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24 Juni 2021 / Lesezeit: 14 minuten

Vier-Tage-Woche

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 19

Mai 2021: Menschen protestieren am Tag der Arbeit in Berlin für eine Vier-Tage-Woche.

Bild: IMAGO / IPON

Bild: IMAGO / IPON

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 19 von „Good News enorm“: In der heutigen Folge von „Good News enorm“ sprechen wir über gute Nachrichten zur Vier-Tage-Woche, ob uns weniger Arbeitszeit glücklicher macht und ob auch eine Drei-Tage-Woche Realität werden könnte.

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge sprechen unsere Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Morgane Llanque, Redakteurin beim enorm Magazin, über gute Nachrichten zum Thema Vier-Tage-Woche

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – Gute Nachrichten und konstruktive Gespräche: Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin.  Heute geht es um die 4-Tage-Arbeitswoche. Aber erst einmal der gute Nachrichten Überblick. Kanadische Forscher:innen arbeiten an einem smarten Vaginalring, der Frauen dabei helfen könnte, sich vor einer HIV-Infektion zu schützen. Die darin enthaltenen Stoffe sollen verhindern, dass das Virus an Immunzellen andocken kann. Erste Laborversuche waren vielversprechend.

Alte Landminen aufzuspüren ist meist kostspielig und riskant. Forschende aus Israel arbeiten deshalb an einer ungefährlichen Lösung. Gentechnisch veränderte Écoles-Bakterien, die zu leuchten beginnen, wenn sie typische Stoffe aus Landminen registrieren.

American Football hat in den USA genauso mit Homophobie zu kämpfen wie hierzulande der Fußball. Nun hat sich Carl Nassib als erster aktiver NFL-Spieler der USA als schwul geoutet, um ein Zeichen gegen Diskriminierung zu setzen.

In Hawaii erhalten Menschen mit Behinderung nun auch Mindestlohn. Bisher war es legal, Menschen mit Behinderung weniger als den Mindestlohn zu zahlen. Die Gesetzesklausel, die die Diskriminierung möglich gemacht hat, wurde jetzt gestrichen.

Bei bedecktem Himmel ist der Energieertrag von Solaranlagen oft gering und selten bestehen die Anlagen aus umweltgerecht Materialien. Jetzt hat ein philippinischer Student ein Material aus Biomüll entwickelt, das auch bei Schlechtwetter UV-Strahlen in Strom umwandeln kann.

Hallo, ich bin Bianca und ich bin Redakteurin bei Good News und ich freue mich, dass wir heute über die Vier-Tage-Woche sprechen und zwar mit Morgane vom enorm Magazin, die auch einen Text darüber geschrieben hat. Morgane, du hast ja selber eine Vier-Tage-Woche. Magst du uns direkt davon erzählen?

Morgane: Hallo Bianca, ja, sehr gern. Das war tatsächlich der ausschlaggebende Grund, dass ich diesen Text für die aktuelle Magazin-Ausgabe geschrieben habe, weil alle gesagt haben Hey, du hast ja eine Vier-Tage-Woche. Wie geht es dir damit eigentlich? Willst du dich nicht mal damit beschäftigen, wie die Vier-Tage-Woche in Deutschland in Unternehmen umgesetzt wird? Und dann dachte ich erst mal, dass ich das so ein bisschen vermische mit meiner eigenen Erfahrung. Ich hab das dann aber getrennt, damit das auch objektiv bleibt. Weil es ist ja ein ganz großer Unterschied, ob du eine Vier-Tage-Woche hast, weil du dir das selber ausgesucht hast. Das war in meinem Fall so.

Ich habe in meinem Vorstellungsgespräch meinen Mut zusammengenommen und aktiv darum gebeten, auch wenn ich Angst davor hatte, weil, wenn du raus bist aus dem Bewerbungsgespräch, dann halt gesagt wird , Oh mein Gott, sie will nur vier Tage die Woche arbeiten. Wir nehmen sie auf keinen Fall. Leute hatten mir deshalb davon abgeraten. Aber mir war das aus verschiedenen Gründen super wichtig. Erstens, weil ich Zeit brauche, um mich um meine Familie zu kümmern, die auch in Berlin lebt. Vor allem meine Mutter. Das ist für mich einfach eine Priorität. Und ich finde das sehr schwer, das umzusetzen, wenn man fünf Tage die Woche arbeitet. Generell für alle Menschen natürlich, nicht nur für mich. Ich hätte gerne, dass jeder Mensch auf der ganzen Welt eine Vier-Tage-Woche hat. Das wäre mein Traum. Genau. Und der zweite Grund war, dass ich einfach jemand bin, der eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit braucht.

