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17 May 2016 / Lesezeit: 4 minuten

Diskussion um Pflanzenschutzmittel

Kommt das Aus für Glyphosat?

Wird Glyphosat verboten, müssten Bauern andere Herbizide versprühen – oder sich Alternativen suchen

Titelbild: hpgruesen/Pixabay

Titelbild: hpgruesen/Pixabay

„Glyphosat ist krebserregend, gelangt in unseren Körper und sollte verboten werden – und sowieso: Monsanto!“, sagen die einen. „Alles Quatsch, kein Krebsrisiko, alternativlos, Umweltverbände betreiben Panikmache“, die anderen. Aber wer hat recht? Wir zeigen, wer welche Meinung in der Debatte vertritt – und welche Argumente vorgebracht werden

Am Donnerstag hat die Diskussion um Glyphosat endlich ein Ende. Dann entscheidet die EU-Kommission, ob das Pflanzenschutzmittel in Europa weiter zugelassen bleibt. Gibt es grünes Licht für Glyphosat, dürfte es danach schwer werden, das Herbizid von den Feldern zu verbannen – zumindest, bis die Zulassung erneut ausläuft. In den letzten Wochen und Monaten wurden deshalb hitzige Diskussionen um Glyphosat geführt. Das EU-Parlament hat sich für eine weitere Zulassung ausgesprochen – mit Einschränkungen. So soll sie nicht für 15, sondern nur 7 Jahre bewilligt werden. Zudem solle der nichtprofessionelle Einsatz verboten werden, genauso wie einige Zusatzstoffe.

Die Entscheidung der Kommission wird nun mit Spannung erwartet und ist derzeit völlig offen. Denn Glyphosat ist das am meisten eingesetzte und diskutierte Herbizid der Welt. Es ist ein Symbol für eine chemiebelastete Landwirtschaft, das die Meinungen spaltet. Auch die Bundesregierung ist sich nicht einig, ob der Stoff auch über den Sommer 2016 hinaus erlaubt sein darf. Dabei könnte Deutschland in der Entscheidung das Zünglein an der Waage sein. Zeit, die einzelnen Standpunkte einmal genauer anzusehen.

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Vereinte Nationen

Stein des Anstoßes der gesamten Diskussion war eine Studie der Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die kam zu dem Schluss: Glyphosat ist „wahrscheinlich krebserregend”. Diese Einschätzung vom Juli 2015 ist seitdem das Fundament, auf dem der Protest gegen das Ackergift baut.

Vor Kurzem traf sich in Genf dann allerdings noch einmal eine andere Arbeitsgruppe, dieses Mal mit Vertretern von WHO und der Welternährungsorganisation FAO. Sie hat untersucht, ob Glyphosatrückstände in Lebensmitteln krebserregnd sind. Nein, lautet das Ergebnis dieser Experten. Fazit: Die Organisationen der Vereinten Nationen sind sich uneins, wie Glyphosat bewertet werden soll.

Efsa/BfR

Besonders von den letzten Resultaten fühlt sich das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bestätigt. Denn das deutsche BfR hatte in Vorbereitung auf die Entscheidung am Donnerstag ebenfalls die Gefährlichkeit von Glyphosat untersucht, im Auftrag der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde Efsa. Seit Monaten werden die Experten hier nicht müde zu betonen: Das Pestizid ist keine Bedrohung für den Menschen und bei ordnungsgemäßer Anwendung nicht gesundheitsschädlich oder gar krebserregend. Die gegensätzlichen Positionen von BfR und IARC prägten die Diskussion über lange Zeit hinweg.

Bauern/Wirtschaft

Wer lange nicht gehört wurde, sind die Landwirte. Dabei sind sie es, die das Mittel letztlich einsetzen, damit auf ihren Feldern kein Unkraut wächst. Damit sparen sie sich aufwendiges und teils umweltschädliches Pflügen. Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat tragen nämlich auch dazu bei, Erosion und trockene Böden zu vermeiden. Bei einem Verbot müssten Landwirte auf aufwendigere oder nicht so wirksame Alternativen zurückgreifen, was letztlich auch geringere Erträge bedeuten könnte. Das bestätigte auch eine Untersuchung des Julius-Kühn-Instituts (JKI), die vor wenigen Monaten vorgestellt wurde. Sie zeigte: In der Welt der Herbizide ist Glyphosat bislang konkurrenzlos. Lediglich „mechanische Maßnahmen” zur Unkrautbekämpfung, wie traditionelles Pflügen, könnten eine wirksame Alternative sein, aber längst nicht überall.

