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14 September 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Greenpeace-Studie

Könnte Europas Verkehr in 20 Jahren klimaneutral werden?

Dichter Strassenverkehr auf dem Mittleren Ring in München: Der Wandel hin zu alternativen Antrieben ist im Gange, aber es muss noch viel getan werden. Die EU-Klimaziele werden verschärft, doch die Automobilindustrie sieht sich überfordert.

Bild: imago images / Sven Simon

Bild: imago images / Sven Simon

Die EU will ihren Klimaschutzplan verschärfen – auch die CO2-Grenzwerte für Autos sollen strenger werden. Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace fordern noch mehr: etwa bis 2028 keine Diesel- und Benzinfahrzeuge mehr zu verkaufen.

Um die Pariser Klimaschutzziele in Europa zu erreichen, sollte der Verkauf von Diesel- und Benzinfahrzeugen einer Greenpeace-Studie zufolge bis zum Jahr 2028 gestoppt werden. Bis 2040 sollten zudem alle Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren von Europas Straßen verbannt werden, heißt es in der neuen Studie, die das belgische Forschungsinstitut Climact und das Kölner NewClimate Institut im Auftrag von Greenpeace durchgeführt haben. Dies sei notwendig, weil die Treibhausgas-Emissionen in den meisten Wirtschaftssektoren zuletzt zurückgegangenen seien – die vom Verkehr verursachten Emissionen stagnierten dagegen. Sie lagen laut Greenpeace zuletzt 28 Prozent höher als im Jahr 1990. Der Verkehr sei in Deutschland und Europa „die Schmuddelecke im Klimaschutz“, sagte Greenpeace-Sprecher Benjamin Stephan. „Die Studie zeigt, dass wir viel schneller als bislang aus dem Verbrennungsmotor aussteigen und gleichzeitig die Zahl der Autos insgesamt deutlich senken müssen, damit der Verkehr auf Klimakurs kommt.“

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Autoindustrie im Wandel: EU-Kommission verschärft „Klimazielplan“

Politisch ist gerade viel in Bewegung. Wenn das EU-Klimaziel wie geplant verschärft wird, müsste sich die Autoindustrie bis 2030 immerhin auf strengere Grenzen für den CO2-Ausstoß einstellen. Dieser müsste bei Autos pro Kilometer von 2021 bis 2030 um 50 Prozent sinken, heißt es in einem internen Papier der EU-Kommission. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen will noch diese Woche einen Vorschlag für ein drastisch verschärftes Klimaziel für 2030 machen. Nach dem „Klimazielplan“ ihrer Behörde, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, soll statt einer Senkung der EU-Treibhausgase um 40 Prozent ein Minus von 55 Prozent erreicht werden, jeweils im Vergleich zu 1990. Dazu hat die Kommission eine Machbarkeitsstudie erstellt, einschließlich Zahlen für den Autoverkehr.

Zur Erreichung des bisherigen Ziels ist festgeschrieben, dass die CO2-Werte von Neuwagen bis 2030 um 37,5 Prozent sinken sollen. Wird das gesamte EU-Klimaziel verschärft, müsste auch im Verkehr nachgesteuert werden. „Bis Juni 2021 wird die EU-Kommission deshalb die CO2-Standards für Autos und Vans überprüfen und stärken“, heißt es im „Klimazielplan“.

Überforderung der Autoindustrie?

Der Verband der Automobilindustrie sieht diese Pläne kritisch. „Wir stehen zu den bestehenden, sehr ambitionierten CO2-Zielen für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge sowie für schwere Nutzfahrzeuge bis 2030“, sagte ein VDA-Sprecher. Diese erforderten bereits enorme Investitionen. Eine weitere Zielverschärfung würde den dramatischen Konjunktureinbruch und die Folgen der Corona-Krise nicht berücksichtigen. Dies würde die Autoindustrie in Europa überfordern und zusätzlich Arbeitsplätze gefährden, argumentiert der VDA.

Ähnlich äußerte sich der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil in den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. „Man darf das Rad nicht überdrehen, sonst bleiben schlimmstenfalls große Industriebranchen und abertausende von Arbeitsplätzen auf der Strecke, während die CO2-Emissionen in anderen Ländern steigen“, sagte der SPD-Politiker, der als Ministerpräsident auch im Aufsichtsrat von Volkswagen sitzt. Umweltministerin Svenja Schulze (ebenfalls SPD) unterstützte hingegen die EU-Kommission. Bei einem erhöhten Klimaziel müssten alle mitwirken, sagte sie ebenfalls den Funke-Zeitungen. „Deshalb müssen auch die Klimaanforderungen an neue Autos weiter erhöht werden. Mit den zahlreichen und sehr umfassenden Fördermaßnahmen zur Elektromobilität, die wir als Bundesregierung jetzt bereitstellen, kann das auch gelingen.“

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Autoindustrie im Wandel: „Technisch machbar und klimapolitisch notwendig“

Die Autoindustrie steht mitten in einem schwierigen Wandel hin zu alternativen Antrieben und mehr smarten Technologien im Auto. Vor allem mittelständische Zulieferer*innen hängen noch am Verbrennungsmotor, der mit immer schärferen Klimazielen noch schneller verdrängt würde. Sie leiden zudem unter der Absatzflaute in der Corona-Pandemie.

Nicht nur Greenpeace, auch andere Umweltschützer*innen drängen die EU-Kommission hingegen zu noch ambitionierteren Zielen bei der Verkehrswende. Eine Senkung der CO2-Werte bei Neuwagen um 60 Prozent sei bis 2030 technisch machbar und klimapolitisch notwendig, erklärte der Bund für Umwelt und Naturschutz. Wichtig sei darüber hinaus, dass die Angaben zum Kraftstoffverbrauch – anders als bisher – der Realität entsprächen und nicht geschönt würden.

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Greenpeace schlägt zusätzlich vor, den ÖPNV und das Radwegenetz auszubauen, um Alternativen zum Auto zu schaffen. Auch die Bahn soll künftig eine zentrale Rolle spielen. Wirtschaftshilfen dürften nur in klimaschonende Produkte fließen. „Wer heute noch Verbrenner fördern will, ignoriert die Folgen der Klimakrise und die weltweite Dynamik der Autobranche“, sagte Greenpeace-Sprecher Stephan. Die Autoindustrie habe nur dann eine Zukunft, wenn sie Klimaschutz als Herausforderung annehme und ihr Geschäftsmodell darauf einstelle.