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28 Dezember 2021 / Lesezeit: 3 minuten

Gastbeitrag

Warum wir ein Recht auf Reparatur brauchen

So gut wie alle elektronischen Geräte lassen sich wiederaufbereiten und weiternutzen. Das spart CO2-Emissionen und schont wertvolle Ressourcen.

Foto: unsplash / Kilian Seiler

Foto: unsplash / Kilian Seiler

Der Online-Marktplatz Refurbed vertreibt erneuerte Elektrogeräte. Einer der Gründer erklärt, warum es sich lohnt, instandzusetzen oder wiederaufzubereiten.

Was würden wir heute noch ohne unsere Smartphones hinbekommen? Vermutlich nicht viel. Wenn das Gerät wegen eines Defekts nicht mehr funktioniert, muss schnell eine Lösung her. Wir stehen vor der Frage: Neu kaufen oder reparieren? Laut einer Bitkom-Umfrage vom Sommer ist ein kaputtes Display mit 77 Prozent der am häufigsten auftretende Schaden. So etwas selbst zu reparieren, gestaltet sich für die meisten Menschen schwierig. Eine Reparatur durch den Hersteller ist oft kostspielig. Scheinbar kaputte Geräte werden häufig nicht mehr repariert, sondern verstauben ungenutzt in Schubladen oder werden weggeschmissen. Um das zu ändern, brauchen wir ein Umdenken in der Gesellschaft: weg von einer Wegwerfmentalität, hin zur Kreis-laufwirtschaft. Denn für die Umwelt lohnt sich das Reparieren von elektronischen Geräten allemal. Das zeigt ein Blick auf den Lebenszyklus eines Smartphones: Die meiste Energie verursacht die Produktion – nicht etwa die laufende Nutzung. Laut einer Studie des Öko-Instituts schlägt die Produktion eines Smartphones im Schnitt mit umgerechnet rund 66 Kilogramm CO2 zu Buche.

Auch auf enorm: Warum wir mehr abonnieren, statt kaufen sollten

Während Reparaturen meistens technisch sinnvoll und machbar sind, steht demgegenüber der vermeintliche soziale Druck, immer das neueste Modell zu besitzen. Verständlich, da die meisten neuen Geräte natürlich auch technische Innovationen versprechen. Doch wie viel davon stecken wirklich im Smartphone oder Laptop, wenn jedes Jahr neue Modelle präsentiert werden? Die traurige Erkenntnis: nur sehr wenige. Denn neben kleineren Verbesserungen in der Kamera oder einer neuen Trendfarbe haben die wirklichen Innovationen in den letzten Jahren massiv nachgelassen.

Allein in Deutschland fallen jährlich 1,6 Millionen Tonnen Elektroschrott an, weltweit sind es knapp 53 Millionen Tonnen. Ein riesiger Müllberg, der jedes Jahr weiterwächst. Eine Lösung: Refurbishment. Damit ist ein relativ aufwendiger Prozess gemeint, bei dem zuvor genutzte elektronische Geräte vollständig erneuert und zurück in den Kreislauf gebracht werden. Wenn Geräte so ein zweites oder drittes Leben erhalten, verringert das nicht nur effektiv CO2-Emissionen. Es werden sowohl wertvolle Ressourcen geschont, als auch unnötiger Elektroschrott vermieden.

Refurbed: Umweltfreundliche Alternativen zum Neukauf anbieten

Um langfristig eine nachhaltige Lösung zu etablieren, ist eine reparaturfreundlichere Politik gefragt. Die EU hat mit ihrer Ökodesign-Richtlinie für eine umweltgerechte Gestaltung von Produkten bereits erste Rahmenbedingungen geschaffen. Am 11. März 2020 hat die EU-Kommission daraufhin mit einem Aktionsplan und 132 Einzelpunkten den Grundstein für eine einheitliche europäische Kreislaufwirtschaft gelegt. Der Fokus liegt hierbei auf einer nachhaltigen Produktpolitik, etwa beim Design und auch den Rechten von Verbraucher:innen. Des Weiteren sollen Reparaturmöglichkeiten klar priorisiert werden. All das klingt erst einmal vielversprechend. Dennoch fehlt es am Willen vieler Hersteller, Ersatzteile und Software-Updates für einen längeren Zeitraum zur Verfügung zu stellen. Und genau hier wäre mehr Druck durch die EU notwendig.