Ich liebe meinen Job. Ich gehe unglaublich gern zur Arbeit. Ich habe das wirklich sehr selten, dass ich morgens irgendwie denke Oh mein Gott, ich muss heute Artikel schreiben. Meistens freue ich mich extrem drauf und es macht mir extrem viel Spaß. Aber es ist auch anstrengend mit vielen Nachtschichten, verbunden mit sehr viel Stress. Und eine Vier-Tage-Woche ermöglicht dir so einen Ausgleich, weil du weißt: ich habe drei Tage, um Abstand von meiner Arbeit zu gewinnen, auch wenn ich an meinem dritten Tag des Wochenendes so gesehen nicht nur Dinge mache, die Fun sind. Also viele stellen sich das irgendwie so vor, vor allem Gegner:innen der Vier-Tage-Woche, dass man dann irgendwie säuft und nichts macht. Aber das ist natürlich Bullshit.

Also ich meine, es gibt schon Leute, die das machen, aber die allermeisten nicht. Die meisten, die ich kenne, benutzen diesen Tag, um sich um die Familie zu kümmern oder um etwas für sich selbst zu tun. Also wirklich zu sagen: Heute ist mein Tag und morgen und übermorgen mache ich meine Care-Arbeit und meine Hausarbeit.  Viele benutzen diesen Tag, um ein Ehrenamt ausüben zu können, was auch einfach wunderbar ist, weil man dafür halt oft sonst einfach de facto keine Zeit hat, auch wenn man sich engagieren möchte. Und das sind meiner Erfahrung nach die Hauptpunkte, warum sich Menschen von sich aus dazu entscheiden, nur 32 Stunden die Woche zu arbeiten. Und bei mir wäre das ganz genauso. Und ich hatte Glück. Mein Arbeitgeber, das enorm Magazin, hat mir das sofort erlaubt. Ich konnte es gar nicht glauben. Ich hätte nie gedacht, dass sie ja sagen. Und das hat mich total glücklich gemacht. Und ich bereue es auch bis jetzt wirklich nicht.

Bianca: Und du hast da aber noch einen Artikel geschrieben, wie andere Betriebe diese Vier-Tage-Woche umsetzen. Also es gibt ja viele, die sagen Okay, das ist jetzt nett, bei euch funktioniert das. Aber wie? Wie ist das woanders? Und kann das in allen Betrieben funktionieren?

Morgane: Genau, ist ja klar, warum Individuen Bock auf eine Vier-Tage-Woche haben. Aber es ist ja eine ganz andere Sache, wenn ich mir vorstelle, dass ich gründe oder mir gehört ein Unternehmen, dann hat man ja eine ganz andere Verantwortung und man muss ja auch Gewinn machen. Dann ist das natürlich viel crazier zu sagen: Wir setzen das jetzt einfach als festes Arbeitszeitmodell für unsere komplette Firma um. Das fand ich mega spannend und ich wollte herausfinden, aus welchen Motivationen heraus das Unternehmen machen.

Und dann hab ich mir zwei sehr unterschiedliche Unternehmen ausgesucht und zwar beide in Dresden. Das gibt es einmal eine Recruitment-Firma, riesig, gibt es in drei Staaten, die recruten auf hoher Ebene Menschen für Führungspositionen. Und dann gibt es da noch eine kleine Agentur, eine Kreativagentur, die das auch umgesetzt hat. Und die hatten beide doch sehr verschiedene Zugänge dazu. Und dann hab ich die Gründer:innen und die verantwortlichen Personen, die das umgesetzt haben, interviewt und hab mich auch mit mehreren Angestellten dieser beiden verschiedenen Unternehmen gesprochen, um rauszufinden: wie läuft das eigentlich? Und vor allem: Wie läuft das eigentlich während der Coronakrise? Beide Firmen waren in Kurzarbeit und hatten große Umsatzverluste. Und dann hab ich mich halt gefragt: Okay, stirbt die Vier-Tage-Woche gerade, weil wir durch die Pandemie einfach eine Wirtschaftskrise haben und das einfach gerade ein Luxus ist, den man sich nicht leisten kann? Und das war auch einer der Gründe, warum ich diesen Artikel jetzt schreiben wollte, um zu sehen, wie resilient ist dieses Modell.

