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25 Dezember 2017 / Lesezeit: 6 minuten

Nachhaltiger Baumwoll-Anbau

Rettung für das weiße Gold?

Im Baumwoll-Anbau gibt es massive Missstände. Die Better Cotton Initiative will mit Unterstützung multinationaler Konzerne helfen.

TITELBILD: TRISHA DOWNING/UNSPLASH

TITELBILD: TRISHA DOWNING/UNSPLASH

Selbstmorde mit Pestiziden, hoch verschuldete Bauern und schwere Umweltzerstörung – im Baumwoll-Anbau gibt es ernste Probleme. Die Better Cotton Initiative will helfen und hat mit Unterstützung großer Konzerne inzwischen 1,5 Millionen Farmer geschult. Aber was steckt hinter dem Projekt?

Die ersten Zeichen des Wandels übersieht man schnell: Im Dorf Nandkheda, im indischen Bundesstaat Maharashtra, sind es orange leuchtende Tagetesblüten in einem Baumwollfeld und durchsichtige Plastikbeutel, die von Holzpfählen herunterbaumeln. Doch wer es nicht besser weiß, vermutet hier nur einen gewöhnlichen Baumwollacker – bis Samadhan Shamrao seine Errungenschaften präsentiert.

Der 34-jährige Inder mit weißem Hemd und dunkelgrauer Stoffhose schreitet durch die mannshohen Malvengewächse und erklärt: „Die Lockstofffallen und die Blumen helfen, verschiedene Insekten von der Baumwolle fernzuhalten. Dadurch muss ich weniger Pestizide spritzen.“ Dann deutet der Bauer auf die perforierten Schläuche am Boden und erzählt von der WhatsApp-Gruppe, über die er jetzt erfährt, wann seine Pflanzen bewässert werden müssen. Doch entscheidend sind für Shamrao die Zahlen, die sich verändert haben, seit 2014 die Better Cotton Initiative (BCI) in sein Dorf Nandkheda, im westindischen Bundesstaat Maharashtra, gekommen ist. „Die Kosten für Dünger und Spritzmittel haben sich halbiert“, erzählt der Inder. „Gleichzeitig sind meine Erträge gestiegen. Früher lagen sie jährlich bei 33.000 indischen Rupien (ca. 430 Euro) pro Hektar, jetzt sind es 40 000 (ca. 520 Euro).

200.000 Baumwollbauern haben sich das Leben genommen

Im Leben von Shamrao und seiner Familie machen diese Mehreinnahmen einen wichtigen Unterschied, sie müssen zu fünft von 5,2 Hektar Ackerfläche leben. Damit ist ihr Besitz sogar relativ groß. Im Schnitt besitzen indische Baumwollbauern nur 1,5 Hektar Land. Auf diesen kleinen Flächen ist der Anbau des „Weißen Goldes“ zu einem riskanten Geschäft geworden. Allein in den letzten 20 Jahren hat es nach Angaben der indischen Regierung über 200 000 Suizide von Baumwollbauern gegeben – einige NGOs sprechen sogar von 300 000 Selbstmorden. Die Zahlen alarmieren. Doch was läuft schief im Baumwollbusiness? Und lässt sich etwas dagegen tun?

Von einem Selbstmord weiß auch Ramesh Asaram Kale aus dem kleinen Ort Wakhari zu berichten. Staubige Sandpisten, die sich durch die hügelige Landschaft schlängeln, führen in den Ort mit 2500 Einwohnern. In seiner Mitte steht ein kleiner hinduistischer Tempel, dessen schneeweiße Kuppel vor dem blauen Himmel leuchtet. Viele der Häuser sind aus hellroten Backsteinen gemauert, einige Portale in Pastelltönen bemalt. Eine Gruppe Frauen in bunten Saris sitzt im Schatten eines Baumes, Kinder laufen umher.

Eine Gruppe von Frauen in bunten Saris pausiert im Schatten eines Baumes.
Bild: Xenia von Polier

Die Kredite hätte er nie zurückzahlen können

Von den Schwierigkeiten der Dorfbewohner erfährt man erst im Gespräch: Vor zwei Jahren setzte ein Bauer seinem Leben ein Ende, weil er keinen Ausweg aus seinen Geldnöten sah. Es war für alle ein Schock. Ich kannte meinen Nachbarn gut, erzählt Ramesh Asaram Kale. Der 53-jährige Baumwollbauer im knielangen, traditionellen Hemd hatte mitbekommen, wie die Lage des 46-Jährigen immer schwieriger wurde. „Irgendwann hatte mein Nachbar 500 000 Rupien Schulden (ca. 6520 Euro). Die Kredite, die er bei privaten Geldgebern aufgenommen hat, hätte er nie zurückzahlen können. Mein Nachbar sah keinen Ausweg mehr und trank eines Abends die tödlichen Pestizide“, sagt der Inder.

