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1 Januar 2021 / Lesezeit: 6 minuten

Start-ups aus Polen, Rumänien, Slowenien

Im Osten geht die Zukunft auf

Die Freiheitsbrücke in Budapest bei Sonnenaufgang. Osteuropäische Städte wie diese haben sich zu den größten Tech-Standorten Europas entwickelt.

Foto: IMAGO / Panthermedia

Foto: IMAGO / Panthermedia

Autonomes Fahren, Cyber Security, Künstliche Intelligenz: Länder wie Ungarn, Rumänien und Polen sind Zentren für Hightech geworden. Viele Gründer:innen verfolgen dabei eine soziale Mission. Einige Beispiele für innovative Start-ups in Osteuropa.

Diese Texte erschienen in der Ausgabe Dezember/Januar 2021 des enorm Magazins mit dem Titel „Im Osten viel Neues“.

Slowenien: Sondermüll im Wäschesack

Jede Woche spült ein Durchschnittshaushalt beim Waschen etwa eine Plastiktüte voller Mikroplastik ins Abwasser. Die slowenische Juristin Mojca Zupan hat mit PlanetCare einen anschraubbaren Filter für Waschmaschinen entwickelt, der 90 Prozent des Mikroplastiks abfängt.

Inwiefern ist der Filter von PlanetCare kreislauffähig?

Mojca Zupan: Wenn Kund:innen unsere Filter nach 20 Waschgängen entsorgen würden, landeten die Fasern auf der Mülldeponie und gelangten so in die Natur. Also bekommen sie ein vorfrankiertes Label, um die Kartuschen kostenlos an uns zurückschicken zu können. Wir reinigen und verschicken sie wieder. Nur das Filtermedium recyceln wir. Es macht fünf Prozent des Produkts aus. Daraus wollen wir Dämmmatten herstellen, zum Beispiel zur Gebäudeisolierung. Auch die Schalldämmung in Waschmaschinen ist eine Option. Aktuell sind das aber nur Pläne, denn fürs Recycling werden 1.000 Kilogramm Fasern benötigt; nach 20 Waschgängen sammeln sich gerade mal 20 Gramm im Filtermedium. Also lagern wir sie.

Anstatt Konsument:innen zur Verantwortung zu ziehen, könnten die Modefirmen nicht auf Plastik verzichten?

Klar, am besten bekämpft man Verschmutzung an der Quelle. Allerdings wollen sich acht Milliarden Menschen kleiden, 60 Prozent ihrer Garderobe besteht aus Polyester. Es ist ein demokratisches Material: erschwinglich und vielseitig. Wir werden nie in der Lage sein, alle Kunststoffe durch Naturfasern zu ersetzen. Firmen müssen die synthetische Textilien so herstellen, dass sie beim Waschen kaum haaren. Dann sollten Konsument:innen wissen, wie sie den Faserverlust beim Waschen verringern können. Und letztlich müssen Hersteller zur Filter-Integrierung verpflichtet werden.

Mojca Zupan arbeitete als Firmenanwältin bevor sie PlanetCare in Ljubljana gründete und mit ihrem Team den ersten kommerziellen Mikroplastik-Filter für Waschmaschinen entwickelte. Foto: PlanetCare

Was ist mit den Kläranlagen?

Das Abwasser eines Haushalts wird in die Kläranlagen geleitet, die in erster Linie entwickelt wurden, um das Wasser zu desinfizieren und die Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu verhindern. Bei der Reinigung des Wassers werden auch eine Menge Mikrofasern aufgefangen. Kläranlagen gewinnen letztlich Schlamm aus organischen Stoffen. Aber viele Länder, darunter Deutschland, verwenden den Klärschlamm als Düngemittel – wodurch die darin enthaltenen Mikrofasern doch in die Umwelt gelangen. Deshalb müssen wir die Mikrofasern filtern, bevor das Wasser in die Kläranlagen gelangt.

Warum sind Mikroplastik-Filter noch kein Werksstandard bei Waschmaschinen?

Die meisten Menschen dachten lange, die Verschmutzung durch Mikrofasern sei ein Nischenproblem. Aber 35 Prozent der Meeresverschmutzung kommt durch Kleidung! Die Waschmaschinenhersteller müssten ihre gesamte Produktion anpassen, wenn sie einen Filter einbauen wollen. Sie sind nicht bereit, den Sprung zu wagen, es sei denn, es gibt Gesetze. Das Gleiche gilt für Autoreifen-Hersteller. Der Plastik-Abrieb von Reifen ist für die restlichen 65 Prozent verantwortlich.

Frankreich hat reagiert: Ab 2025 sind Mikroplastikfilter Pflicht.

Wir wurden vom Kabinett in die Gruppe eingeladen, die diese Gesetzgebung vorbereitet hat, weil wir zeigen konnten: Es ist machbar. Andernfalls hätten die Waschmaschinenhersteller das Gesetz blockiert – „technisch unmöglich, zu teuer“ und so weiter. Auch ein Senator aus Connecticut und die Stadtverwaltung von San Francisco haben sich an uns gewandt, weil wir die einzige einsatzbereite Lösung haben. Wir üben Druck auf die EU aus und sitzen in einer niederländischen Regierungsgruppe.

