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26 April 2017 / Lesezeit: 4 minuten

Klimafreundliche Mobilität

Fahrrad-Leasing ist noch Neuland

Für viele Unternehmen ist die gleichberechtigte Förderung von Fahrradmobilität und PKW noch Neuland, meint der Erfinder von JobRad, Ulrich Prediger

Titelbild: JobRad

Titelbild: JobRad

Ulrich Prediger ist Erfinder von JobRad, einem Fahrradleasing-Anbieter für Arbeitnehmer und Selbstständige. Seit das Dienstwagenprivileg auch auf Fahrräder ausgeweitet wurde, läuft sein Geschäft immer besser. Ein Gespräch über den Wandel hin zu einer fahrradfreundlichen Mobilitätskultur

Herr Prediger, wie beurteilen Sie die Fahrradsituation in Deutschland?

Häufig hört man Städtebauer, warum soll ich Infrastruktur aufbauen, es gibt doch gar keine Radfahrer. Wir sind mit JobRad angetreten, um mehr Menschen aufs Rad zu bringen. Unsere Vision war und ist, dass Mitarbeiter, die mit dem Rad zur Arbeit fahren, dazu beitragen, die Fahrradkultur in Deutschland auf einen Level zu heben, wie das zum Beispiel in Holland schon längst der Fall ist. Da fährt der Ministerpräsident zur Klausurtagung, der Manager ins Büro und die Mutter zum Kindergarten, teilweise mit drei Kindern auf dem Rad oder zum Einkaufen, zum Sport, einfach überall hin. In Deutschland ist das Fahrrad noch sehr wenig in der Mobilitätskultur verankert. Es ist eher ein reines Sport- und Freizeitverkehrsmittel.

2012 wurde – auch mit Hilfe Ihres Einwirkens – das so genannte „Dienstwagenprivileg“ auf Räder und Pedelecs ausgeweitet. Wie hat das ihr Geschäftsmodell beeinflusst?

Nach den ersten durchaus beschwerlichen fünf Jahren seit unserer Gründung 2008, hat sich die Nachfrage nun deutlich gesteigert. Wir arbeiten inzwischen mit 4500 Arbeitgebern zusammen, bei denen theoretisch mehr als eine Million Arbeitnehmer Jobräder in Anspruch nehmen könnten. Darunter sind große Unternehmen wie die REWE Gruppe, Vaude oder SAP. Wir wachsen laufend, und so wie es aussieht, werden wir unsere sehr optimistischen Prognosen für dieses Jahr noch übertreffen. Wir profitieren auch sehr stark vom Trend zum E-Bike: Die Verteilung zwischen E-Bike und konventionellem Rad liegt beim JobRad-Leasing inzwischen bei 50 Prozent.

Das ist allerdings ein Trend, den wir auch selbst mitbefördern. Oft macht unser Konzept die Anschaffung eines E-Bikes oder Pedelecs erst möglich, weil die meist hochpreisigen Elektroräder erst über das Leasingmodell erschwinglich für Arbeitnehmer werden. Sie finanzieren das Rad per Gehaltsumwandlung über eine vergleichsweise geringe Rate ihres monatlichen Bruttoeinkommens und können es aber sofort nutzen. Das ist besonders für Mitarbeiter aus den unteren und mittleren Gehaltsbereichen interessant.

Klingt ja, als ob Sie mit der Situation zufrieden sein könnten?

Naja. Ein wesentlicher Grund, warum wir so erfolgreich sind, hängt mit rein wirtschaftlichen Aspekten zusammen. Unser Modell funktioniert vor allem so gut, weil das Leasing per Gehaltsumwandlung eine Steuerersparnis schafft. Aber wir wollen kein Steueroptimierungsmodell anbieten, sondern unser Anliegen ist es, mit JobRad die Mobilitätskultur zu verändern. Es gibt immer mehr Arbeitgeber, die das auch so sehen und darum die finanziellen Vorteile, die sie vom JobRad-Leasing haben direkt an Ihre Mitarbeiter weitergeben. Diesen Wandel möchten wir vorantreiben.

Ausschlaggebend sind oft einige wenige Mitarbeiter im Unternehmen, ich nenne sie mal – gar nicht despektierlich gemeint– „Fahrradfreaks“, die darauf drängen und hart dafür arbeiten, dass ein Arbeitgeber Fahrradleasing anbietet. Das ist toll, weil solche Vorreiter oft ausschlaggebend dafür sind, dass andere, die vorher gar nichts mit dem Rad am Hut hatten, einen ganz anderen Blick darauf bekommen. Aber besser wäre es natürlich, wenn der Arbeitgeber zusätzlich überzeugend und im professionellen Umfeld das Fahrrad bewirbt – was immer mehr Arbeitgeber, auch mit unserer Unterstützung, zum Glück tun.

