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16 Dezember 2021 / Lesezeit: 4 minuten

Impact von EU-Fördergeldern

„Social Economy spielt eine immer größere Rolle“

Die EU fördert Projekte der niederbayerischen Innovationsplattform Silicon Vilstal, etwa Workshops für Eltern und Kinder, um sinnvolle Möglichkeiten des 3D-Drucks kennenzulernen.

FOTO: Mathias Ammer Fotografie

FOTO: Mathias Ammer Fotografie

Die Innovationsplattform Silicon Vilstal aus Niederbayern hilft dabei, auf dem Land eine zukunftsfähige Infrastruktur aufzubauen – mit jungen Start-ups, Pop-up-Stores, Lastenrädern und konkreten Kreislaufwirtschaft-Konzepten. Sie ist die erste deutsche Organisation, die nun von der Europäische Union als Social Economy Cluster anerkannt wurde. Das Konstruktive hinter dem sperrigen Begriff und wie die EU künftig Social Entrepreneurs mit einem neuen Plan fördern will, erklärt uns der Geschäftsführer Helmut Ramsauer im Interview.

Wie wichtig ist das Thema Soziale Innovationen in der EU?

Mittlerweile gibt es einen Konsens, dass die gesellschaftlichen Herausforderungen nur zu lösen sind, wenn Innovationen bei den Menschen auch ankommen und verstanden werden. Kurz: Sie müssen mitgenommen werden. Das geht über technologische Innovation hinaus. Die EU-Kommission hat schon vor einiger Zeit begonnen, sich intensiver mit Social Entrepreneurship zu beschäftigen. Am 16. Dezember wird der neue „Social Economy Action Plan“ vorgestellt.

Es gibt bereits seit 2011 sogenannte „Expert Groups“ der EU, die sich mit Social Entrepreneurship, Social Economy und Social Entreprises beschäftigen. Sie analysieren, beraten und fördern die Szene, sprechen Empfehlungen aus. Die soziale und regionale Innovationsplattform Silicon Vilstal wird von der EU seit zwei Jahren unterstützt. Wie genau?

2019 wurde für innovative, regionale Netzwerk-Veranstaltungen ein EU-Label entwickelt: „European Social Economy Region“-Event. Wir haben uns als gemeinnützige Plattform Silicon Vilstal aus Niederbayern beworben und wurden zusammen mit etwa 40 anderen europäischen Projekten ausgezeichnet.

Mit Tracht und Tiny House wird beim „Silicon Vilstal Erlebnisfestival“ erfolgreich an ländlichen Zukunftskonzepten gebastelt. Foto: Silicon Vilstal

Das „Silicon Vilstal Erlebnisfestival“ spielt die Ergebnisse der Plattform-Arbeit über ein breites Netzwerk. Ziel ist es, die richtigen Leute zu verbinden und eine konkrete Schnittstelle zu bilden?

Das ist unser zentrales Event im Jahr, nächstes Mal findet es vom 22.-25.9.2022 statt. Die Veranstaltung dient auch als Meilenstein für unterjährig laufende Projekte. Wir sind beispielsweise Teil der MINT-Allianz des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, Anm. d. Red.) und bieten ganzjährig Bildungsformate an.

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Welche Projekte gibt es noch?

Etwa unser branchenübergreifendes Gründungs-Programm: „Bauer sucht Start-up“. Wir organisieren dabei Pilotprojekte mit Gründungsteams oder Start-Ups in ihrer frühen Phase. Weil wir dabei mit regionalen Partnern arbeiten, funktioniert das Angebot sehr niederschwellig. Die jungen Social Start-ups, aber auch die Mitwirkenden aus der Region lernen viel. Es ist ein Austausch in beide Richtungen.

Es geht aber nicht nur um Agrarthemen…

Ein weiteres Projekt heißt „Ortsmitte 2.0“. Die Pilotphase läuft bis zum Sommer 2022. Wir erproben dabei mit einer Reihe von Innovationsteams aus dem Programm „Update Deutschland“ wie eine zukunftsfähige Kommune aussehen könnte: in der niederbayrischen Marktgemeinde Geisenhausen bei Landshut. Dort gibt es zum Beispiel einen Social Coworking Space, einen Lastenrad-Lieferservice, einen Repair- und Upcycling-Laden sowie Pop-Up-Stores. Regionale Unternehmen, Vereine und Initiativen werden miteinbezogen und vernetzt.

