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11 Juli 2020 / Lesezeit: 2 minuten

Gastbeitrag

Der ÖPNV bleibt der Rettungsschirm des Klimaschutzes

Ein Elektrobus in Berlin.

imago images / Sabine Gudath

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Warum wir jetzt über die Post-Corona-Mobilität nachdenken müssen, und welche Gewohnheiten wir ändern sollten.

Pandemien und Mobilität sind auf das Engste verknüpft: Der Shutdown ist die radikale Demobilisierung einer Weltgesellschaft. Aber wichtiger als diese Nachsorge ist die Vorsorge: Denn fossile Mobilität in urbanen Zentren steigert die Pandemieanfälligkeit.

Post-Corona-Mobilität ist saubere Mobilität

Eine Studie der Harvard School of Public Health vom April 2020 zeigte einen Zusammenhang zwischen langjähriger Feinstaub-Belastung und Corona-Todesfällen in den USA: Die Anfälligkeit für schwerste Covid-19-Folgen werde durch Feinstaub erhöht, hieß es dort. Noch deutlicher war die Burden-of-Disease-Studie in der Fachzeitschrift The Lancet: Feinstaub könnte weltweit mit 4,2 Millionen vorzeitigen Todesfällen zusammenhängen.

Neue Luftigkeit in der Ideologie-Debatte

Bürgermeister*innen sehen ihre Verantwortung für ihre Bürger*innen – ob in der Lombardei, London oder New York – und setzen auf Konjunkturprogramme mit besserer Luft. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sah klar: „Wenn wir aus dieser Krise herauskommen, werden es die Menschen nicht mehr akzeptieren, schmutzige Luft zu atmen.“ Die deutsche Nationalakademie Leopoldina empfahl „eine bundesweite, ressort-übergreifende Strategie zur Luftreinhaltung, die neben Stickstoffdioxid sowie primärem und sekundärem Feinstaub weitere Schadstoffe und Treibhausgase aus allen Quellen berücksichtigt“.

Die Shutdown-Mobilität: Bewegt Euch selber!

7 von 10 Menschen haben ihr Mobilitätsverhalten bisher in der Coronakrise geändert. Interessant: Zwischen Altersgruppen sowie Stadt und Land bestehen kaum Unterschiede. Der Mobilitätsverzicht betrug circa ein Drittel – statt 84 Minuten waren es 60 Minuten pro Tag. Also keine komplette Demobilisierung – trotz Homeoffice, Kurzarbeit, Kontaktbeschränkungen. Stattdessen verlagerte sich der Verkehr, wie die Analyst*innen der Firma Motiontag anhand anonymisierter Bewegungsdaten zeigten: Der ÖPNV sank um 50 Prozent. Gingen Autofahrten in der ersten Shutdown-Woche um nur 16 Prozent zurück, stieg die Zahl später auf 50 Prozent, ausgefallene Dienstreisen, Wochenend-Ausflüge, Urlaube mitgerechnet. Der Krisengewinner? Das Rad. Während der gesamten Shutdown-Phase gab es einen Zuwachs von bis zu 100 Prozent hinsichtlich der Nutzung. So wurden Corona-Pop-up-Bike-Lanes das global sichtbarste Phänomen – von Bogota bis Berlin, London bis Paris.

Auch auf enorm: Das Fahrrad und sein besonderer Moment

Post-Corona-Mobilität: Ende des Sharing-Hypes

Neben dem ÖPNV waren Sharingdienste – Auto, Rad, E-Scooter wie Ridepooling – nicht pandemiefähig. Alle E-Scooter-, E-Moped-, Carsharing-Anbieter wie Rufbusse haben Kurzarbeit angemeldet und hatten den Betrieb runtergefahren.

Neue Lockerheit nach der Lockerung

Die Verbrenner-Individual-Mobilität ist zurück – gerade in Auto- Deutschland: 10 Prozent über Ausgangsniveau. Das Rad bleibt aber auf Höhenflug. Radfahren und Fußverkehr könnten nachhaltige Ritualänderungen werden – gerade bei Homeoffice und Videokonferenzen. Dienstwagen stünden noch länger als die 23 Stunden am Tag bisher. Und der ÖPNV – auch in der Post-Corona-Mobilität? Braucht einen Rettungsschirm, der auch gleich das Waggondesign innovativ erneuert – denn er bleibt der Rettungsschirm des Klimaschutzes!

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