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25 January 2019 / Lesezeit: 3 minuten

CO2-Kompensation bei Flügen

„Wir brauchen mehr Aufklärung“

Mit freiwilligen Ausgleichszahlungen die CO2-Spur der Flugreise kompensieren – wie funktioniert das und ist es sinnvoll? Ein Gespräch mit Wirtschaftsforscher Andreas Ziegler von der Universität Kassel

Titelbild: Aditya Vyas/Unsplash

Titelbild: Aditya Vyas/Unsplash

Mit freiwilligen Ausgleichszahlungen die CO2-Spur der Flugreise kompensieren – wie funktioniert das und ist es sinnvoll? Ein Gespräch mit Wirtschaftsforscher Andreas Ziegler von der Universität Kassel

Herr Ziegler, es gibt zahlreiche Ansätze, um seine Treibhausgasemissionen bei einer Flugreise mit freiwilligen Ausgleichszahlungen zu kompensieren. Welche Form ist am besten?

Vom Prinzip sind alle Ansätze ähnlich: CO2, das an einer Stelle in die Atmosphäre gelangt ist, soll an anderer Stelle eingespart werden. Die meisten Anbieter setzen dabei auf Aufforstungen, Investitionen in erneuerbare Energien und mehr Energieeffizienz. Sie fördern mit den Ausgleichszahlungen beispielsweise den Zugang zu Solarkochern oder effizienteren Öfen in Entwicklungsländern. Dadurch muss weniger Holz verbrannt werden – das CO2 bleibt in den Bäumen gebunden, statt in die Atmosphäre zu gelangen.

Wo sollte in Klimaschutz investiert werden?

Aus Klimasicht ist es völlig egal, wo kompensiert wird. Aus rein ökonomischer Sicht sollte dagegen eher dort investiert werden, wo sich mit einem Euro am meisten CO2-Emissionen einsparen lassen – in Entwicklungsländern. Effizientere Öfen etwa kommen dort mit bis zu 80 Prozent weniger Energie aus. So sparen sie den Menschen vor Ort Ausgaben, die Luft in der Region wird besser. Auf der anderen Seite sind Industrienationen Vorbild. Daher sollte auch hier der Klimaschutz vorangetrieben werden – selbst wenn es manchmal teurer ist. Deutsche Verbraucher allerdings haben klare Präferenzen: Sie wünschen sich vor allem Aufforstungen – am liebsten vor der eigenen Haustür. Das ist ein Ergebnis aus unseren Studien.

Wenn ich meine CO2-Emissionen ausgleichen will: Worauf sollte ich bei der Wahl des Anbieters achten?

Vor allem Qualität und Transparenz sind entscheidend. Bei den großen Anbietern sind die Projekte nach dem CDM Gold Standard zertifiziert. Das ist der höchste Qualitätsstandard für Kompensationsprojekte. Laut CDM dürfen die Zahlungen nur in Projekte gehen, die sonst nicht hätten durchgeführt werden können. Hilfreich ist auch die Stiftung Warentest. Anfang 2018 hat sie sechs Anbieter für CO2-Ausgleichszahlungen verglichen. Testsieger war Atmosfair, aber auch Klima-Kollekte und Primaklima schnitten mit „sehr gut“ ab. Ein wichtiger Aspekt der Bewertung war dabei, ob die Anbieter die Kompensation zur Lösung aller Probleme erklären oder nicht.

Der Papst hat sich dazu ja klar geäußert, er bezeichnete Klimakompensationen Anfang 2017 als „Heuchelei“. Andere sprechen von „modernem Ablasshandel“. Die Menschen kaufen sich billig ein gutes Gewissen. Spenden, losfliegen, gut fühlen.

Diese moralische Argumentation kommt nicht nur von Kirchen, sondern war lange Zeit auch bei Umweltverbänden und im Umweltbundesamt verbreitet.

Ganz von der Hand zu weisen ist sie nicht.

Keine Frage: Das Beste ist die Vermeidung von Treibhausgasemissionen. Wo das nicht geht, sollten sie zumindest verringert werden. Der Ausgleich ist dagegen immer die letzte Option. So sieht es heute auch das Umweltbundesamt. Die generelle Skepsis gegen Ausgleichszahlungen kann ich nicht teilen. Unsere Studien zeigen, dass die Zahlungen zum Klimaschutz beitragen, also mehr als ein gutes Gewissen schaffen.

Gibt es Zahlen zum Flugverhalten von Menschen, die den CO2-Effekt ihrer Reisen ausgleichen?

2013 haben wir eine repräsentative Befragung bei Verbrauchern in den USA und Deutschland durchgeführt. Sie zeigt: Es gibt keinerlei Evidenz dafür, dass freiwillige CO2-Kompensationen zu mehr Flugreisen oder weniger klimabewusstem Handeln in anderen Bereichen führen. Im Gegenteil. Menschen, die ihre Flugreisen kompensieren, sind ohnehin umweltbewusst. Sie sparen im Haushalt Energie, fahren wenig mit dem Auto. Ich sehe das Problem anderswo: Es gleichen zu wenig Menschen aus. Nur etwa zehn Prozent haben überhaupt schon einmal den eigenen CO2-Ausstoß kompensiert. Prinzipiell vorstellen kann es sich aber immerhin ein Drittel.

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Wie kann man die Kompensationsquoten erhöhen?

Durch Aufklärung. Ein Großteil der Bevölkerung weiß nicht, wie Kompensationen funktionieren – geschweige denn, wie und wo man ausgleichen kann. Das sollte sich ändern. Zudem könnten Unternehmen mitziehen. Unsere Studien haben gezeigt, dass Menschen eher zu CO2-Ausgleichzahlungen bereit sind, wenn sich der Reiseanbieter an den Kosten beteiligt.