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Kilian Kaminski

ist einer der drei Co-Founder von Refurbed. Zuvor war er Leiter des Certified Refurbished Program bei Amazon Deutschland. Kilian Kaminski hat Kommunikation und BWL in Hamburg, Shanghai und London studiert. Außerdem ist er Teil eines Expert:innen- Konsortiums zum Thema Kreislaufwirtschaft der Europäischen Union. Die Initiative wird vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss unterstützt.
Foto: Marko Mestrovic

Mittlerweile gibt es jedoch einige Unternehmen, die Verbraucher:innen umweltfreundliche Alternativen zum Neukauf anbieten. Als Unterstützer der „Right to Repair“-Bewegung und als Mitglied der European Refurbishment Association (EUREFAS) setzen wir von Refurbed uns dafür ein, dass die europäische Politik mehr Anreize für Verbraucher:innen schafft und sich nachhaltigere Konsumentscheidungen finanziell noch mehr lohnen. Mancherorts geschieht das bereits: Nach regionalen Pilotphasen wird in Österreich etwa ab 2022 landesweit ein Reparaturbonus eingeführt. Reparaturen werden dann mit bis zu 50 Prozent der Kosten beziehungsweise maximal mit 200 Euro vom Staat gefördert. Das Potenzial ist groß, allein in Österreich fallen pro Jahr 83.000 Tonnen Elektroschrott an. Auch in Deutschland gibt es Vorreiter: Thüringen etwa hat in einem Pilotprojekt bereits erfolgreich Reparaturboni getestet.

Weiterdenken

Einführung zur Kreislaufwirtschaft: Walter R. Stahel: The Circular Economy. A User’s Guide, Routledge 2019, 28 Euro

Studie des Öko-Instituts: „Ökonomische und ökologische Auswirkungen einer Verlängerung der Nutzungsdauer von elektrischen und elektronischen Geräten“, Dezember 2020

Wir bei Refurbed wissen: Es lassen sich so gut wie alle elektronischen Geräte wiederaufbereiten und weiternutzen. Und auch den Markt dafür gibt es: Gerade in der Corona-Pandemie stieg die Nachfrage nach refurbished Produkten, denn die sind oft preiswerter. Aufgrund von Homeschooling und Home Office waren viele Haushalte auf günstige Laptops oder Tablets angewiesen. Bereits vor Corona hatten wir zusätzlich ein Mietmodell für refurbished Elektrogeräte eingeführt. Dieses Angebot stieß zwar auf Interesse, allerdings in einer sehr spitzen Zielgruppe, so etwa bei Familien, deren Kinder nur für kurze Zeit technische Ausrüstung für das Distanzlernen benötigten. Daher werden wir unser Mietprogramm erst wieder einführen, wenn wir noch mehr Menschen erreichen.

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Auch auf enorm: Podcast „Über Leben in der Klimakrise“, Episode 5 zur Kreislaufwirtschaft: Wie gelingt uns der Systemwandel?

Grundsätzlich steigt das Interesse an refurbished Produkten: Allein im Jahr 2020 wuchs Refurbed um das Dreifache und erzielte einen Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro. Für 2021 erwarten wir noch einmal ein deutliches Wachstum. Es braucht jedoch noch mehr Aufklärungsarbeit über die Vorteile der Kreislaufwirtschaft für die Umwelt und jede:n einzelne:n von uns. Reparaturprogramme werden von Verbraucher:innen zwar gut angenommen, jedoch ziehen die meisten Menschen noch immer Neukauf einer Reparatur oder Refurbishment vor. Wir bei Refurbed haben dennoch eine Vision: Bis 2030 soll es in jedem europäischen Haushalt mindestens ein refurbished Produkt geben.