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21 Januar 2021 / Lesezeit: 4 minuten

Social Start-up Kabakoo aus Mali

„Wir dürfen die Zukunft nicht kolonialisieren“

„Wir wollen lokal relevante Lernangebote schaffen. Das Lernen bei Kabakoo ist problemorientiert“, sagt Dr. Yanick Kemayou über sein 2018 gegründetes Start-up.

Bild: Kabakoo Academies

Bild: Kabakoo Academies

Mit der Bildungsstätte Kabakoo ermöglich Yanick Kemayou jungen Menschen in Mali, Lösungen für lokale Probleme zu finden.

Yanick, du kommst aus Kamerun, hast schon in Deutschland, China und in Frankreich gelebt. 2018 hast du Kabakoo in Mali gegründet. Was hat dich zu der Gründung bewogen und warum gerade dort?

Ich hätte nach meinem Schulabschluss in Kamerun studieren können, wusste aber, dass ich dort keine berufliche Perspektive habe. Deshalb bin ich mit 18 nach Deutschland gezogen. So geht es vielen jungen Menschen in Afrika: Jährlich strömen Millionen junger Menschen auf den Arbeitsmarkt, doch es gibt nicht genügend Arbeitsplätze. Also wandern sie aus, weil sie selbst mit Hochschulabschluss keinen Job finden. Hier setzt Kabakoo an. Wir helfen bei Selbstständigkeit und Existenzgründung. Zu uns kommen junge Afrikaner*innen, die nach ihrem Schulabschluss ihre eigenes Unternehmen gründen möchten. Sie starten ein Projekt, mit dem sie sich anschließend selbstständig machen können. Ich habe Kabakoo in Mali gegründet, weil das Land so divers ist, die lokalen Gegebenheiten sind so unterschiedlich. Für die Lösung von Problemen müssen wir lokales Know-How mit modernen Technologien verknüpfen. In Mali ist das ein wichtiges Thema. Außerdem ist Bamako (die Hauptstadt Malis, Anm. d. Redaktion) eine der am schnellsten wachsenden Städte Afrikas. Alle Spannungen des Kontinents erleben wir hier im Kleinen. Das macht Bamako zu dem perfekten Ausgangspunkt.

Welches Lernkonzept steht hinter Kabakoo? Was wird den Lernenden vermittelt?

Wir wollen lokal relevante Lernangebote schaffen. Das Lernen bei Kabakoo ist problemorientiert. Die Lernenden arbeiten an der Lösung zu einem lokalen Problem, das sie selbst identifiziert haben. Das hat zwei Vorteile: Sie arbeiten mit intrinsischer Motivation und sind die Protagonist*innen des Projekts. Außerdem sehen wir Lernen als sozialen Prozess an. Zum Lernen braucht der Mensch nicht nur Expert*innen, die etwas beibringen, sondern auch diejenigen, die mit ihm gemeinsam lernen. Wenn jemand eine Idee für ein Projekt hat, muss er oder sie die anderen Lernenden von der Zusammenarbeit überzeugen. Durch diese Kommunikation erlernen sie soft skills.

Wer sind die Menschen, die bei euch lernen?

Manche haben klare Ziele und bleiben nur drei bis vier Monate, andere sind noch auf der Suche und bleiben länger. Die Programme laufen sechs bis achtzehn Monate. Weil jede Person, die zu uns kommt, etwas anderes sucht oder braucht, verfolgen wir kein One-size-fits-all-Prinzip. Manche wollen technologiebasierte Anwendungen erlernen, andere möchten ihre Kommunikationsfähigkeiten verbessern. Wir bieten viele verschiedene Möglichkeiten an, wie an einem Buffet. Kabakoo ist eine Utopie des neuen Lernens.

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Wie sieht die Ausbildung bei Kabakoo aus?

Wenn die Lernenden zu uns kommen, absolvieren alle zunächst einen Workshop zu „ökosystemorientiertem Design“. Das meint die ganzheitliche Betrachtung eines Systems, alle Elemente werden einbezogen. In dem Workshop lernen sie, die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen zu erkennen. Anschließend schicken wir sie zurück in ihre Heimatorte mit der Aufgabe, lokale Probleme zu erkennen. Mit diesen Problemen kehren sie zu uns zurück und entwickeln in eigenen Projekten Lösungen dafür. Wir stellen den Lernenden Werkzeuge zur Verfügung, die häufig technologiebasiert sind wie 3D-Druck und IT-Programme. Angeleitet werden sie von unseren Coaches, das sind Expert*innen von Unternehmen und Universitäten aus aller Welt. Durch den Kontakt zu ihnen bauen sich die Lernenden ihr eigenes Netzwerk auf.

Welche Rolle spielt nachhaltige Entwicklung in eurem Konzept?

Was ist Entwicklung für dich?

