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27 Juli 2022 / Lesezeit: 5 minuten

Open-Source-Saatgut

Ein Roggen, der allen gehört

Die Initiative Open Source Seeds kämpft gegen Saatgut-Monopole und setzt sich für Vielfalt in der Landwirtschaft ein – zum Beispiel mit Open-Source-Roggen.

Foto: Open Source Seeds

Foto: Open Source Seeds

Wenige Konzerne beherrschen den weltweiten Handel mit Getreidesaatgut. Die Initiative Open Source Seeds will das ändern.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Juni/Juli 2022 des enorm Magazins. Du kannst sie bei GoodBuy versandkostenfrei und klimapositiv bestellen.

„Da ist sie“, sagt Rebeka Catalina Trulsen mit einem liebevollen Blick und schiebt die üppigen Blätter der Zitronenmelisse beiseite: „Black Heart Chili“, eine zarte Pflanze, die in ein paar Monaten schwarze, am Ende rote Schoten tragen wird. Für die 39-Jährige ist nicht nur die Schönheit der Früchte aufregend, es sind vor allem die Gene, die in der Chili stecken. Das Beet im Gemeinschaftsgarten auf dem Tempelhofer Feld in Berlin ist nämlich nicht irgendein Beet. Alles, was hier wächst, ist aus samenfesten Sorten gezogen oder stammt aus „Open Source“-Saatgut wie die Chili oder die TUmate, eine stolze Tomatenpflanze, die Studierende der TU Berlin gezogen haben. Die Idee von Open-Source-Saatgut ist recht neu. Es ist ein praktischer Versuch, der Macht großer Chemie- und Saatgutkonzerne entgegenzuwirken, die immer mehr Pflanzen als ihre Erfindung deklarieren wollen. Dass die EU tatsächlich Patente auf Saatgut ausstellt, ist für Trulsen und ihre Gruppe ein Skandal, gegen den sie vorgehen wollen – obwohl sie nicht Aktivist:innen für die Ernährungswende sind, sondern Software-Entwickler und Systemadministratorinnen. „Es geht ums Prinzip.“ Und das sei dasselbe bei Software und dem Saatgut, aus dem unser Essen stammt. „Wir können uns nicht abhängig machen von großen Konzernen.“

Deshalb hat sie die Initiative Open Source Seeds unterstützt, die 2017 unter dem Dach des Vereins Agrecol in Marburg gegründet wurde. Im Mai 2022 starteten die Gründer:innen erstmals eine Crowdfunding-Kampagne, um eine neue Roggen-Sorte züchten zu lassen. Ein Roggen, der genau wie Firefox, Linux oder die Messenger-App Signal unter einer freien Lizenz für alle zur Verfügung steht, also für immer von der Patentierung ausgeschlossen ist. So können Bäuerinnen und Bauern einen Teil der Ernte zurückhalten und das Getreide einfach wieder aussäen, wie es Jahrtausende lang in der Landwirtschaft Tradition war. Wohin Trulsen dieser Tage auch unterwegs ist, überall spricht sie die Kampagne für Open-Source-Roggen an: bei der Arbeit, auf dem Skateplatz, in ihrem Kollektiv, in dem sie sich gegen Überwachungssoftware engagiert. Lang sah es so als, als würde die Initiative das Spendenziel von 30.000 Euro trotzdem nicht erreichen. Für Trulsen ist dabei am schlimmsten: „Die meisten Leute wissen gar nicht, dass wir ein riesiges Problem haben.“

Sortenvielfalt geht durch One-size-fits-all-Ansatz verloren

Die Landwirtschaft steht tatsächlich vor enormen Herausforderungen: sinkende Bodenfruchtbarkeit, steigende Energiepreise, Extremwetterlagen, die sich durch die Klimakrise immer weiter verschärfen. Doch damit nicht genug. Auch die Vielfalt des verfügbaren Saatguts ist dramatisch zurückgegangen – und dadurch die Anpassungsfähigkeit der einzelnen Ackerpflanzen an ein sich wandelndes Klima. Seit Jahrtausenden wird Saatgut als Gemeingut von einer Generation zur nächsten weitergegeben, auf einem Hof weiterentwickelt, ans nächste Dorf getauscht. Seit dem Beginn der industriellen Landwirtschaft wird diese natürliche Selektion der Sorten zunehmend durch professionelle Züchtung in den Laboren der Agrarkonzerne durchgeführt. Eine Oxfam-Studie schätzte schon 2012, dass nur vier multi-nationale Konzerne 90 Prozent des weltweiten Handels mit Getreidesaaten beherrschen. Sie züchten auf Hochleistung: sogenannte Hybrid-Sorten, die nur ein einziges Mal gute Ernten bringen. „Es ist im System angelegt, dass die Agrarkonzerne keine Sortenvielfalt vorantreiben“, erklärt die Biologin Isabella Aberle von Open Source Seeds. Züchtung ist teuer, staatliche Förderung gibt es keine – und es ist am billigsten, nur eine Sorte zu züchten, die über Jahrzehnte in aller Welt verkauft wird. „Aber dieser One-size-fits-all-Ansatz ist in Zeiten der Klimakrise keine gute Idee“, sagt Aberle.