Das Ergebnis war, dass beide Firmen die Vier-Tage-Woche aufrecht erhalten haben. Das Recruiting-Unternehmen hat die 4-Tage-Woche umgesetzt, weil einer der Führungskräfte, Enrico Rudnick, gesehen hat, dass das immer mehr Firmen im anglophonen Raum machen, sei es in USA, sei es in Neuseeland, sei es Microsoft, die ja auch einen Versuch durchgeführt haben zu der Vier-Tage-Woche in Japan. Und dann dachte er sich: Hey, wieso können wir das nicht auch? Und hat es halt bei einem großen Meeting der Führungskräfte vorgeschlagen und wurde ausgelacht. Dein Chef war der einzige der das cool fand. Und dann haben sie zusammen Konzept erarbeitet, um das ein halbes Jahr lang auszuprobieren und die Ergebnisse waren so gut, dass sie jetzt unbefristet die  Vier-Tage-Woche eingeführt haben. Sie zahlen auch bei einer Vier-Tage-Woche das Gehalt einer 5-Tage-Woche plus einige sehr großzügige Boni.

Und dann meinte ich: Ja okay, wie macht ihr das denn, ohne einen krassen Verlust einzufahren? Und dann meinte er, das ist der Wermutstropfen, du kannst das nur, wenn du die Effizienz der Mitarbeitenden krass steigerst. Das heißt viel strengere Regeln für die Dauer von Meetings, für die Struktur, weniger Kaffeepausen. Und danach ist mir so Gott, klingt irgendwie nicht so geil. Das klingt nach sehr viel Stress. Dann meinte er aber, dass die Leute halt so viel Power aus dem langen Wochenende ziehen, dass sie das ausgleichen können. Dass sie ja einfach effizienter arbeiten und dass viele Leute  Aufgaben wie den Klempner anrufen, diese Aufgaben dann auch so ein bisschen in den freien Tag verlagern, dass sie konzentrierter sind und so weiter.

Bianca: Also es scheint sehr gut zu funktionieren.

Morgane: Ja, also sie haben halt eine firmeninterne Auswertung gemacht, die sehr interessant ist. Ich hab das alles in meinem Artikel aufgelistet. Natürlich ist das nicht objektiv, um echte, sagen wir mal wissenschaftlich bombensicher Ergebnisse zu haben. Da müsste das natürlich eigentlich eine unabhängige Untersuchung von außen sein. Dennoch sind die Daten recht interessant, weil es eine anonyme Mitarbeitenden-Befragung war, die diese Daten hervorgebracht hat. Sie sind unter anderem zu dem Ergebnis gekommen, dass die allermeisten das volle Pensum aus der 5-Tage-Woche jetzt auch in vier Tagen schaffen. Und noch mehr Leute haben angegeben, dass sie einfach viel ausgeglichener sind, dass sie happy sind, sowohl was die Mental Health als auch die körperliche Gesundheit angeht, weil sie z.B. mehr Zeit für Hobbys haben. Dennoch muss man natürlich sagen, wie gesagt, der Preis dafür in dieser Firma ist halt echt hoch. Also es klingt für mich nach einer sehr krassen Disziplin, einer sehr engen Taktung und ich weiß nicht, ob mir das gefallen würde. Sagen wir mal du und ich sind z.B. im Büro und wir haben uns ewig nicht gesehen und dann hätten wir Bock zu quatschen und dann wüssten wir aber die ganze Zeit: Oh shit. Wir dürfen aber nicht länger reden als 15 Minuten. Das ist ja auch irgendwie schade.

Bianca:  Also da entstehen ja auch gute Sachen. Es stand ja glaub ich auch in deinem Artikel, dass der eine Gründer oder die verantwortliche Person meinte, dass die besten Ideen ja auch mal eben in der Teeküche entstehen können. Und das ist ja auch genau so wichtig und gehört zu einer Unternehmenskultur  total dazu.

