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3 Februar 2021 / Lesezeit: 3 minuten

Regenwald-Abholzung?

Von hier kommen Sojabohnen für Tofu & Drinks wirklich

Ein Sojafeld in Bayern: Die Sojabohnen für Tofu-Produkte oder Sojadrinks in deutschen Supermärkten stammen in der Regel aus Europa.

 

Bild: IMAGO / Westend61

Bild: IMAGO / Westend61

„Aber für euer Soja wird doch Regenwald abgeholzt“ – das ist noch immer ein beliebtes Scheinargument gegen einen veganen oder vegetarischen Lebensstil. Mal davon abgesehen, dass Soja für die wenigsten Vegetarier*innen ein Grundnahrungsmittel ist, hinkt das Argument auch inhaltlich ganz gewaltig.

Wer Tofu isst, trägt zur Abholzung des Regenwalds bei? Wir sind sicher nicht die einzigen, die das nicht mehr hören können und sind dieser Behauptung auf den Grund gegangen.

Wahr ist, dass über drei Viertel der weltweiten Sojaernte aus Brasilien, den USA und Argentinien stammt (s. FAO). Insbesondere in Brasilien sind Regenwaldrodungen zugunsten von Ackerland tatsächlich ein bekanntes Problem. Allerdings: Der allergrößte Teil des weltweit angebauten Sojas wird zu Tierfutter verarbeitet; verschiedenen Quellen zufolge sind es 75 bis 90 Prozent. Ein großer Teil der restlichen Sojabohnen wird zu Sojaöl. Damit ist der Anteil, der zu anderen Lebensmitteln für den menschlichen Verzehr verarbeitet wird – etwa die gern zitierten Tofu-Produkte oder Sojadrinks – also vergleichsweise gering.

Sojabohnen wachsen auch in Europa

Trotzdem, so könnte man argumentieren, könnte für Soja Regenwald abgeholzt worden sein. Theoretisch: Ja. Praktisch ist das zumindest für deutsche Waren sehr unwahrscheinlich. Sojabohnen, aus denen Tofu, Sojadrinks oder andere pflanzliche Alternativprodukte für den deutschen Markt hergestellt werden, kommen fast immer aus Europa, oft sogar aus Deutschland und den Nachbarländern. Das löst aber natürlich nicht alle Probleme der Landwirtschaft.

Zum Beispiel, dass lokale bäuerliche Betriebe vor allem in Zentral- und Osteuropa, drohen, verdrängt zu werden. Mehr als 80 Prozent der Agrarflächen, auf denen spezielle Getreidesorten, Ölsaaten und Eiweißpflanzen angebaut werden, sind bereits in der Hand großer und sehr großer Betriebe. Industriell produzierte Nahrungsmittel und die damit einhergehenden Abfallprodukte können zu großen ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Problemen führen – externe Kosten werden nicht berücksichtigt. Ein großes Problem sind etwa die ökologischen Konsequenzen von Monokulturen und Überdüngung. Nun muss man sich aber zumindest um Regenwald-Rodungen nicht sorgen.

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Wem also bei der nächsten Debatte über pflanzliche Ernährung wieder einmal die Behauptung entgegenschlägt, man sei als Tofu-Konsument*in an der Regenwald-Zerstörung schuld und damit ja eigentlich überhaupt nicht besser als Fleischesserinnen und könne sich das Ganze eigentlich sparen – der oder die kann nun beruhigt antworten, dass das unwahrscheinlich ist, weil unser Soja nämlich gar nicht aus Regenwald-Regionen kommt.

Im Gegenteil wird der Regenwald sehr viel wahrscheinlicher gerodet, um Platz für Futtermittel und damit für Fleisch zu machen. Wer sich also ernsthaft um den Regenwald sorgt, verzichtet besser auf Fleisch und Milch als auf Sojaprodukte.

Und nein, das macht Vegetarier*innen und Veganer*innen nicht zu besseren Menschen, denn es gibt noch haufenweise Fallstricke und Konfliktfälle, die es abzuwägen gilt. Und es gilt auch sicher nicht für alle Länder. Aber es hilft vielleicht zumindest hier, lähmenden Scheinargumenten etwas entgegenzusetzen und manche Fleischfans zum Nachdenken zu bringen.

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Hierher kommen die Sojabohnen für Tofu & Sojadrinks

Wir haben – exemplarisch und ohne Anspruch auf Vollständigkeit – bei den großen Handelsketten und einigen bekannte Marken recherchiert, woher das Soja für ihre Tofus und Drinks kommt.

Aldi Nord und Aldi Süd, ReweBio sowie Dm und Rossmann beziehen das Soja für ihre Natur-Tofu-Marken aus Deutschland oder Österreich. Lidl setzt für seinen Natur Tofu auf Sojabohnen aus Frankreich. Auch Edeka verwendet Soja aus Europa, die genaue Herkunft wird jedoch nicht deklariert. Das gleiche gilt für die Soja Drinks der Handelsketten: Die Sojabohnen für die pflanzliche Milchalternative werden bei allen Ketten aus Anbauregionen in Europa bezogen. Die Marke Alpro verwendet Sojabohnen aus Frankreich, Belgien, Niederlande und Kanada.

Auch bekannte Bio-Marken beziehen Soja hauptsächlich aus EU-Ländern. So kommen im Soja Drink von Allos zum Beispiel Bohnen aus Italien zum Einsatz. Das Soja im Sojade Sojadrink Natur stammt aus Frankreich und im Tofu Natur von Taifun stecken Sojabohnen aus Deutschland, Österreich oder Frankreich. Auch Alnatura verwendet für Tofu und Drinks Sojabohnen aus Österreich bzw. Europa. Die Sojabohnen in Produkten von Natumi stammen ebenfalls aus Österreich und ausnahmsweise auch aus anderen EU-Ländern. Provamel nutzt Sojabohnen aus Europa, vor allem aus Frankreich, Italien und Österreich. Die Kennzeichnung auf der Verpackung deklariert jedoch: „EU/Nicht-EU-Landwirtschaft“. Auf weitere Nachfrage dazu haben wir leider keine Antwort erhalten.

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Zwar bildet die Auswahl nur einen Ausschnitt des Marktes ab, aber die Ergebnisse liefern eine sehr eindeutige Tendenz: Die Mehrheit der wichtigen Supermarktketten und Marken bezieht ihre Sojabohnen aus Europa.

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