Startseite/Wirtschaft/Mobilität & Verkehr/Elektromobilität
29 Januar 2021 / Lesezeit: 4 minuten

Batterien für E-Autos

Warum Europa den Rohstoffabbau fördert

Kobalt ist Teil vieler elektrischer Batterien und gilt daher als einer der wertvollsten Rohstoffe der Welt.

Bild: IMAGO/photothek

Bild: IMAGO/photothek

Die langfristigen Chancen der E-Mobilität hängen am Ökostrom-Angebot – und an hinreichender Zulieferung von Batterie-Rohstoffen. Eigene Ressourcen sollen Europas Versorgung absichern, dazu kommt mehr Batterie-Recycling. Ob die Mengen genügen, ist aber noch nicht ausgemacht.

Es wäre ein Schreckensszenario für die gerade durchstartende, selbst ernannte „E-Offensive“ der Autohersteller*innen: Immer mehr Verbraucher*innen interessieren sich für das elektrische Fahren, doch die Batterie-Produktion kann kaum Schritt halten. Vom Anziehen der Nachfrage überrascht, könnten viele Anbieter*innen Versorgungsprobleme bekommen – ähnlich wie aktuell bei Mikrochips. Zumindest das Risiko, später nicht die nötige Menge an Zellmodulen verfügbar zu haben, beschäftigt die Branche. Europas Hersteller*innen weiten ihre Kapazitäten aus. Woher aber all die Rohstoffe für Akkus und Elektronik nehmen?

Rohstoffabbau in Europa fördern

Eine Idee: mehr Materialien gleich auf dem Kontinent fördern, zumal in Zeiten brüchiger globaler Lieferketten und hoher Abhängigkeit von asiatischen Lieferanten. Diesen Ansatz verfolgt etwa Eurobattery Minerals (EBM). Die schwedische Bergbau- und Erkundungsfirma will den Grad der Selbstversorgung mit Nickel, Kobalt und Kupfer für Batterien in E-Autos erhöhen. Ziel ist außerdem eine stärkere innereuropäische Gewinnung Seltener Erden, die zum Beispiel in Elektromotoren stecken.

Auch auf enorm: Hamburgs urbane Rohstoffmine

Dabei geht es dem Unternehmen nach eigenen Angaben auch um die Standards beim Abbau. „Hauptlieferanten dieser Materialien sind derzeit China, Kongo und Chile, wo die Rohstoffe unter verheerenden Bedingungen gewonnen werden“, so EBM. Nichtregierungs- und UN-Organisationen haben die Ausbeutung unter teils haarsträubenden ökologischen und humanitären Umständen schon oft verurteilt, manche politischen Akteure ziehen auch mit Gewalt enorme Gewinne aus „Konfliktrohstoffen“. EBM-Chef Roberto García Martínez verspricht einen „Fokus auf ethische Produktion und Rückverfolgbarkeit“.

Doch selbst wenn die Kontrolle in Europa besser gelingen mag: Ist ein Rohstoffbezug ausschließlich aus eigenen Quellen angesichts der erwarteten Batterie-Volumina überhaupt realistisch? Martínez glaubt das. EBM hat mit Forschern Bergbauvorhaben in Schweden, Finnland und Nordspanien aufgelegt – seit kurzem ist die Firma auch in Deutschland börsennotiert. Besonders in Finnland sieht Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer ebenfalls noch mehr Potenzial im „Batterie-Bergbau“ und in der Verarbeitung. Dort beteiligt sich auch BASF an Projekten.

Finnland und Norwegen sind wichtige Standorte

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hält ergänzende Förderung in Europa für wichtig. Ob eine Alleinversorgung bei hochlaufender E-Mobilität gelinge, sei jedoch eine andere Frage. „Man ist hier nach wie vor auch abhängig von anderen Lieferanten“, so der Chef der Deutschen Rohstoffagentur in der BGR, Peter Buchholz. „Es ist gut, wenn in Europa zusätzlich eigene Kapazitäten aufgebaut werden. Nur müssen die Projekte kostenmäßig wettbewerbsfähig sein.“ Nickel werde in Kanada oder Australien „nach den besten verfügbaren Umwelt- und Sozialstandards“ abgebaut. Und: „Finnland ist schon jetzt ein interessanter Standort für Nickel- und Kobaltverbindungen.“ Ins Zentrum des Interesses ist für die EU vor einigen Jahren auch Norwegen gerückt. Im Südwesten des Landes entdeckte man enorme Mengen an Phosphat, Vanadium und Titan. Die EU bezeichnet diese Ressourcen als „kritische Rohstoffe“, weil sie für eine langfristige und erfolgreiche Wende zur E-Mobilität notwendig sind, jedoch größtenteils importiert werden müssen.