Das heißt, aus Ihrer Sicht ist das Fahrrad als ernstzunehmendes Verkehrsmittel noch nicht in der deutschen Unternehmenskultur angekommen?

Es gibt Arbeitgeber, die sperren sich regelrecht dagegen. Was wirklich paradox ist, denn mit unserem Modell entstehen ja praktisch keine Kosten. Im Gegenteil, es ließe sich damit sogar Geld sparen. Der Firmenwagen ist nach dem Personal der zweitgrößte Kostenblock in deutschen Firmen. Für Autos geben Firmen Milliarden aus, ein Pkw-Parkplatz kostet zwischen 2000 und 20.000 Euro im Jahr, ein Fahrradparkplatz nur den Bruchteil davon – dass Unternehmen das erkennen, darauf versuchen wir einzuwirken.

Und die weichen Faktoren wie verbesserte Gesundheit, gesteigerte Produktivität bei den Mitarbeitern sowie natürlich die CO2-Einsparung sind Vorteile, die doch auf der Hand liegen. Wir arbeiten mit einem Unternehmen aus Bayern zusammen, das festgestellt hat, dass sich krankheitsbedingte Fehltage nach der Einführung von JobRad um bis zu zwei Tage pro Jahr reduzierten. Das ist doch auch ein Erfolg für das betriebliche Gesundheitsmanagement!

Was könnten Unternehmen aus Ihrer Sicht tun?

Wir wünschen uns, dass der Arbeitgeber ausgleichende Gerechtigkeit schafft zwischen Mitarbeitern, die mit dem Auto kommen, solchen die den Nahverkehr nutzen und denjenigen, die radeln. Oftmals gibt es ja eine Unterstützung für das ÖPNV-Ticket – was super ist. Aber warum kann es das nicht auch für ein JobRad geben? Für viele Arbeitgeber ist das einfach noch Neuland. Natürlich gibt es aber auch Unternehmen mit tollen Ansätzen. Die bezuschussen das JobRad, wenn man damit regelmäßig zur Arbeit kommt oder sponsern demjenigen, der auf einen Firmenparkplatz verzichtet, ein Leasingrad.

In der Stadt geht zum Arbeitgeber radeln in den meisten Fällen sicher ganz gut, aber ist das Rad denn wirklich auch ein geeignetes Verkehrsmittel in eher ländlichen Regionen?

Unsere teilnehmenden Unternehmen findet man in der gesamten Republik. Anteilsmäßig haben wir mehr Nachfrage aus den Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet, dem Großraum München, und auch im Südwesten passiert sehr viel. Aber genauso haben wir Arbeitgeber, die in sehr ländlichen Gebieten sitzen. Es ist ein reines Vorurteil, dass man in eher ländlichen Gebieten nicht mit dem Rad zur Arbeit fahren kann.

Wer selbst viel Rad fährt, weiß, dass in vielen Städten die Infrastruktur dafür alles andere als ideal ist. Haben sie das Gefühl, dass das Thema klimafreundliche Mobilität ernst genommen wird?

Wir bringen die Menschen aufs Rad – jetzt müssen die Städte und Kommunen dringend mit der Infrastruktur nachziehen. Leider gibt es immer noch viel zu wenig politische Unterstützung. Es gibt zum Beispiel niemanden, der im Bundesverkehrsministerium für das Thema verantwortlich ist. Auch wenn ich die Infrastrukturausgaben für Kfz und für Radwege vergleiche oder die Förderungen und Subventionen zum Beispiel für das Elektroauto, dann kommt das Rad deutlich zu kurz. Da gibt es Länder, die viel weiter sind.

In Belgien zum Beispiel kann der Arbeitgeber das Fahrrad dem Arbeitnehmer komplett steuerfrei überlassen, das Fahrrad noch als Betriebsausgaben steuerlich geltend machen und der Mitarbeiter bekommt noch eine Kompensation für die Anfahrtskilometer. In Deutschland steht in allen Aspekten nach wie vor die Automobilwirtschaft klar im Fokus. Wir wollen ja gar keine großen Steuersubventionen, aber es wäre schon schön wenn die Politik das Thema etwas wohlwollender aufnehmen würde. Wir bekommen im Moment eher noch Gegenwind, etwa durch Vorbehalte bei Finanzbehörden.

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Gibt es denn auch Positivbeispiele?

In einigen Wochen soll das baden-württembergische Landesbesoldungsgesetz dahingehend geändert werden, dass den Landesbediensteten auch ein Fahrradleasing ermöglicht wird. Das wäre das erste Gesetz, was den Beschäftigten im öffentlichen Dienst Fahrradleasing per Gehaltsumwandlung ermöglicht und sie damit den Angestellten der Privatwirtschaft gleichstellt. Das wäre ein großer Meilenstein.