Deswegen ist der Bauernverband für die Neuzulassung und verweist auf die strengen Zulassungskriterien, die alle eingehalten würden. Was die Hersteller von Glyphosat-Herbiziden von der Diskussion halten, dürfte klar sein. Allein der Marktführer Monsanto macht mit der Chemikalie einen Umsatz von mehreren Milliarden Dollar. Sollte die EU-Kommission die Neuzulassung verhindern, könnten aber andere Pestizid-Hersteller davon profitieren.

Verbraucherschützer

Vor allem in Deutschland führte die Diskussion früh zu heftigen Kontroversen: Umweltverbände und andere Initiativen überboten sich in den vergangenen Monaten mit immer neuen Studien und Untersuchungen. So wurde Glyphosat im Urin und in Bieren nachgewiesen. Die Forderung, die immer daraus folgt: Das Pflanzenschutzmittel sollte verboten werden. Die gewonnenen Erkenntnisse sind nicht neu und haben teilweise methodischen Schwächen – zeigen aber überwältigende Wirkung in der Öffentlichkeit und in den Medien.

Forschung

Die Forschung ist – wie die unterschiedlichen Bewertungen der verschiedenen Institute zeigen – gespalten. Im November 2015 haben sich 96 Forscher aus der ganzen Welt in einem offenen Brief an den EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit gewandt. Darin schließen sie sich der Einschätzung an, Glyphosat sei krebserregend und fordern, die Neuzulassung nicht zu erteilen. Das BfR kritisieren sie für dessen methodisches Vorgehen.

Bundesregierung

In den letzten Wochen hat die Diskussion um Glyphosat an Fahrt gewonnen. Schuld ist ein Streit in der Bundesregierung. Die SPD-geführten Ministerien wollen der Zulassung von Glyphosat plötzlich nicht zustimmen, das ließ unter anderem Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) über Twitter mitteilen. Die Unsicherheiten seien einfach zu groß, niemand wisse endgültig, wie gefährlich das Mittel sei.

Christian Schmidt, Landwirtschaftsminister aus der CSU, will hingegen dafür stimmen. Im Ergebnis müsste sich die Bundesregierung enthalten, dabei gilt Deutschland in der Entscheidung als Zünglein an der Waage. Fehlt hier das „Ja” zu Glyphosat, kann die Neuzulassung scheitern. Denn andere Länder wie Frankreich oder die Niederlande haben bereits angekündigt, dagegen zu stimmen.

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Und jetzt?

Auch wenn die EU-Kommission Glyphosat weiter in Europa erlaubt: Die Diskussion wird weitergehen. Dafür sind die Fronten zu verhärtet. Dabei ist eine klare Position pro oder contra Glyphosat nicht möglich, weil die Forschungsergebnisse nicht eindeutig sind. Ein weiteres Fragezeichen sind Zusatzstoffe. Auf den Feldern landet nämlich nicht reines Glyphosat, sondern Stoffgemische. Wie diese die Wirkung auf den Menschen beeinflussen, muss in jedem Einzelfall untersucht werden. Auch steht noch die Neubewertung durch die Europäische Chemikalienagentur Echa aus.

Dass Glyphosat für Mensch und Umwelt vollkommen ungefährlich ist, gilt insgesamt als nicht vollständig gesichert. Und dann muss eigentlich ein Grundsatz der europäischen Umwelt- und Gesundheitspolitik greifen: das Vorsorgeprinzip. Dies besage laut Umweltbundesamt, „bei unvollständigem oder unsicherem Wissen über Art, Ausmaß, Wahrscheinlichkeit sowie Kausalität von Umweltschäden und -gefahren vorbeugend zu handeln, um diese von vornherein zu vermeiden”.