Erst Firmenanwältin, jetzt Sozialunternehmerin. Ist Slowenien ein guter Ort zum Gründen?

Es gibt definitiv viele Talente in Slowenien – ich sitze mit 14 passionierten Kolleg:innen in Ljubljana. Das slowenische Start-up-Ökosystem hat schon einige Erfolgsgeschichten geschrieben, etwa Animacel (Stammzellenbehandlung für Tiere), Quadrofoil (E-Wasserfahrzeuge) und Visionect (E-Papier). Slowen:innen haben ein großes Umweltbewusstsein. Jedoch wird die Verschmutzung durch Mikrofasern immer noch zu wenig diskutiert – es muss weltweit bekannter werden, dass ganze 35 Prozent des Mikroplastiks im Meer von synthetischer Kleidung stammen.

Auch auf enorm: Mojca Zupan im Podcast-Interview: „Mikroplastik im Meer – Was wir dagegen tun können“

Polen: Benzin aus Plastikmüll

Adam Hańderek ist Erfinder einer Technologie, die Kunststoffabfälle in Treibstoff und neues Plastik umwandelt. 2018 gründete er mit der Unternehmerin Susan Kim-Chomicka Handerek Technologies in Warschau.

Handerek Technologies macht aus Plastikmüll Kraftstoff oder neues Plastik. Wie funktioniert das?

Adam Han ́derek: Wir erhitzen eine dünne Schicht zerkleinerter Kunststoffabfälle auf einer 400 Quadratmeter großen Wärmeübertragungsfläche, sie ist wie eine riesige Bratpfanne. Dann mischen wir kleine Metallelemente dazu, die Wärme gut leiten und gleichmäßiger verteilen. So brennt der Kunststoff nicht an, sondern verdampft vollständig. Den Dampf kondensieren wir zu flüssigem Kohlenwasserstoff. Er kann für die Produktion von Benzin, Diesel oder Plastik eingesetzt werden – statt Erdöl.

Was ist an dieser Technologie neu?

Die chemische Reaktion, die hier stattfindet, heißt Cracking und ist längst bekannt. Bisher war das Problem bei der Aufbereitung aber, dass die Abfälle beim Erhitzen auf der Heizfläche anbrennen. In unserem Verfahren passiert das dank der großen Fläche, der dünnen Plastikschicht und der Metallelemente nicht und wir können 100 Prozent der Energie aus dem Abfall gewinnen. Wir verwenden außerdem Gas aus dem Recyclingprozess, um den Reaktor aufzuheizen. Dieser Schritt ist also energieautark.

Woher kommt das Plastik, das Sie recyceln?

Die Abfallwirtschaft zahlt Recyclern wie uns Geld, wenn wir ihnen Kunststoffabfälle abnehmen. Wir recyceln sogar Mischabfälle aus verschiedenen Kunststoffen. Die würden sonst verbrannt oder auf Deponien gelagert.

„Nicht der Kunststoff selbst ist schädlich für die Umwelt, sondern unser Umgang damit,“ sagt Erfinder Adam Hańderek Foto: Hańderek Technologies

Input Plastik, Output Kraftstoff – wie nachhaltig ist so eine Technik?

Ich wünsche mir, dass wir in 50 Jahren kein Erdöl mehr brauchen. Noch funktioniert das nicht. Aber nicht der Kunststoff selbst ist schädlich für die Umwelt, sondern unser Umgang damit. Wenn wir Plastik recyceln und es nicht in den Meeren landen würde, wäre es kein so großes Problem. Auch die Verkehrswende wird in Europa sicherlich noch 20 Jahre dauern. Bis dahin brauchen wir den Kraftstoff.

Sie haben lange in Göttingen geforscht und gearbeitet, warum haben Sie Handerek Technologies in Polen gegründet?

In Polen lässt es sich günstiger forschen und analysieren als in Deutschland. Hier gibt es außerdem gut ausgebildete, motivierte Fachkräfte mit großer Leidenschaft für Innovationen. Ein Beispiel ist Olga Malinkiewicz. Sie hat ein Verfahren zur Herstellung von Photovoltaikmodulen auf Basis von Perowskiten, also Mineralien erfunden (Saule Technologies). Allerdings wird die Entwicklung neuer Technologien durch rechtliche Instabilität, ein relativ niedriges Investitionsvolumen und lange administrative Fristen für Neuinvestitionen gehemmt.

Auch auf enorm: Demokratiebewegung in Tschechien – der Staat sind wir

Slowenien: Feelif – die Welt digital ertasten

Mit den Tablets und Smartphones von Feelif können blinde und sehbehinderte Menschen die digitale Welt neu erfahren und, wie das slowenische Start-up sagt, „digital sehend“ werden. Die Geräte sind mit einer speziellen Technologie ausgestattet: Auf dem Bildschirm liegt ein taktiles transparentes Raster, das es Benutzer:innen durch eine Kombination aus Vibration und Ton ermöglicht, Inhalte auf dem Bildschirm wahrzunehmen. Sie können Formen, Bilder, Diagramme und Fotos ertasten.

