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31 Mai 2021 / Lesezeit: 7 minuten

Impacc-Gründer Till Wahnbaeck im Gespräch

„Wir nutzen die Werkzeuge der Wirtschaft für sozialen Wandel“

Die NGO Impacc bekämpft extreme Armut in Afrika, in dem sie Social Entrepreneurship vor Ort unterstützt, etwa durch Investitionen und Strategie-Coaching. Ihr Ansatz: Lokale Unternehmer:innen kennen ihre Probleme und auch die Lösungen besser.

Bild: Impacc

Bild: Impacc

„Es gibt keine Gegend auf der Welt, in der es mehr Unternehmer:innen gibt als im Afrika südlich der Sahara – notgedrungen“, sagt Till Wahnbaeck. Seine gemeinnützige Organisation Impacc hilft dabei, das riesige unternehmerische Potential des Kontinents auszuschöpfen.

Till, du bist seit Jahren beruflich in Afrika engagiert. Wie schätzt du die aktuelle Situation dort ein – insbesondere vor dem Hintergrund der Pandemie?

Till Wahnbaeck: Die Armut auf dem gesamten afrikanischen Kontinent ist seit Pandemiebeginn extrem gewachsen. Vor allem südlich der Sahara. Nach den ersten Wellen in 2020 kamen die Lockdowns, fast schneller als bei uns. Millionen Menschen, Tagelöhner:innen, Gemüseverkäufer:innen, Taxifahrer:innen hatten plötzlich keine Jobs mehr. Dieses Problem gibt es nach wie vor. Der Hunger nimmt zu, weil neben Corona alles andere liegen bleibt. Das größte Problem sind die Folgen der Eindämmungspolitik, nicht das Virus selbst.

Gibt es dazu relevante Zahlen und Prognosen?

Man geht davon aus, dass sich die Malaria-Toten verdoppeln könnten, weil es momentan keine vernünftige medizinische Vorsorge mehr gibt. Alle meine Kontakte und Partner:innen in Afrika weisen insbesondere auf die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie hin. An Covid-19 selbst sterben verhältnismäßig wenige. Im stark betroffenen Südafrika liegt die 7-Tage-Inzidenz unter 30. Wenn man das mit 600.000 Malaria-Toten auf dem Kontinent jedes Jahr vergleicht, merkt man, wo die eigentlichen Probleme liegen.

Warum hat Afrika für dich generell so ein großes Potential?

Es gibt keine Gegend auf der Welt, in der es mehr Unternehmer:innen gibt als im Afrika südlich der Sahara – notgedrungen. Wenn man sich nicht ins gemachte Nest setzen kann, wird man findig. Was für Gründer:innen elementar ist – offen und neugierig sein, nicht locker lassen, immer Neues ausprobieren – wird in einer Umgebung, in der vieles schwierig ist, natürlich geschult. Deswegen sind auf dem Kontinent unternehmerisches Potenzial und Energie so ausgeprägt.

Damit sind wir bei Impacc. Warum habt ihr euch 2019 gegründet und was ist eure Mission?

Wir sind eine gemeinnützige Organisation, die grüne Start-ups in Afrika baut und damit extreme Armut bekämpft. Wir wandeln Spenden in Investitionen und Eigenkapital von Firmen um. Wir suchen lokale Partner dort, wo Menschen von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben. Es geht uns um Ideen, für die es noch keinen Markt gibt, die aber ökonomisches Potential haben. Denn häufig mangelt es an zwei Dingen: Geld und den Fähigkeiten ein erfolgreiches Business aufzubauen. Der Ansatz von Impacc ist, diese Lücke zu schließen, indem wir im reichen Norden Gelder als Spenden einwerben und damit lokale Ideen in Afrika zu erfolgreichen Firmen machen. Wir nutzen die Werkzeuge der Wirtschaft für sozialen Wandel.

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Wie läuft die Gründung konkret ab? Bleibt ihr Partner oder übergebt ihr eure Anteile nach ein paar Jahren?

