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24 October 2019 / Lesezeit: 5 minuten

Gemeinwohl-Ökonomie

„Wir haben ein Konzept, nach dem Fridays for Future sucht”

Ein gutes Leben für alle Menschen – das will die Gemeinwohl-Ökonomie erreichen.

TITELBILD: MIKE ERSKINE/UNSPLASH

TITELBILD: MIKE ERSKINE/UNSPLASH

Aktivist Christian Felber findet unser Wirtschaftssystem pervers. Sein Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie soll allen Menschen ein gutes Leben ermöglichen. Im Interview spricht er über Grenzen des Privateigentums und wie Zölle Staaten ohne CO2-Steuer bestrafen sollen

Vor mittlerweile neun Jahren haben Sie das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie entwickelt. Warum zweifeln Sie an unserem bisherigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem?

Ich habe immer mehr einen Wertewiderspruch bemerkt. Einerseits machen gelingende Beziehungen Menschen glücklicher als irgendetwas anderes. Sie motivieren auch stärker. Andererseits beruht unsere jetzige Wirtschaftsordnung auf ganz anderen Werten: auf der Maximierung von Eigennutz, Konkurrenzorientierung, Verfolgung von finanziellen Zielen, Materialismus und Wachstum. All das untergräbt die Beziehungen, die uns glücklich machen und motivieren. Und an diesem Wertewiderspruch leiden unendlich viele Menschen. Die Gemeinwohl-Ökonomie löst genau diesen Wertewiderspruch auf: Sie ist zwar prinzipiell immer noch eine freie Marktwirtschaft, aber sie beruht nicht mehr auf Kapitalmehrung, sondern auf unseren demokratischen Grund- und Beziehungswerten.

Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgen auf und wir leben in einer idealen Gemeinwohl-Ökonomie. Woran würden wir es merken?

Wir hätten wieder mehr Bienen und überall würden Vögel zwitschern. Wir könnten das Wasser aus den Flüssen wieder trinken. Wir wären gut gelaunt, es gäbe kaum Stress und kein Burnout mehr. Wir wären gesünder. Und auch das Landschaftsbild und Stadtbild wären anders: Es gäbe viele kleine oder mittelgroße Unternehmen, aber keine Großkonzerne mehr. Bürotürme wären Häusern gewichen, die dazu einladen, hineinzugehen und sich wohl zu fühlen. Sie wären ohne Chemikalien gebaut, aus 100 Prozent Naturmaterialien. Unsere Lebensqualität wäre in jedem Aspekt besser. Wir würden achtsamer miteinander kommunizieren, gewaltfrei sprechen, uns von Herzen zuhören und partizipativ entscheiden. Wir wären mit unserer Demokratie zufrieden. Und weil die Ungleichheit geringer wäre, gäbe es keine Stacheldrahtzäune und privaten Securities mehr.

Müssten wir dafür nicht unser marktwirtschaftliches System viel radikaler umbauen, beispielsweise auch mit Blick auf Eigentumsformen?

Es gibt eine gewisse Berechtigung für Privateigentum. Die Gemeinwohl-Ökonomie sieht dabei jedoch eine größere Vielfalt vor: Genoss*innenschaft, Mitarbeiter*innen-Stiftung, Stakeholder-Beteiligung. Es gibt verschiedene Modelle. Aber wir brauchen Grenzen und auch eine Sozialpflicht des Eigentums – die das Grundgesetz ja eigentlich vorschreibt. Stattdessen untergraben die Marktkräfte genau diese Grundwerte, die vom gesellschaftlichen Zusammenhalt über die Ökologie bis hin zu Ethik und dem Sinn im Leben reichen. Die Wirtschaftswissenschaft hat uns mit einem „perversen“ Marktdesign in die Irre geführt. Denn Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftswachstum sind in keinem demokratischen Staat dieser Erde ein Verfassungswert.

Christian Felber, 43, ist ein österreichischer Autor, Performer und politischer Aktivist. Er hat die Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie initiiert. Bild: José Luis Roca

Wieso verabschiedet sich die Gemeinwohl-Ökonomie dann nicht komplett vom Streben nach Wachstum?

In einer Gemeinwohl-Ökonomie wird es weiterhin Wachstum geben – aber so wie jedes Lebewesen hat auch jede Firma eine optimale Größe. Auch wird es Kapital geben, aber dieses wird konsequent als Mittel betrachtet, das dem übergeordneten Ziel des Gemeinwohls dienen muss. Deshalb wird es in einer Gemeinwohl-Ökonomie nur Gemeinwohl-Banken und Gemeinwohl-Börsen geben. Das heißt Fremd- und Eigenkapital sollen von einer regionalen Gemeinwohlbank oder -börse an Unternehmen fließen können – allerdings erst nach einer Gemeinwohl-Prüfung. Das kann auch für Aktiengesellschaften gelten. Diese sollten aber nicht die Größe der Deutschen Bank oder von Bayer annehmen dürfen. Wir brauchen eine globale Fusionskontrolle, welche das Ergebnis der Gemeinwohlbilanz in die Fusionsprüfung miteinbezieht und eine Obergrenze definiert, die spätestens bei einer Größe von zehn Milliarden Euro Umsatz ansetzen muss.

Diejenigen, die nicht kooperieren, müssen sanktioniert werden.

Wie passt die Gemeinwohl-Ökonomie zu Klimaschutzbewegungen wie Fridays for Future?

Wir sind mit den Aktivistinnen im Austausch. Weil wir acht Jahre Vorsprung haben, haben wir ein sehr detailliertes Konzept, nach dem die Fridays for Future-Bewegung gerade sucht. Wir würden zum Beispiel die von Fridays for Future geforderte CO2-Steuer mit Zöllen auf Kohlenstoff ergänzen. Dadurch würden nicht die Länder, die eine CO2-Steuer einführen, Wettbewerbsnachteile gegenüber Handelspartnern erleiden, die das nicht machen. Dabei würde ein Zoll in Höhe von mehreren hundert Euro pro Tonne CO2 verhängt werden. Diejenigen, die nicht kooperieren, müssen sanktioniert werden. 

