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28 Januar 2021 / Lesezeit: 5 minuten

Kryptogeld auf Kuba

Tausche Bitcoin gegen Spaghetti

Der Peso Convertible wurde 2020 auf Kuba abgeschafft. Auch das führte zum Boom von Kryptowährungen auf der Insel.

Bild: IMAGO / Hans Lucas

Bild: IMAGO / Hans Lucas

Auf Kuba benutzen immer mehr Menschen Kryptogeld. Sie können damit nicht nur die US-Blockade umgehen, sondern auch die Inflation ihrer eigenen Währung.

Das Gespräch beginnt Frank Rodríguez mit einer Frage: „Welches sind die Länder, in denen am meisten Kryptowährungen verwendet werden?“ Der Mittvierziger gehört zu der wachsenden Zahl von Kryptogeld-Enthusiast*innen auf Kuba. Die Antwort auf seine Frage liefert Rodríguez, der seinen kompletten Namen nicht in der Zeitung lesen will, gleich mit: „Länder wie Argentinien, Iran, Venezuela – Länder, in denen einen hohe Inflation herrscht oder die von US-Sanktionen betroffen sind.“ 

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Kuba leidet unter beidem: US-Sanktionen und Inflation. Der coronabedingte Einbruch des Tourismus und die Verschärfung der US-Blockade haben das Land in eine tiefe Zahlungs- und Versorgungskrise gestürzt. Die Regierung in Havanna reagierte darauf zu Jahresbeginn mit einer Währungsreform, begleitet von einer Preis- und Lohnreform. Nach 25 Jahren wurde der Konvertible Peso (CUC) abgeschafft und der Kubanische Peso (CUP) als einzige Währung im Umlauf belassen.

Bargeld ist auf Kuba immer weniger wert

Anstelle des CUC ist aber längst eine andere starke Währung getreten: der US-Dollar. Um dringend benötigte Devisen einzunehmen, eröffnete die Regierung im Oktober 2019 staatliche Devisenläden, in denen Haushaltsgeräte und Autoteile und seit Juni auch Lebensmittel und Hygieneartikel per Kartenzahlung in ausländischen Währungen gekauft werden können. Das hat Inflation und Schwarzmarkt angeheizt. Mittlerweile gibt es zwei Wechselkurse gegenüber dem US-Dollar. Während offiziell 24 CUP einem US-Dollar entsprechen, die staatlichen Wechselstuben aber keine Devisen mehr ausgeben, werden auf dem Schwarzmarkt bereits 40 CUP und mehr für einen US-Dollar gezahlt.

„Langfristig werten Währungen mehr oder weniger stark ab“, sagt Rodríguez. Kryptogeld dagegen sei „trotz Schwankungen ein stabiler Hafen“ – und zudem vom Staat schwer zu kontrollieren. „Kryptowährungen sind der Feind der Regierung. Sie sind das Geld des Volkes.“

Zwar erklärte die kubanische Regierung im Juli 2019, sie untersuche den möglichen Einsatz von Kryptowährungen als Teil einer Reihe von Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft, wenig Monate später schloss Juan Luis Gamboa, Generaldikrektor der kubanischen Zentralbank, die Verwendung von Kryptowährungen für Kuba aber aus. „Stellen Sie sich vor, wir akzeptieren, dass das Finanz- oder das Wirtschaftsministerium ein Kryptogeld-Wallet haben und mit Bitcoin handeln. Was tun, wenn wir eine Schiffsladung Reis oder Weizen kaufen wollen und das Kryptovermögen hat abgewertet? Sie können die Ressourcen des Landes nicht in etwas stecken, das nicht sicher ist.“

„Die Kryptowährungen bieten uns gewisse Freiheiten, die wir normalerweise nicht haben“

Auf Kuba haben Kryptowährungen spät Einzug gehalten. Das hat auch mit der schlechten Internetanbindung der Insel zu tun. Erst seit Ende 2018 gibt es beispielsweise mobiles Internet. „Aber wir Kubaner lernen schnell“, sagt Rodríguez. Er selbst ist seit drei Jahren in Kryptowährungen unterwegs. „Es gibt immer mehr Leute auf Kuba, die sich mit Krypto beschäftigen.“ Mitte November vermeldete das Webportal „Be[In]Crypto“, dass die meisten Google-Suchanfragen in ganz Lateinamerika mit den Begriffen „Bitcoin kaufen“ und „BTC kaufen“ aus Kuba kamen – noch vor Argentinien und Venezuela. Neben Bitcoin (BTC) sind die gebräuchlichsten Kryptowährungen auf der Insel Ether (ETH), Tether (USDT) oder USD Coin (USDC), sagt Rodríguez.

„Mit Kryptogeld kannst Du auch große Summen zahlen, zum Beispiel 20 oder 30 Tausend Dollar, wenn Du ein Haus kaufst, während Du im Flugzeug nur 5.000 Dollar einführen darfst“, erläutert er die Vorteile des Bezahlens mit Kryptowährungen. „Man kann bei Amazon einkaufen; auch viele Fluglinien und selbst die Hotelkette Meliã akzeptieren Krypto.“ Es gebe sogar KubanerInnen, die mit Kryptogeld an der Börse handelten, Aktien, Futures und ETFs kauften, sagt Rodríguez.

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„Die Kryptowährungen bieten uns gewisse Freiheiten, die wir normalerweise nicht haben, da die Verwendung von Finanzinstrumenten wie Visa, Mastercard, Paypal oder anderer Bezahlmechanismen für Kubaner schwierig ist“, sagt auch Erich García. Der 34-jährige Programmierer und Software-Entwickler aus Havanna bespielt unter anderem einen eigenen YouTube-Kanal mit Ratschlägen und Lösungen für das Internet. Die jahrzehntealte US-Blockade schneidet Kubaner*innen von konventionellen internationalen Zahlungssystemen und Finanzmärkten ab. „Kryptogeld kann nicht reguliert werden“, sagt García. Nicht einmal die US-Regierung könne da blockieren oder sanktionieren.