Unser Ziel ist langfristig nachhaltige Hilfe zur Selbsthilfe. Ich halte wenig von der Einschätzung, dass wir aus dem Norden die Probleme des Südens lösen können. Lokale Unternehmer:innen kennen ihre Probleme und auch die Lösungen besser. Wenn wir jemanden finden, der für Impacc interessant ist, gründen wir eine lokale Firma, Fifty-Fifty, und sind ein Teilhaber, der strategisch mitmacht, coacht. Wir stellen Finanzierung und Instrumente des Managements zur Verfügung. Wenn wir gemeinsam erfolgreich sind, gehen wir raus – nach zehn Jahren. Idealerweise verkaufen wir dann an den Joint-Venture-Partner zu dem Preis, den wir reingesteckt haben. Ein kostenneutraler Exit. Kein Gewinn. Dann nehmen wir das Geld und bauen damit eine neue Firma, ein neues Social Business auf. Das ist unser Modell.

Seid ihr Inkubator oder Investor oder beides?

Nein. Inkubatoren und Kapital in Form von Krediten ab 200.000 Euro für erfolgreiche Unternehmen gibt es mehr als genug. Das Problem liegt in der Mitte. Es gibt gibt Ideen und Projekte, die für eine Start-up-Förderung zu groß sind, aber für die Kredite zu klein. Da kommen wir, gewissermaßen als „Venture Capital der guten Sache“, dazu. Wir gründen Firmen als Joint Venture mit lokalen Partner:innen. Als Teilhaber sind wir natürlich am langfristigen Erfolg interessiert. Als gemeinnütziges Unternehmen liegt unser Fokus aber nicht auf dem Profit, sondern auf der sozialen Wirkung.

Till Wahnbaeck, 49, gründete 2019 Impacc gemeinsam mit Jochen Moninger, einem Experten für Entwicklungszusammenarbeit. Impacc wandelt Spenden in Eigenkapital um und baut mit gleichberechtigten, lokalen Partner:innen Social-Start-ups in Afrika auf. Wahnbaeck hat als Geschäftsführer bei mehreren Unternehmen in der Privatwirtschaft gearbeitet und war von 2015 bis 2018 Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe.
Bild: Impacc

Sucht ihr ausschließlich oder können sich auch Unternehmer:innen bei euch bewerben?

Bisher waren wir eher als Trüffelschweine unterwegs (lacht). Ich habe mit einem ehemaligen Kollegen gegründet, Jochen Moninger. Jochen ist ein erfahrener Entwicklungshelfer, der über 20 Jahre in Afrika und Asien unterwegs war. Er lebt in Äthiopien und ist spezialisiert auf den Bereich Social Business. Wir haben seit der Gründung vor zwei Jahren unsere Netzwerke gezielt durchforstet, haben uns hunderte Projekte angeguckt, in Gegenden, wo Krieg und extreme Armut herrschen. Dann haben wir die Ideen rausgefiltert, bei denen wir uns sicher waren und sind: Daraus kann ein Geschäft werden.

Warum ist das konzeptionell so wichtig?

Es gibt sehr viele Ideen, wenige haben Business-Potential und, das ist entscheidend, nur ein paar sind so robust und so einfach, dass sie auch unter den schwersten Bedingungen funktionieren. Wir haben kürzlich mit Anne Lawi eine tolle Kollegin in Kenia hinzugewonnen. Sie hat in den letzten zehn Jahren Hunderten Start-ups geholfen, Inkubatoren- und Acceleratoren-Programme zu durchlaufen. Derzeit gibt es eine Ausschreibung, mit der wir Unternehmer:innen einladen, sich mit ihren Ideen zu bewerben. Wir suchen grüne, nachhaltige Ideen, die verhältnismäßig viele Jobs schaffen – insbesondere für Frauen. Im Idealfall haben sie bereits als Pilotprojekte funktioniert. In diesem Jahr bauen wir zwei Firmen auf. 2022 wollen wir dann auf die Ergebnisse der Ausschreibung zurückgreifen.

Um welche Firmen geht es aktuell konkret?

Es geht zum einen um kompostierbare Damenbinden aus Papyrus in Uganda und um Vergaseröfen aus Lehm zum Kochen in Äthiopien. Beide Ventures sind sehr spannend, weil sie entwicklungspolitisch Sinn machen, aber gleichzeitig Geschäftspotential haben.