Sie fordern außerdem eine 100 Prozent biologische Landwirtschaft. 

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist ein Redesign des Marktes, bei dem konventionelle Landwirtschaft nicht mehr rentabel wäre. Die Pestizidhersteller und Hersteller von synthetischem Dünger würden in einer Gemeinwohl-Ökonomie insolvent werden, weil sie für die von ihnen verursachten Schäden höhere Steuern und Zölle zahlen müssten und keine Aufträge und Kredite mehr erhalten würden. Heute haben Bio-Bauern einen Wettbewerbs-Nachteil, weil sie höhere Kosten und dadurch höhere Preise haben. Das ist ein Systemfehler des Marktes: Diejenigen, die verantwortlich wirtschaften haben Wettbewerbsnachteile und diejenigen, die unserer Gesellschaft und Umwelt schaden haben Preis- und Wettbewerbs-Vorteile. Das ist pervers. Mit der Gemeinwohl-Ökonomie hätten wir stattdessen eine ethische Marktwirtschaft, also nicht nur eine soziale Marktwirtschaft, sondern auch eine ökologische, kooperative und demokratische Marktwirtschaft.

Gemeinwohl-Ökonomie

Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) bezeichnet ein ethisches Wirtschaftssystem. Es soll auf Werten aufgebaut sein, die das Gemeinwohl, also ein gutes Leben für alle Menschen, fördern. Rund 500 Unternehmen, vor allem im deutschsprachigen Raum, haben bereits eine GWÖ-Bilanz erstellt und von Auditoren überprüfen lassen. Anhand der Gemeinwohl-Matrix lässt sich erkennen, wie es um die Werte Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz bestellt ist. Auch einige Regionen und Kommunen haben sich bereits der GWÖ verschrieben. Im Jahr 2016 hat der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss, eine beratende Einrichtung von Arbeitgeber-, Arbeitnehmerorganisationen und weiteren Interessengruppen, in einer Initiativstellungnahme dafür gestimmt, das GWÖ-Modell in den europäischen sowie in die einzelstaatlichen Rechtsrahmen zu integrieren.

In Ihrem neuen Buch plädieren Sie auch für eine Revolution der Wirtschaftswissenschaften. Wo genau liegt denn das Problem?

Die Wirtschaftswissenschaften haben das demokratische Wertesystem pervertiert. Wir haben heute ein völlig verkehrtes Wirtschaftsverständnis, das der Vorherrschaft der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft anzurechnen ist. Seit etwa 150 Jahren geht es in Richtung nackte Zahlenherrschaft, während alle Werte, alles Qualitative, die Ethik ausgesperrt werden. Das ist nach Aristoteles gar keine „Ökonomie“ mehr, sondern „Chrematistik“ – heute sagen wir Kapitalismus dazu. Es wurde wichtiger, dass das Kapital wächst und nicht, dass zum Beispiel die Menschenrechte geschützt werden und dass das Klima stabil bleibt und der soziale Zusammenhalt wächst.

Um diese Werte zu bemessen, soll es auf volkswirtschaftlicher Ebene ein Gemeinwohl-Ökonomie-Produkt anstelle des Bruttoinlandsprodukts geben. Wie genau soll das aussehen?

Das Gemeinwohl-Produkt soll von der Bevölkerung in partizipativen Prozessen gestaltet werden und das messen, was nach Auffassung der Menschen wirklich zählt. Zum Beispiel Gesundheit, Bildung, ökologische Stabilität, Demokratie, Frieden, innergesellschaftliche Solidarität und Zusammenhalt – also Lebensqualität ganz umfassend, ein gutes Leben für alle. Diese Werte müssen aus einem demokratischen Beteiligungsprozess heraus entstehen.“

All das klingt sehr utopisch. Wie lange dauert es, bis wir Ihr Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie erreicht haben?

Wenn sie versuchen alle Fraktionen im Bundestag von der Gemeinwohl-Ökonomie zu überzeugen, dann wird es noch ein bis zwei Jahrzehnte dauern. Wenn wir aber heute die Bevölkerung fragen würden, ob sie das Marktdesign so beibehalten wollen, wie es jetzt ist oder ob stattdessen diejenigen, die der Gesellschaft nützen und die Umwelt schützen, belohnt werden sollten, dann hätten wir sicher mindestens eine Dreiviertelmehrheit für eine ethische Marktwirtschaft im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie.

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Das heißt, wenn wir als Konsumentinnen ethisch richtig entscheiden würden, wäre alles gut?

Es würde nicht ausreichen, demokratische Entscheidungen auf die Konsumentinnen abzuwälzen. Zwar tragen wir alle Verantwortung, doch die meiste Verantwortung tragen die mit der größten Entscheidungsmacht. Auf den Märkten sind das die Konzerne. Aber noch mehr sind es die demokratischen Gesetzgeber. Weil sie die Regeln für die Märkte machen. Es ist wichtiger, Weltkonzerne wieder so zu regulieren, wie es den demokratischen Werten entspricht, als an die Tugendhaftigkeit des Weltkonzerns zu appellieren. Eigenverantwortung ist nur eine Teillösung und wäre eine Auslagerung von politischer und demokratischer Verantwortung. Deshalb liegt der Fluchtpunkt unserer Anstrengungen darauf, das demokratische System selbst zu verbessern. Am wichtigsten dafür ist mehr direkte Demokratie wie sie in den Bürgerinnenräten passiert.