozent der Kreditnehmer sind Frauen. Zinssätze und Kreditgebühren schwanken extrem von Land zu Land.

Prominentester Kopf in der Welt der Mikrofinanz ist Muhammad Yunus aus Bangladesch. Zusammen mit der von ihm gegründeten Grameen Bank machte er Mikrokredite bekannt, im Jahr 2006 wurde er dafür sogar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die Idee dahinter: Vielen armen Familien fehlt es an Kapital, um eigene Unternehmen zu gründen. Gleichzeitig bekommen sie von traditionellen Banken keine Kredite, weil die benötigten Summen, etwa für eine Rikscha oder eine Nähmaschine, zu gering sind. Yunus und seine Grameen Bank erkannten eine Marktlücke. Wie die meisten Mikrokreditinstitutionen vergeben sie ihre Kredite nicht an einzelne Unternehmerinnen und Unternehmer, sondern an Gruppen, zumeist von Frauen, die gemeinsam für den Kredit bürgen. Der soziale Druck innerhalb der Gruppen soll seinerseits dafür sorgen, dass die Kredite auch produktiv eingesetzt und pünktlich zurückgezahlt werden.

In den vergangenen Jahren meldeten sich jedoch immer mehr Kritiker zu Wort, die die Wirksamkeit von Mikrokrediten bezweifelten. So bestechend die Idee auf den ersten Blick scheint, so ernüchternd lesen sich Studien, die in den vergangenen Jahren erschienen sind. In den meisten Fällen konnten diese keine nachhaltige Armutsreduzierung feststellen, die Mikrokreditnehmerinnen und -kreditnehmer waren also einige Zeit nach Erhalt ihrer Kredite genauso arm wie zuvor. Auch die Art und Weise, wie die Kredite vergeben wurden, erregte Kritik. Oftmals nutzen Mikrokreditbanken zwischengeschaltete Kreditvermittler, die versuchen, möglichst viele Kredite zu verkaufen. Dabei prüfen sie, so die Kritik, zu selten, ob die zu gründenden Unternehmen Aussicht auf Erfolg haben. Kommt es zu Firmengründungen, handelt es sich häufig um sehr einfache Unternehmen, meist ohne weitere Angestellte. Häufig treten diese Solo-Selbstständigen zu schon bestehenden Unternehmen in Konkurrenz, etwa als zehnter Gemüsehändler in derselben Straße.

Mikrokredite: Verbleibt das Geld vor Ort im Kreislauf?

Damit nicht genug: Manche Familien nutzen ihren Mikrokredit zudem, um dringend benötigte Ausgaben zu finanzieren, etwa für Medikamente. Nachdem sie einen Mikrokredit durch einen anderen ersetzt haben, sind sie, auch aufgrund oft relativer hoher Zinsen, nicht mehr in der Lage, das geliehene Geld zurückzuzahlen. In Verbindung mit der Idee, Gruppen für die Rückzahlung der Kredite in Haftung zu nehmen, droht überschuldeten Kreditnehmerinnen und Kreditnehmern nun nicht nur der finanzielle Ruin, sondern zusätzlich noch die Ächtung durch diejenigen, mit denen sie eine Haftungsgemeinschaft bilden.

Darauf folgende Selbstmorde in Indien und anderswo haben Schlagzeilen gemacht. „Ein wichtiges Bewertungskriterium bei Mikrokrediten ist immer: Verbleibt das Geld vor Ort im Kreislauf, oder wird Geld von außen geliehen und mit Zinsen wieder abgezogen“, sagt Gerhard Klas, Herausgeber des Buches „Rendite machen und Gutes tun?“, das sich kritisch mit Mikrokrediten auseinandersetzt. Dieser überwiegend negativen Bewertung von herkömmlichen Mikrokrediten gegenüber stehen Erfolgsgeschichten wie die von Bui Thi Kim Yen, der Frau mit dem Suppenladen. Denn bei genauerem Hinsehen unterscheidet sich ihr Mikrokredit in einigen Punkten von üblichen Mikrokrediten. Der wichtigste: Frau Bui hat den Kredit nicht über eine Mikrokreditbank aufgenommen, sondern über die NGOs, die sie, ihre Familie und die Nachbarschaft in ihrer Sozialsiedlung ohnehin unterstützen.

Frau Bui in ihrer Suppenküche in Hue, Zentral-Vietnam. Bild: Tobias Sauer

Mikrokredit kam von NGO, zwei Drittel sind bereits zurückgezahlt

„Wir vergeben diese Kredite nur an Leute, mit denen wir im Rahmen unserer Programme zusammenarbeiten“, sagt Ingmar Vocke-Neumann von Plan International. „Dabei wird auch geprüft, wie aussichtsreich ein Projekt ist.“ Auch Frau Buis Vorhaben haben die Organisationen begleitet. Als sie sich bei den NGOs meldete und von ihrer Idee erzählt, haben die ihr erst einmal eine Schulung vermittelt: Frau Bui büffelte Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre und schrieb einen Businessplan. Erst nach dessen Prüfung gab es den Kredit. Die gute Vorbereitung scheint sich auszuzahlen: Acht Monate nach Eröffnung ihres Ladens hat Frau Bui zwei Drittel des Kredits zurückgezahlt und ist mit ihrem Erfolg bislang zufrieden.

Und die Zinsen? Die muss auch Frau Bui für ihren Kredit zahlen, der Zinssatz liegt bei rund 20 Prozent, ein üblicher Satz in Vietnam. Anders als bei klassischen Mikrokrediten gehen die Zinsen jedoch nicht an Investoren im Ausland, sondern verbleiben im Budget des Projekts und stehen so für weitere Maßnahmen zur Verfügung, versichert Ingmar Vocke-Neumann von Plan International.

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Frau Bui jedenfalls, die junge Geschäftsfrau, ist nach ihrer ersten erfolgreichen Gründung auf den Geschmack bekommen. Sie sieht sich schon nach einem zweiten Standort um.

Mehr zum Thema:

Gerhard Klas/Philip Mader (Hrsg.): Rendite machen und Gutes tun? Mikrokredite und die Folgen neoliberaler Entwicklungspolitik. Frankfurt am Main 2014: Campus. 217 Seiten, 19,90 Euro.