Fangen wir mit Uganda an…

Ein Wissenschaftler aus der Hauptstadt Kampala, Dr. Moses Musaazi, der leider vor zwei Jahren gestorben ist, hat Damenbinden aus Papyrus erfunden. Das Produkt heißt MakaPads und ist für den ländlichen Markt gedacht. Hygiene ist ein wichtiger Schlüssel für Entwicklung: Mädchen, die keine Binden haben, gehen an drei, vier Tagen im Monat nicht zur Schule – aus Scham, aus Angst oder, weil die Eltern sie wegsperren. Das ist häufig der erste Schritt ganz aus der Schule raus. Damenbinden gibt es natürlich in Afrika en masse. Sie sind nur zu teuer. Ein armer Mensch, der von zwei Dollar am Tag lebt, kann sich das nicht leisten. Und: Die Binden, die es gibt, sind aus Kunststoff, wirft man sie ins Plumpsklo saugen sie weiter und verstopfen das Klo.

Die MakaPads sind ein Gegenentwurf…

Sie sind biologisch abbaubar, funktionieren also im Plumpsklo und in der Kloake, sind sehr günstig in der Produktion. Logistikkosten entfallen, alles wird lokal hergestellt. So können wir in Zukunft hunderttausenden Mädchen ermöglichen, den ganzen Monat in die Schule zu gehen. Die Folge vereinfacht gesagt: Sie machen einen Abschluss, verdienen mehr Geld und investieren das Geld wiederum für sinnvolle Dinge, etwa für Gesundheit und Ernährung. Zusätzlich können wir auch Hunderttausenden Tagelöhner:innen ein regelmäßigeres Einkommen geben, weil sie häufig während ihrer Periode nicht arbeiten können. Hochgerechnet auf ein Arbeitsleben gehen sonst bis zu drei Jahre Lohn verloren. Und: Wir können Jobs schaffen – in der Produktion, in der Vermarktung, im Einkauf. Die Idee ist auch noch skalierbar. Im Moment gibt es eine Produktionsstätte in Kampala. Aber unser Modell ist ein Franchise-Konzept. Wir bauen gerade eine zweite Produktionsstätte auf. Dort trainieren wir Franchise-Nehmer:innen in der Herstellung, um ihnen zu ermöglichen ein eigenes Geschäft aufzubauen. Dutzende Standorte ähnlicher Machart sollen folgen.

Die biologisch abbaubaren MakaPads werden lokal hergestellt, sind dadurch günstig und ermöglichen hunderttausenden Mädchen, den ganzen Monat in die Schule zu gehen.
Bild: Impacc

Mit wem arbeitet ihr konkret in Uganda zusammen und wo steht ihr aktuell?

Eigentlich wollten wir bereits Anfang Februar starten. Durch die Präsidentschaftswahl in Uganda im Januar 2021 hat sich alles verzögert. Amtsinhaber Yoweri Museveni hatte Angst vor seinem Herausforderer, dem populären Musiker Bobi Wine und stellte, salopp gesagt, einfach mal für einen Monat das Internet ab. Dann kommst Du mit der Registrierung einer Firma nicht weiter. Im April haben wir dann mit den Erben des Erfinders der MakaPads, Paul Kimera und Mirembe Nnaassuna, gegründet. Sie haben Idee und Technologie eingebracht. Im konkreten Fall gab es früher sogar ein Pilotprojekt: Das Produkt wurde hergestellt und an eine NGO verkauft, die es wiederum verschenkt hat. Dann gab es ein Strategiewechsel, und die MakaPads wurden für die Hilfsorganisation wieder uninteressant. Das Geschäftsmodell unserer aktuellen Partner brach zusammen.

Was habt ihr als Impacc mitgebracht?

Unsere Idee war, die MakaPads direkt zu verkaufen, wenn sie sich so günstig produzieren lassen. Diese Expertise bringen wir mit. Das Geld um diese Firma zu gründen, haben wir von Unterstützer:innen bekommen. Etwa von der Siemens-Stiftung, die diesen innovativen Ansatz gut fand: Eine Organisation ist gemeinnützig, schafft aber auch nachhaltige unternehmerische Werte. Schnell kam auch die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung hinzu. Die Stiftung hat uns Kontakte zu Jugendzentren auf dem Land in Uganda vermittelt. Gleichzeitig können wir mit den MakaPads Jobs für diese Jugendlichen schaffen. So konnten wir das Unternehmen aufbauen.