Helmut Ramsauer und Silicon Vilstal

Die gemeinnützige Innovationsplattform Silicon Vilstal wurde 2016 von Helmut Ramsauer initiiert. Er arbeitet seitdem als ehrenamtlicher Geschäftsführer mit. Ramsauer kommt aus Niederbayern und lebt dort mit seiner Familie. Silicon Vilstal soll dort dabei helfen, lokale Probleme zu lösen und Ramsauers Heimat zukunftsfähig zu machen. Die dabei entwickelten Praktiken werden ausgewertet und weitergegeben. Andere Regionen sollen so auch profitieren. Foto: Sonja Herpich

Wie wird das Projekt evaluiert?

Es wird wissenschaftlich begleitet in einem Fellowship-Programm der Wüstenrot Stiftung. Nach dem Abschluss wird ein Handlungsleitfaden für Kommunen bundesweit publiziert. Wir versuchen ländliche Probleme in Kooperation mit Start-ups zu lösen, erproben die Tragfähigkeit ihrer Ideen konkret vor Ort und fördern so soziale Innovationen. Reallabore wie dieses sind wichtig. Sie gehen über klassische Inkubatoren oder Innovation Hubs hinaus und sind direkt in der regionalen Gesellschaft verankert.

Silicon Vilstal ist die erste deutsche Organisation, die nun von der EU als Social Economy Cluster anerkannt wurde. Was bedeutet das?

Es gibt die Anerkennung der EU für sogenannte Cluster schon länger – etwa zu industriellen oder technologischen Themenfeldern. Das sind immer regionale und unternehmerische Netzwerke, die sich gegenseitig befruchten. Die Idee für branchenübergreifende „Social Economy Cluster“ gibt es erst seit diesem Jahr. Im Sommer bekamen wir eine Anfrage der EU-Kommission, ob wir uns als eines der europäischen Pilotcluster bewerben wollen. Das haben wir erfolgreich gemacht.

Wie sieht die Cluster-Förderung der EU aus?

Geld gibt es erstmal nicht. Es ist zunächst ein formelles Listing, das uns aber die Bewerbung um Mittel erlaubt, die nur für Cluster gedacht sind. Allein oder im Verbund mit anderen.

Social Economy Action Plan der EU

Sozialunternehmer:innen treiben den gesellschaftlichen Wandel entscheidend voran. Das hat auch die EU erkannt. Deswegen gibt es jetzt ein umfangreiches Programm, das die ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen der europäischen Sozialwirtschaft verbessern soll. Der Zugang zu Fördergeldern soll viel einfacher werden. Einzelne Aspekte des Programms in den nächsten zwei Jahren sind: eine Akademie für junge Gründer:innen, insbesondere Sozialunternehmer:innen, ein EU-Kompetenzzentrum für soziale Innovationen sowie die Mobilisierung privater Finanzmittel für soziale Unternehmen und einen sogenannten „EU-Gateway“, der eine direkten Zugang zu EU-Finanzierung und -Fördermitteln schafft.

Ist das nicht sehr bürokratisch?

Das Anerkennungsverfahren ist nicht übermäßig kompliziert, wenn man bereits davor in seiner Region mit einem gesellschaftlichen Netzwerk gearbeitet hat.

Wie geht’s weiter?

Ein Cluster muss man als Entwicklungspfad verstehen. Es ist ein breites gesellschaftliches Netzwerk, zum Beispiel aus Start-ups, mittelständischen Betrieben, öffentlichen Organisationen sowie Vereinen. Gemeinsam werden Projekte und Veranstaltungen organisiert. Aktuell bewerben wir uns mit einem Konsortium anderer Cluster aus verschiedenen europäischen Ländern für ein Social-Economy-Förderprogramm. Dabei geht etwa um Bildungsinnovation oder vernetzte ländliche Mobilität.

Wie hoch sind die Fördersummen bei EU-Programmen?

Kleinere Programme beginnen bei fünfstelligen Fördersummen. In den Programmen „Horizont Europe“ (Forschungsrahmenprogramm der EU bis 2027, Anm. d. Red.) oder „COSME“ („Competitiveness of Enterprises and Small and Medium-sized Enterprises“, Anm. d. Red) werden auch Millionenbeträge vergeben. Dabei spielt Social Economy eine immer größere Rolle.

Was braucht es in Zukunft, um Soziale Innovationen noch mehr zu fördern?

Es wäre hilfreich, wenn sich öffentliche Förderprogramme weiterhin noch mehr für gesellschaftliche Akteure öffnen würden wie dies zum Beispiel bei der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) der Fall ist.

Wo findet man Informationen über Förderprogramme?

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