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14 December 2018 / Lesezeit: 5 minuten

„Conscious Fintech“

Wie Fintechs zu mehr Nachhaltigkeit finden

Rendite allein ist nicht mehr alles: So wie die Kunden immer mehr auf Nachhaltigkeit achten, sehen sich auch immer mehr Fintechs in der Verantwortung für Klima, Umwelt und Soziales

Titelbild: Austin Distel/Unsplash
Autorinnenfoto: Stephan Münnich

Titelbild: Austin Distel/Unsplash
Autorinnenfoto: Stephan Münnich

Nachhaltiges Denken und digitale Technologie werden in der Finanzbranche bislang nicht zusammengebracht. Das soll sich jetzt ändern

Bill Gates hat es schon 1994 gewusst. „Banking is necessary, banks are not“, sagte der Microsoft-Gründer damals: Finanzdienstleistungen werden gebraucht werden, solange Geld noch eine Rolle spielt. Aber für die Unternehmen, die mit diesem Geld umgehen, gilt das nicht – sie können auch verschwinden. Und seit ziemlich genau einem Jahrzehnt zeichnet sich genau das ab.

In der Finanzkrise 2007/08 haben Banken das in sie gesetzte Vertrauen beschädigt und müssen seither mit neuen Regulierungen, Vorschriften und generell ihrer Rolle in der Gesellschaft kämpfen. Zudem gerät der Sektor in den Strudel der Digitalisierung: Branchenfremde, technologiegetriebene Unternehmen drängen sich mit großer Dynamik in den Markt für leicht zu standardisierende Finanzprodukte und bringen die Banken in Bedrängnis.

Zu diesen Angreifern gehören die sogenannten „Fintechs“: Junge Unternehmen, oft Start-ups, die mit neuen Technologien neue Wege in der Finanzbranche beschreiten. Sie verändern die tägliche Arbeitsweise von Banken und Finanzwesen, sie fordern traditionelle Geldhäuser heraus und bieten intelligente Lösungen für deren Kundschaft.

Die Fintech-Szene reflektiert sich

Sanika Nele Hufeland

ist Ökonomin und als Geschäftsführerin und Netzwerkstrategin am Institute for Social Banking tätig – einer Mitglieds­ organisation für Bildung, Vernetzung und Forschung im Bereich des nach­ haltigen Bank­ und Finanzwesens. Zudem ist sie Initiatorin der Conscious Fintech Meetups in Berlin

Aber wie schlagkräftig sind diese Innovatoren, wenn es um Verantwortung, Beteiligung, Transparenz, Fairness und Vertrauen geht? Sind sie in der Lage, Veränderungen in den Bereichen des Finanzsektors dort herbeizuführen, wo er am dringendsten benötigt wird: in Bezug auf seine Auswirkungen auf die Gesellschaft, die Menschen und die Umwelt?

Ähnlich wie sich bei den Banken vor mehr als 40 Jahren Alternativen wie die Nachhaltigkeitsbanken gegründet haben, findet auch in der Fintech-Szene eine Reflexion statt. Es entsteht eine Bewegung von nachhaltigen Fintechs, die sich eine Mission auferlegen und über eine finanzielle Rendite hinausdenken.

Noch ist die Szene in den Anfängen – aber eine ganze Reihe dieser Anfänge finden in Europa statt: Initiativen in Deutschland und England, Schweden und der Schweiz stellen sich einer Diskussion zu dem Themenkomplex Werte, Nachhaltigkeit, Finanzsystem und Technologie und bieten deren Praktikern eine Plattform.

Wachsende internationale Community

Aus der Schweiz kommt die Initiative „Sustainable Fintech“, die die Anpassung der Finanzströme an ein 2-Grad-Klimaziel und die Veränderung der Geschäfte durch Digitalisierung als Ansatz nehmen, um über Klima-Fintechs den Weg zu modernen und nachhaltigen Finanzdienstleistungen zu ebnen.