Bitcoin ersetzt Western Union

Denn gerade mit Blick auf den kubanischen Finanzsektor tut sie das besonders gern. So mussten nach Sanktionen der Trump-Regierung gegen das mit einer Militärholding verbundene kubanische Finanzinstitut Fincimex Ende November die mehr als 400 Filialen des US-Zahlungsdienstleisters Western Union auf der Insel schließen. Das traf viele Kubaner*nnen hart. Western Union wickelte einen Großteil der Geldüberweisungen von Kubaner*innen im Ausland an ihre Familienangehörigen auf Kuba ab.

Doch auf der Insel suchen und finden sie andere Wege, die so wichtigen Geldübweisungen aus dem Ausland aufrecht zu erhalten. Eine solche Alternative rief García Ende September mit seinem Start-Up „BitRemesas“ ins Leben. BitRemesas organisiert Geldüberweisungen in Form von Kryptowährungen wie Bitcoin, Ether, Dogecoin (DOGE) und anderen. Gleichzeitig ermöglicht es interessierten Kubaner*innen, an Kryptogeld zu kommen. „Das Geld wird digital in Form von Kryptogeld an uns gesendet und wir kümmern uns darum, das Geld physisch an den Kunden in Kuba auszuzahlen“, sagt er.

Der Mechanismus von BitRemesas funktioniert als negative Versteigerung. Nicht der Höchstbietende, sondern der Geringstbietende erhält den Zuschlag. Versteigert werden beispielsweise 100 US-Dollar in Bitcoin, ausgezahlt 2400 CUP in bar. Auktionsgewinner*innen zahlen an Empfänger in jedem Fall 2400 CUP in bar aus und erhalten dafür beispielsweise 88, 92 oder 93 US-Dollar in Bitcoin, je nach Versteigerung. Wer sich mit dem geringsten Anteil zufrieden gibt, gewinnt. Dadurch, dass seit der Teil-Dollarisierung des Einzelhandels der CUP gegenüber dem US-Dollar stark abgewertet hat, sind die ersteigerten 88, 92 oder 93 US-Dollar in Bitcoin für 2400 CUP ein guter Schnitt. Auch kann man für CUP sonst in der Regel nirgends Kryptowährungen erwerben. Garcías Plattform wiederum kassiert eine kleine Marge der jeweiligen Kyptowährung. Win-Win für alle Beteiligten.

Auch kleine Beträge werden mit Kryptogeld beglichen

Rund 300 bis 400 Nutzer*nnen hat BitRemesas derzeit. Tendenz steigend, so García. Es gebe recht viele Überweisungen, oft aber in Kleinbeträgen von 10, 15 oder 20 US-Dollar, sagt er. Da im Gegensatz zu Western Union oder Banken keine Gebühren anfallen, können die Leute auch kleine Summen schicken.

Ein anderer Weg, um an Kryptowährungen heranzukommen, seien Verwandte im Ausland, die Kryptogeld direkt ins Wallet überweisen, sagt Rodríguez. Auf Kuba wiederum gibt es einen parallelen Markt. „Da ist die Nachfrage größer als das Angebot“, sagt er. Im Schnitt müsse man 40 Prozent Aufschlag für Kryptogeld zahlen. Aber das ist immer noch günstiger als der Schwarzmarkt-Aufschlag auf den US-Dollar in bar.

Rodríguez schätzt, dass rund 10.000 Kubaner*innen Kryptowährungen nutzen. Man organisiere sich in der Regel aber eher in kleinen Gruppen über soziale Netzwerke, sagt er, „auch, um zu wissen, wer wer ist“. Es gebe eben immer auch schwarze Schafe.

Gerade auch für den sich entwickelnden kubanischen Privatsektor bieten Kryptowährungen Möglichkeiten. Einer, der Kryptogeld für sein Geschäft genutzt hat, ist Jason Sánchez. Da auf Kuba nicht erhältlich, kaufte der 35-Jährige die Ersatzteile für seinen Handy-Reparatur-Service in einem chinesischen Onlinestore – und bezahlte mit Bitcoin. Aufgrund der Corona-Pandemie musste er seinen Laden allerdings schließen, wie er sagt. „Nun kaufe und verkaufe ich eben Bitcoin.“

Ein anderes Projekt ist die Jobbörse Ninjacuba des Software-Entwicklers Victor Manuel Moratón. Die will kubanische Fachleute mit Stellenangeboten verknüpfen. „Die Angebote kommen von den unterschiedlichsten Orten innerhalb und außerhalb Kubas, für Softwareentwickler, Designer, Ingenieure, Übersetzer usw.“, sagt Moratón. „Die Arbeit kann dann auch in Kryptowährungen bezahlt werden.“

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Rodríguez ist sich sicher, dass der Gebrauch von Kryptwährungen auf Kuba weiter zunehmen wird. „Je mehr Krise, desto mehr Kryptogeld, um die Probleme zu lösen“, sagt er. So könne Kryptogeld verwendet werden, um das Telefonguthhaben aufzuladen oder die Stromrechnung zu bezahlen. In seinem Freund*innenkreis bezahle man bereits untereinander weitgehend in Kryptowährungen („Mit Bargeld zu zahlen ist widerlich.“). Gerade erst hat er eine Packung Spaghetti und eine Dose Thunfisch mit Bitcoin gekauft.