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2 November 2020 / Lesezeit: 6 minuten

Ein Appell an die deutsche Politik

„Social Entrepreneurs sitzen zwischen Baum und Borke“

Der Wert, den Sozialunternehmer*innen für eine Gesellschaft haben, lässt sich nicht nur in Zahlen messen. Dass die deutsche Regierung wenig Hilfestellung leistet, ist nicht nur für die Gründer*innen fatal, sondern auch für unser Zusammenleben.

Illustration: Katinka Reinke

Illustration: Katinka Reinke

Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland dürftig ab. Sozialunternehmer*innen werden hierzulande kaum öffentlich unterstützt. Für die klassischen Förderprogramme sind sie entweder zu sozial oder zu unternehmerisch. Auch wenn es besser wird – es fehlt der politische Schneid, neue Wege zu gehen. Ein Gastbeitrag.

Fangen wir positiv an: 2019 war im Vergleich zu den Vorjahren ein gutes Jahr für Social Entrepreneurship in Deutschland. Auch wenn die konkrete politische Umsetzung teilweise noch zaghaft war, wurde das Thema erstmals im Bundestag diskutiert. Erste Landesförderbanken passten ihre Förderprogramme besser auf die Bedürfnisse der Social Entrepreneurs an, und wir als Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) haben mit vielen Akteur*innen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft über Social Entrepreneurship sprechen können. Dazu kam ein immenser Rückhalt aus der Zivilgesellschaft. Themen wie Nachhaltigkeit, soziales Engagement oder Klimakrise werden nicht mehr nur am Rande diskutiert, sie sind oft Kern des gesellschaftlichen Diskurses. Menschen gehen für einen sozialen und strukturellen Wandel auf die Straße. Sie fordern mehr Einsatz für Umwelt und Gesellschaft von Staat und Unternehmen. Also ja: 2019 war ein gutes Jahr. Und 2020 sollte es auch werden. Viele unserer Mitglieder wollten dieses Jahr richtig durchstarten. Und sind es dann auch. Noch nie wurde der Bedarf an sozialem Wandel so klar wie in den vergangenen Monaten.

#WirVsVirus: 1.500 Ideen gegen Corona

Gleich im März gab es ein wichtiges Event: Unter der Schirmherrschaft der Bundesregierung und auf Initiative der Organisationen Tech4Germany, Code for Germany, ProjectTogether, Impact Hub Berlin, Initiative D21, Prototype Fund und SEND haben sich 28.000 Menschen Gedanken über die Herausforderungen in der Coronakrise gemacht. Das Ergebnis: 1.500 Lösungen, eine wachsende #WirVsVirus– Community und die Erkenntnis, dass es sich durchaus lohnt, die Problemlösungskompetenz der Zivilgesellschaft aktiver einzubinden. Die Themenbereiche reichten von „Digitalisierung der Prozesse in Gesundheitsämtern“ über „Vereinfachung der Anträge zu Kurzarbeiter*innengeld“ und „Staatliche Krisenkommunikation im föderalen System“ bis hin zu „Unterstützung im Homeschooling“ und „Mentale Gesundheit in Zeiten der Isolation“. #WirVsVirus war ein Präzedenzfall, der aus der Not geboren war und exemplarisch für das steht, wofür sich Social Entrepreneurs Tag für Tag einsetzen: neue, innovative Lösungen für gesellschaftliche Probleme durch die Nutzung unternehmerischer Mittel. Noch 2020 möchte die Bundesregierung über diesen Open-Social-Innovation-Prozess die nächste Herausforderung angehen. Und wenn dieser Prozess nicht isoliert gesehen, sondern konsequent weiterentwickelt wird, könnte dies der Startschuss für eine handlungsorientierte Demokratie werden, in der Innovationen von Bürger*innen staatsentlastend, lösungsbeschleunigend und gesamtgesellschaftlich einigend wirken.