In London ist das „Finance Innovation Lab“ ansässig. Es ist ein Netzwerk und Inkubator mit einem wachsenden Stipendienprogramm, das, so sein Leitbild, „Menschen, Ideen und Bewegungen zusammenbringt, um ein Finanzsystem aufzubauen, das den Menschen und dem Planeten dient.“

Conscious-Fintech-Initiativen in Europa

London: www.financeinnovationlab.org
Stockholm: www.stockholmgreenfin.tech
Berlin: www.meetup.com/conscious-Fintech
Zürich: www.meetup.com/de-DE/Sustainable-FinTech

Das Ziel der in Schweden ansässigen Initiative „Stockholm Green Fintech“ ist es, „konstruktive Partnerschaften mit Kapitalmarktakteuren, internationalen Partnern und Fintech-Innovatoren aufzubauen, um Lösungen zu entwickeln, die dazu beitragen, umweltfreundliche Finanzierungen und Innovationen weltweit zu skalieren und so die UN-Entwicklungsziele und das Pariser Abkommen effektiv umzusetzen“.

Auch in Deutschland haben sich Akteure mit dem Thema der Nachhaltigkeit, der Ethik und den Werten an der Schnittstelle von Finanzen und Technik beschäftigt: Wie können wir die dringende Forderung nach einer gesunden Wirtschaft unter Berücksichtigung von sozialen, ökologischen, ethischen und transparenten Herausforderungen und die anhaltende digitale Revolution im Finanzsektor zusammenführen? Das war die Leitfrage der Initiatoren der in Deutschland ansässigen Initiative „Conscious Fintech“, die seit Anfang 2016 aktiv ist und öffentliche Meetups insbesondere in Berlin anbietet – zu Themen wie Innovation, Nachhaltigkeit, Entrepreneurship, Sustainable Banking and Finance, oder dem EU Aktionsplan Sustainable Finance.

Die Aufmerksamkeit für das Thema wächst – heute zählt die Community etwa 600 Mitglieder. Mit der Definition von sechs Prinzipien für Conscious Fintechs und der Veröffentlichung einer Roadmap der Bewegung soll den sich formierenden Kräften Kontur und Richtung gegeben werden. Demnach sollten ethisch verantwortliche Fintechs unter anderem ökologisch und sozial wirkungsorientiert handeln, zur Förderung der finanziellen Resilienz unserer Gesellschaft beitragen und die Realwirtschaft unterstützen und den Menschen und die Anspruchsgruppen als zentrales Leitmotiv im Fokus haben. Conscious Fintechs können so gleichgesinnte Konsumenten, Investoren und Unternehmer zusammenbringen.

Conscious Fintech stellt Kultur der Banken in Frage

Das wird nicht ohne Widerstände abgehen. Conscious Fintechs stellen die Unternehmenskultur der meisten Finanzinstitute in Frage: Sie werden in der Regel mit offenen und transparenten Geschäftsmodellen betrieben, sind dezentral aufgebaut und werden im Idealfall von ihren Kunden selbst mitentwickelt. Sie helfen den einzelnen Nutzern, Verantwortung für ihr Geld zu übernehmen, und versorgen sie mit den notwendigen Informationen und der Autorität, ihre Finanzströme zu kontrollieren. Durch transparente Kommunikation befähigen sie Menschen, ihre eigenen Urteile über Geld, Banken und Finanzen zu fällen.

Wie muss Finanztechnologie sein, um als „Conscious Fintech“ zu gelten?

