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12 Mai 2021 / Lesezeit: 2 minuten

Glossar zum Wirtschaftssystem

Wege aus unserem Hyperkapitalismus

Dem Prinzip „Wachstum um jeden Preis“ ist die Luft ausgegangen: Die planetaren Grenzen sind längst überschritten. Unsere Wirtschaft braucht ein System-Update. Welche alternativen Wirtschaftsmodelle gibt es?

Illustration: Judith Weber

Illustration: Judith Weber

Unser neoliberaler Kapitalismus produziert Krisen wie am Fließband – Finanzkrisen, Klimakatastrophe, Artensterben, Pandemie – verändert hat er sich dadurch nicht. Konzepte, die den nötigen Systemwandel veranschaulichen, gibt es viele. In diesem Glossar stellen wir einige Begriffe und Modelle vor, mit denen wir den Kapitalismus-„Hack“ einläuten können.

Postwachstumsökonomie

Konzept, das die seit Jahrzehnten gängige Praxis „Wachstum um jeden Preis“ kritisiert. Der Fokus auf die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts habe dazu geführt, dass wir die ökologischen Belastungsgrenzen des Planeten überschritten hätten. Weiteres Wachstum sei nicht möglich, auch nicht in einer „grünen“, nachhaltigen Form. Stattdessen sollte nur noch so viel produziert werden, wie sich wiederverwerten lässt, und der vorhandene Wohlstand gerechter verteilt werden, lauten Kernthesen.

Kreislaufwirtschaft

Wirtschaftsform, die von Natur aus regenerativ und abfallfrei ist und nach den Prinzipien „Reduce, Reuse, Recycle“ agiert. In einer Kreislaufwirtschaft wird weniger produziert und werden Materialien so oft wie möglich repariert und recycelt. Außerdem wird der gesamte Energiebedarf aus erneuerbaren Quellen gewonnen und das Natur- und Humankapital strukturell unterstützt, anstatt ausgebeutet durch profitgetriebene Interessen.

Wann kommt der Systemwandel?

Entgegen der Hybris mächtiger Industriestaaten hat die Menschheit mit dem neoliberalen Kapitalismus und der Demokratie nicht das „höchste Entwicklungsstadium“ ihrer Spezies erreicht. „Alles, was Menschen geschaffen haben, kann auch durch Menschen verändert werden“, sagt der niederländische Historiker und Journalist Rutger Bregman. Wann kommt der Systemwandel – oder sind wir schon mittendrin? Ein Essay.

Donut-Ökonomie

Theoretisches Modell der britischen Ökonomin Kate Raworth, das die Kreislaufwirtschaft als Donut darstellt. Es zeigt die Unter- und Obergrenze von Wohlstand mit neun ökologischen Krisen am äußeren Rand und sozialen Faktoren wie Gerechtigkeit und Bildung am inneren Rand des Donuts. Jede ökonomischen Aktivität sollte darauf abzielen, die Bedürfnisse aller zu decken, ohne dabei die planetaren Belastungsgrenzen zu überschreiten. „Wachstum“, sofern möglich, muss sich innerhalb des Donuts abspielen.

Green New Deal

Reformprogramm zur Herstellung von Klimagerechtigkeit, die an den „New Deal“ von US-Präsident Theodore Roosevelt angelehnt ist, der als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise 1933 verabschiedet wurde, Banken regulierte, Jobs schuf und das Sozialsystem stärkte. Auch beim neuen Green New Deal soll der Staat in allen Bereichen – Energieproduktion, Industrie, Verkehr, Wohnen, Stadtplanung – massiv eingreifen, um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens einzuhalten und die Menschen in der Transition aufzufangen. Die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez brachte im Januar 2019 eine Resolution für einen Green New Deal in den US-Kongress ein. Im Dezember 2019 stellte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen einen Green Deal für Europa vor. Bis 2050 soll „Europa der erste klimaneutrale Kontinent“ werden. Von der Leyen erklärt das Vorhaben zu „Europas Mann-auf-dem-Mond-Moment“.

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Hyperkapitalismus

Begriff des linken französischen Ökonomen Thomas Piketty für den neoliberalen Kapitalismus, in dem wir seit der Digitalisierung und Globalisierung leben. Im Hyperkapitalismus sind die staatlichen Institutionen so stark mit den Unternehmen verflochten, dass sie nahezu handlungsunfähig geworden sind und sozioökonomische Ungleichheit kaum mehr ausgleichen können.

Dieser Text ist Teil des Schwerpunkts „Kapitalismus hacken“ der Ausgabe 02/21 des enorm Magazins.

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