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23 November 2018 / Lesezeit: 6 minuten

Zwei Bauern im Interview

„Schluss mit den Subventionen“

Die Landwirte von „Bauer Willi“ wollen Landwirte lieber fordern statt zu fördern

Titelbild: Scott Goodwill/Unsplash

Titelbild: Scott Goodwill/Unsplash

Willi Kremer-Schillings ist konventioneller Landwirt, Alois Wohlfahrt Biobauer. Gemeinsam betreiben sie den Blog „Bauer Willi“. 2015 haben sie mit einem offenen Brief an die Verbraucher bundesweit Aufmerksamkeit erregt. Hat sich seitdem etwas verändert? Ein Gespräch über Misstrauen, Verantwortung und den Wert von Lebensmitteln

Herr Kremer-Schillings, Herr Wohlfahrt, wie geht es den Landwirten in Deutschland?

Alois Wohlfahrt: Willi hat in seinem Brief einmal tief in die bäuerliche Seele bli­cken lassen. Und in ihr sieht es, egal ob Biobauer oder konventioneller Landwirt, ziemlich ähnlich aus: Die Bauern dürsten nach Anerkennung. Dass wir heute hierzulande keinen Hunger mehr haben, sondern Es­sen im Überfluss – das ist unser Verdienst. Was bekom­men wir dafür? Niedrige Preise und den schwarzen Peter für alles, was schiefläuft im Lebensmittelsys­tem. Viele junge Leute wollen sich diese Arbeit daher nicht mehr antun und Höfe übernehmen. Das bedeu­tet letztendlich, dass viele Betriebe sterben.

WilliKremer-Schillings: Wenn man einen Betrieb mit 100 Hektar hat, kann man heute seine Familie da­ von kaum noch ernähren. Und damit liegt man über dem deutschen Durchschnittsbetrieb von etwa 60 Hektar. Bei meinen 40 Hektar, die ich unter ande­rem mit Weizen und Zuckerrüben bestelle, liegt das zu versteuernde Einkommen aus der Landwirtschaft gerade mal bei 23.000 Euro pro Jahr.

Was läuft schief in der Beziehung zwischen Bauern und Verbrauchern?

Wohlfahrt: Das Lebensmittelsystem hat die Bauern anonymisiert. Vertrauen in Produkte baut der Verbrau­cher über den Handel auf, der diese Nähe ausnutzt und ihm Marken mit bäuerlicher Idylle präsentiert. Dahinter stehen nur anonyme Produkte, austausch­bare Verarbeiter und Erzeuger, die unter Preisdruck sind. Die Skandale der Vergangenheit, die stets nur den Bauern angelastet wurden, haben ebenfalls zum Misstrauen beigetragen.

Kremer-Schillings: Ich mache immer einen Unterschied zwischen Bürger und Verbraucher. Der Bürger stellt hohe Anforderungen, ist beispielsweise gegen Mas­sentierhaltung oder Glyphosat. Als Verbraucher kauft er aber zum größten Teil billig ein. Wären sich Bürger und Verbraucher ähnlicher, könnten wir die Ansprü­che problemlos erfüllen. Viele Konsumenten verste­hen auch die Zusammenhänge nicht mehr. Nehmen wir Nitrat. Natürlich gibt es durch die Tierhaltung im Weser­Ems­ Gebiet oder im Münsterland Probleme, die gelöst werden müssen. Aber wenn ein Verbot von Ni­ trat im Wasser gefordert wird, kann ich nur den Kopf schütteln – schließlich kommt es in natürlicher Weise im Boden vor. Das kann man nicht verbieten!

Umweltschäden durch die Landwirtschaft sind nicht wegzudiskutieren: Böden mit zu viel Gülle, verschmutztes Trinkwasser, Antibiotika in der industriellen Tierhaltung. Welche Vorwürfe von Verbrauchern und Umweltschutzorganisationen finden Sie gerechtfertigt?

Kremer-Schillings: Die Bauern haben wahrscheinlich mit der intensiven Landwirtschaft Grenzen über­ schritten. Ackerbaubetriebe werden immer größer, die Fruchtfolgen richten sich zunehmend nach öko­nomischen Gesichtspunkten, der Einsatz von Insek­tiziden führt zu Resistenzen, weil nur die Tiere über­ leben und sich stark vermehren, die gegen die Gifte immun sind. Damit verlieren die Mittel ihre Wir­kung. Es muss sich etwas ändern – bei Bauern, bei Verbrauchern, bei allen. Wir Landwirte wehren uns, die Hauptschuldigen zu sein. Denn wir produzieren wie es das System erzwingt. Viel und billig. Und so wird es auch gekauft.

