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14 December 2018 / Lesezeit: 5 minuten

Von der Nische in den Mainstream

Grüner Kurswechsel in der Finanzbranche

Shareholder Value war gestern: Nachhaltigkeitsziele sind inzwischen im Zentrum der Finanzbranche angekommen

Titelbild: AbsolutVision/Unsplash

Titelbild: AbsolutVision/Unsplash

Dass Investoren auch für Welt und Umwelt verantwortlich sind, hat sich bis ins Zentrum der Finanzwelt herumgesprochen. Entsprechend vielfältig ist die Zahl grüner Investmentstrategien. Eine Reise durch das Anlage-Universum

Hätten wir alle auf Milton Friedman gehört, würden wir uns bei enorm gar nicht damit beschäftigen, was „Gutes Geld“ eigentlich ist. Der Ökonomie-Nobelpreisträger von 1976 hatte eine ganz einfache Vorstellung von dem, was Investitionen erreichen sollen: einen möglichst hohen Profit, und damit basta. Wer sich sozial, ökologisch oder menschenfreundlich betätigen wolle, könne das gerne in seiner Freizeit und mit seinem Privatvermögen tun – aber mit Investitionen etwas anderes anzustreben als eine Profitmaximierung sei schlicht systemwidrig und ökonomisch ineffizient. „Gier ist gut.“ (Gordon Gekko)

Die Filmfigur Gordon Gekko endet im Gefängnis. Die Ökonomie, die seine realen Pendants anrichteten, legt 2008 die Finanzwelt in Trümmer. „Wir haben immer noch nicht die richtigen Lehren aus der Gier-ist-gut-Ideologie gezogen“, kritisierte damals der australische Premierminister Kevin Rudd. Sein „wir“ war übertrieben: Eine kleine, aber wachsende Zahl von Investoren war auf der Suche nach Alternativen zur Gier fündig geworden.

Nachhaltiges Investment: Aus der Nische in den Mainstream

Sie haben seither massiv an Boden und Einfluss gewonnen – so wie Bio-Lebensmittel sich aus der Nische in den Mainstream vorgearbeitet haben, sind auch nachhaltige, achtsame, ökologische Geldanlagen vom Rand des Kapitalmarkts bis in dessen Zentrum vorgedrungen.

Das Brett, das dafür zu bohren war, war dick und hart. Milton Friedmans Chicagoer Schule war über Jahrzehnte nicht nur in den Wirtschaftswissenschaften und an den Märkten erfolgreich gewesen, seine Dogmen übten auch großen Einfluss auf die Politik aus. Der Staat solle sich möglichst weit aus dem Markt heraushalten, war das Credo der Friedman-Anhänger. „Wirtschaft findet in der Wirtschaft statt.“ (Günter Rexrodt)

Sogar viele der Gegner Friedmans bemühten sich, in seiner Sprache des Marktradikalismus zu sprechen und entsprechend zu agieren: Wenn es den Investoren nur um maximalen finanziellen Profit gehen dürfe, müssten eben Vorschriften und Rahmensetzungen dafür sorgen, dass nachhaltige Investitionen besonders hohe Renditen erzielen: „Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen.“ (Ernst-Ulrich von Weizsäcker)

So überzeugend das Plädoyer für richtige, nachhaltig wirkende Regeln auch klingt, es hat einen gewaltigen Haken: Man braucht politische Mehrheiten, um die Regeln richtig zu setzen. Das dauert – und stößt auf viele Gegner, nämlich alle, die von den bisherigen Regeln profitieren. Deshalb gab und gibt es immer wieder Akteure, oder Aktivisten, die nicht so lange warten wollen und stattdessen dafür eintraten, jetzt sofort die Richtung des Geldflusses ändern: Investorengelder sollten nicht nur Profit machen, sondern auch Politik. „Geld ist ein Herrschafts- und Machtmittel.“ (Jean Ziegler)

Geburtsstunde im Kampf gegen das Apartheid-Regime

Eine der ersten ethischen Investment-Bewegungen betraf den Widerstand gegen das südafrikanische Apartheid-Regime. Die „Sullivan Principles“ von 1977 ächteten Unternehmen, die Rassentrennung praktizierten. In der Boykott-Bewegung der folgenden Jahre zogen sich daraufhin mehr als 100 US-Unternehmen komplett aus dem Geschäft mit Südafrika zurück. Der erste Beweis war erbracht, dass es auch im Finanzmarkt Wichtigeres geben kann als Profitmaximierung.

Bis ein gutes Gewissen nicht nur im Ausnahme-, sondern auch im Regelfall vereinbar mit guter Geldanlage wurde, sollten danach noch viele weitere Jahre vergehen. Der aktivistische Eifer der Streiter für ethische Investments war für deren Verbreitung in den globalen Finanzzentren nicht gerade förderlich. Zwei scheinbar unversöhnliche Welten standen sich gegenüber.

Einen ersten Durchbruch aus der Aktivisten-Nische in den Investoren-Mainstream gab es 1992: die UN-Umweltkonferenz von Rio de Janeiro. Auf dem Rio-Gipfel wurde erstmals überhaupt Umweltpolitik als globales, langfristiges, nicht mehr umkehrbares Ziel propagiert. Ein „stützendes und offenes Weltwirtschaftssystem“, so die Rio-Abschlusserklärung, sollte es ermöglichen, „besser gegen die Probleme der Umweltverschlechterung vorzugehen“. Darauf konnte die Welt hoffen – und die Wirtschaft bauen.

