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14 December 2018 / Lesezeit: 5 minuten

Divestment-Bewegung

Raus mit der Kohle

Kohleausstieg heißt nicht nur, weniger Kraftwerke zu bauen – ebenso müssen die Investitionen in fossile Energieträger zurückgefahren werden. Das nennt sich dann Divestment

Titelbild: Gemma Evans/Unsplash

Titelbild: Gemma Evans/Unsplash

Ein modernes Instrument für eine ökologische Wende heißt Divestment: Immer mehr Akteure entziehen damit den Produzenten fossiler Energien Geld und Kapital, um sie zum Umsteuern zu bewegen. Kratzt das die Öl-Multis, Kohle-Giganten und Gas-Konzerne?

Als am 13. September 2018 die Räumung des Hambacher Forstes beginnt, ist die deutsche Energiezukunft medial so präsent wie vielleicht seit den Castor-Transporten nicht mehr. Insgesamt entfernt die Polizei 77 von Aktivisten besetzte Baumhäuser aus dem Waldstück südlich des Braunkohle-Tagebaus Hambach, der dem RWE-Konzern gehört. Als das Oberverwaltungsgericht Münster am 5. Oktober einen vorläufigen Rodungsstopp verhängt, ist der Hambacher Forst längst zu einem Symbol für die Energiewende geworden.

Viele Menschen vollzogen in diesen Tagen ihren persönlichen Kohleausstieg und wechselten von RWE zu Ökostromanbietern. Was vielen nicht bewusst war: Sie wurden damit Teil der globalen Divestment-Bewegung.

DIe Divestment-Bewegung will das fossile Zeitalter beenden

Divestment ist das Gegenteil von Investment, in diesem Fall also das Abziehen von Geld und Kapital aus Industrien, die ihr Geschäft mit Kohle, Erdgas und Erdöl machen. Das kann im Kleinen mit der Abkehr vom Kohlestrom beginnen und im Großen mit dem Verkauf von Unternehmensanteilen im Wert von Milliarden von Euro enden. Das Ziel der Divestment-Bewegung: das Ende des Zeitalters der fossilen Energieträger und damit nichts Geringeres als die Rettung unseres Planeten.

Ins Leben gerufen wurde die Bewegung im Jahr 2012 vom US-Amerikaner Bill McKibben. In einem Artikel im „Rolling Stone Magazine“ stellte der Gründer der Klimaschutzorganisation 350.org Divestment aus den fossilen Energieträgern als eine Möglichkeit vor, die Erderwärmung zu stoppen und die Energiewende herbeizuführen.

McKibben zog dabei eine Analogie zu Aktionen gegen Südafrika zu den Zeiten der Apartheid. Der Abzug des Geldes und das Ausbleiben von Investitionen ebnete in den 1970er- und 1980er-Jahren den Weg zum Ende des Regimes am Kap. McKibben übertrug dieses Konzept auf die fossile Wertschöpfungskette und rief die Kampagne „Fossil free“ ins Leben, die seitdem als ein internationales Graswurzel-Netzwerk agiert.

80 Prozent der verfügbaren Rohstoffe dürfen nicht verbrannt werden

McKibbens Argumentation basiert auf zwei Zahlen, die ein Jahr zuvor auf der anderen Seite des Atlantiks veröffentlicht worden waren. Die Carbon Tracker Initiative, ein Nonprofit-Thinktank aus London, untersuchte die Auswirkungen des Klimawandels auf die Finanzwirtschaft und berechnete, dass die Menschheit noch 565 Gigatonnen an CO2 in die Atmosphäre ausstoßen dürfe, damit die globale Erwärmung auf zwei Grad begrenzt bliebe. Dagegen befanden sich (Stand 2011) fossile Energieträger im Besitz von Staaten und in den Bilanzen von Unternehmen, die 2795 Gigatonnen CO2 verursachen würden.

Wenn der Klimawandel gestoppt werden soll, dürften also 80 Prozent der weltweit verfügbaren fossilen Rohstoffe nicht verbrannt werden. Damit verlören sie ihren Wert und müssten als „Stranded Assets“ von den Unternehmen abgeschrieben werden – an den Börsen würde die „Kohlenstoffblase“ platzen.