Ein fortschreitender Prozess…

Es ist schwierig, diesen Begriff zu definieren. Ich verwende ihn ungern. Wir sind davon überzeugt, dass wir einen neuen Umgang mit unserer Umwelt benötigen und wir möchten, dass alle Menschen in Würde und Einklang mit der Natur leben. Aber brauchen wir dafür Fortschritt und Entwicklung? Wenn wir uns den Status Quo der „fortgeschrittenen“ Industrienationen anschauen, müssen wir uns fragen, ob das der Zustand ist, den unsere Menschheit wirklich erreichen will. Die Geschichte zeigt uns doch, welche Übel die Suche nach Fortschritt hervorgebracht hat. Deshalb steht Entwicklung für uns nicht im Vordergrund, sondern ökosystemorientiertes Design: Wir müssen das gesamte System betrachten, nicht nur einzelne Elemente. Dafür benötigen wir Innovationen und wir müssen alternative Weltanschauungen zulassen. Letztere wurden durch den Kolonialismus fast ausgelöscht.

Wie finanziert sich Kabakoo?

Hauptsächlich durch den Verkauf unseres Training Services an Agenturen, die für die Ausbildung junger Menschen in Afrika tätig sind. Wir stellen ihnen unser Bildungsprogramm vor und verhandeln, dass wir über die Agentur einen Auftrag bekommen, eine bestimmte Gruppe junger Menschen auszubilden. Diese Agenturen laufen über nationale Entwicklungsprogramme, beispielsweise von der EU. Wir arbeiten eng mit der EU zusammen. Für uns ist wichtig, dass wir auf Grundlage kommerzieller Verträge, die wir selbst ausgehandelt haben, arbeiten und nicht durch Entwicklungshilfe.

Welche Herausforderungen kamen mit der Corona-Pandemie auf euch zu?

Mali stand im Frühjahr mit dem Ausbruch der Pandemie vor dem Problem, dass es nicht genügend Masken gab. Zugleich ist das Land aber einer der größten Baumwollproduzenten in Afrika. Unsere Lernenden haben daher schnell ein neues Projekt zur Produktion von Masken gestartet: Sie haben selbst Schneider*innen gesucht, ihnen die Produktion der Masken beigebracht und auch das Qualitätsmanagement selbst übernommen. Auf diese Weise konnten bisher über 100.000 Masken hergestellt werden. Für Kabakoo ist dieses Projekt ein Erfolg, denn dadurch wurden viele Agenturen auf uns aufmerksam. Mit diesem Projekt zeigt sich nun, dass unsere Lernenden gute Arbeit leisten.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Ich möchte Kabakoo vergrößern, sodass mehr Lernende zu uns kommen können. Wir arbeiten momentan an der Gründung eines zweiten Standorts in Mali sowie dem ersten Standort in Ghana.

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Zugangsvoraussetzung bei Kabakoo ist, dass die Lernenden französisch lesen und schreiben können. Die Alphabetisierungsrate der Über-15-Jährigen liegt in Mali jedoch nur bei rund 35 Prozent. Wollt ihr Analphabet*innen zukünftig auch integrieren?

Ja, das wollen wir. Wir arbeiten an einem Tool, durch das wir mit Menschen, die nicht französisch lesen und schreiben, zusammenarbeiten können. Unser Ziel ist ein barrierefreies Lernen. Barrierefrei bezieht sich hier auch auf die Sprache. Zugleich stellt sich hier die Frage: Was sind Lesen und Schreiben? Das umfasst nicht nur das Alphabet. Zum Beispiel werden in Afrika Textilien mit Zeichen bedruckt, die eine Bedeutung haben. Sie sind auch eine Schrift, die manche Menschen lesen können. Ich jedoch nicht, für sie bin ich ein Analphabet. Dieses Beispiel zeigt doch, dass es wahren Analphabetismus nur sehr selten gibt, denn das würde bedeuten, dass ein Mensch keinerlei Schriftsprache beherrscht. So jemanden zu finden, ist sehr schwierig.

Du hast mein weißes, eurozentristisches Weltbild gerade entlarvt.

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Wir dürfen die Zukunft nicht kolonialisieren. Die Geschichte und der Kolonialismus sind real, doch sie dürfen nicht auch zur Zukunft werden. Die Ausbildung der afrikanischen Jugend ist eine der größten Herausforderungen unserer Menschheit. Dabei handelt es sich um eine multidimensionale Herausforderung, weil das Bildungssystem von postkolonialen Strukturen geprägt ist. Europa und die USA lernen gerade, dass wir hier eine Umwälzung erleben. Wie sollen sie darauf reagieren? Mit der Geschichte? Wir müssen damit aufhören, andere Weltanschauungen zu ignorieren und stattdessen anfangen, von ihnen zu lernen.