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4 December 2018 / Lesezeit: 3 minuten

Antibiotika in der Landwirtschaft

„Schlupflöcher wird es trotzdem geben“

Um den geringen Einsatz von Antibiotika auszugleichen, werden in der Schweinefleischindustrie große Mengen an Zinkoxid als Futterzusatz verwendet

Titelbild: Suzanne Tucker/Unsplash

Titelbild: Suzanne Tucker/Unsplash

Vorbild Großbritannien? Coilin Nunan von der Aktionsgruppe „Alliance To Save Our Medicines“ über Wege und Hürden beim Antibiotika-Ausstieg

Herr Nunan, Großbritannien gilt als einer der Vorreiter im Kampf um die Reduzierung von Antibiotika in der Tierhaltung – mit einigem Erfolg. Sie kritisieren, dass die Industrie nun allerdings häufiger auf andere Medikamente ausweiche.

In der Schweinefleischindustrie werden extrem große Mengen an Zinkoxid als Futterzusatz verwendet. Hauptsächlich, um Durchfall bei Ferkeln nach dem Abstillen zu behandeln. Werden Ferkel sehr früh von ihrer Mutter getrennt, versetzt sie das in einen großen Stress. Weil ihre Darmflora noch nicht ausreichend entwickelt ist, bekommen sie dann oft Durchfall. Daher ist in den meisten europäischen Ländern zu diesem Zeitpunkt der Einsatz von Antibiotika am höchsten. Britische Bauern geben den Ferkeln sehr hohe Dosen Zinkoxid, um den geringeren Einsatz von Antibiotika auszugleichen. Auch das ist nicht die Lösung. Ab 2022 ist Zinkoxid in Europa verboten. Es ist nicht biologisch abbaubar, reichert sich in der Umwelt an, kann Pflanzen und Organismen im Wasser schädigen. Vor allem gibt es Hinweise, dass auch Zinkoxid zum Entstehen von Antibiotika-Resistenzen beiträgt.

Was kann man stattdessen tun?

Man muss die Ferkel später von der Mutter trennen – wie in der Bio-Aufzucht. Dort gibt es weniger Probleme mit Durchfall. In Schweden dürfen Ferkel nicht so früh von der Mutter getrennt werden wie in anderen europäischen Ländern. Die Landwirte können daher bei der Trennung oft ganz auf Antibiotika verzichten. Doch das ist nicht im Interesse der Industrie. Sie möchte, dass die Sau so schnell wie möglich wieder schwanger wird.

Was tut die EU gegen den Antibiotika-Einsatz?

2014 hat das Europäische Parlament mit überwältigender Mehrheit dafür gestimmt, den prophylaktischen Einsatz von Antibiotika stark einzuschränken. Es will verbieten, dass gesunden Tieren vorsorglich Antibiotika gegeben werden. Doch das Gesetz geriet im EU-Ministerrat ins Stocken. Jetzt wurde ein Kompromiss erzielt, den das Parlament noch bestätigen muss. Wenn alles glatt geht, wird der präventive Antibiotika Einsatz ab 2022 nicht mehr erlaubt sein. Schlupflöcher wird es leider trotzdem noch geben.

Und zwar?

Über die sogenannte Metaphylaxe. Wenn ein paar Tiere im Stall krank werden, geben Landwirte oft vorsorglich allen Antibiotika, um die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. 2016 hat das EU­-Parlament beschlossen, dass dieser Schritt in Ordnung ist – solange er die Ausnahme bleibt. Aber natürlich besteht die Gefahr eines Missbrauchs. Wenn man 20.000 Hühner in einem Stall hat, wird es immer eines geben, das krank ist.

Sie setzen sich für eine weniger intensive Landwirtschaft ein. Kommt sie mit kleineren Mengen Antibiotika aus?

Durchaus. In den Niederlanden hat sich gezeigt, dass Hühner weniger Gesundheitsprobleme haben, wenn man Züchtungen nimmt, die langsamer wachsen. Sie brauchen gerade mal ein Drittel der Antibiotika. Wenn man zusätzlich die Zahl der Tiere pro Quadratmeter verringert, gehen die Infektionen weiter zurück.

Wie schätzen Sie die Situation in Deutschland ein?

Deutschland war eines der letzten Länder in Europa, das die Verkaufszahlen von Antibiotika hat erfassen lassen – 2014. Immerhin weisen diese Daten darauf hin, dass auch in der Bundesrepublik seit 2011 fast 50 Prozent weniger Antibiotika verkauft werden als zuvor. Das ist kein Grund zur Euphorie, denn der Einsatz von Antibiotika bleibt weiter sehr hoch. Auch gibt es in Deutschland immer noch wenig Informationen, lediglich eine Website mit grundlegenden Statistiken. In Großbritannien wird jedes Jahr ein ein 100­-seitiger Bericht veröffentlicht.

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Was kann Deutschland von Großbritannien lernen?

Das Thema braucht Aufmerksamkeit auf höchster politischer Ebene der Politik wie in Großbritannien. Und um fundierte Maßnahmen ergreifen zu können, benötigt man bessere Daten als pure Verkaufszahlen der Pharmaindustrie. Man muss wissen, welcher Bauernhof am meisten verbraucht. Die Dänen und Niederländer haben heute die besten Systeme, um den Einsatz von Antibiotika zu erfassen. Sogar einzelne Bauernhöfe und Tierarztpraxen werden direkt verglichen. Alle Daten werden veröffentlicht, damit alle sehen können, wo sie stehen. Das macht den anderen Druck, sich zu verbessern. Auch Großbritannien hat davon gelernt.