Der Selbstmord war im Ort eine Ausnahme – die hohen Schulden waren es nicht. Über die Hälfte der Baumwollfarmer hier konnte im selben Jahr ihre Kredite nicht zurückzahlen, erzählt Kale. Wegen einer Dürre fiel die Ernte so gering aus, dass die Einnahmen nicht ausreichten. Für viele Familien war es ein Schritt in eine gefährliche Schuldenspirale. Denn wer zu lange in den Miesen ist, dem geben die Banken keine Kredite mehr. Um Saat, Dünger und Spritzmittel kaufen zu können, müssen die Baumwollbauern also im folgenden Jahr zu privaten Geldgebern gehen, berichtet Kale. Und die verlangen oft Zinsen in Höhe von 60 Prozent.

Teure Gensaat für die Bauern

Die zwielichtigen Finanzgeschäfte sind aber nicht der Kern des Problems, sondern nur ein Verstärker: Kritiker sehen als Ursache der vielen Suizide die 2002 eingeführte genmanipulierte Baumwolle. Inzwischen wird sie auf 95 Prozent der indischen Felder angebaut. Für die Bauern ist sie eine gefährliche Verlockung.

Durch den Eingriff ins Erbgut besitzen die Pflanzen eine Resistenz gegen den Hauptfeind der Malvengewächse: den Baumwollkapselwurm. So sollen die Sorten den Bauern höhere Erträge liefern, und das lassen sich die Hersteller teuer bezahlen. Die Saat kostet zum Teil das Vierfache von alten Sorten, zudem ist sie steril gezüchtet, wodurch die Landwirte sie jedes Jahr neu kaufen müssen – zusammen mit auf sie abgestimmten Pestiziden. Und es gibt noch ein Problem: Die Baumwolle aus dem Labor trifft auf ungeschulte Bauern. Das nötige Wissen zum Umgang mit der neuen Saat fehlt in den meisten Dörfern. Beraten werden die Bauern oft nur von lokalen Agrarhändlern, die von größtmöglichen Verkäufen profitieren.

Die Folgen spüren nicht nur die Farmer im Portemonnaie, sie zeigen sich auch in der Umwelt. Zehn Prozent der weltweit eingesetzten Pflanzenschutzmittel werden nach den Berechnungen des Netzwerks waterfootprint.org allein im Baumwollanbau verbraucht. Problematisch ist zudem die exzessive Bewässerung: Um ein Kilogramm Baumwolle zu produzieren – so viel der Fasern stecken in einer Jeans – werden 10 000 Liter Wasser verbraucht. Neben Zuckerrohr und Reis gehört die Baumwolle zu den Nutzpflanzen, die das meiste Frischwasser benötigen und so die Artenvielfalt bedrohen – das war 2004 ein Ergebnis einer Studie des WWF, in der untersucht wurde, welches die größten Stressfaktoren der Landwirtschaft für Ökosysteme sind.

Baumwolle gehört zu den Nutzpflanzen, die am Stärksten die Artenvielfalt bedrohen.
Bild: Xenia von Polier

10 000 Liter Wasser für ein Kilogramm Baumwolle

„Wir wollten etwas dagegen unternehmen“, erzählt Murli Dhar, stellvertretender Direktor für das Programm „Nachhaltige Landwirtschaft“ beim WWF in Indien. „Also bemühten wir uns, ein Konzept auf den Markt zu bringen, das den Wasserverbrauch ebenso senkt wie den Einsatz von Kunstdünger und Spritzmitteln.“ Dazu versuchten die Umweltschützer mit jenen Unternehmen, die weltweit die größten Mengen Baumwolle verbrauchen, ein Bündnis zu schmieden.

2009 entstand der Schweizer Verein Better Cotton Initiative (BCI), der NGOs wie den WWF, Oxfam und das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) zusammenbrachte mit Verbänden von Baumwollbauern und Textilherstellern. Darunter Modelabels wie Adidas und H&M. Auch Ikea wurde Gründungsmitglied. Wie der WWF hatte der blau-gelbe Möbelriese 2004 in einer Untersuchung seiner Lieferketten die verheerenden Auswirkungen der Baumwollproduktion erkannt – und die eigene Verantwortung. Denn rund ein Prozent der weltweit produzierten Baumwolle landet in Ikea-Produkten wie Gardinen, Sofabezügen oder Bettwäsche. „Unser Ziel war es, den Baumwollmarkt zu verändern. Wir wollten, dass sämtliche Baumwolle aus nachhaltiger Produktion stammt“, sagt Pramod Singh, der bei Ikea die Baumwoll-Sparte leitet.
Aber ist das zu schaffen? Weltweit sind rund 300 Millionen Menschen auf dem Baumwoll-Markt tätig. Pro Jahr werden rund 24 Millionen Tonnen der weißen Fasern produziert. Wie sollte der Wandel gelingen?