Wie kann wieder Vertrauen zwischen Bauern und Verbrauchern entstehen?

Wohlfahrt: Die Biolandwirtschaft hat es geschafft, mehr auf die Bedürfnisse der Verbraucher einzugehen.

Kremer-Schillings: Das stimmt, in der Nähe von Ber­lin gibt es einen Bio-Betrieb mit 700 Hektar Ackerflä­che, 500 Milchkühen und 200 Kälbern, der auf Bio­ Kisten setzt und eine bekannte Milchmarke in Berlin etabliert hat. Dort setzt man mit Demeter auf den höchsten Standard und lädt die Kunden zu sich auf den Hof ein. Das schafft Transparenz und Vertrauen, die Konsumenten sind bereit, einen höheren Preis zu zahlen. Aber auch bei mir stehen die Türen offen und die Bewohner eines Neubaugebiets in der Nähe sind auf meine Einladung gerne gekommen. Es gab keine Kritik, weil ich erzählt habe, wie ich produziere.

Doch allein bei Verbrauchern und Produzenten darf die Verantwortung doch nicht liegen. Schließlich entscheidet auch der Handel, was es in seinen Regalen zu kaufen gibt.

Wohlfahrt: Der Handel spielt eine zentrale Rolle in unserem Lebensmittelsystem. Rewe und Co. setzen die Landwirte unter Preisdruck und degradieren sie zu anonymen Rohstofflieferanten.

Kremer-Schillings: Der Handel hat eine Verantwortung für sein Angebot. Gibt es günstige Alternativen, die zu schlechteren Bedingungen produziert werden, nimmt der Kunde die billige. Gibt es sie nicht, kauft er ohne zu murren die bessere Variante. Deshalb wundert es mich nicht, wenn Lidl zwei Monate nach Einfüh­rung des eigenen Tierwohllabels feststellt, das kaum jemand zu den teureren Produkten greift.

Wir Deutschen sind die Erfinder des Unworts „Sättigungsbeilage“ – was schon viel über unsere Wertschätzung für Lebensmittel sagt. Wie kann Essen wieder etwas wert werden?

Wohlfahrt: Das beginnt im Kopf – beim Verbraucher und beim Bauern. Wir Landwirte dürfen nicht mehr jede Schweinerei mitmachen. Den Verbrauchern zu sagen: „Wir sind für mehr Tierwohl, aber ihr müsst das bezahlen“, ist ein Schuss in den Ofen. Die Wert­schätzung fängt schließlich bei der Produktion an. Wenn ich nur für den Weltmarkt herstelle, sind mir meine Erzeugnisse nicht wertvoll genug. Aus diesem System kommt man nur heraus, wenn man sich die Märkte selbst sucht. Das macht beispielsweise die Genossenschaft Milchwerke Berchtesgadener Land. Sie hat bereits vor 20 Jahren begonnen, ihre eigene Bergbauernmarke aufzubauen. Als mit dem Wegfall der Milchquote die Mengenproduktion nicht mehr reguliert wurde, hat die Genossenschaft ihren Bau­ern eine Erhöhung der Produktion verboten. Denn sie konnte nicht mehr Milch verkaufen. Überproduktion und niedrigere Preise hätten Marke und Wertschät­zung kaputt gemacht. Wer sich nicht daran hielt, flog aus der Genossenschaft.

Kremer-Schillings: Aber auch hier geht es nicht ohne den Handel. Bei Rewe gibt es in einigen Bundeslän­dern das Prinzip des Landmarktes. Es wurde von der Vereinigung der hessischen Direktvermarkter (VHD) erdacht und umgesetzt. In den Supermärkten gibt es Stände, die für regionale Bauern reserviert sind. Die Landwirte tragen die Verantwortung für Produkte und Preisgestaltung, Rewe bekommt als Gegenleis­tung eine Provision. So gelangt der Hofladen in den Supermarkt. Meiner Meinung nach ist das eine sehr gute Lösung, die Vertrauen und Wertschätzung auf­ baut. Leider wird dafür keine Werbung gemacht.

