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25 June 2015 / Lesezeit: 5 minuten

CO2-Kompensation bei Flügen

In Luft aufgelöst

Echter Beitrag zum Klimaschutz oder nur moderner Ablasshandel? Bei CO2-Kompensationen von Flugreisen scheiden sich die Geister

Titelbild: JESHOOTS.COM/Unsplash

Titelbild: JESHOOTS.COM/Unsplash

Flug gebucht, Klima geschädigt: Bei umweltbewussten Verbrauchern geht das schlechte Gewissen mit auf Reisen. Also kompensieren sie ihre CO2-Emissionen. Doch wie viel bringt das?

Man riecht es nicht, man sieht es nicht – und doch könnte dieses unscheinbare Molekül bald Ursache für verheerende Katastrophen sein. Die Rede ist von Kohlenstoffdioxid, kurz: CO2. Selbst wer im Chemieunterricht stets einzunicken pflegte, weiß heute, dass die Flugzeuge, Autos und Kohlekraftwerke dieser Welt das Treibhausgas in riesigen Mengen in die Luft blasen. Die Folgen: Die Erde heizt sich auf, die Pole schmelzen, Küsten drohen im Meer zu versinken, andere Regionen könnten von Dürren geplagt werden. Immer mehr Menschen wollen daher den CO2-Ausstoß ihres Fluges, ihrer Busfahrt oder ihrer E-Mails kompensieren oder sogenannte klimaneutrale Produkte kaufen.

Gegner beschimpfen Kompensationen als Ablasshandel. Und tatsächlich lassen sich durch derlei Angebote weitere Umweltschäden lediglich minimieren, aber nicht verhindern. Befürworter hingegen sagen: besser als nichts! enorm beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema CO2– Kompensation.

Wie funktioniert die Kompensation?

Wer das Klima schonen, aber trotzdem übers Wochenende nach Barcelona fliegen möchte, kann nach der Buchung die Webseiten von Kompensationsagenturen wie Atmosfair oder Myclimate besuchen und dort einen Betrag überweisen. Dieser richtet sich in der Regel nach Kriterien wie Flugdistanz, Verbrauch oder Sitzklasse – auch die ist wichtig, denn sie gibt Auskunft über die Beinfreiheit und damit über effiziente Platznutzung im Flugzeug. Ein Beispiel: Bei Myclimate, dem größten nicht kommerziellen Anbieter, kostet die CO2-Kompensation eines Fluges von Frankfurt nach Barcelona sechs Euro pro Person. Geht’s nach Sydney, werden 82 Euro fällig.

Myclimate, eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in der Schweiz, überweist das Kompensationsgeld zum Beispiel an eine Organisation auf Madagaskar, die Solarkocher produziert und günstig verkauft. Das reduziert den Verbrauch von Brennholz für die traditionellen Öfen; bislang wurden so rund 760 000 Tonnen Holz eingespart und damit die C02-Emissionen reduziert. Für ein Projekt in der Türkei wiederum kaufte Myclimate 18 Windräder, ließ sie aufstellen und ans nationale Stromnetz anschließen. Seitdem werden jedes Jahr rund 30 000 Tonnen CO2 eingespart, weil ein Kohle- oder Gaskraftwerk überflüssig geworden ist.

Allein 2013 konnte Myclimate knapp 12 Millionen Euro in Klimaschutzprojekte investieren. Die Zahl erscheint allerdings nur auf den ersten Blick hoch. „Nur etwa ein Prozent aller Flüge weltweit werden kompensiert“, sagt René Estermann, Geschäftsführer von Myclimate.

Immerhin steigt die Anzahl der Emissionsgutschriften. 2013 ist der Gesamtmarkt um ein Drittel gewachsen; neuere Zahlen gibt es bislang nicht. Ein Grund dürfte sein, dass Kunden den CO2-Ausstoß ihres Fluges mittlerweile auch direkt auf den Seiten einiger Fluggesellschaften ausgleichen können. Diese kooperieren dafür oftmals mit den bekannten Agenturen.