Reif für die Ernte: Das pflücken der Baumwolle in Maharashtra ist Aufgabe der Frauen.
Bild: Xenia von Polier

300 Millionen Menschen arbeiten für die weißen Fasern

„Damals wussten wir nicht wirklich, was getan werden muss, um die Schwierigkeiten im Baumwollanbau zu meistern“, gibt Murli Dhar vom WWF in Indien zu. Als Test begannen 2005 der WWF und Ikea Feldtrainings in Pakistan zu organisieren. In Kursen sollten 500 Baumwollbauern neue Techniken lernen: zum Beispiel wie sich durch Tröpfchenbewässerung das Einschlämmen ganzer Äcker vermeiden lässt und mit welchen Insektenfallen Spritzmittel gespart werden können. Das Konzept ging auf: Schon bald wollten immer mehr Farmer an dem Programm teilnehmen. Denn durch die Schulungen stiegen ihre Einnahmen, ihre Ausgaben sanken und nebenbei profitierte auch noch die Umwelt.

Acht Jahre nach der offiziellen Gründung hat das Better-Cotton-Siegel die Reichweite anderer Nachhaltigkeitsinitiativen bereits um ein Vielfaches übertroffen: Weltweit haben rund 1,5 Millionen Bauern aus 23 Ländern an den Schulungen teilgenommen. Über 12 Prozent der weltweit produzierten Baumwolle werden unter den BCI-Standards produziert. Gleichzeitig drängt sich aber die Frage auf: Wie nachhaltig ist die Better-Cotton-Baumwolle wirklich? Kann ein Konzept, das genmanipulierte Saat zulässt und bei synthetischen Pestiziden und Dünger den Einsatz nur drosselt, aber nicht verbietet, überhaupt der Umwelt helfen? Die Bilanz zeigt: 2015 haben allein in Indien 270 000 BCI-Farmer im Schnitt 20 Prozent weniger Pestizide je Hektar eingesetzt. Gleichzeitig ging auch ihr Wasserverbrauch um 20 Prozent zurück. Zudem gelang es den Bauern, ihre Ernteerträge um 11 Prozent und ihre Rentabilität sogar um 40 Prozent zu steigern.

„Durch Better Cotton sind meine Erträge gestiegen“, erzählt Samadhan Shamrao.
Bild: Xenia von Polier

Immer weniger Bio-Baumwolle

Doch Kirsten Brodde von Greenpeace ist kritisch. „Statt des Top-Standards Bio-Baumwolle wird den Kunden ein Mindeststandard untergejubelt und mit dem schwammigen Begriff ‚nachhaltig‘ geadelt“, sagt die Textilexpertin. „Gleichzeitig schrumpft der Anbau von Bio-Baumwolle – der Marktanteil liegt gegenwärtig bei 0,4 Prozent der Ernte von Baumwolle weltweit. Allein in Indien sind es 20 Prozent weniger Bio-Baumwolle als in der Erntesaison zuvor – vermutlich wechseln die Bauern zu Standards wie Better Cotton, die weniger verlangen.“

Vom Vergleichsportal Siegelklarheit, das die Bundesregierung initiiert hat und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ausführt, bekommt Better Cotton dagegen die Note „gut“. „Mit ihren Anforderungen setzt die BCI bewusst niedriger an als andere Systeme. Die Initiative möchte damit möglichst vielen Produzenten den Einstieg ermöglichen. Sie werden Schritt für Schritt zu einem nachhaltigeren Anbau hingeführt,“ sagt Silke Peters von Siegelklarheit. Ein wichtiger Start, kein Premiumstandard wie zum Beispiel Fairtrade, das ist Better Cotton für die Siegel-Expertin: „Wir sind aber der Überzeugung, dass beide Ansätze ihre Berechtigung haben und sich ergänzen“, sagt Peters. Denn noch immer ist der Anteil der Bauern, die überhaupt mit einer Nachhaltigkeitsinitiative in Berührung kommen, ziemlich gering. Viele von ihnen sind auch erst mal skeptisch gegenüber jeglichen neuen Techniken. Und entscheidend ist für sie, dass sich die Nachhaltigkeit am Ende auszahlt.

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Bauer Samadhan Shamrao schickt mit dem zusätzlichen Geld, das er nun verdient, seine zwei Söhne auf eine Privatschule. Wie die meisten seiner Nachbarn in Nandkheda wünscht er sich für sie vor allem: dass sie später studieren, einen guten Job in der Stadt finden und bloß nicht als Baumwollbauern arbeiten müssen.