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22 September 2016 / Lesezeit: 5 minuten

Batterien made in Austria

Diese Brüder sind besser als Tesla

In einer kleinen Werkstatt in Österreich entstehen Akkus, die besser sind als die von Tesla

Titelbild: Heinz S. Tesarek

Drei Brüder aus Österreich revolutionieren die Elektromobilität: Kein Batteriesystem ist leistungsstärker, leichter und langlebiger als ihres. Ein Werkstattbesuch

Im oberösterreichischen Freistadt verläuft das Leben eher beschaulich. Die größte Attraktion des 7700-Einwohner- Städtchens ist die knapp 240 Jahre alte Braucommune, eine Brauerei, die allen Bewohnern der Innenstadt gemeinsam gehört und den Gewinn in Freibier an sie ausschüttet. Doch seit ein paar Monaten hat sie ernste Konkurrenz. Beinahe im Wochentakt pilgern Branchenkenner ins Mühlviertel. Ihr Ziel: die Brüder Johann, Markus und Philipp Kreisel und ihr vermeintlicher Wunderakku für Elektroautos. „Der bessere Tesla kommt aus Österreich“, schreiben manche Automagazine verzückt. Glaubt man dem Trio, ist keine andere Batterie am Markt so leicht, leistungsstark und langlebig. Damit wäre die große Schwachstelle der Elektromobilität ausgemerzt, die Stromautos müssten nicht länger alle hundert Kilometer an die Steckdose.

Aber hält das Unternehmen, was es verspricht? Oder ist auch diese Revolution schon in einem Jahr wieder Geschichte?

Wer sich auf den Weg nach Freistadt macht, findet zunächst wenig, das nach ernsthafter Konkurrenz für den US-Pionier Tesla aussieht. In einer 800 Quadratmeter großen Garage wird vom Sportwagen bis zum Kleinlaster so ziemlich alles mit vier Rädern zum Elektroauto umgebaut. Die meisten der 30 Mitarbeiter sind immer noch „alte Freunde“, erzählen die Gründer. Auch für Spielereien ist noch Raum: Philipp Kreisel, Maschinenbauer und mit 26 der jüngste Bruder, schiebt das „schnellste Elektro-Gokart der Welt“ durch die Halle.

Aber man sollte das kreative Chaos nicht unterschätzen. Denn ins Gokart setzen sich zwei chinesische Geschäftsmänner, die extra angereist sind, um an einer Elektrorally in Tschechien teilzunehmen und die Kreisels besser kennenzulernen. „Ein Lieferant und Kunde, der gerne mehr mit uns machen möchte“, erklärt Markus Kreisel. „Und der reichste Chinese, den ich kenne.“ Der Nachsatz bleibt nicht ungehört: „What, me?“, fragt der asiatische Partner und lacht. „Ten billion? This is nothing!“

Die Welt in Freistadt ist eine andere als vor vier Jahren, als die Brüder das erste Mal mit Elektromobilität in Kontakt gekommen sind. Den Anstoß gab ihr Vater, der als örtlicher Elektrohändler den Trend nicht verpassen wollte und sich einen elektrischen Renault „Fluence“ zulegte. Die Söhne waren skeptisch. Aber nur, bis sie das erste Mal erlebten, was es bedeutet, wenn der Antrieb das Auto ansatzlos nach vorne katapultiert. Die jungen Kreisels bestellten das damals Beste am Markt, einen Tesla. Doch bis nach Freistadt sollte er es nie schaffen. „Als wir gemerkt haben, dass das ganze Geld nach Amerika geht, haben wir ihn wieder storniert“, erzählt Markus Kreisel. Das Geld soll in der Region bleiben, das war schon das Credo des Vaters. Seine Söhne sehen es genauso.

Bei Elektroautos hapert es an der Reichweite – bis die Gebrüder Kreisel ihr Batteriemodul entwickelten

Doch vergleichbare Autos aus Europa gab es nicht, also mussten die Brüder selbst Hand anlegen. Binnen einer Woche bauten sie zum Spaß einen Audi A4 um. „Das war eigentlich nicht schwierig“, sagt Markus Kreisel. Nur mit der Reichweite haperte es. Also nahmen sie sich ein zweites Auto vor und entwickelten ein Batteriemodul, das alles Bekannte in den Schatten stellte. Wie aber schafften drei Bastler, was hunderten Ingenieuren von Wolfsburg bis Stuttgart nicht gelungen ist?

Die Antwort der Kreisels ist einfach: Die etablierten Autobauer standen unter großem Druck und mussten auf Nummer sicher gehen. Sie konzentrierten sich ausschließlich auf flache Zellen, die einfach zu verbauen sind. „Wir sind eine Garagenfirma. In der Garage darf man etwas riskieren, also haben wir es mit runden Zellen probiert.“ Nur Tesla-Gründer Elon Musk, der ebenfalls klein begonnen hat, traute sich sonst noch an die kompliziert zu verbauenden Rundbatterien, die handelsüblichen AAA-Batterien ähneln – und mehr Energie liefern. Die Rundzellen selbst sind keine Revolution. Schon 1999 steckten zwei in einem VHS-Videorekorder von Sony. Die Schwierigkeit besteht darin, bis zu 8000 ideal in einem Auto unterzubringen.