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Und die Klimakrise überlappt sich mit anderen Katastrophen. Genau jetzt ist die Vielfalt auf dem Acker überlebensnotwendig, an der die Menschen hinter Open Source Seeds arbeiten. Die Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) warnte im Mai 2022 auf einer Konferenz in New York eindringlich vor den Auswirkungen des Ukraine-Kriegs, nachdem die Pandemie, die Wirtschaftskrise und Extremwetter viele landwirtschaftliche Betriebe weltweit gebeutelt haben. Die Zahl der Hungernden könnte im kommenden Jahr drastisch steigen, da Russland auch wichtiger Exporteur von Düngemitteln ist. Spricht man mit Sozialwissenschaftler:innen wie Samie Blasingame über die Problematik, wird klar: Die Krise ist längst da. Die Expertin hat über ein Jahr dazu geforscht, wie die Hauptstadt in der Ernährungswende alle Bevölkerungsgruppen mitnehmen kann. Trotz vielversprechender Initiativen seien die meisten Großstädte Europas abhängig von Just-in-time-Lieferketten in einem globalisierten System. Und das sei anfällig für Schocks in der Krise und produziere Ungerechtigkeiten. „Nichts passiert in einem Vakuum. Wenn jetzt infolge des Angriffskriegs die Lebensmittelpreise steigen, sind vor allem diejenigen in der Stadt betroffen, die ohnehin kaum ihre Mieten bezahlen können.“ Es sei ein tiefgreifender Wandel notwendig. „Mehr Menschen müssen sich wieder als aktiver Teil dieses Systems verstehen“, so Blasingame. Ob durch ein Abo bei einer solidarischen Landwirtschaft, einen Brief an die Abgeordneten oder das Aussäen von Open-Source-Saatgut im Nachbarschaftsgarten, das Wichtigste sei es, wieder eine Beziehung zum Essen aufzubauen, sich aktiv mit der Grundlage unserer Ernährung auseinanderzusetzen. Und das ist Saatgut.

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Mit guten Produkten vom Wandel überzeugen

Mit seinem Betrieb trägt Christoph Deinert zum Wandel bei. Seine Brotbäckerei Märkisches Landbrot verspricht faire Produktion und kurze Lieferketten in der Region Berlin-Brandenburg. Im Süden Neuköllns liegt im Industriegebiet zwischen Autobahnkreuz und Tabakfabrik die kleine Oase von Märkisches Landbrot. Neben den Fahrradständern plätschert ein Brunnen, auf den begrünten Dächern summen die Bienen, Tibetfahnen flattern im Wind – und hinter den Solarzellen ist in der Ferne der Fernsehturm zu sehen.

Seit Jahrzehnten liefert der Betrieb den Beweis dafür, dass es sich auch rechnen kann, den Wandel zu leben. Rund 2.000 Tonnen biologisch-dynamisches Mehl verarbeiten die Bäcker:innen pro Jahr und beliefern alle großen Bio-Supermärkte, Schulen und Kitas täglich mit frischen Backwaren. Sie waren unter den ersten, die großes Interesse am neuen Open-Source-Roggen zeigten, da die sandigen Böden in Brandenburg ein guter Standort für Roggen sind. Auf dem Betriebsgelände wird ausschließlich regionales Korn gesäubert, gerüttelt, gesiebt, gemahlen und zu Sauerteigbroten oder Bio-Hefeteilchen verbacken. „Unser Brot kauft niemand aus Mitleid.“ Das sei vielleicht in den 80er-Jahren noch so gewesen, als die „Ökos“ den Bäckereien auch Kastenbrote, hart wie Ziegelsteine, abgekauft haben – weil es kein anderes Bio-Angebot gab. „Heute muss die Qualität top sein.“ Der Betrieb hat verstanden, dass entlang der ganzen Wertschöpfungskette, vom Korn zum Brot, an neuen Lösungen gearbeitet werden muss – und dass man die Menschen hinter der Ladentheke am besten mit guten Produkten vom Wandel überzeugt.

Die Verantwortung liegt aber nicht nur bei den Betrieben. „Es wird nur produziert, was nachgefragt wird.“ Natürlich ist das Thema extrem komplex, „niemand kann von einem Kunden erwarten, dass er sich mit allem beschäftigt“, gibt Deinert zu. Aber, dass Essen nicht zu den Discount-Billig-Preisen produziert werden kann, an die sich alle in Deutschland gewöhnt haben, sei wohl leicht zu verstehen. Weil es bisher nicht die Konsument:innen sind, die für mehr staatliche Förderung bei der Saatgut-Züchtung eintreten, spendet Märkisches Landbrot jährlich einen Teil der Gewinne an den Dottenfelder Hof, auf dem auch der neue Open-Source-Roggen entwickelt wird.

Crowdfunding-Erfolg für eine Roggensorte

Nach einem schwierigen Start hat das Crowdfunding für die neue Roggensorte gerade noch sein Ziel erreicht, rund 370 Menschen haben gespendet. Von einer Graswurzelbewegung würde Isabella Aberle von Open Source Seeds trotzdem nicht sprechen: „Es ist einfach nicht in den Köpfen drin, dass man für das Züchten von Saatgut bezahlen soll.“ Dabei sei die Züchtung keine Unternehmung, die man der Wirtschaft überlassen dürfe, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. „Die Vielfalt in der Landwirtschaft ist genauso wichtig wie die Versorgung mit Trinkwasser“, sagt sie. „Wenn wir das Gemeinwohl sichern wollen, müssen jetzt alle aktiv werden.“ Zum Beispiel durch das Bewahren der Sortenvielfalt im Rahmen von Gemeinschaftsgärten, wie der, in dem Trulsen Chilis zieht.

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Für Trulsen ist der Erfolg des Roggens ein wichtiges Signal, das ihr Hoffnung gibt auf eine Welt jenseits von Saatgut-Monopolen. Ihr gemeinwohlorientiertes Gärtnern auf dem Tempelhofer Feld soll einen kleinen Beitrag leisten. „Jedes Mal, wenn ich mit anderen an einer Open-Source-Lösung für Software gebastelt habe, bin ich mit einem guten Gefühl in den Feierabend gegangen.“ Freiheit und Freude meint sie damit. „Das gewinnen wir, wenn wir die Dinge wieder selber in die Hand nehmen.“