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12 Juni 2020 / Lesezeit: 2 minuten

Nachhaltigkeitsmanagerin über Textilproduktion in Bangladesh

„Viele Fabriken werden für immer schließen müssen“

Näherin in Bangladesch: „Wir alle sind geschockt, wie schnell die Textilindustrie ins Schwanken geraten ist“, sagt Nachhaltigkeitsmanagerin Marina Chahboune.

Bild: imago images / ZUMA Wire

Bild: imago images / ZUMA Wire

Die Auswirkungen von Corona auf die Textilindustrie sind enorm. Ein Gespräch mit der Nachhaltigkeitsmanagerin Marina Chahboune über die Situation in Indonesien und Bangladesch.

Frau Chahboune, Sie leben in Indonesien, wie sieht die Situation vor Ort aus?

Die Situation war zunächst noch gut, da von Rohstoffen bis zur Konfektion die ganze Lieferkette im Land abgebildet ist. Einige Firmen haben schnell auf die Herstellung von Masken und Schutzbekleidung umgestellt, andere haben von ausgelagerten Aufträgen aus dem geschlossenen China profitiert. Mittlerweile gibt es auch hier starke Einschränkungen, Fabriken dürfen weiterhin produzieren, doch muss von jedem Angestellten ein Schnelltest gemacht werden, was einen enormen Kostenaufwand bedeutet. Die Ergebnisse sind ungenau und ein positives Ergebnis kann zur temporären Fabrikschließung führen – ein zu hohes Risiko für viele Fabrikbesitzer, die sich daher entschlossen haben, auch nach Ramadan vorerst geschlossen zu bleiben.

Also hat sich die Lage zugespitzt?

Ja. Aber nicht nur wegen der Ausbreitung des Virus. Inzwischen gibt es auch hier Unterbrechungen in den Lieferketten. Cargohäfen sind geschlossen, Im- und Exporte auf Halt, Aufträge, Cash Flow und Arbeiter fehlen – viele Näher*innen bleiben auch aus Angst zu Hause.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Die Auswirkungen der Krise haben zu einem rückläufigen Konsum und zu einer erheblichen Verschiebung der Produktionsmengen geführt. Viele Fabriken werden für immer schließen müssen.

Die deutsche Nachhaltigkeitsmanagerin Marina Chahboune berät mit ihrer Consultingfirma Closed Loop Fashion indonesische Produktionsbetriebe in puncto Sicherheit am Arbeitsplatz, Abfall- und Chemikalienmanagement sowie Materialentwicklung. Bild: Kate Hall

Bangladesch hat es schon früher hart getroffen …

In der Tat. In Bangladesch hat sich schon vor Wochen eine humanitäre Krise angedeutet, ähnlich wie in Myanmar und Kambodscha. Diese Länder sind klassische Konfektionsländer, das bedeutet: Dort wird genäht – Rohmaterialien wie Stoffe, Garne und Knöpfe müssen importiert werden. Dadurch ist die Abhängigkeit sehr viel höher, besonders auch von Modeunternehmen, die gleich zu Anfang im großen Stil Aufträge storniert und laufende Produktionen gestoppt haben.

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Könnte Corona dennoch eine Chance für die Textilindustrie sein?

Das ist zu hoffen. Wir alle sind geschockt, wie schnell die Textilindustrie ins Schwanken geraten ist. Das zeigt, wie ungesund die Branche ist und wie ungleich Machtverhältnisse verteilt sind zugunsten der Brands. Während sie in den vergangenen Jahrzehnten den größten Profit erwirtschaftet haben, gibt es in vielen asiatischen Ländern nicht einmal Sozialsysteme, die die Menschen in Krisenzeiten auffangen können. Das alles ist nicht länger verantwortbar.

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