Was lässt sich außer Flügen kompensieren?

Während bis vor einigen Jahren nur Fluggäste anfallende Emissionen ausgleichen konnten, gibt es inzwischen eine ganze Palette unterschiedlicher Produkte, die sich an klimabewusste Verbraucher richten. So kann man mittlerweile unter anderem auch Busreisen oder Hotelaufenthalte kompensieren – und auch Blumensträuße, Notebooks oder Ananas kaufen, ohne das Klima zusätzlich zu belasten.

Meistens geben die Unternehmen dem Kunden die Möglichkeit, direkt beim Einkauf einen freiwilligen Aufpreis zu zahlen und ein Produkt damit klimafreundlicher zu gestalten. Laut Umweltbundesamt wird jede zweite Kompensation gleich mitgebucht.

Die Ausgleichsmöglichkeit direkt beim Kauf oder bei einer Bestellung im Internet bietet zwei Vorteile: Die Hersteller von Produkten können Emissionen in Zusammenarbeit mit den Kompensationsagenturen viel präziser errechnen als die Kunden. Diesen wird so das Gefühl vermittelt, dass ihre Emissionen exakt kompensiert werden. Vor allem aber erleichtern die Unternehmen ihren Kunden das Kompensieren: Sie müssen keine zusätzlichen Formulare einer Agentur ausfüllen, sondern es reicht ein ergänzender Mausklick, etwa beim Buchen einer Busverbindung.

Was bedeutet klimaneutral?

Tatsächlich fallen bei der Herstellung der als „klimaneutral“ gekennzeichneten Produkte meistens durchaus hohe CO2– und andere Treibhausgas-Emissionen an. Das Adjektiv sagt lediglich aus, dass diese Emissionen ausgeglichen werden, in der Regel mithilfe der Kompensationsagenturen.

Jedoch rechnen viele Unternehmen neben dem eigenen CO2-Ausstoß nur sogenannte Vorleistungen in die Klimabilanz der Herstellung ein – also zum Beispiel den Benzinverbrauch der Firmenflotte, die Verpflegung der Mitarbeiter oder den Stromverbrauch. Bau und Betrieb von Lagerhallen etwa oder die Neuanschaffungen von Lieferwagen werden hingegen meist nicht berücksichtigt, obwohl auch das CO2 verursacht. „Sobald ein Unternehmen auch seine Gebäude und ähnliches in die CO2-Bilanz mitaufnehmen möchte, stehen wir ihm gern zu Seite“, sagt Dennis Uieß von Climate Partner, einem Anbieter, der für Unternehmen wie Canon oder Herlitz CO2-Bilanzen errechnet. „Aber bisher hat sich das nicht durchgesetzt.“ Uieß macht den bislang fehlenden Druck durch die Verbraucher dafür mitverantwortlich.

Was bringt die Kompensation?

Die Rechnung ist verführerisch: Solange ich alle Emissionen kompensiere, kann ich so viel fliegen und so viel konsumieren, wie ich will. Die CO2-Kompensation ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass immer noch deutlich zu viele Treibhausgase in die Luft gelangen. Weniger fliegen und konsumieren, das wäre also das richtige Mittel. Wenn sich die Erde laut klimapolitischem Ziel der UN nur um zwei Grad erwärmen soll, dann dürften wir zum Beispiel nur noch 20 Prozent der restlichen fossilen Brennstoffe verbrauchen, rechnet zum Beispiel Bill McKibben vor, Gründer der Umweltorganisation 350.org.

Die Emissionen sollten im Sinne der Umwelt also nicht konstant gehalten, sondern drastisch gesenkt werden. In dieser Frage ist sich der größte Teil der Wissenschaftler einig.

