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9 Februar 2021 / Lesezeit: 5 minuten

Gastbeitrag zu Social Impact

Die Chance für den Kulturwandel in Unternehmen ist da

In Konzernen findet nachhaltig orientierte Veränderung noch immer eher schrittweise durch kleinere Reformen statt. Doch der gesellschaftliche Druck wächst.

Sammie Chaffin / Unsplash

Sammie Chaffin / Unsplash

Corona wirkt für Social-Start-ups intensivierend – positiv wie negativ. Warum das der Hebel für die Zukunft unserer Wirtschaft ist und was die EU gerade besser als die Bundesregierung macht, erklären die Betreiber der Impact Factory in Duisburg.

Warum stehen wir vor so vielen ungelösten sozialen und ökologischen Herausforderungen? Gemeinhin werden Unternehmen und ihr eindimensionales Streben nach Gewinn als eine der großen, wenn nicht die größten Verursacher dieser Probleme angesehen. Aber wir Endverbraucher*innen bestimmen auch mit unserer Kaufentscheidungen über den Erfolg dieser Unternehmen und ihrer Zulieferbetriebe. Die Verantwortung für die Problemlösungen wurde bisher meist anderen Akteur*innen, wie Regierungen, Wohlfahrtsunternehmen, NGOs oder privaten Stiftungen, überlassen.

Doch zunehmend werden heute auch Unternehmen moralisch und faktisch in die Pflicht genommen, Lösungswege zu erarbeiten oder negative Effekte durch veränderte Produktions- und Einkaufsentscheidungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Und: Mit dem Zugriff auf einen Großteil unserer Finanz- und Humanressourcen verfügen Unternehmen tatsächlich über ein riesiges Potenzial, unseren heutigen Herausforderungen zu begegnen. Ziel muss es also sein, immer mehr Unternehmer*innen davon zu überzeugen, dass sich finanzieller und gesellschaftlicher Mehrwert nicht gegenseitig ausschließen, sondern langfristig sogar ergänzen.

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Wirkungsorientierte „Theory of Change“

Einen solchen Lösungsweg gehen marktwirtschaftlich agierende Sozialunternehmen. Sie streben nach der Entwicklung innovativer, marktfähiger und skalierbarer Geschäftsmodelle zur Lösung gesellschaftlicher und ökologischer Probleme. Diese Unternehmen, Social- oder Impact-Start-ups, unterscheiden sich von wachstums- oder exitgetriebenen Start-ups durch eine wirkungsorientierte „Theory of Change“. Sie definieren, wie sie langfristig den größtmöglichen positiven Impact auf Gesellschaft und Umwelt haben und erwägen auf dieser Grundlage, was ihr Geschäftsmodell leisten muss, um sich auch ökonomisch am Markt behaupten zu können.

Dieses Ziel kann dann mithilfe von gewerblich ausgerichteten Kapitalgesellschaften (gerne auch im Verantwortungseigentum), gemeinnützigen Organisationen oder auch Mischformen aus beiden Modellen erreicht werden. Wir als gemeinnützige Organisation Anthropia –  ebenso wie die Kolleg*innen von ProjectTogether sowie Social Impact – haben das Ziel, Impact-Start-ups auf ihrem Weg zu diesem Ziel effektiv zu begleiten. Das reicht von der Überprüfung der Problem- und Lösungsrelevanz (Problem-Solution-Fit) über die Marktpassung (Product-Market-Fit) bis zur Begleitung beim Finden der passenden Finanzierungspart-ner*innen wie Eigenkapitalgeber*innen, Darlehensgeber*innen oder Stiftungen und die öffentliche Hand.

Pandemie als Wegweiser

Ein Fazit aus den letzten zwölf Monaten unserer Arbeit als Start-up-Inkubator lautet: Corona wirkt intensivierend – positiv wie negativ. Das Jahr 2020 hat wahrscheinlich jeder*jedem in der ein oder anderen Weise über unsere Wirtschaft zu denken gegeben. Erfreulich ist, dass der Wunsch nach sozialerem und nachhaltigerem Wirtschaften nun noch mehr in den Vordergrund gerückt ist.