Langfristige Ziele statt kurzfristige Rendite

Langfristige Rentabilität wurde zum Schlüsselbegriff, um der Investment-Branche Nachhaltigkeit beizubringen. Was kurzfristig den Shareholder Value eines Unternehmens steigern kann, kann langfristig dessen Existenzgrundlagen gefährden. Gerade institutionelle Investoren wie Versicherungen oder Pensionsfonds, die einen langfristigen Anlagehorizont haben müssen, öffenten sich für Nachhaltigkeits-Überlegungen.

Genau in dem gleichen Sinne übrigens, wie es schon drei Jahrhunderte früher bei der Erfindung des Nachhaltigkeitsbegriffs gedacht war. Im forstwirtschaftlichen Lehrbuch von Hans-Carl von Carlowitz, das 1713 das Wort Nachhaltigkeit erstmals verwendete, wandte sich der Autor und sächsische Bergrat gegen die nur kurzfristig rentable Abholzung von Wäldern und plädierte für eine auf langfristigen Ertrag ausgerichtete Hege und Pflege der natürlichen Ressourcen.

Selbst die Hardliner öffnen sich für Nachhaltigkeit

In den Jahren nach Rio arbeiteten sich die Argumente der Ökologen tief in den Hardcore-Bereich der Ökonomie hinein. Die erzkapitalistische US-Firma Dow Jones, Erfinder des wichtigsten Aktienindex der mächtigsten Börse der Welt, startete 1999 gemeinsam mit der Schweizer SAM den ersten Index für nachhaltig wirtschaftende Unternehmen.

Und ein Rechtsgutachten der global agierenden Wirtschaftsanwalts-Firma Freshfields beschied 2005, dass eine Berücksichtigung ökologischer und sozialer Gegebenheiten nicht nur mit den Treuepflichten von Vermögensverwaltern und Fondsmanagern zu vereinbaren war – sondern, dass sie geradezu verpflichtet seien, solche Faktoren bei der Anlageentscheidung mit zu berücksichtigen.

Das nachhaltige Investment wurde erwachsen. Immer mehr Unternehmen warben damit, Ökologie und Ökonomie irgendwie in Einklang zu bringen; immer mehr Fonds-Anbieter legten nachhaltig klingende Spezialfonds ins Schaufenster; und einige der Aktivisten der ersten Stunden begannen nun ebenfalls, um Anlegergelder zu konkurrieren: Wer erfolgreich vor falschen Investitionen warnen kann, müsste doch auch erfolgreich auf die richtigen Investitionen setzen können. „Das Kapital strömt immer auf die Sonnenseite.“ (Franz Alt)

Alle stellen eigene Regeln auf

So machte es beispielsweise Calvert, mit mehr als 15 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen einer der größten in der Welt der „verantwortlichen“ Investoren. Das US-Unternehmen hat seine Wurzeln in der Anti-Apartheid-Bewegung: 1982 wurde der erste Fonds aufgelegt, der nur in Unternehmen investierte, die keine Geschäfte mit Südafrika machten.

Den ökonomischen Durchbruch schaffte Calvert vor 15 Jahren – indem es seine eigenen Regeln aufstellte. Die „Calvert Principles for Responsible Investment“ formulieren ökologische und soziale Anforderungen und einen Anspruch an die Transparenz des Managements. Auf Basis dieser Prinzipien werden Fonds aufgebaut, die in verantwortlich geführte Unternehmen aus bestimmten Regionen oder Branchen investieren.

Die eigenen Regeln sind inzwischen eine beliebte Lösung für ein Grundproblem der Branche geworden. Denn die ökologische, soziale oder moralische Performance eines Unternehmens lässt sich nicht so einfach messen wie die ökonomische. Der finanzielle Erfolg steht bis auf den Cent genau in der Bilanz – der Beitrag zum gesellschaftlichen Wohlergehen nicht. Also werden eigene Kriterien erstellt, um die Nachhaltigkeit von Unternehmen vergleichen zu können. Viele eigene Kriterien.

Das Ergebnis: viele Ergebnisse. Im Jahr 2018 wurden beispielsweise sowohl Cisco Systems (von Calvert) als auch Dassault Systèmes (von Corporate Knights) als „nachhaltigste Unternehmen“ gekürt – während Robeco SAM nur Branchen-Rankings erstellt, in denen wiederum andere Unternehmen vorn liegen, die dann alle stolz veröffentlichen können, dass sie besonders nachhaltige Unternehmen sind. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“ (Goethe)

Vielfalt als Chance

Die Vielfalt von Werten, Kategorien und Konzepten wurde lange als eine Schwäche der ethischen Investmentbranche angesehen. Inzwischen entpuppt sie sich aber als Stärke – dank der Digitalisierung. Durch sie werden nämlich weit stärker individualisierte Investment-Strategien möglich: Anleger sind nicht mehr auf das schmale Angebot ihrer Hausbank beschränkt; und auch nicht auf das Anlage-Universum von ein paar tausend Aktien-, Renten- oder Mischfonds; sie können bereits für relativ kleine Beträge eigene Prioritäten setzen. Und dies auch nicht nur durch die klassischen Anlageinstrumente wie Aktien, Anleihen oder Immobilien, sondern auch durch das Investment in Start-ups und junge Unternehmen via Crowdinvesting oder Crowdlending.

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Und dann kann jeder selbst bestimmen, ob er Gier gut finden möchte, oder doch lieber Menschlichkeit, Umweltfreundlichkeit oder einen hohen Anteil von Frauen in der Unternehmensführung. Dann wird die Wirtschaft am Ende wieder von einer unsichtbaren Hand geleitet. Aber einer ganz, ganz anderen, als es sich Adam Smith oder Milton Friedman je erträumten.