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25 February 2014 / Lesezeit: 4 minuten

Pavan Sukhdev im Interview

Überholtes Modell

Titelbild: Kajornyot/Shutterstock.com

Konzerne haben zum globalen Wohlstand beigetragen – jetzt aber müssen sie sich wandeln, fordert der ehemalige Investmentbanker und Aktivist Pavan Sukhdev

Herr Sukhdev, Sie mögen Konzerne nicht besonders. Warum nicht?

Es sind nicht die internationalen Unternehmen selbst, die ich für problematisch halte. Es sind ihre Geschäftsmodelle.

Wie meinen Sie das?

Diese Modelle basieren auf Größe, Wachstum und der Maximierung von Gewinnen. Dafür betreiben die Unternehmen massive Lobbyarbeit, kreieren Nachfrage in reichen Ländern, lassen sich bei der Produktion subventionieren und nutzen die Arbeitskräfte und Ressourcen in schwach geführten Staaten aus.

Unternehmen, die so handeln, haben Sie in Ihrem Buch einen Namen gegeben: „Corporation 1920“. Warum diese Jahreszahl?

1919 wurde in den USA ein bedeutendes Urteil in dem Fall Ford vs. Dodge gefällt. Henry Ford, ein faszinierender Mensch, hatte die Vision, dass sich jeder Amerikaner sein Auto, das Modell T, leisten können sollte. Aber für viele war es zu teuer. Also investierte er jeden Cent, um es billiger zu machen. Und es gelang. Zwischen 1900 und Anfang der 20er-Jahre sank der Preis von 850 auf etwa 500 US-Dollar.

Die Gebrüder Dodge, seine Investoren, waren damit aber nicht einverstanden?

Nein. Sie verlangten höhere Dividenden, verklagten Ford – und gewannen. Zwar existierte die Idee, dass ein Unternehmen vor allem im Interesse seiner Anteilseigner handeln sollte, schon vorher. Nur wurde diese Frage bis dahin nie von einem Gericht verhandelt. Die Entscheidung des Michigan High Courts begründete das Modell der heutigen Unternehmen.

In den darauf folgenden Jahrzehnten hat dieses Wirtschaftsmodell aber erheblich zum Wohlstand beigetragen. Weltweit geht es sehr vielen Menschen so gut wie nie zuvor.

Sicher. Aber im Jahr 2013 zu sagen, dass dieses Modell auch die Lösung für die kommenden 100 Jahre ist, ist nicht nur falsch, sondern geradezu dumm. Die Erde gerät an ihre Grenzen, und das, weil die Unternehmen nicht für die negativen Folgen ihres Wirtschaftens haften müssen. Die britische Beratung Trucost hat 2010 die Höhe der Umweltschäden, der sogenannten externen Kosten, der 3000 größten Unternehmen berechnet. Das Ergebnis: 2,15 Billionen US-Dollar.

Was wollen Sie dagegen tun?

Es muss auf vier Feldern etwas passieren. Erstens müssen Unternehmen für ihre externen Kosten aufkommen, sie müssen also in den Bilanzen ausgewiesen werden. Zweitens sollte der Verbrauch von natürlichen Ressourcen besteuert werden. Drittens muss das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital stärker kontrolliert werden. Viele Firmen können sich Geld ohne konkreten Verwendungszweck leihen – das muss limitiert werden. Es reicht nicht, die Banken zu mehr Eigenkapital zu verpflichten. Auch Versicherungen wie AIG, Autofirmen wie General Motors oder Fluglinien wie Swiss Air gelten inzwischen als „too big to fail“, als zu groß, um sie scheitern lassen zu können. Das ist ein Problem.

Welches ist der vierte zu regulierende Bereich?

Die Werbung. In der klassischen Ökonomie heißt es, der Bedarf und die Nachfrage führen zu Innovationen. Das Gegenteil ist aber der Fall: Innovationen treiben die Nachfrage voran. Der Grund ist die Werbebranche. Aus dem Nichts heraus kreiert sie Bedürfnisse, verwandelt die Schwäche und Unsicherheit von Individuen in Verlangen – und das führt zur Produktion. Viele sind überrascht, wenn ich über die Treiber unserer nicht nachhaltigen Welt spreche und auf die finanziellen Aspekte und die Werbung komme. Aber die müssen auch geändert werden.

