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21 August 2014 / Lesezeit: 3 minuten

Handy-Recycling

Klein, alt und wertvoll

Regelmäßig starten Umweltorganisationen Sammelaktionen für Althandys um sie recyceln zu lassen

Titelbild: Eirik Solheim/Unsplash

Titelbild: Eirik Solheim/Unsplash

Noch immer gammeln halb vergessen Millionen von Handys in Deutschland vor sich hin. Dabei ist Handy-Recycling heute einfacher denn je. Und zwar nicht nur für Privatpersonen

Alle anderthalb bis zwei Jahre kauft sich der Durchschnittsdeutsche ein neues Handy. Das alte Handy landet anschließend meist in einer dunklen Schublade oder, noch schlimmer, im Müll. Etwa 100 Millionen solcher ausrangierter Handys sollen Schätzungen zufolge momentan in Deutschland ungenutzt vor sich hin stauben. Und das, obwohl sich selbst aus einem nur 80 Gramm schweren Mobilgerät ziemlich viel herausholen lässt.

Rund 50 Prozent Kunststoffe, 20 Prozent Glas oder Keramik und vor allem bis zu 30 Prozent Edelmetalle machen aus jedem Handy einen kleinen Rohstofflieferanten. Das Berliner Informationszentrum Mobilfunk hat ausgerechnet, dass aus 86 Millionen Altgeräten 1.720 Kilogramm Gold gewonnen werden können – mit einem Gegenwert von 54 Millionen Euro. Aus den vorhandenen Kupferverbindungen stellt etwa das belgische Unternehmen Umicore metergroße, wiederverwertbare Kupferplatten her. „Das Potenzial für Handy-Recycling ist riesengroß. 50.000 bis 60.000 Tonnen könnten es sein“, rechnete Umicore-Mitarbeiter Thierry van Kerckhoven bereits 2011 vor und klagte schon damals. „Aber weltweit werden nur 1000 Tonnen recycelt“.

Viel hat sich seitdem nicht getan. Dabei wäre es so einfach. „Urban mining“, eine Art städtischer Bergbau, nennen Wissenschaftler den Trend, bereits verarbeitete Edelmetalle aus elektronischen Geräten zu gewinnen und sie wieder der Industrie zuzuführen. Die Wiederverwertung kommt nicht nur der Wirtschaft gelegen. Immerhin ist das Schürfen von Metallen nicht nur mühsam und teuer, sondern auch umweltbelastend. Sowohl Bau als auch Betrieb von Minen sind gefährlich und schädlich. Riesige Gesteinsmengen müssen gesprengt und giftige Chemikalien verwendet werden, um die Metalle herauszulösen.

Kostenlos entsorgen oder gewinnbringend verkaufen

Mobiltelefone herzustellen, kostet also nicht wenig. Im Lebenszyklus eines Handys lassen sich vier Phasen ausmachen, von der Rohstoffgewinnung und Produktion über die Nutzung bis hin zum Recycling. Sämtliche verbrauchte Ressourcen aus diesen Phasen zusammengenommen füllen den unsichtbaren „ökologischen Rucksack“ jedes einzelnen Geräts um ein Vielfaches seines Gewichts. Forscher gehen davon aus, dass der Ressourcenverbrauch eines Handys bei 44 Kilogramm liegt.

Die Lebensdauer eines Geräts zu verlängern und damit die Herstellung eines neuen zu vermeiden, hat sich deshalb das Hamburger Unternehmen ReAngel zum Ziel gesetzt. Seit 2011 kauft, repariert und verkauft ReAngel vor allem Firmenelektronik. „Erst wenn eine Reparatur nichts mehr bringt, wandern die Geräte ins Elektrorecycling“, erzählt Geschäftsführer Philip Nissen. Über 2000 Firmenkunden aus verschiedenen europäischen Ländern hat ReAngel bereits. „Bei privaten Handys und Computern ist die Verhandlung und Beschaffung momentan noch zu aufwendig.“

Für Privatkunden gibt es längst zahlreiche Möglichkeiten, ihre alten Handys loszuwerden, ohne dafür extra zum örtlichen Wertstoffhof zu fahren. Denn alle Netzbetreiber nehmen gebrauchte Geräte – egal von welchem Hersteller – auch direkt im Einzelhandel zurück oder bieten einen kostenlosen Versand an. Und wer sein Handy abgibt, tut gleichzeitig Gutes: So spendet O2 für jedes Recycling-Handy an die Tierschutzorganisation WWF, die Deutsche Telekom an die Deutsche Umwelthilfe und ePlus dem Malteser Hilfsdienst.

Wer sein altes Smartphone dagegen lieber verkaufen will, kann sich an ReCommerce-Plattformen wie Rebuy oder Zonzoo wenden und im besten Fall noch ein paar hundert Euro bekommen. Bei Zonzoo erhalten Nutzer sogar für funktionsuntüchtige Geräte 40 Prozent des aktuellen Marktwerts.

Datenlöschung – ein Muss

Ob es sich lohnt, alte Mobiltelefone noch zu reparieren, wissen die Mitarbeiter von ReAngel nach nur einem Blick in die hauseigene Datenbank. Über 4000 Modelle sind in monatelanger Recherche zusammengetragen worden. „Siemens-Geräte können wir komplett wegschmeißen. Während Nokia sehr beliebt und preisstabil ist“, sagt Philip Nissen. „Acht Jahre alte Geräte werden immer noch für 30 Euro gehandelt. Unter anderem weil sie einfach zu bedienen sind und eine Akkulaufzeit von bis zu einer Woche haben.“

Um monatlich bis zu 5000 Handys sowie einige Smartphones, iPhones, Computer und Kameras kümmert sich ReAngel. Die wichtigste Station, die die Geräte dabei durchlaufen, ist die Datenlöschung. Zehn Minuten dauert es, ein Handy auf den Werkszustand zurückzusetzen, 20 Minuten braucht ein Smartphone, während das Löschen von Computerdaten mehrere Stunden in Anspruch nehmen kann. So stellen die Mitarbeiter sicher, dass der Prozess den von der Prüfgesellschaft Dekra geforderten Standards entspricht. Zumal der sorgfältige Umgang mit sensiblen Informationen für Konzerne den größten Anreiz darstellt, um ihre Elektronik überhaupt zu recyceln, wie Nissen weiß. „Anfangs hat es im Schnitt zwei Jahre gedauert, bis alle Unternehmensabteilungen einer Zusammenarbeit mit uns zugestimmt haben.“

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Profitabel ist der Wiederverkauf alter Handys allerdings erst, wenn man weiß, welche Marke wo nachgefragt wird. „Nokia findet in Deutschland Anklang, Blackberrys gehen nach Nigeria, Samsung und Sony Ericsson teilen sich den asiatischen Markt. Und in Haiti hat man gern ein iPhone“, sagt Nissen, „als Statussymbol“.

Wie umweltschonend die Entsorgung von Handys in Schwellenländern stattfindet, steht dabei auf einem anderen Blatt. Sicher ist, dass die Milliarden Menschen, die mobile Geräte besitzen, zusammen Hunderttausende Tonnen an Rohstoffen einsparen könnten, wenn nur die Hälfte von ihnen ihre ausgemusterten Geräte recyceln würde. Auf den Ausstoß von Treibhausgasen gerechnet, würde das denselben Effekt haben, als nähme man Millionen von Fahrzeugen von der Straße.