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6 April 2020 / Lesezeit: 4 minuten

GLS-Bankvorständin über Corona

„Krisen können uns wachrütteln!“

Aysel Osmanoglu, Vorständin der GLS Bank, fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen.

GLS Bank Stephan Münnich

GLS Bank Stephan Münnich

Aysel Osmanoglu sitzt seit 2017 im Vorstand der GLS Bank. Die Betriebswirtin hofft, dass wir als Gesellschaft und auch die Banken aus der Coronakrise lernen.

Inwiefern wirken sich Krisen an den Finanzmärkten – aktuell die Coronakrise – auf nachhaltige Banken wie die GLS Bank aus?

Krisen können uns wachrütteln! Was ist wichtig im Leben? Wie ist mein Verhältnis zu meiner Umgebung, zu den Menschen und zur Natur? Was kann ich besser machen? Das kann uns widerstandsfähiger machen, individuell und gesellschaftlich – auch als Bank. Es ist noch zu früh, um genaue Prognosen zu treffen, aber unsere ersten Risikoanalysen, mit denen wir derzeit abzuschätzen versuchen, wie sich Corona auf unsere Zahlen auswirken wird, haben gezeigt, dass wir als Bank widerstandsfähig sind. Wir sind gut gewappnet.

Auch von der Finanzkrise waren wir damals nicht negativ betroffen, weil wir nicht an der Börse spekulieren, sondern in Unternehmen investieren, die sich um Grundbedürfnisse wie Ernährung, erneuerbare Energien oder Wohnen kümmern. Doch die Corona-Krise betrifft auch uns als nachhaltige Bank, weil wir mit der Realwirtschaft zu tun haben. Wir sehen, dass viele Menschen in der GLS Community vor existenziellen Problemen stehen, etwa im Kultur- und Kreativbereich. Deshalb haben wir schnell gehandelt und – neben der Liquiditätsversorgung unserer Kunden – die #KunstNothilfe eingerichtet. Wir haben zu Spenden auf unserem Partnernetzwerk Elinor aufgerufen. Dort kamen bereits nach wenigen Tagen viele hundert Spenden für die ersten 47 Kulturschaffenden zusammen.

Wird also das Soziale wieder mehr in den Fokus gerückt in dieser Krise?

Ja, das hoffe ich. Und dass wir es dieses Mal anders machen als in der Finanzkrise.

Inwiefern?

Viele Banken haben so weitergemacht wie davor – und wir als Gesellschaft haben sie nicht wirklich daran gehindert. Derzeit erlebe ich aber – wie etwa bei unserer #KunstNothilfe – so viel Unterstützung, Wertschätzung und Aufmerksamkeit füreinander und hoffe, dass wir daraus etwas für die Zeit nach Corona mitnehmen.

Aysel Osmanoglu

wurde im Jahr 1977 als Teil der türkischen Minderheit in Bulgarien geboren. Sie studierte Volks- und Betriebswirtschaftslehre in Heidelberg und Frankfurt am Main. Sie arbeitet seit 2002 für die GLS Bank (damals Ökobank). Seit zweieinhalb Jahren ist sie Vorstandsmitglied der Genossenschaftsbank, die mit etwa 242.000 Kund*innen die größte nachhaltige Bank Deutschlands ist, und dort zuständig für Infrastruktur und IT.

Es gibt mittlerweile Konkurrenz im nachhaltigen Finanzsektor, zum Beispiel das mobile Girokonto des grünen Bankdienstleisters Tomorrow. Was bedeutet das für die GLS?

Ich freue mich über alle weiteren Mitstreiter*innen für die Nachhaltigkeit. Mein Wunsch ist, dass möglichst alle Banken so wirtschaften wie wir. Je mehr Banken sich in Richtung Nachhaltigkeit aufmachen, umso lebenswerter wird unsere Welt.