Ganz neu ist das Anzapfen heimischer Bestände also nicht. Felix Kuhnert von der Beratungsfirma PwC betont: „Volkswirtschaftlich ist es sinnvoll, eine europäische Lieferkette aufzubauen.“ Noch mehr als die Förderung der Rohstoffe sei aber „ihre Aufbereitung zu der in Batterien benötigten Reinheit in China zentralisiert – und würde von einem Aufbau europäischer Kapazitäten stark profitieren“. Indirekt könnte das mithin Wettbewerbern in Fernost in die Hände spielen. „Der Aufbau von Fabriken für Batteriezellen hingegen erfolgt bereits so schnell, dass Mitte des Jahrzehnts Überkapazitäten drohen könnten.“

Der deutsche Autobranchenverband VDA befürwortet eine zweigleisige Rohstoffstrategie. „Kurz- und mittelfristig ist eine Selbstversorgung in der EU unrealistisch. Zwar gibt es erste Projekte, doch befinden sich diese zum größten Teil noch im Planungsstadium“, heißt es. Ein Zurückfahren der weltweiten Vernetzung sei keine Option: „Deutschland und Europa als exportorientierte Standorte sind auf offenen Grenzen angewiesen. Ein Prinzip der Abschottung oder reiner Regionalisierung widerspricht dem Erfolgsmodell der europäischen Wirtschaft.“

Die Anforderungen an regionale Wertschöpfung und kurze Transportwege wachsen indes. Und auch die EU macht beim Batteriezell-Thema Druck: In der Rohstoffallianz ERMA laufen Gespräche über eine sicherere Versorgung mit wertvollen Mineralien. Der Vizechef der EU-Kommission, Maroš Šefčovič, und Binnenmarkt-Kommissar Thierry Breton gaben Ende September den Start des Bündnisses bekannt. Verbände, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen können der Allianz beitreten.

Batterien recyceln zur Sicherung der E-Mobilität

Langfristig spielt auch eine Rolle, wie gut ausgediente Batterien wiederverwertet werden. „Bei einem Wachstum des jährlichen Bedarfs an neuen Batterien von heute 40 Gigawattstunden auf 500 Gigawattstunden bis 2030 und einer Haltedauer von über sieben Jahren ist die Rohstoff-Frage anfangs nicht über Recycling zu lösen“, so Kuhnert. Es sei sinnvoll, in Pilotprojekten schon geschlossene Wertstoffketten aufzubauen. „Aber eine Industrialisierung dieser Wertstoff-Kreisläufe stellt die Autohersteller vor große Herausforderungen.“

Auch auf enorm: Grüne Akkus statt Dieselgeneratoren

VW etwa investiert bereits in das Thema. In Salzgitter, wo neben der zentralen Motorenfabrik bald eine eigene Zellproduktion steht, läuft das Recycling von Batterierohstoffen nun versuchsweise an. Es geht um Aluminium, Stahl und Kupfer, aber auch um Nickel, Mangan und Kobalt. Statt eines energieintensiven Nachschubs durch weiteren Bergbau und globale Transporte sollen die Stoffe aus Altteilen gewonnen und mit „Second-Life-Konzepten“ weitergenutzt werden. Bisherigen Plänen zufolge will man hier 1200 Tonnen Batterien pro Jahr recyceln.

Vorstandschef Herbert Diess hat im Konzern eine Gesamtverantwortung von der Beschaffung über den Bau bis zur Zweitverwendung ausgerufen. Am Freitag will Technikvorstand Thomas Schmall zum Start der Anlage weitere Details und Ziele vorstellen. In die Batteriezell-Fertigung in Salzgitter steckt Volkswagen mehr als eine Milliarde Euro.

Problematisch am Batterie-Recycling ist jedoch der hohe CO2-Ausstoß des Verfahrens, der manchen Studien zufolge sogar größer sein soll als bei der Produktion der Batterie selbst. Eine Lösung hierfür bietet Duesenfeld. Das deutsche Unternehmen hat ein umweltfreundliches Recycling-Verfahren entwickelt, mit dem bis zu 91 Prozent einer Litium-Ionen-Batterie recyclet werden können. Indem die Batterien nicht wie üblich eingeschmolzen werden, um die Rohstoffe zu extrahieren, können mehrere Tonnen CO2 pro Tronne recycleter Batterien eingespart werden. Der CO2-Fußabdruck der in E-Autos verwendeten Litium-Ionen-Akkus sinkt dadurch um bis zu 40 Prozent.

Hilf enorm!

Unterstütze konstruktiven Journalismus

Die Coronakrise stellt auch uns bei enorm vor große wirtschaftliche Herausforderungen. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, möchten wir die Inhalte auf enorm-magazin.de frei zugänglich halten und auf Bezahlschranken verzichten. Hilf uns mit deinem Beitrag dabei!

Hilf enorm!