Ein Batteriesystem besser als das von Tesla

Das Herzstück der patentierten Kreisel- Technologie ist daher auch die Art und Weise, wie die Batterien verbunden und gekühlt werden. An dieser Stelle wird selbst das Sprachrohr des Unternehmens, Markus Kreisel, plötzlich wortkarg. Nur so viel: Statt die Zellen zu verschweißen, verwenden sie Laser. Das verringert die Widerstände zwischen den Zellen und mehr Energie kann genutzt werden. Zur besseren Temperierung schwimmen die Zellen in einer speziellen Kühlflüssigkeit. „Genau das macht uns bei den Batteriesystemen besser als Tesla“, sagt er. „Mit der Verbindungstechnik holen wir bis zu 15 Prozent mehr Energie aus den Batterien.“ Hinzu kommt die schnellere Ladung – voll in 28 Minuten – und die lange Lebensdauer von 400.000 Kilometern.

Aber nicht nur die Gründer sind von ihrem Produkt überzeugt. „Ich halte die Burschen für hoch innovativ und zielstrebig. Woran sie glauben, setzen sie um“, sagt Manfred Schrödl, Leiter des Instituts für Energiesysteme und Elektrische Antriebe an der Wiener Technischen Universität. Ihre Kühlungs- und Verbindungstechnik sei „ein klarer Schritt nach vorne“. Die Energiedichte in ihren Batteriemodulen sei um ein Fünftel höher als bei Teslas Modell S. Sollte das Kreisel-System künftig auf größere Rundzellen angepasst werden, dürfte „die E-Mobilität endlich wirtschaftlich werden“.

Alle Großen der Industrie bestellen Prototypen

Kein Wunder, dass die Industrie Gefallen gefunden hat. „Alle Großen“ würden Prototypen bei ihnen bestellen, erzählen die Gründer. Die wenigsten wollen ihren Namen in den Medien lesen. Nur Bosch und Magna stehen offen zu der Zusammenarbeit. Bekannt ist auch, dass ein großer deutscher Autobauer seine E-Autos ab 2017 mit Batteriemodulen von Kreisel Electric ausstatten will. Besonders enge Kontakte werden ihnen zu VW nachgesagt. Kommentieren wollen die Brüder das nicht.

Eines ist trotz all der Heimlichtuerei klar: Für die Garage ist Kreisel Electric inzwischen zu groß. 2017 sollen vier Mal mehr Menschen hier arbeiten. Ein entsprechendes Werk für Kleinserien wird im nahen Rainbach gerade gebaut. Die zwölf Millionen Euro dafür hätte Kreisel Electric auch ohne Bankkredit bezahlen können. Das Unternehmen war vom Start weg in den schwarzen Zahlen. „Und das, obwohl wir die ersten Batteriesysteme viel zu billig nach Asien verkauft haben.“ Heute bieten sie auch Softwaresteuerung und komplette Fertigungslinien an, mit denen Lizenznehmer selbst Kreisel-Akkus bauen können. 2017 werden in Asien wohl mehr Kreisel-Autos auf der Straße sein, als Tesla bisher verkauft hat, erzählen die Gründer.

Eine Hausbatterie als nächster logischer Schritt

Das Duell mit dem US-Pionier sei „eine Erfindung der Medien“. Dennoch lassen die Brüder keine Gelegenheit aus zu zeigen, dass sie es besser können. Mitte Juni stellten sie in Berlin eine Hausbatterie vor, die wie ein mannshohes iPhone aussieht und die Energie von Solarzellen speichern kann. Ein ähnliches Produkt versprach Tesla über ein Jahr lang – und brachte es erst kürzlich mit reichlich Verspätung auf den Markt. Hier kann sich Markus Kreisel einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Wir nennen unseren Hausakku Mavero“, sagt er. „Das ist italienisch für ‚aber wahr‘. Wir gaukeln nämlich niemandem etwas vor.“

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Tatsächlich ist die Hausbatterie nur der logische nächste Schritt zu ihrer Vision. Die Brüder sehen in der Elektromobilität mehr als gute Geschäfte mit grünem Anstrich. Es geht auch um eine Zukunft für ihre Heimat, das Mühlviertel, wo Arbeitsplätze rar sind. Ziel ist die Symbiose aus E-Autos und erneuerbarer Energie aus der Umgebung. Wenn dann alle elektrisch fahren, „bleiben die Milliarden, die wir heute für Öl und Gas ausgeben, in der Region.“ Zu heutigen Preisen sei das utopisch. Ein E-Golf kostet 35.000 Euro und muss nach hundert Kilometern wieder an die Steckdose. Die Industrie müsse billigere und bessere Autos bauen. 300 Kilometer Reichweite für weniger als 25.000 Euro seien machbar, glaubt Markus Kreisel. Mit Batteriemodulen Marke Kreisel, versteht sich.

 

Update vom 17. Juni 2019: 2017 eröffnete Kreisel sein eigenes Forschungs- und Entwicklungszentrum in Rainbach und wurde in jenem Jahr gleich dreifach ausgezeichnet: mit dem Preis Born Global Champions der Wirtschaftskammer, dem European Electric Vehicle Technology Leadership Award in London und dem Österreichischer Klimaschutzpreis in der Kategorie Unternehmen Energiewende.