Auch eigene Zeichnungen oder Fotoaufnahmen sind möglich. Nutzer:innen können genau fühlen und hören, welche Objekte auf einem Bild sind, wo diese sich befinden und welche Form, Größe und Farbe sie haben. Eine SIM-Karte ermöglicht außerdem das Telefonieren und das Schreiben von Nachrichten. Zwei slowenische Museen nutzen die Feelif-Technologie bereits, um einzelne Bilder auch für blinde und sehbehinderte Besucher:innen erlebbar zu machen. Schulen setzen die Technologie für inklusiveren Unterricht ein.

Rumänien: .Lumen – Headset statt Blindenhund

Eine Innovation aus Rumänien, die blinden Menschen die eigenständige Orientierung im Alltag erleichtern soll: Ein Headset des Start-ups .Lumen. Es enthält fünf Kameras und eine Sensorik, die Umgebung, Objekte, deren Position und Bewegungen erfasst. Die Technologie führt Nutzer:innen auf Wunsch an andere Orte, zum Beispiel an die Tür oder nach Hause. Dabei übermittelt das Headset durch haptische und auditive Impulse Informationen und gibt Anweisungen zur Orientierung. Die Technologie soll nach Angaben des Start-ups die Aufgaben eines Blindenhundes übernehmen können – für weniger Geld. Die Ausbildung von Blindenhunden ist teuer, zudem können sich blinde Menschen oft nicht ohne Unterstützung um die Tiere kümmern. Noch gibt es die .Lumen-Headsets nicht zu kaufen, die Vorproduktion soll bald beginnen.

Auch auf enorm: Osteuropa kann mehr als Krise

Ungarn: PLATIO – smarte Pflastersteine

PLATIO ist ein Start-up aus Budapest, das Solarzellen in Pflastersteine für Gehsteige, Marktplätze, Auffahrten, Parkplätze, Stege und Terrassen integriert. Die in Elektrizität umgewandelte Sonnenenergie kann ins Netz eingespeist oder direkt genutzt werden. 20 Quadratmeter PLATIO-Module würden reichen, um den durchschnittlichen Jahres-Strombedarf eines Haushalts zu decken.

Entwickelt wurde die Technik von drei Jugendfreunden: Maschinenbauingenieur Imre Sziszák, Chemieingenieur József Cseh und Landschaftsarchitekt Miklós Ilyés hatten die Vision einer „Smart City“. In ihr nutzen Menschen das Pflaster, um ihre Telefone und E-Fahrzeuge aufzuladen oder Straßenlaternen und Reklamen zum Leuchten zu bringen. 2015 begann das Trio, seine Idee in die Wirklichkeit umzusetzen.

Einige Jahre zuvor, 2010, hatte Ungarns Start-up-Ökosystem richtig Fahrt aufgenommen, gestärkt durch das Jeremie-Programm der EU (Joint European Resources for Micro to Medium Enterprises). In Ungarn finden zahlreiche Start-up-Wettbewerbe statt, internationale Konferenzen und Veranstaltungen für Entrepreneur:innen. Die Solar-Branche wächst stark, PLATIO selbst ist schon in 37 Ländern erhältlich. „Wir haben eine Lösung für zwei Herausforderungen geschaffen: den Ausbau erneuerbarer Energien und die zunehmende Plastikverschmutzung“, so Helga Ruscsák von Platio. Denn: Ein massiver Rahmen aus Kunststoff-Abfällen schützt die Photovoltaiktechnik von PLATIO vor Wind, Wetter und Belastung. Das für jeden Quadratmeter verwendete, recycelte Plastik entspricht 400 PET-Flaschen. Der Wartungsaufwand ist gering: Die Glasoberfläche sollte monatlich von außen gecheckt und von Schlamm oder Laub befreit werden, damit die Solarzellen ungestört arbeiten können.

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Estland: AuVe Tech – Zukunftsmobil

Im Juli transportierte das weltweit erste autonome Wasserstoff-Fahrzeug eine wichtige Passagierin: die damalige estnische Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid. Einen Monat zuvor war es von der estnischen Straßenverwaltung für den öffentlichen Verkehr zugelassen worden. Die Erfindung ist ein Projekt der Universität Tartu und des Start-ups AuVe Tech von Väino Kaldojas. Forscher:innen entwickelten den Antrieb: Niedertemperatur-Wasserstoffzellen, die im selbstfahrenden Auto von AuVe Tech Energie aus Wasserstoff erzeugen. Dieses bietet Platz für sechs Menschen, kann remote gesteuert werden und ist in Tartu schon als Museums-Shuttle im Einsatz. Wissenschaftler:innen an der dortigen Universität entwickeln aktuell auch E-Auto-Batterien aus Torferde statt aus Lithium. Viele Start-ups in Estland beschäftigen sich mit der E-Mobilität – der staatliche Ladeinfrastruktur-Ausbau kommt kaum mit. Wie in den anderen baltischen Staaten auch, setzen Gründer:innen hier ansonsten stark auf Finanztechnologien (Fintech) und cloudbasierte Lösungen („Software as a Service“).