Doch nur zwei Monate später, im Mai, sagte die Hälfte des Social-Entrepreneurship-Sektors in Deutschland: „Wir halten nur noch sechs Monate durch.“ Ein Horrorszenario. In Deutschland gab es in der Coronakrise zunächst keinerlei Hilfe für Social Entrepreneurs, obwohl sich ihre soziale Wirkung in dieser Zeit sogar verstärkt hat: Nicht nur #WirVsVirus hat gezeigt, wie viel Kraft hier steckt. Auch etablierte Social Entrepreneurs waren in der Lage, schnell zu reagieren und Hilfe zu leisten. Volker Baisch beispielsweise, der mit der Väter gGmbH ein Beratungsangebot für Väter in der Coronazeit aufgesetzt hat. Oder Rose Volz-Schmidt von wellcome: Sie hat nicht nur über elternleben.de vielen Eltern mit Information und Beratung geholfen, sondern auch mit circa 200 wellcome-Teams direkte Hilfe organisieren können. Auch ihr Fonds für Familien in Not hat in dieser Zeit ordentlich Schub bekommen. Zudem Jörg Richert und das Team von Karuna, die in Berlin in Kooperation mit Edeka und der BVG den „Rosinenbrummi“ gestartet und Obdachlose versorgt haben. Nebenan.de, die für nachbarschaftliches Engagement eine Plattform lieferten. Und Serlo Education, die viele Lehrer*innen, Eltern und Schüler*innen während der Kontaktsperre beim Homeschooling unterstützt haben.

Auch auf enorm: Soziale Innovationen: Wie Social Entrepreneure unsere Zukunft gestalten

Kredite und Hilfsfonds

Gemeinsam konnten wir zeigen, was Social Entrepreneurs in dieser Situation brauchen – und dann bewegte sich etwas: Inzwischen gibt es auch Coronahilfen für Sozialunternehmen. Die Bundesregierung hat ein Zuschussprogramm eingeführt, das auch gemeinnützige Organisationen in Anspruch nehmen können. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hat ein Sonderkreditprogramm für den gemeinnützigen Sektor verabschiedet und das gemeinnützige Analyse- und Beratungshaus Phineo hat selbst einen Hilfsfonds gestartet. Dennoch erlebt man oft eine immense Diskrepanz, wenn es um die Förderung oder Akzeptanz klassischer, gewinnorientierter Unternehmensansätze und sozial-ökologisch motivierter Unternehmen geht. Das ist Alltag in Gesprächen mit Akteur*innen aus Politik, Medien und sogar in der Startup- Branche selbst. Aber es wird besser: Es wurde ein erster Antrag im Bundestag beschlossen, und die Bundeskanzlerin hat #WirVsVirus Anfang Oktober ein Video gewidmet. Die Teilnehmer*innen haben dem Virus „ein entschlossenes ‚Wir‘ entgegengesetzt“, sagt Angela Merkel darin und würdigt die 1.500 digitalen Lösungen, die durch diese Initiative entstanden sind. Darauf können wir stolz sein. Mit 1,5 Millionen Euro wurden dann auch Lösungen des #WirVsVirus Hackathons gefördert. Das ist gut, das ist ein Anfang. Mit oder ohne Krise – bitte weiter so!

„Es ist doch skurril, dass Unternehmen gefördert werden, die weder ökologisch noch sozial produzieren, Sozialunternehmer*innen hingegen nicht“

Social Entrepreneurs gibt es, an Unterstützung mangelt es

Der Erfolg beweist, was wir wissen: In Deutschland fehlt es nicht an innovativem, digitalem oder sozialem Gedankengut, es fehlt an der gezielten Förderung. Denn trotz der jüngsten Erfolgsgeschichten und neuer Förderprogramme muss man an der Diagnose festhalten: Deutschland ist sozial-unternehmerisches Entwicklungsland. Es gibt kaum Unterstützungen der öffentlichen Hand, die speziell für Sozialunternehmer*innen gedacht sind. Manche Programme sind für sie nicht zugänglich, weil die für den klassischen Wirtschaftssektor sind (dafür sind sie „zu sozial“), andere können sie nicht in Anspruch nehmen, weil die strikt für den gemeinnützigen Sektor sind (dafür sind sie „zu unternehmerisch“). Sie sitzen zwischen Baum und Borke. Und die Finanzierung ist eine der größten Hürden für Social Entrepreneurs. Startfinanzierung, Anschlussfinanzierung und der Zugang zum Finanzmarkt beschreiben über 50 Prozent unserer Mitglieder als „schwierig“.

Dass Sozialunternehmer*innentum langsam einen soliden Platz in Medien und politischem Diskurs einnimmt, freut uns natürlich. Es ändert aber nichts daran, dass wir am Anfang eines langen Weges stehen. Immer noch werden unsere Mitglieder in vielerlei Hinsicht benachteiligt, weil sie nicht gewinnmaximierend wirken. Deswegen setzen wir uns für eine Öffnung bestehender Finanzierungsinstrumente ein. Es ist doch skurril, dass Unternehmen, die weder ökologisch noch sozial produzieren, ohne Probleme gefördert werden, aber sich Sozialunternehmer*innen immer wieder rechtfertigen müssen. Nach einer internen Umfrage von SEND waren Social Entrepreneurs 2019 wiederholt eher unzufrieden mit der Unterstützung seitens der Politik. Im Durchschnitt erhält die Politik – wie schon im Vorjahr – auf Bundesebene die Note 4,6.