Wie viel Kapital braucht es dafür?   

Wir sind die einzige Organisation in Deutschland, die Spenden in Eigenkapital umwandeln darf. 80.000 Euro waren es in Uganda. In anderen Ländern ist die Gründung teurer.

Im gesamten Prozess von der Idee über Herstellung bis hin zur Vermarktung und zum Verkauf ist euch Augenhöhe sehr wichtig.

Ich habe Menschen noch nie nur als Hilfsempfänger:innen gesehen. Es ist auch eine Frage der Würde, ob du jemandem etwas gibst, er dankbar sein muss oder ob du jemanden als Kund:in behandelst, als Unternehmer:in, als Geschäftspartner:in. Entscheidend ist: Keiner wird über den Tisch gezogen, jeder agiert nach seinen Möglichkeiten. Natürlich hat ein lokaler Unternehmer in Uganda nicht 80.000 Euro zur Verfügung, aber er hat ideelle Werte, die Marke, Produktionswissen. Bei einer Damenbinde sind es vielleicht 5 Cent, die eine Kundin zahlen kann. Aber sie zahlt dafür. Das macht den Unterschied. Man bewegt sich auf Augenhöhe, und durch diese faire Partnerschaft wahren und stärken wir Würde und Selbstbewusstsein des Gegenübers.

Wie sieht es bei eurem Joint Venture in Äthiopien aus?

Einen Ofen zu produzieren, ist eigentlich nichts Neues. Es gibt mehr Öfen als Organisationen in Afrika. Wir sind aber hellhörig geworden als uns ein Lehmbauer erklärt hat, dass mit seinem Modell arme Menschen Geld verdienen können. Unser Produkt spart zudem 2 Tonnen CO2 ein und es hat eine klare Flamme, minimiert also das Lungenkrebsrisiko. Es ist ein Pyrolyse-Ofen. Beim Kochen wird das Holz nicht zu Asche verbrannt, sondern zu Kohle verglüht. Du hast am Ende also ein warmes Essen und Holzkohle. Letzteres hat einen Wert, lässt sich weiterverwenden und verkaufen. Noch besser: Man kann aus der Kohle einen Dünger machen, der langfristig die Fruchtbarkeit der trockenen Böden erhöht.

Bauteile für die Lehmöfen im Trockenregal: Der einfache Pyrolyse-Ofen spart 2 Tonnen CO2 ein. Zudem  minimiert er das Lungenkrebsrisiko, weil er eine klare Flamme bildet, während das Holz zu Kohle verglüht wird.
Bild: Impacc

Auch Pyrolyse-Öfen sind nicht neu.

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Sie werden meist aus Stahl gefertigt und aus China importiert. Modelle kosten 30-40 US-Dollar. Unser Ofen besteht aus Lehm, Stroh und Wasser und ausrangierten Ölkanistern. Er ist sehr günstig in der Herstellung, 2-3 Euro. Verkauft wird er für 6-7 Euro. Eine Familie, die den Ofen kauft, hat die Anschaffungskosten nach zwei bis drei Monaten wieder drin. Unser lokales Unternehmer:innen-Team ist eigentlich spezialisiert auf Pflanzensamen. Sie haben aber das Potential gesehen und gründen jetzt mit uns. Wir trainieren neue Franchisenehmer:innen regelmäßig im Lehmbau; dafür haben wir bereits Anfang April in Wondo Genet, einem Ort südlich der Hauptstadt Addis Abeba, unser Trainingszentrum eingeweiht. Die ersten drei Ofenbauer werden bereits ausgebildet. Einer ist Handwerker, kommt aus dem Keramikbereich und fängt schon parallel an, einen eigenen Workshop aufzubauen. So entstehen pro Veranstaltung mittelfristig zwei bis drei Arbeitsplätze. Der Output von einem Workshop, vier sind in diesem Jahr geplant, liegt bei etwa 80 Öfen pro Monat. Auf ein Jahr hochgerechnet kann man so ein größeres Dorf ausstatten.