Auch auf enorm: Nachhaltige Banken. Das kannst du mit deinem Girokonto bewirken

Jede und jeder kann aktiv werden und die eigene Bank fragen: Was passiert mit meinem Geld?
Aysel Osmanoglu, Vorständin GLS Bank

Sehen Sie bei konventionellen Finanzhäusern die Gefahr des Greenwashings?

Das wird nicht ausbleiben. Aber wie glaubwürdig sind konventionelle Häuser dabei? Das Vertrauen in den Finanzsektor ist nicht groß. Zumindest unsere Kunden und Kundinnen legen großen Wert auf Transparenz – und wir zeigen ihnen ganz genau, was mit ihrem Geld passiert. Jede und jeder kann aktiv werden und die eigene Bank fragen: Was passiert mit meinem Geld? Finanziert ihr damit etwa Massentierhaltung? Wir geben detailliert Auskunft.

Im Investitionsbericht der GLS Bank wird bei Aktienfonds auch die Henkel AG & Co. KGaA geführt. Zu dem Unternehmen gehören Marken wie Persil und Schwarzkopf, die etwa für den Einsatz von Palmöl kritisiert werden. Wie nachhaltig ist diese Investition wirklich?

Wir haben einen Anlagenausschuss mit externen Fachleuten für Umwelttechnik, Ernährung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Dieser Ausschuss bewertet unsere Investitionen in Aktien und Wertpapiere regelmäßig und entscheidet wie es weitergeht. Bei Henkel haben wir kritisch über die Verwendung von Palmöl diskutiert. Bei solchen Themen arbeitet die GLS Bank oft mit NGOs zusammen und nimmt diese auch mal mit zu Gesprächen in den Unternehmen. Das ist sehr ungewöhnlich. Unsere Fachleute sind zu dem Schluss gekommen, dass Henkel insgesamt auf einem guten Weg ist. Also blieb die Aktie in unserem Portfolio.

Mit dem GLS Bank Aktienfonds und anderen Investments setzen wir Impulse. Denn grundsätzlich ist es wichtig, dass wir neben unseren Kunden mit Pionierleistungen auch Unternehmen unterstützen, die sich auf den Weg der sozialen und ökologischen Transformation machen. Es gäbe doch keinen besseren Begleiter als die GLS mit unserer Erfahrung.

Aktiengesellschaften sind der Shareholdervalue-Maximierung verschrieben. Können sie überhaupt im Sinne der GLS nachhaltig wirtschaften?

Ich möchte die Hoffnung nicht verlieren. Und wir sehen: Wegen der Klimakrise lohnen sich bestimmte Assets bereits jetzt nicht mehr, weil etwa Kohlekraftwerke abgeschaltet werden müssen.

Nachhaltiges Investieren muss sich also lohnen?

Richtig gerechnet lohnt es sich, wenn Wirtschaft nicht mehr zu Lasten von Mensch und Natur produzieren darf.

Jetzt kommt durch Corona das Grundeinkommen wieder auf die Agenda. Darin liegt ein großes Potenzial.
Aysel Osmanoglu, Vorständin GLS Bank

Welche politischen Maßnahmen fordern Sie?

Wir müssen lernen, über unsere Organisationsgrenzen hinaus zu denken. Die GLS Bank macht sich seit 2017 für vier Punkte stark: eine CO2-Abgabe, eine Abgabe auf Spritz- und Düngemittel, ein bedingungsloses Grundeinkommen, eine stärkere Belastung von Kapital und eine Entlastung von Arbeitseinkommen. Seither ist einiges in Bewegung gekommen.

Bei den Klimaaktionen im vergangenen Jahr etwa haben wir uns als Bank öffentlich hinter die jungen Menschen von Fridays for Future gestellt. Viele haben das wahrgenommen. Damit können wir konkret gesellschaftlich wirken. Jetzt kommt durch Corona das Grundeinkommen wieder auf die Agenda. Darin liegt ein großes Potenzial: Geld dorthin zu bringen, wo es wirklich gebraucht wird.

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