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8 August 2017 / Lesezeit: 2 minuten

Beruf und Arbeitswelt

Teilzeitarbeit: Das Modell der Zukunft?

Wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus? Ist Teilzeit das Modell der Wahl?

Titelbild: Negativespace

Titelbild: Negativespace

Familie, freiwilliges Engagement oder ein pflegebedürftiges Familienmitglied – wie lässt sich das mit der Arbeitswelt vereinen? Was wäre eigentlich, wenn jeder nach seinem eigenen Teilzeitmodell arbeiten dürfte? Miriam Schilling und Martina Plag erläutern die Pro und Contras des Teilzeitmodells

Was spricht dafür?

„Unsere Mitarbeiter haben viele Interessen, und wir versuchen stets, sie mit den Anforderungen des Unternehmens zu vereinbaren. Teilzeit arbeiten bei uns zum Beispiel Personen mit kleinen Bauernhöfen im Nebenerwerb, ehrenamtliche Bergführer, Väter und Mütter mit kleinen Kindern, Leute mit pfegebedürftigen Verwandten, Studenten und Mitarbeiter, die ein Sabbatical machen wollen. Deshalb gibt es bei Vaude keine festgelegten Teilzeitmodelle, sondern nur individuelle Vereinbarungen – übrigens auch für die Führungskräfte. Dadurch ermöglichen wir jedem Mitarbeiter die Arbeitszeiten, die er für seine Entfaltung benötigt. Diese große Flexibilität ist Teil der Unternehmenskultur, die das Familienunternehmen schon lange auszeichnet.

Der hohe Grad an individueller Teilzeit erfordert verantwortungsbewusstes Handeln auf allen Seiten. Wir müssen sehr viel miteinander sprechen. Und zwar auf Augenhöhe und mit Respekt voreinander. Teilzeitreduzierung ohne konkrete Vorgaben ist unternehmerisch insbesondere dann schwierig, wenn die Leute nicht um 50 Prozent reduzieren. Man kann die Aufgaben ja nicht einfach auf zwei Stellen verteilen, sondern muss sie neu sortieren. Die Arbeit muss schließlich gemacht werden. Wichtig ist es auch, die Vollzeitkräfte nicht zu vernachlässigen. Sonst entsteht bei ihnen schnell das Gefühl, die individuelle Teilzeit der anderen geht zu ihren Lasten. Und die Geschäftsführung muss sich darüber im Klaren sein, dass die Flexibilität Geld kostet.

Im Mittelstand ist das sicher einfacher als in Konzernen, wir kennen alle Mitarbeiter und sehen die individuelle Entwicklung. Die Erfahrung zeigt, dass unsere Mitarbeiter engagierter im Job und lange bei uns tätig sind, weil sie zufrieden mit ihrem Leben und ihrer Arbeit sind. Das wiederum nützt auch dem Unternehmen. Eine Win-Win-Situation also.“

Miriam Schilling ist seit 2015 Personalerin beim Outdoorausrüster Vaude in Tettnang, der 500 Mitarbeiter beschäftigt.

Was spricht dagegen?

„Eine fexible, selbstbestimmte Arbeitszeit, auch für Teilzeitbeschäftigte, rückt durch die Digitalisierung für viele Arbeitnehmer in weite Ferne. In Bereichen mit Kundenkontakt werden die Mitarbeiter nahezu minutengenau verplant. Dann wird Flexibilität vor allem von Seiten der Arbeitgeber beansprucht. Frei nach dem Motto: Ich plane den Teilzeit-Mitarbeiter so ein, wie ich ihn gerade brauche. Unterstützt wird dies von technischen Systemen, die aufgrund von Plandaten den Bedarf berechnen und vorgeben, wie das knappe Gut Personalressource verteilt werden soll. Deshalb sehe ich die Digitalisierung, der allgemein zugeschrieben wird, dass sie Freiräume schafft, durchaus auch kritisch.

Der Austausch mit Kollegen, soziale Belange wie Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen oder ehrenamtliches Engagement sind im Prozess dann oft unliebsame Störfaktoren. Die Argumente der Arbeitgeber sind immer die gleichen: Kundenanforderungen, Benchmarks, Kostendruck. Betroffen sind vor allem Frauen: Teilzeit ist immer noch weiblich und gleichzeitig arbeiten Frauen häufig im Service, in Callcentern, im Einzelhandel. Also in Branchen, in denen Öffnungs- oder Servicezeiten abgedeckt werden müssen.

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Dabei gibt es Lösungen: gemischte Teams, in denen nicht nur die klassischen Vormittags-Mütter arbeiten, sondern auch junge Leute, die lieber später kommen. Auch inhabergeführte, mittelständische Unternehmen machen vieles richtig. Sie setzen auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter und schaffen dadurch Effizienz. Inzwischen geht auch manches Großunternehmen neue Wege, denn die Digitalisierung eröffnet durch mobile Arbeit auch Perspektiven. Diese Chancen kann man nutzen, wenn man den Mitarbeitern selbstorganisiertes Arbeiten zutraut und sie vor Überlastung schützt.“

Martina Plag berät seit 20 Jahren Unternehmen und ist Geschäftsführerin der Beratung Hachenberg und Richter in Hamburg.