Morgane: Das ist auch der Grund, warum ich es so cool fand, diese beiden Unternehmen gegenüberzustellen, weil der Gründer von der Kreativ-Agentur Frische Fische glaubt nicht an dieses Vier-Tage-Woche  bei Fünf-Tage-Bezahlung-Modell, weil es für ihn, Zitat, eine komplett kapitalistische Perspektive ist, damit identifiziere er sich nicht. Er meinte zu mir seine Motivation für ein flexibles Arbeitsmodell ist das Wohlergehen der Menschen. Und bei ihm ist das Modell deshalb anders. Also wenn du nur 32 Stunden arbeitest, kriegst du auch weniger Gehalt, ist bei mir übrigens auch so. Aber dafür ist es bei ihm sehr flexibel.  Wenn du bei dieser Firma angestellt bist, kannst du jederzeit sagen Hey, ich möchte jetzt auch wieder mehr arbeiten. Ich brauche mehr Geld. Oder: Ich möchte jetzt noch weniger arbeiten als 30 Stunden die Woche und er versucht dann immer sich den Wünschen der Angestellten anzupassen.

Du hast also eine sehr hohe Flexibilität, aber du hast nicht diese krassen finanziellen Boni. Bei ihm habe ich gesagt, ok, hier haben wir zwar eine extrem freie Kultur, aber da kann man sich ja auch nicht so richtig vorstellen, wie das mit dem Umsatz funktionieren soll. Er meinte zu mir: Manchmal, wenn wir gerade mehrere Menschen haben, die Väter und Mütter geworden sind z.B., die dann natürlich auch in Elternzeit gehen und auch nicht so oft in Vollzeit zurückkommen, dann sei der Preis manchmal, dass man halt auch ein Auftrag verneinen müsste.  Sorry, wir haben gar nicht genug Kapazitäten. Aber er meinte, er macht das gerne, weil alles andere wäre für ihn keine Alternative, weil das bedeuten würde, dass die Leute nicht glücklich wären.

Bianca: Jetzt haben wir ja immer darüber gesprochen oder sind davon ausgegangen, dass die Arbeit, der Arbeitsaufwand, der gleichgroße ist, aber auf weniger Tage verteilt und vielleicht einfach effektiver angegangen. Es gibt ja auch noch die Theorie, dass durch die Digitalisierung und viele wirtschaftliche Umbrüche wir einfach immer weniger arbeiten werden müssen und dass das vielleicht ja auch ein Modell der Zukunft ist. Also wenn ich zurückdenke, ich habe jetzt die Zahlen nicht genau im Kopf, seit wann es die 5-Tage-Woche gibt. Aber ich meine bis in die 50er, 60er Jahre, war ja auch die Sechs-Tage-Woche einfach die Norm, was sich ja auch verändert hat. Vielleicht ist es ja irgendwann auch so in einigen Branchen zumindest, dass gar nicht viel mehr möglich sein wird, als vier Tage zu arbeiten. Für alle Menschen.

Morgane: Ein super wichtiges Argument für alle Befürworter:innen der Vier-Tage-Woche. Und es ist tatsächlich dabei sehr wichtig, sich das historisch genau anzugucken, weil dieser Diskurs, dieser Ruf nach einer Fünf-Tage-Woche tatsächlich eine so harte Errungenschaft war, die so lange gebraucht hat, wie du schon richtig gesagt hast, die übrigens Vertreter hatte, von denen man das gar nicht denkt z.B. Richard Nixon hat sich für eine 4 Tage Woche ausgesprochen und hielt das für unvermeidlich. Also dass wir einfach unsere Produktion immer weiter verbessern, vergrößern, effizienter machen durch Technologie. Das war natürlich schon das ganze 20. Jahrhundert und auch Teil des 19. Jahrhunderts ein Thema und eines der ersten Länder, das die Fünf-Tage-Woche eingeführt hat oder vor allem die 40-Stunden-Woche war Spanien.

