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6 September 2016 / Lesezeit: 3 minuten

Urbane Mobilität

Auf Elektrorollern in die Zukunft

Wir haben Elektroroller-Sharing in Berlin getestet

Titelbild: Eder Garrido

Die Elektroroller des Sharing-Dienste eMio und Coup wollen den zähen Stadtverkehr Berlins elektrifizieren

Jeden Morgen und jeden Abend das Gleiche. Kaum eine Großstadt, in der sich im Berufsverkehr nicht eine Blechlawine durch die Straßen quält. Auf den Hautptverkehrsschlagadern Stoßstange an Stoßstange vorwärts zu schleichen, ist nicht nur zeitraubend, sondern auch nervenaufreibend zugleich.

Daran ändern auch die großen Car-Sharing-Dienste nichts, die seit ein paar Jahren angetreten sind, den Individualverkehr in der City zu revolutionieren. Sie gehören zwar in den Großstädten mittlerweile zum Alltagsbild auf den Straßen, den Verkehr signifikant zu reduzieren, haben sie leider bisher nicht geschafft.

Elektroroller sollen die Straßen leerer und den Verkehr sauberer machen

Seit 2015 gibt es in Berlin jedoch ein Verkehrsmittel, das durchaus das Zeug hat, die Straßen der Großstädte leerer, leiser und sauberer zu machen. Denn seitdem schickt sich das Unternehmen eMio an, die Bewohner der Hauptstadt von einem alternativen Verkehrsmittel zu überzeugen – dem Elektroroller. Die Vorteile: Auf vollen Straßen kann man sich am Verkehr vorbei schlängeln, die Parkplatzsuche entfällt und die Elektroroller fahren geladen mit Ökostrom emissionsfrei und leise.

Das Prinzip von eMio orientiert sich an den Auto-Pendants Car2go und DriveNow. Über eine App werden die Elektroroller lokalisiert, gebucht und gestartet. Als Preismodelle stehen prinzipiell zwei Varianten zur Verfügung: Entweder zahlt man 19 Cent pro Minute oder 59 Cent pro angefangenem Kilometer – abgerechnet wird die jeweils günstigere.

Bosch steigt in den Markt ein

Seit diesem Sommer hat eMio Konkurrenz bekommen. Mit Bosch und seinem Dienst „Coup“ rollt nun ein Schwergewicht über die Berliner Straßen. Auch Coup setzt auf den bewährten App-Ansatz. Wie bei eMio erfolgt die Registrierung über einen Videocall, bei dem die Fahrerlaubnis kontrolliert wird. 200 Elektroroller setzte Coup in den Stadtteilen Kreuzberg, Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain aus. Lediglich in diesen Gebieten kann man die von Gogoro hergestellten Elektroroller wieder abstellen. Bei eMio gibt es rund 150, aber in einem größeren Geschäftsgebiet.

In Sachen Verbreitung hat also der Platzhirsch eMio die Nase vorn und mit 10.000 registrierten Nutzern auch eine Menge Vorsprung. Dagegen punktet Coup mit einem wirklich einfachen Preismodell. Die Anmeldung ist kostenlos und eine Fahrt schlägt mit Minimum drei Euro zu Buche. Dafür kann man eine halbe Stunde durch Berlin cruisen. Jede weiteren angefangen zehn Minuten kosten einen Euro extra. Während man bei eMio erst nach Abschluss der Miete Klarheit über die Kosten hat, kann man bei Coup ohne große Rechenkünste die Kosten abschätzen.

Bezahlen kann man dagegen ausschließlich per Kreditkarte. Die Konkurrenz von eMio hat bietet zusätzlich noch die Abrechnung per Lastschrift. Auch in Sachen Smartphones gibt sich eMio offener. Hier kann man sich die App auf ein Android- oder Apple-Gerät laden. Coup setzt zum Start lediglich auf das iPhone. In diesen Bereichen muss Bosch deutlich nachbessern – und will dies nach eigenen Angaben auch tun. Eine Android-App sowie die Ausweitung des Geschäftsbereiches sollen perspektivisch folgen.

Elektroroller überzeugen im Praxis-Test

Soviel zur Theorie, doch wie schlägt sich der Neuzugang auf Berlins Straßen in der Praxis? Bei der Registrierung gab es Tonprobleme, durch die der Mitarbeiter nicht verstanden werden konnte. Deshalb musste der Vorgang unterbrochen werden – ein ungünstiger Umstand wie sich später herausstellte. Denn dadurch funktionierte die GPS-Ortung der App nicht. Erst eine durch den schnellen Kundenservice angeregte komplette Neuinstallation der App behob das Problem.

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Beim Ausleihvorgang konnte Coup seine Versprechen ohne Einschränkungen halten und gestaltet sich genauso einfach wie eMio. Der Roller ließ sich problemlos aufschließen, der Helm passte auch auf einen größeren Kopf und auch das Beenden des Mietvorgangs klappte einwandfrei. Hier noch ein kleines Detail: Coup hat lediglich einen Helm im Angebot. Bei e-Mio sind es zwei, die in einem Extra-Behälter am Roller angebracht werden. Ebenso fehlte bei Coup die Möglichkeit, eine Hygienehaube überzuziehen. Auch bei den Rollern bietet eMio mehr Auswahl. Während man hier aus zwei Modellen wählen kann, bietet Coup einen Einheitsroller an.

Das hat Potenzial

Haben Elektroroller-Sharing-Dienste denn nun das Potenzial den urbanen Verkehr besser zu machen? Mit den einfachen Registrierungs- und Ausleihprozessen haben eMio und Coup zumindest die Grundlage für einen Umstieg auf die zwei Räder geschaffen. Ein Elektroroller lässt angenehm leise und emissionsfrei im Berliner Straßenalltag bewegen – vorbeischlängeln an sich stauenden Autos inklusive, auch wenn es die Polizei eigentlich nicht erlaubt. Das ist ein klarer Vorteil gegenüber Car-Sharing mit dem man schnell im Berufsverkehr stecken bleibt – zumindest, wenn man nichts transportieren möchte. Sollten die Elektroroller eine Verbreitung finden, wie ihre mit Verbrennungsmotor ausgestatteten Verwandten in Italien, haben sie tatsächlich die Chance die den Individualverkehr nachhaltig zu verändern. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob nicht ein Fahrrad die bessere und gesündere Alternative ist.