Markus Sauerhammer ist Vorstand des Vereins Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND), der 2017 vom Bundesverband Deutsche Startups (BVDS) gegründet wurde. Ziel des Vereins: Sozialunternehmer*innen stärken und Innovationen vorantreiben, um gesamtgesellschaftliche Probleme zu lösen. Foto: privat

Wirksame Lösungen für vielfältige Herausforderungen

Wir stehen vor einer Vielzahl gesellschaftlicher Herausforderungen. Klimakrise, Kinder- und Altersarmut, Digitalisierung, Reformstau im Bildungssystem, Integration geflüchteter Menschen oder demografischer Wandel sind nur einige Beispiele. Statt die Ursachen dieser Herausforderungen anzupacken, wird ihren Symptomen oft mit Werkzeugen aus dem vergangenen Jahrhundert begegnet. So werden Potenziale verschenkt und selten grundlegende gesellschaftliche Verbesserungen herbeigeführt. Bei all diesen Hürden müsste inzwischen ein anderer Anspruch bestehen. An Wirtschaft, an Politik, an unser Handeln. Wir benötigen ein Umdenken! Social Entrepreneurship fördern heißt: Die Innovationskraft aus der Zivilgesellschaft erkennen und nutzen. Es heißt, gute Ansätze für die Überwindung gesellschaftlicher Probleme früh zu fördern und wirksame Lösungen zu verbreiten – und so Probleme auch gar nicht erst entstehen zu lassen. Das wahre Potenzial von Social Entrepreneurs liegt darin, in diversen Themenfeldern einen Beitrag zu strukturellen Veränderungen zu leisten, zu einer Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit und Chancengerechtigkeit. Dahinter müssen wir uns gemeinsam versammeln. Unsere Mitglieder sind durch diese Ansprüche motiviert und gehen unsere gesellschaftlichen Herausforderungen mit innovativen und zukunftsgerichteten Lösungen ganzheitlich an. Und doch gibt es zu wenig gezielte Anschlussfinanzierungen für erfolgreiche innovative Projekte und Organisationen.

Die bisherige Tatenlosigkeit vonseiten der Regierung im Vergleich zu anderen Ländern zeigt sich inzwischen auch in internationalen Rankings. So lag Deutschland 2019 in der Studie „The best country to be a Social Entrepreneur“ auf Rang 21 – bei der Unterstützung durch die Politik der Regierung nur noch auf Rang 34. Zur Erinnerung: Wir sind das Land mit der viertgrößten Wirtschaftsleistung der Welt, doch andere Länder sind uns in puncto Soziales Unternehmer*innentum inzwischen weit voraus.

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Rhetorik reicht nicht

In Kanada beispielsweise kann nicht nur die allgemeine Bevölkerung etwas mit dem Begriff „Social Entrepreneur“ anfangen, auch die Regierung unterstützt aktiv Sozialunternehmer*innentum mit Förderungen aller Art. So gibt es nicht nur eine öffentliche „Social Innovation and Social Finance Strategy“. Sondern auch entsprechende Partnerschaften der kanadischen Regierung, so mit dem „Investment Readiness Program“, das mit 50 Millionen Dollar Förderung Social Entrepreneurs zur Investitionsreife bringt. Das kanadische Programm „WE Social Entrepreneurs“ erreicht zwei Millionen junge Menschen, mit dem Fokus auf neu eingewanderte Kanadier*innen, frauengeführte Unternehmen und Indigene. In Australien hat die Regierung des Bundestaates Victoria das „Social Enterprise Ministerial Committee“ gebildet, damit Sozialunternehmer*innen eine Anlaufstelle für ihre Anliegen haben. Vor kurzem hat dieser Ausschuss auch befürwortet, eine flächendeckende Strategie zur Förderung sozialer Unternehmen zu etablieren. In Deutschland vermissen wir oft den politischen Schneid, neue Wege zu gehen. Ja, es bewegt sich etwas. Die politische Rhetorik stimmt. Es findet sich kaum noch jemand, der die positive Wirkung des Sozialunternehmer*innentums auf Umwelt und Gesellschaft anzweifelt. Aber (noch) ist das nicht das Gleiche wie Unterstützung.

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Dieser Text erschien in der neuen Ausgabe des enorm Magazins vom 02. November 2020. Der Artikel ist Teil des Schwerpunktes „Aufgeben gibt’s nicht: Die Pandemie bedroht die Existenz von Sozialunternehmer*innen. Was sich jetzt in Deutschland ändern muss.“