Startseite/Wirtschaft/Kreislaufwirtschaft/Cradle to cradle
18 September 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Kreislaufwirtschaft

Was ist eigentlich Cradle to Cradle?

Cradle to Cradle heißt, in einem Kreislauf zu produzieren – und so möglichst schonend für Natur und Klima

Titelbild: Thomas Lambert/Unsplash

Titelbild: Thomas Lambert/Unsplash

Gerade hat der Bundestag beschlossen, Wegwerfartikel aus Plastik zu verbieten, um Müll zu vermeiden. Noch weiter geht Cradle to Cradle, was übersetzt von der Wiege in die Wiege bedeutet. Das Prinzip, das nach der Vision von Michael Braungart für alle Produkte gelten soll, setzt auf perfekte Kreisläufe – komplett ohne Müll.

Der perfekte Kreislauf – nichts weniger ist die Vision und das Ziel von Michael Braungart. Der Chemiker entwickelte zusammen mit dem US-amerikanischen Architekten William McDonough im Jahr 2002 ein Konzept, um diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Das  Cradle-to-Cradle-Prinzip – von der Wiege in die Wiege – orientiert sich dabei an der Natur. Denn biologische Kreisläufe lassen keinen Abfall zurück.

Aktuell basiert unser wirtschaftliches Produktionssystem jedoch noch auf dem genauen Gegenteil. In der Abfallwirtschaft spricht man deshalb vom Cradle-to-Grave-Prinzip, das nichts anderes bedeutet, dass Produkte nach dem Ende ihrer Nutzung auf dem Müll landen. Zur Produktion werden immer wieder neue Rohstoffe benötigt, die jedoch auf der Erde nur endlich vorhanden sind. Von der Umweltverschmutzung durch den Müll ganz zu schweigen.

Auch auf enorm: Cradle to Cradle NGO: „Wir schaffen Werte, nicht Schadstoffe“ 

Cradle-to-Cradle-Prinzip: Denken in Kreisläufen

Wie der Name schon sagt, ist das Prinzip von Cradle-to-Cradle ein anderes: das Denken in Kreisläufen. Nicht nur der erste Nutzen darf im Mittelpunkt stehen, sondern auch die Verwendung der Rohstoffe nach der Nutzung. Kostbare Ressourcen werden nicht verschwendet, sondern wieder verwendet. Der Cradle-to-Cradle-Ansatz schließt auch die umweltfreundliche Produktion und die Nutzung von erneuerbaren Energien mit ein. So werden der biologische und der technische Kreislauf mit einbezogen. Jeder muss ein in sich geschlossener Prozess sein. Organische Bestandteile eines Produktes landen wieder auf dem Kompost und somit im Kreislauf der Natur. Gebrauchsgüter werden so gestaltet, dass sie beispielsweise durch chemische oder mechanische Prozesse sinnvoll wiederverwertet werden können. Um an die Rohstoffe zu gelangen, müssen die Unternehmen die Produkte wieder zurücknehmen. Möglich wäre dies unter anderem durch ein Pfandsystem oder aber durch die Vermietung beziehungsweise dem Leasing von Produkten.

Konsequent umgesetzt bedeutet die Vision von Michael Braungart nichts anderes als eine Revolution unserer Produkte – angefangen vom Produktdesign, der Herstellung und der Nutzung bis hin zur Rücknahme. Das Ergebnis wäre eine Welt ohne Müll. Ein perfekter Kreislauf – basierend auf einer radikalen Denkweise in Kreisläufen.

Kritik an der Umsetzbarkeit

Doch ob sich die Idee von Braungart und McDonough wirklich so radikal umsetzen lässt, darüber herrscht bei den Kritikern große Skepsis. Zu kostenintensiv und nicht für alle Produkte umsetzbar lauten nur zwei der Zweifel, die immer wieder genannt werden. Andere werfen den beiden Visionären vor, sich nicht detailliert genug mit den Produktionsketten beschäftigt zu haben. Unrecht haben die Kritiker nicht. Doch vor allem die Kostenfrage könnte sich bei immer selteneren Rohstoffen bald lösen. Denn dann ist ein Recycling billiger als die Gewinnung von Materialien. Darüber hinaus soll Cradle to Cradle nach Ansicht Braungarts schrittweise erfolgen.

Cradle-to-Cradle-Prinzip: Zahlreiche Produkte zu kaufen

Trotz aller Kritik findet Cradle to Cradle in der Industrie zahlreiche Partner, die sich an der Umsetzung versuchen. In Deutschland entwickelte unter anderem der Textilhersteller Trigema kompostierbare Kleidung wie T-Shirts, Hosen oder Baby-Lätzchen. Der Reinigungsmittelproduzent Frosch bietet einen Badreiniger nach Cradle-to-Cradle-Prinzipien an. Weitere Produkte auf dem Markt sind unter anderem Bürostühle, Bezugsstoffe, Fliesen, Teppiche, Toilettenpapier und Shampoo. Insgesamt haben, so der Stand im Jahr 2014, mehr als 150 Unternehmen über 400 Produkte nach den Kriterien von Cradle to Cradle auf dem Markt gebracht. Seither kamen stets weitere dazu.  Einen aktuellen Überblick zu Produkten nach Cradle-to-Cradle-Prinzip findest du beim Cradle to Cradle Products Innovation Institute, das Produkte zertifiziert.

Mittlerweile wieder vom Markt verschwunden ist das Produkt von Braungarts und McDonoughs schwergewichtigsten Partner. Der niederländische Elektrokonzern Philips entwickelte nach ihrer Vision ein Fernsehgerät. Der Absatz hielt sich aufgrund des Preises aber anscheinend in Grenzen. Abgeschlossen hat Philips mit Cradle to Cradle aber nicht. Der Ansatz wird weiterverfolgt. Denn die Herstellung eines so komplexen Gerätes zeigt, dass das Cradle-to-Cradle-Konzept auch bei hochtechnischen Produkten funktionieren kann.

Hilf enorm!

Unterstütze konstruktiven Journalismus

Die Coronakrise stellt auch uns bei enorm vor große wirtschaftliche Herausforderungen. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, möchten wir die Inhalte auf enorm-magazin.de frei zugänglich halten und auf Bezahlschranken verzichten. Hilf uns mit deinem Beitrag dabei!

Hilf enorm!

Dieser Text aus dem Archiv des enorm Magazins aus dem Jahr 2014 wurde im September 2020 aktualisiert.