Auch bei uns in der Impact Factory von Anthropia spiegelt sich das in gestiegenen Bewerber*innenzahlen wider – trotz der widrigen Umstände. Gute-Praxis-Beispiele für gelungene Markteinführungen im Jahr 2020 sind beispielsweise Good24, der erste soziale Versicherungsmakler, der dauerhaft und konsequent 100 Prozent seiner Nachsteuerergebnisse für die Förderung nachhaltiger Lösungen verwendet, oder ForTomorrow, wo Privatpersonen der Erwerb und die anschließende Stilllegung von eigentlich für die Industrie gedachten Emissionsrechten ermöglicht wird.

Vertane Chance der Bundesregierung

Wir sehen jedoch auch Überlebenskämpfe, da ein konsequent wirkungsorientiertes Geschäftsmodell regelmäßig mehr unter Umsatzrückgängen und Sparprogrammen leidet. So bestätigt auch eine aktuelle Umfrage des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland (SEND): Knapp die Hälfte (46 Prozent) aller befragten Sozialunternehmen hält Rücklagen für maximal sechs Monate vor. Ein besonders entscheidender Faktor ist die Rechtslage, denn aufgrund mangelnder politischer Rahmenbedingungen greifen die Corona-Hilfsprogramme für gemeinwohlorientierte Start-ups schlechter.

Zwar hat die Politik auf die Krise reagiert und ein einzigartiges Start-up-Finanzierungspaket geschnürt – einen zehn Milliarden Euro schweren Beteiligungsfonds –, leider nur für Future-Tech-Start-ups. So verkündete Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier: „Start-Ups sind Motor des strukturellen Wandels. Sie setzen neue, innovative Ideen in die Praxis um, schaffen Arbeitsplätze und sichern die Grundlage für künftiges Wachstum und Wohlstand, weshalb sie enorm wichtig sind für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. (…) Wir stellen zusätzlich 10 Mrd. Euro öffentliches Geld zur Verfügung und investieren damit in die Zukunft unserer Wirtschaft und in den Wohlstand von morgen.“

Die Gastautoren

Oliver Kuschel und Dirk Sander leiten die gemeinnützige Anthropia gGmbH in Duisburg. Mehr Infos unter: anthropia.de

Die Bazookas von Olaf Scholz und Peter Altmaier zielen in althergebrachter Weise in Richtung Wachstum und Prosperität. Eine ebenfalls dringend notwendige Förderung von Impact-Start-ups sucht man jedoch vergebens. Schade. Hier wurde eine gute Chance vertan. Richten wir den Blick noch einmal auf die gesamte Wirtschaft: Es kristallisiert sich immer deutlicher heraus, dass nachhaltiges Unternehmer*innetum gefragt und zugleich rentabel ist. An der Börse erfreuen sich Anlagen in Umwelt-, Sozial- und Governance-Indizes (ESG-Anleihen) einer anhaltend steigenden Nachfrage. Nachhaltigkeit (wir nennen es gerne auch Enkelfähigkeit) bei Geldanlagen hat sich besonders in den letzten Jahren von einem Randphänomen hin zu einem klaren Auswahlkriterium entwickelt. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie haben ESG-Anlagen beispielsweise besser abgeschnitten als Kapitalanlagen in gängigen Aktienindizes.

Neue richtige EU-Taxonomie

Und auch die EU hat reagiert und lässt der Ankündigung des Green New Deal Taten folgen. Mit der Einführung eines neuen Klassifikationssystems (Taxonomie) für ökologisch nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten hat sie einen großen Schritt zu mehr Resilienz, Transparenz und Langfristorientierung eines auf mehr Nachhaltigkeit bedachten Finanzsektors gemacht. Ab dem Jahr 2022 müssen nun zunächst große kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Arbeitnehmer*innen die ökologische Nachhaltigkeit ihrer Aktivitäten gemäß der neuen Taxonomie bemessen.