Zwar könne niemand exakt vorhersagen, welche Unternehmen wann und in welchem Ausmaß hiervon betroffen sein würden, aber Investoren müssten sich fragen, ob sie sich diesen Unsicherheitsfaktor in ihr Portfolio holen wollten. Für die Finanzmärkte ist diese Argumentationskette schlüssiger als Bill McKibbens Idee, moralische und ökologische Gründe über Investitionen entscheiden zu lassen.

„Während die Zivilgesellschaft auf einer gesellschaftspolitischen Ebene argumentiert, werden für die Investorenwelt immer Rendite und Risiko entscheidend sein“, sagt Karsten Löffler, Co-Head des UNEP Collaborating Centre for Climate & Sustainable Energy Finance an der Frankfurt School und früher Geschäftsführer bei Allianz Climate Solutions.

Die erste Bilanz ist positiv

Sechs Jahre, nachdem die Divestment-Bewegung ins Leben gerufen wurde, liest sich die Bilanz positiv. Große Stiftungen wie der Rockefeller Brothers Fund haben sich zu Divestment – in unterschiedlichen Maßen – verpflichtet. Aber auch Städte wie San Francisco, Stockholm und Kapstadt sind Teil der Bewegung. In Deutschland sind nach Angaben von Fossil free zehn Städte dabei, darunter Berlin, Bremen und Stuttgart. Unternehmen wie Munich Re, die Allianz-Gruppe und Hannover Rück ziehen sich zumindest teilweise aus der fossilen Wertschöpfungskette zurück.

Insgesamt spricht Fossil free von einem Vermögen von 7,18 Billionen US-Dollar, das von 991 Institutionen und über 58.000 Einzelpersonen bewusst nicht mehr in Kohle, Erdgas und Erdöl investiert wird. Der Arabella Report, der seit 2014 versucht, Divestment in Zahlen zu fassen, bilanziert bis September 2018 dagegen 6,24 Billionen US-Dollar und eine Steigerung von 11.900 Prozent in den vergangenen vier Jahren.

Divestement trotzdem nur Tropfen auf den heißen Stein

So beeindruckend die Steigerungsraten auch sind, gemessen am weltweit zirkulierenden Vermögen sind die sechs oder sieben Billionen US-Dollar zu gering, als dass die fossile Industrie die Auswirkungen bei der Finanzierung oder Versicherung neuer Projekte bemerken würde.

„Direkte Effekte sind bislang kaum erkennbar, obwohl ein Stopp der Investitionen in Kohlekraftwerke äußerst wichtig ist. Doch steigen europäische Institutionen als Geldgeber aus, springen Länder wie etwa China oder Japan ein. Beide finanzieren nicht nur Kohleprojekte, sondern liefern auch gleichzeitig die notwendigen Technologien“, sagt Christoph Bertram vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Allein die sich bereits im Bau befindlichen Kohlekraftwerke machten eine schnellstmögliche Reduktion der CO2-Emissionen auf globaler Ebene äußerst schwierig, so der Experte.

Dennoch scheint vorsichtiger Optimismus angebracht. „Die Carbon Tracker Initiative hat die Sensibilität gegenüber Risiken von Investitionen in die fossile Wertschöpfungskette deutlich geschärft. Zudem diskutieren Führungsetagen betroffener Unternehmen, wie man sich an eine Niedrigcarbonwirschaft anpassen kann“, sagt Karsten Löffler.

Steven Tebbe, Europadirektor des CDP (ehemals Carbon Disclosure Project), sieht gar einen Wendepunkt. „Ein Weiterso endet in einer Katastrophe. Das haben auch die Investoren erkannt“, so Tebbe, dessen Organisation die weltweit größte Datenbank zu klimarelevanten Unternehmensinformationen führt. Das gelte vor allen Dingen für Investoren, die mittel- und langfristige Zielgrößen haben, beispielsweise Stiftungen und öffentliche Institutionen wie Pensionsfonds. „Wenn man sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anschaut, wird auch ein Hardcore-Investor mit einem mittleren Anlagehorizont zu der Erkenntnis kommen, dass die kohlebasierte Wertschöpfungskette endlich ist“, sagt Karsten Löffler.

