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26 November 2019 / Lesezeit: 3 minuten

Verantwortungseigentum

Selbstenteignung für den guten Zweck

Beim Verantwortungseigentum geht es darum, nachhaltig und glaubhaft zu wirtschaften.

TITELBILD: NATALIE GRAINGER/UNSPLASH

TITELBILD: NATALIE GRAINGER/UNSPLASH

Unternehmen sollten nicht ihrem Gewinn, sondern der Gesellschaft nützen. Das muss rechtlich abgesichert werden, fordert die „Stiftung Verantwortungseigentum”. Einige Unternehmen gehen den Weg bereits jetzt.

Unternehmen, die sich quasi selbst enteignen, indem sie unverkäuflich werden. Statt Gewinnerzielung verschreiben sie sich dem Unternehmenszweck, den Mitarbeitenden und der Gesellschaft im Allgemeinen – das nennt sich Verantwortungseigentum. Es geht darum, nachhaltig und glaubhaft zu wirtschaften. Einige Unternehmen arbeiten so bereits in der Praxis. Eine Rechtsform dafür, wie es sie etwa für GmbHs und Aktiengesellschaften gibt, fehlt in Deutschland jedoch bisher.

Die „Stiftung Verantwortungseigentum” will das ändern. 32 Unternehmen haben sich der neu gegründeten Stiftung bereits angeschlossen, unter anderem die Handelskette Globus, der Bio-Produzent Alnatura, die GLS Gemeinschaftsbank, die BMW-Stiftung und das Start-up für vegane Kondome und Perioden-Produkte Einhorn. 

Die Initiatoren der Stiftung schätzen, dass es in Deutschland bereits 200 Unternehmen gibt, die – häufig ohne es explizit so zu nennen – auf diese Weise für die Gesellschaft wirtschaften und dabei 270 Milliarden Euro umsetzen sowie 1,2 Millionen Mitarbeitende beschäftigen. Was vor rund 130 Jahren etwa bei den Technologie-Firmen Zeiss und Schott in Pionierleistung entstand, blühe gerade wieder auf. Viele Start-ups und mittelständische Unternehmen wirtschaften mit Verantwortungseigentum – ein relativ neuer Begriff für eine nicht ganz so neue Idee also.

Dänemark als Vorbild

Ein Vorbild für diese Unternehmensform ist Dänemark: Dort sind sogenannte Stiftungsunternehmen weit verbreitet. Rund 60 Prozent des dänischen Aktienindexes werden von Unternehmen in Verantwortungseigentum erwirtschaftet, wie die Stiftung mitteilt. „Auch finanziell lohne sich diese Unternehmensform”, sagte Professor Steen Thomsen bei der Gründungsveranstaltung der Stiftung. Er forscht an der Copenhagen Business School zu Unternehmensführung, seit Mai wird sein Lehrstuhl von der im Medizin- und Pharmabereich angesiedelten Novo Nordisk Stiftung, die ebenfalls in Verantwortungseigentum wirtschaftet, gesponsert. „Langfristig sind sie genauso profitabel wie andere Firmen.” Ihre Überlebenschancen seien höher als bei anderen Unternehmensformen. „Mitarbeiter dort werden im Schnitt besser bezahlt und bleiben länger”, sagte Thomsen. Darüber hinaus zeige seine Forschung, dass die Unternehmen viel spenden, insbesondere für Forschung. Sie sorgten für gute Arbeitsplätze und würden Wohlstandsungleichheit verringern. Der Ökonom plädierte dafür, dass es auch in Deutschland eine entsprechende Rechtsform für Verantwortungseigentum geben müsse.

Armin Steuernagel, Unternehmer und Gründungsvorstand der „Stiftung Verantwortungseigentum” fordert, dass diese Rechtsform zwei Prinzipien von Verantwortungseigentum verbindlich sicherstellen könne: „Erstens Vermögensbindung: Das Unternehmensvermögen ist nicht personalisierbar, sondern dient dem Zweck des Unternehmens („asset lock“).” Außerdem gehe es um Selbstbestimmung: „Die Gesellschafterfunktion ist weder vererblich noch verkäuflich, sondern bleibt, wie bei einer Anwaltskanzlei, bei den mit dem Unternehmen verbundenen Menschen.” 

Familienunternehmen neu gedacht

Das Problem: Bisher sichern sich Verantwortungsunternehmen in Deutschland vor allem mittels relativ aufwendiger Doppelstiftungslösung ab. Dabei gehört das Unternehmen sowohl einer gemeinnützigen Stiftung als auch einer Familienstiftung. Dies ist auch beim Eigentümer der Baumarkt und SB-Warenhauskette Globus, Thomas Bruch, der Fall. Er hat 20 Prozent der Unternehmensanteile in eine gemeinnützige Stiftung überführt. Als Gründungsvorstand der „Stiftung Verantwortungseigentum” erklärte Bruch: „Unternehmen in Verantwortungseigentum funktionieren eigentlich wie Familienunternehmen, nur wird das Unternehmen nicht automatisch an genetische Verwandte weitergegeben, sondern an Werte- und Fähigkeitenverwandte. Damit bleibt das Unternehmen auch unabhängig von der Familie selbstständig und werte-orientiert erhalten.”

Beim Gründungsfestakt machten Unternehmer auf die aktuellen Probleme als Verantwortungseigentümer aufmerksam. So sagte etwa Gerhard Behles von Ableton, eine Softwarefirma für digitale Musikkomposition: „Es geht hier nicht um uns, sondern die Leute da draußen, denen wir helfen wollen, Musik zu machen”. Um dies ohne eine bestehende Rechtsform umzusetzen, gehe man jedoch davon aus, eine halbe Million Euro investieren zu müssen. 

In diesem Sinn gehört das Unternehmen sich selbst, es dient nicht den Shareholdern, sondern seinem Zweck.
Génica Schäfgen, 'Stiftung Verantwortungseigentum' und Ecosia

Bei der grünen Suchmaschine Ecosia hält die gemeinnützige Purpose-Stiftung ein Prozent der Anteile. Génica Schäfgen ist Gründungsvorständin der „Stiftung Verantwortungseigentum” und leitende Mitarbeiterin bei Ecosia. Sie ist überzeugt von der Unternehmensform, bei der die Vermögensbindung sicherstelle: „Keine Generation von Verantwortungseigentümern kann ein Unternehmen leerräumen und Vermögen entnehmen. In diesem Sinn gehört das Unternehmen sich selbst, es dient nicht den Shareholdern, sondern seinem Zweck.”

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Auch politisch scheint sich gerade etwas zu bewegen: Bei der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen wurde kürzlich ein Antrag beschlossen, der gemeinwohlorientierte Unternehmen stärken soll. Darin heißt es, man wolle „auch eine Unternehmensrechtsform ermöglichen, die eine vollständige Vermögensbindung” erlaube, damit Unternehmen statt von Vermögenseigentümern von Verantwortungseigentümern gehalten werden.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) betonte bei der Gründungsveranstaltung der „Stiftung Verantwortungseigentum”, er wolle einer neuen Rechtsform nicht im Weg stehen, zuständig sei dafür jedoch letztlich das Justizministerium. Altmaier sagte: „Wir haben die Diskussion jetzt begonnen und sie muss geführt werden.”