Das ist auch den Kompensationsagenturen bewusst. „Ich wünsche mir, dass es Myclimate irgendwann einmal nicht mehr gibt – weil wir kaum noch CO2 ausstoßen, das kompensiert werden müsste“, sagt René Estermann, Geschäftsführer von Myclimate. Die für das Klima beste Lösung sei, möglichst wenig Emissionen zu produzieren und nur auszugleichen, was sich wirklich nicht vermeiden lässt. Im Alltag bedeutet das: den Computer reparieren lassen statt einen neuen zu kaufen, mit der Bahn fahren anstatt zu fliegen, so oft es geht aufs Auto verzichten. Und: Öko- statt konventionellen Strom kaufen. Ein Drittel aller Treibhausgasemissionen weltweit werden bei der Erzeugung von Strom und Wärme in die Luft geschleudert – mit Ökostrom lässt sich also schon mal ein Großteil der Emissionen einsparen.

Eine umweltfreundliche Alternative gibt es im Flugverkehr nicht. Zwar verursachen Flüge weltweit nur knapp über zwei Prozent aller Emissionen. Die Tendenz ist aber stark steigend. Umweltschutzorganisationen sagen darum vor allem zu Kurztripps wie nach Barcelona: am Boden bleiben. Und lässt sich ein Flug gar nicht vermeiden: kompensieren.

Welche Agenturen arbeiten seriös?

Die meisten renommierten Kompensationsagenturen haben sich tatsächlich dem Erhalt des Klimas verschrieben. Einige Anbieter aber geben ihr Geld eher fragwürdigen Organisationen. So werden zum Beispiel Projekte unterstützt, die ohne die finanzielle Zuwendung genau die gleiche Leistung erbrächten. Der Kunde spendet also gutgläubig für ein Umweltprojekt, doch durch sein Geld wird nicht zusätzlich CO2 kompensiert – sondern eher das Gehalt der Umweltschützer aufgebessert.

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Doch wie lassen sich seriöse und schlechte Anbieter auseinanderhalten? Allein in Deutschland gibt es mindestens zwei Dutzend Kompensationsdienstleister. Ein guter Anhaltspunkt für Verbraucher: Darauf achten, dass die Projekte, die ein Anbieter unterstützt, mit dem Gold Standard ausgezeichnet sind. Der weltweit führende Zertifizierer für Klimaschutzprojekte prüft nicht nur die Reduktion der Emissionen, sondern garantiert auch ein Mindestmaß an Rücksicht gegenüber der lokalen Bevölkerung und Umwelt.

Ein weiteres Kriterium ist Transparenz. Wer zum Beispiel bei der Kompensation einer Busfahrt nicht erfahren kann, wohin sein Geld fließt, der sollte einen anderen Anbieter wählen. Grundsätzlich gilt: Am sichersten gehen Verbraucher, die nach dem Kauf bei einer der großen, renommierten Agenturen kompensieren oder – wenn sie gleich beim Einkauf die CO2-Emissionen ausgleichen – darauf achten, dass die jeweiligen Unternehmen oder Anbieter mit einer dieser Agenturen kooperieren.

  • Die gemeinnützige GmbH Atmosfair erhält wegen ihrer Transparenz, Verbraucherfreundlichkeit und ihres Engagements unter anderem von „Stiftung Warentest“ immer wieder Bestnoten.
  • Der Schweizer Anbieter Myclimate ist eine der ältesten Kompensationsagenturen und wird unter anderem vom Nachhaltigkeitsportal Utopia als besonders seriös gelobt.
  • Arktik ist nicht gemeinnützig, landete in einer Studie der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde im Auftrag der Verbraucherzentrale trotzdem auf Platz 2 hinter Atmosfair.
  • Climate Partner wendet sich zwar nur an Unternehmen, gilt aber als besonders zuverlässig. Wer „klimaneutrale“ Produkte kauft, dem begegnet der Anbieter immer wieder.