Wohlfahrt: Der Handel sollte Begehrlichkeiten nach ordentlich bezahlten Produkten wecken – ähnlich wie die Premium ­Marken in der Automobilindustrie. Da wird suggeriert: „Wenn Du Dir einen Mercedes kaufst, tust Du Dir etwas Gutes.“ So muss es auch bei Lebensmitteln werden.

Was halten Sie von der viel diskutierten Agrarwende?

Kremer-Schillings: Allein schon das Wort stört mich. Als ob sich nur die Bauern verändern müssten und al­les wäre in Ordnung. Es gehört aber viel mehr dazu. Wenn vier Millionen Berliner eine Demeter­-Kiste kauften, hätten wir die Agrarwende. Aber warum bestellen denn die Menschen, die bei Aldi einkaufen, nicht die Demeter­-Kiste vom Bauern? Warum nicht eine Ernährungswende? Dann kommt die Agrar­wende von alleine.

Aber immerhin steigt der Bio-Anteil im gesamten Lebensmittelhandel in Deutschland seit Jahren.

Kremer-Schillings: Richtig, deshalb stellen ja auch ei­nige Betriebe um. Die Bauern sind ja meist nicht doof, sie reagieren auf die Nachfrage. Dennoch ist sie nach wie vor gering.

Wohlfahrt: Im Zentrum der bäuerlichen Grundhaltung steht immer der Hof, mit dem ich als Landwirt einen Ertrag erwirtschafte und den ich an die nächste Gene­ration übergeben will. Bäuerliche Menschen sind des­ halb eigentlich sehr lösungsorientiert. Da steckt viel Nachhaltigkeit drin, die wir für ein modernes System brauchen. Mit den Subventionen hat man aber ange­fangen, den Bauern Geld dafür zu geben, das sie sich nicht mehr verändern und nur abliefern. Gleichzei­tig werden Lebensmittel so künstlich verbilligt. Wa­rum? Damit wir alle mehr Geld in der Tasche haben, um andere Sachen zu konsumieren.

Die einen gewöhnen sich an niedrige Preise, die anderen an geschenktes Geld.

Kremer-Schillings: Ich bin für die Abschaffung aller europäischen Agrarsubventionen, am liebsten sogar der weltweiten. Die Grundbedingung dafür muss aber sein, dass in Europa nur noch Produkte gehan­delt werden dürfen, die den europäischen Standards bezüglich der Lohn­, Sozial­ und Umweltkosten ent­sprechen. Wer also hierher liefern will, muss etwas in seiner Produktionsweise verändern – und wird da­ mit teurer. Ein Beispiel: wenn kein importiertes Gen­ Soja hier mehr ankommt, muss man auf heimische Eiweißfrüchte umsteigen. Damit wäre es für euro­päische Bauern wieder lohnend, Ackerbohnen oder Erbsen anzubauen. Das würde der Artenvielfalt gut tun. Ein höherer Fleischpreis durch teureres Eiweiß würde den Konsum einschränken, auch das mit po­sitiven Folgen für die Umwelt. Und wenn der Staat das eingesparte Geld dem Bürger lässt, können die Verbraucher auch die gestiegenen Preise bezahlen. Mit der Abkehr von Subventionen verändert man die Märkte grundlegend.

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Wohlfahrt: Außerdem ist Geld innovationsvernich­tend. Man muss die Bauern nicht fördern, sondern fordern. Willi und ich sind das beste Beispiel: Wir sind zwar ausgewichen in den Nebenerwerb, aber wir kämpfen für unsere Höfe. Ich habe keine Angst um den bäuerlichen Menschen, aber um die bäuer­liche Kultur, die durch die Niedrigpreisspirale bald verschwinden wird. Ob ein Betrieb überlebt, bleibt letztendlich eine Einzelentscheidung, die stark vom einzelnen Bauer und seiner Beziehung zum Verbrau­cher abhängt. Mit unserer Bloggerei wollen wir mög­lichst viele motivieren, ihren Horizont zu erweitern, und zwar Bauern und Verbraucher. Wir haben auch keine Patentlösungen, weiß Gott nicht. Aber je mehr sich die Landwirte auf die Verbraucher zubewegen – und umgekehrt – desto besser wird es werden, davon bin ich überzeugt.

Kremer-Schillings: Der Landwirt wird produzieren, was der Konsument nachfragt. Der Konsument wird nachfragen, was ihm Landwirt und Handel anbieten. Wenn das pfiffige Ideen sind, wie beim Demeter-Hof in Berlin oder der Milch von Berchtesgadener Land, wird es auch klappen.