Und das liegt natürlich einfach daran, dass es in Spanien und in England und auch in den Vereinigten Staaten damals also sagen wir mal vom Ende des 19. Jahrhundert bis Mitte 20. Jahrhundert so starke Gewerkschaften gab, die das einfach durchgefochten haben. Und damals hieß es halt ähnlich wie wenn man heute von der Vier-Tage-Woche spricht Boah, die Leute sind so faul und es geht nur noch um Lifestyle und es geht nur noch um Freizeit und einen Politiker. Und in den USA meinte damals auch ein Zeitgenosse, dass alle Menschen, die sich ernsthaft für die Fünf-Tage-Woche einsetzen, dass die einfach nicht verdienen, sich Amerikaner nennen zu dürfen, weil die einfach so lazy sind. Ich bin studierte Historikerin und für mich ist das halt immer wieder so wichtig, dass man innehält und sagt Hey Leute, Frauenrechte, Fünf-Tage-Woche, das ist alles so hart umkämpft.

Wenn man diesen Gedanken jetzt weiterdenkt, dann ist es ja eigentlich komplett absurd, dass wir immer noch die Fünf-Tage-Woche haben, weil unsere Technologie doch noch viel besser ist, wir noch viel mehr Automatisierung haben und mehr Produktion in ganz vielen Branchen. Das ist ja eigentlich in dieser Logik total sinnfrei, nicht nach der Vier-Tage-Woche zu rufen. Es gibt ja auch ganz viele Wirtschaftstheoretiker, die das genauso begründen. Und was du halt gesagt hast, dass dann immer gesagt wird, die Maschinen nehmen uns die Jobs weg und so weiter, das kann ich nicht immer ganz so unterstreichen. Weil man ja auch davon ausgehen muss, dass auch genau durch diese Maschinen neue Jobs geschaffen werden. Aber es ist auf jeden Fall ein Argument und es ist auch immer ein Argument in einer Wirtschaftskrise. In den Zwanzigerjahren in den USA hat man gesagt: Okay, wir müssen halt die Arbeit unter mehr Menschen verteilen. Und deshalb brauchen wir eine Fünf-Tage-Woche, damit die Leute weniger arbeiten, aber dafür werden mehr Menschen eingestellt. Das war eines der Hauptargumente.

Und eines der neuen Argumente, die wir heute anbringen kann, ist, dass es mehrere Studien gibt, die beweisen, dass es auch ziemlich geil für den ökologischen Fußabdruck der Menschen wäre, wenn sie nur vier  Tage die Woche ins Büro fahren. Also es könnte damit Unmengen von CO2 eingespart werden, weil wir ja leider wissen, in vielen Ländern, vor allem den USA, fahren die Menschen mit dem Auto zur Arbeit. Also es gibt auch wirklich Umweltschutz-Gründe, die dafür sprechen. Und für diejenigen, die skeptisch sind und sich um den Konsum und die Wirtschaft sorgen, wenn die Menschen weniger arbeiten: Man darf ja nicht vergessen, wenn die Menschen frei haben, neigen sie auch dazu, mehr zu kaufen. Der Konsum wird angekurbelt.  Da muss man echt sagen, Leute, es ist ja auch echt keine magische Rechnung. Das ist doch klar, dass Menschen, denen es besser geht, die glücklich sind, dass sie auch besser arbeiten. Dann bin ich motivierter, dann bin ich auch kreativer. Das haben auch viele Leute gesagt in Befragungen bis jetzt aus den Experimenten, die wir haben.

Bianca: Aber ich kann mir auch vorstellen, dass vielleicht gewisse Arbeiten, die jetzt für Menschen nicht attraktiv scheinen, als Job aufzunehmen oder für Jugendliche jetzt, weil vielleicht die körperliche Belastung sehr stark ist oder weil die Arbeitszeiten einfach sehr stark in den Alltag oder in den persönlichen Alltag eingreifen. Dass in solchen Branchen natürlich eine Vier-Tage-Woche vielleicht auch dazu führen könnte, dass Menschen Berufe in der Care-Arbeit z.B. auch attraktiver fänden. Ja, etwas, was auch körperlich sehr anstrengend ist. Vielleicht dann, wenn man sagt Okay, ich mach’s vier Tage die Woche und halt nicht fünf, dass das auch eine Entlastung sein kann und den Branchen ja auch helfen könnte, da Nachwuchs zu finden.

