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7 November 2020 / Lesezeit: 5 minuten

Staatliche Investitionen in Social Start-ups

„Wir brauchen eine neue Gewinnformel!“

Viele Social Start-ups stellen Impact über Profit. Daher kommen sie oft schwieriger an Kapital als Organisationen, die negative externe Effekte haben. Zarah Bruhn schlägt eine Formel vor, die dies ändern könnte.

Illustration: Katinka Reinke

Illustration: Katinka Reinke

Zarah Bruhn, Gründerin von Social-Bee, hat die Nase voll. Sozialunternehmer*innen ersparen mit ihrer Arbeit dem Staat und damit den Steuerzahler*innen jede Menge Geld. Weil sie Impact über Profit stellen. Und dabei oft über ihre eigenen Belastungsgrenzen gehen. Ihre Lösung, die sie im folgenden Gastbeitrag erklärt: Eine neue Gewinnformel muss her.

Kürzlich habe ich auf LinkedIn ein paar unbequeme Wahrheiten gepostet, die mich als Social Entrepreneur beschäftigen. Damit scheine ich einen Nerv getroffen zu haben, denn mein Postfach sprudelt immer noch über. Und warum? Weil ich die Nase voll habe und endlich Schluss machen will. Weg mit dem Schwarz-Weiß-Denken und Hang zur Selbstausbeutung in unserem Bereich! Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie viele tolle Social Start-ups in diesem Moment ans Aufgeben denken. Nicht weil sie keine überzeugende Idee hätten, nicht weil ihnen ein tragfähiges Modell fehlt, nicht weil sie keine fähigen Leute finden, sondern weil sie Impact vor Profit stellen. Weil wir über Geld sprechen müssen. Weil wir einen Mindset-Switch brauchen. Von business as usual zu einer Post-Covid-Wirtschaft, die den Claim „nachhaltig“ verdient.

Wirkungsmaximierung statt Gewinnmaximierung

Vor vier Jahren habe ich Social-Bee gegründet. Mit einem großartigen Team habe ich ein erfolgreiches Social Business aufgebaut, das Flüchtlinge langfristig in Arbeit bringt und als Integrationsdienstleister Unternehmen bei den Themen „Diversität“ und „Anti-Rassismus“ unterstützt. Dann kam Corona, Kurzarbeit und die Angst vor dem Aus. Ich bin keine Theoretikerin oder Wirtschaftswissenschaftlerin. Ich bin Praktikerin, die täglich mit Paradoxien konfrontiert ist. Mit meiner Sicht aus der Praxis will ich dazu anregen, die Wirtschaft umzugestalten. Denn ich bin überzeugt, dass wir dieses Denken noch nie dringender brauchten als jetzt. Und dass nicht nur für uns Social Entrepreneurs enorme Chancen darin liegen.

Es kursieren verschiedene Konzepte, was Social Entrepreneurship ist. Ich halte mich an die Definition des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND): eine Mischung aus klassischem Start-up und gemeinnütziger Organisation. Mit unserem Geschäftsmodell waren wir kurz davor, selbsttragend zu werden. Doch mit der Coronakrise konnten wir zusehen, wie die Einnahmen wegbrachen und eine gravierende Finanzierungslücke entstand. Social- Bee wird mit der Schöpflin Stiftung und Aqtivator von Stefan Quandt glücklicherweise von sehr fortschrittlichen und weitsichtigen Geldgebern unterstützt. Aber laut der jüngsten Mitgliederbefragung von SEND könnte der Hälfte der befragten Sozialunternehmer noch in diesem Jahr die Insolvenz drohen. Dabei brauchen wir sie mehr denn je.