An der Ausweitung der Klassifizierung auf soziale Gesichtspunkte unternehmerischen Handelns sowie auf die stakeholderorientierte Unternehmensführung (Governance) wird schon gearbeitet. Da nun die Nachhaltigkeit von Anleihen ebenfalls nach dieser Taxonomie bemessen wird, wird dieses neue Nachhaltigkeits-Rating zukünftig ähnlich wichtig werden wie das heutzutage maßgebliche Bonitätsrating. Im Ergebnis wird dadurch die Refinanzierung von nicht nachhaltig agierenden Unternehmen am Kapitalmarkt spürbar eingeschränkt. Das ist eine Sprache, die jede*r Finanzchef*in versteht.

Die entscheidende Endstufe dieser Entwicklung wäre die Übernahme dieser Taxonomiebewertungen in die Bilanzierung von Unternehmen. Ziel der internationalen Rechnungslegungsvorschriften ist es, ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild (true and fair view) von der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage eines Unternehmens zu vermitteln. Wie „true and fair“ kann denn ein Jahresabschluss sein, der durch das Unternehmen verursachte ökologische und soziale Belastungen der Weltgemeinschaft nicht berücksichtigt? Da von Impact-Start-ups nicht erwartet werden kann, die fundamentalen Herausforderungen der Zukunft allein in den Griff zu bekommen, stellt sich die Frage, inwieweit bereits etablierte Unternehmen ihre Fähigkeiten und Ressourcen einsetzen, um die grundlegenden Probleme anzugehen, mit denen wir konfrontiert sind.

Auch auf enorm: Social Entrepreneurship auf einen Blick

Social Impact ist eine Führungsfrage

Wenngleich der gesellschaftliche Druck auf die Unternehmen seitens der Verbraucher*innen kontinuierlich wächst, scheint es bei Großunternehmen einen wirklich radikalen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit noch nicht zu geben. Bei den Big Playern findet nachhaltig orientierte Veränderung eher schrittweise durch kleinere Reformen statt. Die Entscheidung zu einem mutigen Schritt wird bei allen etablierten Unternehmen letztendlich in der Führungsetage gefällt. Hier scheinen familiengeführte Unternehmen entschlossener und verantwortungsvoller zu agieren – beispielsweise das Duisburger Traditionsunternehmen Haniel, das seinen eigenen Investment-Ansatz unter den drei Zielbegriffen People, Planet und Progress konsequent neu ausgerichtet hat.

Mittelständler*innen gehen teilweise schon weiter: So produziert der Outdoorausrüster Vaude inzwischen weitestgehend klimaneutral und der Gesellschafter des Sensortechnikherstellers Elobau hat das Unternehmen unwiderruflich in das Verantwortungseigentum überführt. Die Frage ist, wie das Management von Unternehmen dazu bewegt werden kann, berechtigte Stakeholderinteressen von Umwelt, Gesellschaft und zukünftigen Generationen in wirtschaftliches Handeln zu übersetzen – „shared value“. Viele Unternehmen erkennen bereits, dass es langfristig rentabel ist, Umweltverschmutzung und Emissionen zu reduzieren und für mehr Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz zu sorgen.

Diese Erkenntnis darf nicht nur von außen, sondern sollte auch von innen kommen. Es braucht einen Kulturwandel, in dem aus dem Selbstzweck des Profits ein gesellschaftlicher Gewinn wird. Für viel positive Aufmerksamkeit hat in der jüngeren Vergangenheit Larry Fink, der Chef des weltweit größten Vermögensverwalters BlackRock, gesorgt, da er ungewöhnlich deutlich eine Entwicklung des Kapitalismus hin zu einer größeren Stakeholder-Orientierung einforderte. Noch im letzten November brachte er in einem Brief an die Manager*innen seiner Portfoliounternehmen klar und deutlich auf den Punkt, wohin die Reise geht: „Ein Unternehmen kann keine langfristigen Gewinne erzielen, ohne den eigenen Sinn und die Bedürfnisse einer breiten Palette von Stakeholdern zu berücksichtigen. (…) Letztlich ist der Sinn eines Unternehmens der Motor für langfristige Rentabilität.“ Der Mann hat Recht, selbst wenn er vornehmlich an der Profitabilität seiner Investments interessiert ist.

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