Morgane:  Ich möchte jedem Menschen, der sich mit dem Thema beschäftigen will, ans Herz legen, einen Artikel in The Atlantic zu lesen, der vor drei Tagen erschienen ist, der sich genau mit diesem Thema befasst. Und der hat nämlich auch den wichtigen Aspekt angesprochen, dass es eben nicht so ein Yuppie-Thema sein darf für Kreative. Ich finde, das wird in der Debatte ganz oft vergessen. Es wird immer so getan, als wäre das halt für Handwerk oder Pflege gar keine Option. Aber das stimmt nicht. Und diese Atlantic-Artikel, großartige Recherche, muss ich sehr loben, der hat genau mit solchen Unternehmen gesprochen. Unter anderem ein Unternehmen, das eben in der Pflege Freiberufler:innen, aber auch Festangestellte beschäftigt und keinen Nachwuchs mehr gefunden hat, wir bieten jetzt mal die Vier-Tage-Woche bei gleichem Gehalt an und Boom haben sich super viele Leute beworben. Klar. Und die Qualität der Arbeit hat sich verbessert. Das ergeben die ersten Studien.

Und er hat auch ein US amerikanisches Unternehmen interviewt, auch an Handwerksunternehmen. So ein traditionelles Familienunternehmen, das Autoteile herstellt. Und der hat das auch durchgesetzt. Und es sind. Ich möchte auch nicht in einer Welt leben, wo eben wie gesagt nur eine urbane Elite in der Vier-Tage-Woche arbeitet, aber niemand darüber spricht, dass z.B. die Köch:innen in den Unternehmen, diePutzkräfte in diesen Unternehmen, dass die dann selbstverständlich Nachtschichten und Überstunden und sechs Tage die Woche machen. Das ist total wichtig in dieser Diskussion, dass da mehr drüber gesprochen wird, wie wir das wirklich sozial gerecht, inklusiv und für alle verwirklichen können, weil alles andere wär wirklich bescheuert.

Bianca: Wir haben sogar eine Nachricht aus Deutschland dabei, wo das funktioniert in einem Handwerks Kollektiv. Und zwar gibt’s in Nürnberg das Handwerkollektiv Plewa, gegründet von Philipp Köchel, Niko Schreiber und Jakob Schröder. Der ganze Name ist Plewa Installationen GmbH für Sanitär und Heizung. So. Die haben eine 30-Stunden-Woche für alle eingeführt und das beim gleichen Gehalt. Da ist das nochmal nochmal der Unterschied, dass sie eben ein Kollektiv sind, jetzt kein ganz klassischer Betrieb. Es gibt auch sehr wenig Kollektive in Deutschland. Tatsächlich, die meisten findet man in Berlin und Hamburg. Es gibt vielleicht ein paar Hundert deutschlandweit. Warum das bei denen auch so gut funktioniert, ist, dass die eingeführt haben, im Gegensatz zu klassischen Handwerksbetrieben. Dass ein Mitarbeiter, ein Mitarbeiterin ein Projekt von Anfang bis Ende betreut. Ok, das hat jetzt vielleicht nicht unbedingt was mit der Vier-Tage-Woche zu tun. Zwangsläufig. Aber das ist trotzdem auch eine strukturelle Veränderung, die Godin geholfen hat.

In diesem Handwerkskollektiv gibt es noch ein paar weitere Sachen, z.B. ermöglichen Sie soziales Engagement während der Arbeitszeit.  Also nicht an diesem fünften Arbeitstag, den man eigentlich hätte, sondern tatsächlich während der Arbeitszeit können die sich sozial engagieren und das wird bezahlt. Und was Sie auch eingeführt haben, ist, dass wenn ein Mitarbeiter eine Mitarbeiterin, ein Elternteil wird, dass die betriebliches Kindergeld haben. Und es geht anscheinend auch nicht darum, den Gewinn krass zu maximieren. Aber sie überleben und sie leben gut. Und dazu gibt es auch noch ein Forschungsprojekt, eine Doktorarbeit mit dem Titel Arbeit transformieren, Wirtschaft transformieren an der Universität Kiel. Die Wissenschaftlerin hat Betriebe untersucht, in dem Fall vor allem Kollektive, die in Italien gegründet wurden zwischen 2007 und 2013 und hat recherchiert,  wie gut es denen heute geht. Und tatsächlich haben solche Betriebe, die eher kollektiv solidarisch arbeiten. Jetzt muss ich es richtig sagen 87 Prozent solcher Kollektive existieren fünf Jahre nach ihrer Gründung noch. Wenn man das vergleicht mit den hierarchisch organisierten Handwerksbetrieben, hat weniger als die Hälfte überlebt. Fand ich sehr interessant.

