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22 June 2016 / Lesezeit: 3 minuten

Interview zu New Work

„Das mache ich nicht aus Nettigkeit“

Der große, böse Chef und der arme, kleine Arbeitnehmer – diese Rollenverteilung löst sich immer mehr auf

Titelbild: Tim Foster / Unsplash

Titelbild: Tim Foster / Unsplash

Egal wohin man schaut, „Neues Arbeiten“ ist überall, Digitalisierung und Start-up-Boom befördern einen neuen Umgang miteinander in den Firmen. Aber was heißt das eigentlich, neu zu arbeiten? Die New-Work-Expertin Inga Höltmann beschäftigt sich seit Langem mit weiblichen Karrieren und Kulturwandel in Unternehmen, modernen Arbeitsmodellen und Digital Leadership. Sie ist auch eine der Organisatorinnen des Augenhöhe-Camps in Berlin.

„Neues Arbeiten“ oder „New Work“ ist eines dieser Buzzwords aus der Start-up-Szene, das immer öfter in der traditionellen Arbeitswelt auftaucht. Was steckt eigentlich dahinter?

Das System, in dem wir bisher gearbeitet haben, funktioniert nicht mehr. Das Alleinverdienermodell hat sich überlebt, die Frauen strömen auf den Arbeitsmarkt. Weil sich traditionelle Familienstrukturen auflösen, werden Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer wichtiger und Familien müssen sich neu organisieren. Das alles wirkt sich unmittelbar auf die Arbeitswelt aus. Diese Herausforderungen werden den Unternehmen von außen aufgezwungen. Neues Arbeiten oder „New Work“ kann eine Reaktion darauf sein. Im Kern geht es darum, die Art des Zusammenarbeitens neu zu denken: Das geht los bei Arbeitszeiten bis hin zu Organisationsstrukturen und Führungsstilen.

Wie wichtig ist dafür das Management?

Die Debatte um Neues Arbeiten kann nicht geführt werden, ohne auch über den Führungsstil zu diskutieren. Denn alle Ideen sind nichts wert, wenn die Führungsriege nicht aufrichtig dahintersteht, neue Ansätze müssen mehr sein als Lippenbekenntnisse. Das bedeutet oftmals auch, Macht an das Team abzugeben.

Können Frauen das besser als Männer, sind sie als Chefs eher geeignet?

Besser oder schlechter sind hier die falschen Begriffe. Unternehmen waren jahrzehntelang auf einen bestimmten Typ Arbeiter ausgerichtet: den alleinverdienenden Familienvater. Heute ist die Arbeitswelt vielfältiger, Frauen sind nur eine Gruppe von vielen, denen wir ihren Platz einräumen sollten, dazu gehören auch Jüngere, Ältere oder Migranten. Und je vielfältiger die Arbeitnehmer werden, umso vielfältiger muss auch die Arbeitswelt werden.

Müssen Unternehmen also in Diversity investieren?

New Work und Diversity bedingen einander: Wer diverse Teams haben will, sollte auch seine Organisationsstrukturen umbauen. Und wer bereit ist, sich auf diesen Umbau einzulassen, wird mit diverseren Teams belohnt werden.

Sind Neues Arbeiten und Diversity für die junge Generation überhaupt ein Thema oder nicht schon längst gelebter Alltag?

Ganz so einfach ist das nicht, denn die Jüngeren sind ja keine besseren Menschen. Die Generation Y hat aber einen großen Verdienst an der Diskussion: Sie stellt die Dinge infrage. Boni, Dienstwagen oder ein großes Büro sind beispielsweise keine Anreize mehr, die junge Arbeitnehmer wollen. Denn die Generation Y ist auch eine Generation Krise, die weiß: Selbst wenn ich mich mein Leben lang in einer Firma hocharbeite, kann das alles morgen weg sein.

Kann ich als einzelner Arbeitnehmer überhaupt etwas mitgestalten?

Als Einzelperson ist es sicher schwierig, etwas zu verändern. Aber man kann Veränderungen anstoßen und das kann man zum Beispiel tun, indem man sich den Augenhöhe-Film ansieht und mit Kollegen darüber diskutiert. Wichtig ist es, sich Verbündete zu suchen und gemeinsam zu schauen, was nicht so gut läuft: Was wollen und können wir anders machen? Dann sollte man das Gespräch mit dem Chef suchen.

Der wird davon in der Regel wenig begeistert sein.

Ja, viele haben Angst, funktionierende Strukturen umzuschmeißen oder sich mit New Work von heute auf morgen selbst abzuschaffen. Man kommt aber um die Diskussion nicht herum und sollte sich im Team rantasten. Das Wichtigste ist, offen zu sein und auch mal zu sagen: Okay, lasst uns das ausprobieren!

Wie wandelt sich damit die Rolle des Chefs?

Früher gab es eine sehr binäre Denkweise: Chef-Sein hatte einen Nimbus, man hat sich hochgearbeitet und wurde mit einer Führungsposition belohnt. Das brachte Status und Macht. Als Gegenleistung hat man seine Abteilung oder Firma geführt und musste Antworten auf alle möglichen Fragen wissen. Das funktioniert heute nicht mehr, die Welt ist dafür viel zu komplex geworden. Der einsame Kapitän auf der Kommandobrücke kann gar nicht mehr alles überblicken. Ein Chef tut gut daran, sich auf die Potenziale seines Teams zu besinnen und zu helfen, diese zu entfalten.

Bei Neuem Arbeiten setzt man sich also zusammen, redet und diskutiert viel. Bringt das überhaupt etwas? Was gut und was schlecht ist, entscheidet letztlich doch immer noch der Markt. Da bleibt kein Raum für demokratische Abstimmungen.

Das wird gerne so hingestellt, als sei es ein Naturgesetz. Wir dürfen aber nicht vergessen: Wir sind das Unternehmen, wir sind der Markt, wir sind die Gesellschaft. Wir alle haben die Verantwortung, unseren Wirtschaftsraum zu gestalten und die sollten wir auch wahrnehmen. Den Gedanken und das Wissen, etwas gestalten zu können, sollten wir in viel mehr Lebensbereichen anwenden.

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Was bringt Neues Arbeiten meinem Unternehmen?

Es bringt Zukunftsfähigkeit. Früher haben die Unternehmen ihre Mitarbeiter für eine bestimmte Aufgabe eingekauft, abgerechnet wurde in abgesessener Zeit. Arbeitnehmer haben aber einen bunten Strauß an Fähigkeiten und Potenzialen, wieso also nicht helfen, das zu entfalten? Das mache ich doch nicht aus purer Nettigkeit, sondern auch, um mein Unternehmen voranzubringen!