1. Ökologisch-sozial wirkungsorientiert
2. Resilienz des Finanzsystems steigernd
3. Menschen- & Stakeholder-orientiert
4. Demokratisch geregelt
5. Zugänglich & praktisch
6. Befähigend & bildend
Alle Prinzipien mit (englischer) Erläuterung

Ein Beispiel hierfür ist ein nachhaltiges Girokonto für das Smartphone, das von dem Fintech „tomorrow“ entwickelt wird. Dessen Gründer wollen aber nicht als „noch so ein Fintech“ gesehen werden: „Wir nutzen neueste Technologien und schickes Design, aber uns geht es um einen Wertewandel und darum, welche Wirkung das Geld unserer Kunden hat.“

Politische Unterstützung? Fehlanzeige

Wenn auch der Rest der Branche Probleme damit hat, Nachhaltigkeit, Technologie und Finanzdienstleistungen zusammenzudenken – müsste nicht die Politik eine solche Bewegung unterstützen? Theoretisch ja, praktisch steht aber auch dort diese Kombination noch ganz am Anfang. Das zeigt sich besonders deutlich auf EU-Ebene.

Dort wurde gerade ein Aktionsplan „Sustainable Finance“ veröffentlicht – in dem sich jedoch nichts zum Umgang mit Digital-Technologien im Finanzwesen findet. Das „Fair Finance Institute“ befürchtet sogar, dass der EU-Plan „ein zunehmendes Gewicht der Finanzmärkte, deren Logik oder Motive“ zur Folge haben könnte, und dann sogar das eigentliche Ziel, die Förderung der Nachhaltigkeit, gefährdet werde.

Und in einem zweiten EU-Aktionsplan zu Digitalisierung und Fintechs taucht das Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz nicht auf. Hier wartet also noch eine Menge Verzahnungsarbeit auf die Akteure der Szene. Im internationalen Kontext verzahnen sie sich bereits.

Partnerschaften bilden

Ein erstes gemeinsames Meetup der deutschen und der Schweizer Initiativen hat im Oktober 2018 in Zürich stattgefunden. Zum einen sollte hier mit diesem Format der städte- und länderübergreifende Austausch solcher Initiativen stimuliert werden, zum anderen sollen dabei die gewonnenen Erkenntnisse der bisherigen Meetups und Initiativen zusammengebracht und -gedacht werden.

Natürliche Partner der Conscious Fintechs sind sicherlich die Player im nachhaltigen Banking, wie beispielsweise im deutschsprachigen Raum die GLS Bank, die Triodos Bank, die Alternative Bank Schweiz oder die Freie Gemeinschaftsbank. „Wir müssen lernen die Digitalisierung zu ‚surfen‘ und neue Technologien als Mittel zu nutzen, damit sie für unsere Werte und für Menschen und Planeten funktionieren“, sagt Gibran Armijo, Senior Experte für Innovationen und Technologie von der GLS Bank.

Nachhaltige Fintechs können Zukunft besser machen

Finance Start-ups können sicherlich die Welt ein Stück besser machen und soziale und ökologische Werte und Nachhaltigkeit in ihren Geschäftsmodellen integrieren und durch erleichterte Zugänglichkeit das Bankgeschäft demokratisieren.

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Die Schweizer Ethikberaterin Dorothea Baur weist allerdings darauf hin, dass Fintechs gleichzeitig das Vertrauen zwischen Kundschaft und Bankberatern herausfordern, welches Jahrhunderte ein zentraler Bestandteil des Bankengeschäfts war: „Dieses zwischenmenschliche Element fällt durch eine Automatisierung und Anonymisierung weg und es stellt sich die Frage, ob aus ethischer Perspektive Raum bleibt, um einen Diskurs über Werte zu führen.“

Aber den Versuch ist es allemal wert. Insbesondere der Pionier-Charakter und die Vorbildfunktion der Conscious-Fintech-Akteure in ihrem bisher noch sehr wenig nachhaltigen Branchenumfeld sind von zentraler Bedeutung für die weitere Entwicklung. Sollten nachhaltige Fintechs weiter boomen und sich ernstaft der Wertefrage stellen und sie in ihre DNA aufnehmen, könnte das perspektivisch dazu führen, dass die Zukunft der Branche weniger von Hochhäusern in Bankenvierteln geprägt wird – und mehr von nachhaltigen Ideen und uns selbst.