Morgane: Ich finde, all diese Beispiele zeigen doch, dass es im Kern, wenn man über die Vier-Tage-Woche spricht, gar nicht darum geht, dass man sich darauf festlegt, sondern dass man sich eben nicht mehr festlegt,  dass man eben ausbricht und einfach darüber nachdenkt, wie denken wir Arbeit insgesamt anders. Und das kann ein Tool sein. Aber wie du gesagt hast, man kann weiter greifen. Es gibt auch schon erste Unternehmen, die mit noch weniger Arbeitszeit arbeiten. Und was du alles gerade für Beispiele genannt hast, vor allem mit dem betrieblichen Kindergeld, mit der Wertschätzung auch finanziellen Wertschätzung von sozialem Engagement.

Das zeigt ja alles einfach ein anderes Menschenbild, auch und auch einen Gemeinschafts-Gedanken. Und darum soll es gehen. Ich fand das auch sehr passend in dem Artikel des Atlantic, da sagte der Autor am Ende, Hey, wenn wir endlich die Vier-Tage-Woche erreicht haben, dann lasst uns anfangen über die Drei-Tage-Woche zu sprechen. Das finde ich halt geil daran, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Es muss ja gar nicht so sein, dass es für jeden optimal ist. Solange wir zu niedrige Löhne haben, ist es ein krasses Privileg. Da werden die meisten Menschen sagen Ich muss aber 5 Tage die Woche arbeiten, weil ich Geld verdienen muss. Das heißt, um das überhaupt möglich zu machen, muss man natürlich erst einmal das Wirtschaftssystem grundsätzlich verbessern, gerechter machen.

Bianca:  Da denke ich an die Brotpuristen. So Heißen die, das ist ein Bäckereibetrieb in Speyer. Und die haben sich auf die Fahne geschrieben: Gutes Brot backen zu guten Arbeitszeiten. Die haben keine Nachtarbeit und keinen Schichtdienst. Also deren Betrieb funktioniert nach ganz normalen, vielleicht etwas früheren, Ich sage jetzt mal Bürozeiten. Und zwar war wurde die Idee geboren, weil den Bäckern auch der Nachwuchs ausgeht. Tatsächlich, also 2020 sind 46 Prozent der Bäcker:innen-Stellen unbesetzt geblieben. Also das ist ja wirklich wahnsinnig viel. Und einer der Gründe könnte eben auch sein, dass diese Nachtschicht und diese Schichtarbeit für viele Menschen nicht attraktiv ist oder vielleicht auch einfach nicht machbar ist mit Familien, Verpflichtungen, Care-Arbeits-Verpflichtungen etcetera.

Und der Betrieb in Speyer wollte das eben ändern und hat, ja, einen Backbetrieb auf die Beine gestellt, der eben ohne Nacht- und Schichtdienst funktioniert. Es ist halt so das frische Brot gibt es halt erst um 14.30 Nachmittags, wird jetzt auch nicht für jede Bäckerei machbar sein, aber für sie funktioniert das, weil sie sich eine Stammkund:innenschaft aufgebaut haben und sich auf ein sehr kleines Sortiment konzentrieren und jetzt nicht noch zusätzlich süße Backwaren machen, sondern einfach gutes Brot. Und der Gründer sagt, es fehlt ihm nie an Nachwuchs, er kriegt mehr als genug Bewerbungen und das ist so sein Beitrag, dieses Handwerk wiederzubeleben.

Morgane: Ich finde es mega schön und ich glaube wie gesagt, es zeigt eben, die Menschen denken das anders. Früher war es halt so. Ja, wenn du halt Bäckerin werden willst, dann musst du das halt in Kauf nehmen. Es ist doch toll, dass Leute  jetzt sagen warum eigentlich? Wer sagt eigentlich, dass es so sein muss? Und ich finde es total ermutigend, dass es vor allem auch so gut funktioniert und dass es vielleicht eben auch, wie du vorhin schon gesagt hast, vielleicht zu eine Art Aufwertung führen kann.

Bianca:  Ja, cool. Vielen Dank, Morgane.

Morgane: Danke dir. War wie immer ein super spannendes Gespräch und ich habe sehr viel gelernt.

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