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6 September 2016 / Lesezeit: 3 minuten

Michael Braungart im Interview

Cradle to Cradle ist Europas Chance

Statt die Umwelt zu verschmutzen, sollten Produkte Teil eines geschlossenen Kreislaufs werden – dafür setzt sich auch Micheal Braungart ein, Erfinder des Prinzips Cradle to Cradle

Titelbild: Scott Van Hoy/Unsplash

Titelbild: Scott Van Hoy/Unsplash

„Cradle to Cradle“ ist Kreislaufwirtschaft in ihrer reinsten Form. Michael Braungart hat das Konzept mitentwickelt und sieht die Umsetzung als die letzte Chance Europas für Innovation

Herrn Braungart, noch ist Cradle to Cradle nicht im Mainstream angekommen. Geht das für Sie als Erfinder des Prinzips nicht viel zu langsam?

Wir liegen unglaublich gut im Zeitplan. Alle wichtigen und großen Innovationen brauchen etwa 50 Jahre von der Idee bis zur Marktreife. Zwischen der ersten Erklärung der Menschenrechte und dem Frauenwahlrecht in Deutschland sind 150 Jahre vergangen. Echte Änderungen brauchen Zeit, aber dafür sind wir viel weiter, als ich es für möglich gehalten hätte.

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Warum sind Sie sicher, dass es letztendlich wirklich klappt?

Cradle to Cradle ist die einzige Innovationschance, die die Europäer noch haben. Gentechnik, Computer, Robotik, von der Elektromobilität ganz zu schweigen – alles haben sie nicht wirklich mitgemacht, aus guten wie schlechten Gründen. Cradle to Cradle feiert den Menschen und seinen Fußabdruck. Man kann ihn als Belastung für die Welt sehen, als gierig und schlecht; dann wird der Mensch auch zur Belastung, gierig und schlecht. Sieht man ihn aber als Bereicherung, wird er kreativ, freundlich und großzügig. Außerdem kommt uns die neue Generation zugute.

Wieso?

Wer unter jungen Leuten massiv Müll produziert, gilt nur noch als Idiot. Die soziale Anerkennung ist in dieser „Generation Selfie“ so wichtig wie nie, viel wichtiger als Geld. Wenn die Wirtschaft diese Generation für sich gewinnen will, muss sie Kreislaufprodukte herstellen. Das bringt das Prinzip stärker voran als alles andere. Es gibt schon jetzt tausende Produkte, die nach Cradle to Cradle hergestellt werden.

Die sind aber meistens teurer als herkömmliche. Muss das sein?

Gar nicht. Kreislaufprodukte sind sogar billiger, wenn man nicht nur das Produkt und seinen Preis, sondern auch externe Kosten und die Lieferkette betrachtet. Das zeigt sich am Beispiel von Solarmodulen ganz gut: Die chinesischen Exemplare büßen bereits nach wenigen Jahren die Hälfte ihres Wirkungsgrades ein, bei europäischen sind es nur wenige Prozentpunkte. Trotzdem kaufen wir die vermeintlich billigere Version und übernehmen dann noch die Entsorgung für den chinesischen Sondermüll. Betrachtet man die gesamte Lebensdauer ist das europäische Modul auf 20 Jahre gesehen viel billiger als das chinesische.

Wenn eine Rolle Cradle-to-Cradle-Toilettenpapier aber so viel kostet wie zehn herkömmliche, geht diese Rechnung irgendwann nicht mehr auf. Vor allem steigt die Hemmschwelle für den Endverbraucher, zu solchen Produkten zu greifen.

Natürlich, so etwas kann auch zynisch werden. Es gibt und gab einzelne Unternehmen, die können von ihrem Erfolg nicht genug bekommen. Die erarbeiten sich mit ihren Cradle-to-Cradle-Produkten ein Alleinstellungsmerkmal und nutzen dieses dann aus. Die haben die Marktwirtschaft ausgereizt und unfassbare Umsatzrenditen eingefahren.

Bei Cradle to Cradle geht es also auch um Moral?

Nein, geht man nur mit der Moral, bleibt man auf halbem Wege stecken. Man schaue sich nur das Beispiel der Solarmodule an: Das ist keine Frage von Moral, sondern von Innovation.

In welcher Branche kann Cradle to Cradle denn die größte Wirkung entfalten?

Die Baubranche verursacht etwa zwei Drittel aller Abfälle weltweit. Eine einzige Kupferhütte in Hamburg produziert vier Mal so viel Abfall wie ganz Europa Hausmüll. In der Industrie und im Bau setzt sich der Kreislaufgedanke immer stärker durch, alle großen Firmen arbeiten schon oder experimentieren zumindest mit Cradle to Cradle.

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Gibt es noch ein Cradle-to-Cradle-Produkt, das Sie sich wünschen?

Alles wird irgendwann in einem Kreislauf produziert, produziert werden müssen. Dafür braucht es positive Ziele. Momentan ist die Luft beispielsweise in Gebäuden stärker belastet als städtische Außenluft. Es wurde an den falschen Stellen optimiert, bestimmte Produkte halten heute vielleicht länger, sind dafür aber um ein Vielfaches giftiger geworden und verschmutzen unsere Umwelt. Was ich mit deswegen wünsche ist, dass wir alles noch einmal erfinden und bei der Entwicklung unserer Produkte die Intelligenz an den Anfang stellen.