„Wir müssen die heiligen Kühe des vorpandemischen Systems auf den Prüfstand stellen“

Warum ist das so? Und was können wir ändern? Unsere Geschäftsmodelle sind nicht auf Gewinnmaximierung, sondern auf Wirkungsmaximierung ausgerichtet. Viele machen sogar Verluste. Das muss nicht schlecht sein. Im Gegenteil! Einfach gesagt: Je tiefer man ins Problem reingeht, desto größer die Wirkung und desto weniger Rendite. Natürlich wollen wir alle gleichzeitig Gewinn und Wirkung maximieren, aber es geht eher um die Balance. Die aktuelle Situation macht aus diesem Drahtseilakt nun einen Tanz auf dem Vulkan. Denn gemeinnützige Unternehmen können – von Haus aus – keine Rücklagen für Krisenzeiten bilden. Die bevorzugten staatlichen Instrumente sind Kredite, und die können wir nicht zurückzahlen. Krisenverluste, aber auch Wachstum, Skalierung und neue Projekte müssen aus Spenden finanziert werden – da uns Finanzierungsmechanismen fehlen. Aber warum denken wir nicht radikaler über diese Frage nach? Sogar das Weltwirtschaftsforum ruft zum „Great Re-Set“ auf. Das ist die Chance, die heiligen Kühe des vorpandemischen Systems auf den Prüfstand zu stellen und nur bewährte Werte zu verteidigen.

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Social Entrepreneurs stehen im Dienst der Gesellschaft

Social Businesses arbeiten per Definition im Dienst der Gesellschaft statt auf ihre Kosten. Mit unserer Arbeit ersparen wir dem Staat und damit dem Steuerzahler eine Menge Geld. Ein Beispiel: Innerhalb der letzten drei Jahre hatte Social-Bee Einnahmen von 6,5 Millionen Euro und dabei einen Verlust von 1,3 Millionen Euro. Insgesamt haben wir der Regierung also 5,2 Millionen Euro an Sozialleistungen und Integrationskosten erspart, was bedeutet, dass wir einen „gesellschaftlichen Gewinn“ von 3,9 Millionen Euro geschaffen haben. Und das, indem wir das Leben von über 250 Flüchtlingen verändert haben, durch langfristige Beschäftigung und ein selbstbestimmtes Leben. Durch die Finanzierung unserer Verluste von bisher 1,3 Millionen Euro konnte die Regierung 5,2 Millionen Euro an staatlichen Einsparungen erzielen. Kein schlechtes Geschäft, oder? Aber so funktioniert die staatliche Finanzierung für Social Start-ups nicht. Noch nicht! Ich träume von einer Welt, in der die richtigen Anreize gesetzt werden. Damit Organisationen, die negative externe Effekte haben, schwieriger an Kapital kommen als jene mit positiven. Das könnte bedeuten, dass zum Beispiel ein staatlicher Fonds Investitionsentscheidungen auf Grundlage einer neuen Gewinnformel trifft:

Einnahmen MINUS die Kosten des Unternehmens PLUS / MINUS messbare positive / negative Externalitäten in Euro, die für die Gesellschaft oder die Umwelt geschaffen werden GLEICH Nettogewinn

Warum ist diese neue Formel wichtig? Weil sie die Priorität verschiebt. Mit ihr entscheidet ein Impact Investor nicht in erster Linie danach, ob die Firma profitabel ist und dabei auch ein bisschen Impact schafft. Sondern sie legt den Fokus auf ein starkes und gesundes Verhältnis zwischen Input und finanziellem plus gesellschaftlichem Output.

Zarah Bruhn gründete 2015 mit Maximilian Felsner Social-Bee. In München und Stuttgart bringt das Social Start-up geflüchtete Menschen mit Firmen zusammen. Begonnen hat es mit sozialer Zeitarbeit, wobei fast 90 Prozent der Mitarbeitenden von den Ausleihbetrieben übernommen wurden. Für Großunternehmen entwickelt Social-Bee heute eigens Integrationsprojekte. 2020 startete Zarah die solidarische Plattform bring & ring. Via App können sich Nachbar*innen vernetzen und füreinander einkaufen. Foto: Urban Zintel