Wie wollen Sie das erreichen?

Zur Besteuerung von Ressourcen spreche ich mit vielen Regierungen und deren Steuerbehörden. Das muss in ihrem Interesse sein. Die Rezession ist noch nicht vorbei, die Einkommen sinken, also nehmen Staaten weniger Steuern ein. Und ich erwarte, dass sich das nicht ändert. Die Märkte werden noch umkämpfter, die Gewinne der Unternehmen sinken und demzufolge auch die Einnahmen der Staaten.

Die Konzerne werden sich gegen Ihre Pläne wehren und Druck auf die Politik ausüben. Ihr Argument: Wenn durch die Eingriffe die Gewinne schrumpfen, gehen Arbeitsplätze verloren. Politiker werden kaum daran interessiert sein, Ihre Ideen umzusetzen.

Wir brauchen neue Regeln, aber das müssen nicht zwingend von Regierungen beschlossene Gesetze sein. Es ist ja so, dass nur die Steuerbehörden von den Regierungen abhängen. Für die Neuregelung der Grundsätze, nach denen Jahresabschlüsse erstellt werden, ist zum Beispiel das unabhängige International Accounting Standards Board zuständig. Auch die Werbeindustrie ist nicht vom Staat abhängig, sondern hat eigene Interessenverbände. Mit denen muss man sprechen.

Konsequent angewandt würden Ihre Vorschläge etwa das Geschäftsmodell eines Ölproduzenten gefährden. Wenn er pleite ginge: Wie gehen Sie mit der Unsicherheit der Angestellten um?

Das ist eine große Herausforderung. Aber neue Technologien und neue Geschäftsmodelle werden nun mal erfunden. Der Punkt ist: Ökonomien entwickeln sich, Gesellschaften entwickeln sich, einige Unternehmen sterben, neue werden geboren. Es wird aber auch zukünftig Unternehmen geben, die Menschen Arbeit verschaffen.

Unternehmen, die Sie für zukunftsfähig halten, nennen Sie „Corporation 2020“. Was zeichnet diese aus?

Diese Firmen erzielen Gewinne und kreieren zugleich positive Effekte. Sie mehren das soziale, das humane und das Naturkapital der Erde. Oder, wenn das nicht gelingt, verringern sie es zumindest nicht.

Wie soll das gehen?

Zum Beispiel durch Gesundheits-, Aus- und Fortbildungsprogramme für die Mitarbeiter. Ein Geschäftsmodell könnte auch darauf abzielen, die CO2-Belastungen anderer auszugleichen oder zu minimieren. Oder nehmen wir an, Sie stellen Zement oder Cola her und müssen für die Herstellung die knappen Wasserressourcen einer Gemeinde anzapfen. Wenn Sie nicht gegen, sondern mit den Menschen vor Ort arbeiten, dann verringern Sie das Risiko, dass Ihre Fabrik in die Luft gesprengt wird.

Gilt das, was Sie beschreiben, nicht nur für die westliche Welt? In Schwellenländern hoffen viele Menschen darauf, so konsumieren zu können wie wir es schon seit Jahrzehnten tun – Druck wegen fehlender Nachhaltigkeit werden sie auf Politik und Wirtschaft eher nicht ausüben.

Sicher müssen wir diesen Ländern erklären, dass die gesamte Welt scheitert, wenn sie auch so handeln wie wir. Aber ich habe größere Probleme, Menschen in den westlichen Nationen von der Notwendigkeit des Wandels zu überzeugen. Wenn es um Solarenergie geht, finden Sie die besten Beispiele in Bangladesch. Wenn es um ökologische Landwirtschaft geht, sollten Sie mal nach Uganda blicken. Und beim Thema Solarheizungen ist China führend. Einige der nachhaltigsten Geschäftsmodelle kommen aus den Schwellenländern.

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Weil diese Länder ihre Wirtschaft nicht reformieren müssen, sondern gerade erst aufbauen?

Richtig. Dort gibt es nicht so viele Unternehmen, die in überholte Technologien investiert haben oder etwa darauf basieren, Pestizide zu verkaufen. Für sie ist es einfacher als für uns, einen neuen Weg einzuschlagen. Im Westen müsste man ja im Grunde Konzerne erst schließen, um das zu erreichen.