Divestment nur als Drohkulisse?

Damit die Finanzwelt und ihre Investoren zu wirklichen Gamechangern werden können, bedarf es jedoch einer größeren Transparenz auf Seite der Unternehmen. Dies sieht auch die internationale Staatengemeinschaft so. Nach der Pariser Klimakonferenz wurde der Finanzstabilitätsrat der G20 mit der Ausarbeitung einer einheitlichen Klimaberichterstattung für Unternehmen beauftragt.

Im Juni 2017 veröffentlichte die „Task Force on Climate-related Financial Disclosures“ (TCFD) ihre Empfehlungen. Sie sollen Investoren und Unternehmen dazu befähigen, die finanziellen Auswirkungen des Klimawandels auf das Geschäftsmodell besser zu beurteilen und eine Entscheidungsbasis liefern.

Steven Tebbe vom CDP warnt beim Thema Divestment vor einer allzu aufgeladenen Diskussion. „Hier geht es nicht um Gut gegen Böse. Die Unternehmen handeln nicht aus Boshaftigkeit, sondern folgen lediglich ihrem Geschäftsmodell, das jedoch auf einem Marktfehler basiert, der zu lange übersehen wurde.“ Ein Ausstieg aus dem fossilen Energiezeitalter könne jedoch nur gemeinsam geschehen, so Tebbe. Die gelte umso mehr, da unsere Gesellschaft noch von Kohle, Erdöl und Erdgas abhängig sei.

Deshalb sieht er ein schnelles Divestment nicht unbedingt positiv. Vielmehr bevorzugt er Shareholder-Engagement mit Divestment als Drohkulisse. „Das CDP möchte mit seiner Arbeit Investoren dabei unterstützen, sich für den Wandel in den Unternehmen zu engagieren“, sagt Tebbe. „Man muss berücksichtigen, dass man mit dem Verkauf seiner Anteile keine Einflussmöglichkeiten in den Unternehmen mehr hat“, gibt auch Karsten Löffler von der Frankfurt School zu bedenken.

Mehr Möglichkeiten für Kleinanleger

Doch was muss noch getan werden, um den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern weiter zu beschleunigen? „Es braucht mehr Werkzeuge für Divestment für die Allgemeinbevölkerung, für Kleinanleger“, sagt Steven Tebbe.

Christoph Bertram denkt systemischer: „Ein guter Hebel könnte sein, wenn gerade die Finanzwirtschaft einen Disclaimer oder ein Rating einführen würde, zu wie viel Grad Celsius globaler Erwärmung eine Anlage konkret beiträgt.“ Gemeinsam mit der Finanzwirtschaft forscht er am PIK genau in diese Richtung.

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Wer selbst über die Wahl eines Ökostromanbieters hinaus Divestment betreiben möchte, für den gibt es immer mehr Möglichkeiten. Ein Wechsel mit seinen Konten zu grünen Banken ist ein möglicher Schritt. Ist Anlagekapital vorhanden, kann zu entsprechenden Investmentfonds gegriffen werden. „Für Kleinanleger haben wir mit der Plattform Climetrics ein Hilfsmittel mit ins Leben gerufen, das alle Fonds in Europa nach Klimarisiko analysiert. Auf der entsprechenden Website fragt man einfach den gewünschten Fonds ab“, erklärt Tebbe.

Angst, bei einem unvermeidlichen Ausstieg aus fossilen Unternehmen auf Rendite zu verzichten, müssen Anleger auf jeden Fall nicht haben. Im November 2015 veröffentlichte das kanadische Research-Institut Corporate Knights eine Vermögensanalyse von 14 großen Stiftungen. Allein die Bill and Melinda Gates Stiftung hätte in den Jahren 2012 bis 2015 rund 1,9 Milliarden US-Dollar mehr verdienen können, wenn sie Divestment betrieben hätte.