Es geht auch um „Impact-Elastizitäten“

Es gilt radikal darüber nachzudenken, wie wir Effektivität definieren. Es reicht nicht, nur Impact Start-ups zu gründen, die profitabel arbeiten. Wir müssen auch deren Effektivität hinterfragen. Könnte das Startup bei 90 Prozent Profitabilität vielleicht ein Vielfaches des gesellschaftlichen Mehrwerts erreichen? Hier geht es auch um Elastizitäten. Wie viel zusätzlichen gesellschaftlichen Mehrwert kann ein Start-up pro aufgegebenem Prozent Profitabilität generieren? Wieder am Beispiel Social-Bee: Wir könnten natürlich profitabel agieren, unsere fehlenden Prozent zur Profitabilität voll wettmachen. Wir müssten dafür nur unseren Fokus ändern. Von geringqualifizierten Geflüchteten zu hochqualifizierten Geflüchteten. Oder sagen wir hochqualifizierten Migranten. Wir könnten einfach viel in Branding investieren, um die Geflüchteten oder Migranten bei anderen Personalvermittlern abzuwerben. Vielleicht auch direkt im Ausland werben und Migranten bei der Einwanderung unterstützen. Mit unserem Erfahrungsschatz sind wir sicher, damit ein profitables Geschäftsmodell aufzubauen und unsere Profitabilität, sagen wir, auf fünf bis zehn Prozent EBIT (Earnings Before Interest and Taxes, also Gewinn vor Zinsen und Steuern) zu steigern (statt aktuell minus fünf Prozent). Nur: Wo wäre der gesellschaftliche Mehrwert?

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Unser Impact besteht darin, geringqualifizierte Geflüchtete in Arbeit zu bringen, die Leistungen vom Staat erhalten, perspektivlos sind und schwer zu integrieren. Nur so kommen wir auf 5,2 Millionen Euro an staatlichen Einsparungen. Mit Fokus auf Profitabilität würden wir deutlich weniger gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, die 5,2 Millionen an gesellschaftlichem Mehrwert würden beim Abwerben aus anderen Jobs wegfallen. Wendet man das auf das Rechenbeispiel an, würden wir die 1,3 Millionen Euro Kosten selbst tragen und zusätzliche zehn Prozent generieren, also einen Mehrwert von 1,43 Millionen Euro schaffen. Das ist jedoch deutlich weniger als der gesamtgesellschaftliche Mehrwert von 3,9 Millionen Euro bei unserem aktuellen Modell. Solche Entscheidungen müssen wir und alle Impact Investoren gemeinsam diskutieren. Auch die „Impact-Elastizität“ profitabler Sozialunternehmen wäre kritisch zu hinterfragen. Könnten diese ihren Impact überproportional steigern, wenn sie nur einen Prozentpunkt an Profitabilität aufgeben?

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Investitionen in Social Start-ups attraktiver gestalten

Mit dieser Gleichung ist ein Sozialunternehmen, das nur zu 50 Prozent selbsttragend ist, aber eine enorme Wirkung erzielt, plötzlich eine sehr attraktive Investition. Und klassische profitable Unternehmen, die starke negative externe Effekte erzeugen, hätten keinen Zugang zu staatlichen Finanzmitteln. Eine weitere Alternative könnten Impact Bonds sein. Auch ein System der „Ablasszahlung“ zwischen Unternehmen und Sozialunternehmen ist denkbar, und noch so viel mehr! Um nach Corona eine lebendige Social-Business-Landschaft zu haben, müssen wir neu über Finanzierung nachdenken. Lasst uns die Strukturen umgestalten und das Potenzial voll ausschöpfen. Diese Änderungen können Anreize für eine „neue Normalität“ setzen, für eine Wirtschaft, die für Gesellschaft und Umwelt arbeitet und nicht auf deren Kosten. Jetzt ist genau die richtige Zeit dafür!

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Dieser Text erschien in der neuen Ausgabe des enorm Magazins vom 02. November 2020. Der Artikel ist Teil des Schwerpunktes „Aufgeben gibt’s nicht: Die Pandemie bedroht die Existenz von Sozialunternehmer*innen. Was sich jetzt in Deutschland ändern muss.“