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12 December 2017 / Lesezeit: 4 minuten

Freiwilligenarbeit

„Es gibt leider auch echte Betrüger“

Wer sich sinnvoll im Ausland engagieren möchte, stößt schnell auf Freiwilligenarbeit. Ein Experte klärt auf, worauf man achten muss

Titelbild: Zeyn Afuang / Unsplash

Titelbild: Zeyn Afuang / Unsplash

Wer im Ausland sinnvoll arbeiten möchte, stößt schnell auf Freiwilligenarbeit. Experte Frank Seidel der Plattform wegweiser-freiwilligenarbeit.com erklärt, worauf man bei seiner Wahl achten sollte

Wie finde ich die richtige Freiwilligenarbeit für mich?

Da muss man zunächst zwischen den unterschiedlichen Formen von Engagement im Ausland unterscheiden. Bei den geregelten Freiwilligendiensten gibt es verschieden Programme wie „weltwärts“, den Internationalen Jugendfreiwilligendienst IJFD oder den Europäischen Freiwilligendienst. Die sind jedoch nur bis zu einem Alter von max. 30 Jahren und meist für eine Dauer von einem Jahr möglich. Darüber hinaus gibt es flexible Freiwilligenarbeit, die keine Einschränkungen in Dauer und Alter hat. Die Anbieter hierfür finden sich natürlich im Internet, aber es gibt auch Messen zu Auslandsaufenthalten. Schülerinnen, Schüler und Studierende werden zudem vielfach auch durch Aushänge in Schulen und Universitäten auf Angebote aufmerksam.

Woran erkennt man einen seriösen Anbieter?

Es gibt einige Punkte, an dem man gute Organisationen von Freiwilligenarbeit erkennt. Wir bieten dafür auf unserer Plattform „wegweiser-freiwilligenarbeit.com“ deshalb eine Checkliste mit über 50 Kriterien an, anhand derer seriöse Anbieter identifizierbar sind. Auf unserem Portal finden sich darüber hinaus 24 Organisationen, die unseren Qualitätskriterien entsprechen und unserer Ansicht nach gute und sinnvolle Freiwilligenarbeit anbieten.

Was sind die wichtigsten Kriterien?

Da gibt es zum einen die Einträge ins Handelsregister und Besuchsadressen, die erkennbar sein müssen. Die sind natürlich bei Organisationen in Deutschland oder generell Europa leichter überprüfbar. Zum anderen sollte man kontrollieren, ob realistische Arbeitsziele für den Aufenthalt in Aussicht gestellt werden. Darüber hinaus sollte transparent kommuniziert werden, wie die Freiwilligen vor Ort eingesetzt, die Aufnahmeprojekte in den Zielländern ausgewählt werden und wie diese Einfluss auf die Definition der Aufgaben und die Mindestqualifikationen haben.

Wann sollte man noch skeptisch werden?

Vorsichtiger muss man sein bei Programmen und Organisationen, die direkt in den Zielländern liegen. Dort gibt es leider auch echte Betrüger, die auf Basis einer schönen Website die Teilnahmegebühr von den Teilnehmern kassieren und dann nie wieder von sich hören lassen. Hellhörig sollte man auch werden, wenn versprochen wird, das Leben eines Kindes in nur zwei Wochen nachhaltig zum Guten zu verändern. Das ist natürlich nicht möglich.

Worauf muss man bei der Planung am meisten achten?

Das kommt natürlich darauf an, aus welcher persönlichen Situation des Freiwilligen an. Bei Schülern und Studierenden spielt sicherlich die Finanzierung des Aufenthaltes eine wichtige Rolle. Bei Berufstätigen ist dagegen eher die Dauer des Aufenthaltes ein limitierender Faktor. Darüber hinaus empfehlen wir, sich schnell nach dem Finden eines passenden Projektes auch anzumelden. Umso mehr Zeit bleibt einen sich auf das Gastland mit seinen Gepflogenheiten vorzubereiten und sich mit den konkreten Aufgaben zu beschäftigen.

Mit welchen Kosten muss man rechnen?

Entscheidend für die Höhe sind zum einen die normalen Lebenshaltungskosten im Zielland und zum anderen wie viel Infrastruktur für den Aufenthalt aufgebaut und unterhalten werden muss. Zwei extreme Beispiele: Die preisgünstigsten Projekte findet man meist in Südostasien, in Ländern wie Thailand, Kambodscha oder Laos, da dort die Lebenshaltungskosten sehr gering sind. Will man da dann auch in einem Bildungsprojekt mitarbeiten, muss das Projekt auch keine Infrastruktur schaffen. Unter den Bedingungen hat man für 600 Euro für 4 Wochen schon eine gewisse Auswahl an Möglichkeiten.

Und am anderen Ende der Skala?

Da liegen Naturschutzprojekte im Busch in Südafrika. Neben den höheren Lebenshaltungskosten, schlägt da vor allen die Infrastruktur zu Buche, wenn man mitten in der Wildnis arbeitet. Da braucht man Geländewagen, um Verpflegung und Arbeitsausrüstung dahin zu transportieren. Dann sind auch noch Personalkosten für die Betreuung und den Schutz vor wilden Tieren, die der Anbieter ebenfalls einkalkulieren muss. Am Ende kommt man da selbst für einen zwei- oder dreiwöchigen Einsatz auf mehrere tausend Euro. Nicht enthalten sind dabei immer Anreisekosten, Impfungen und andere Dinge, die man beachten muss. Prinzipiell gilt aber bei allen Einsätzen: Je länger der Aufenthalt, umso günstiger wird es pro Woche, da die Fixkosten sich auf einen längeren Zeitraum verteilen.

In welchen Feldern ist Freiwilligenarbeit besonders sinnvoll?

Da kann man nicht pauschal ein Land oder einen Einsatzbereich nennen. Der Hauptnutzen guter Freiwilligenarbeit im Ausland liegt auch nicht darin, was man im Land tut, sondern was daraus entsteht. Konkret: Lernt man durch seine Freiwilligenarbeit die Zusammenhänge zwischen dem Leben im Zielland und meinem Heimatland und ist der eigene Aufenthalt der Beginn eines dauerhaften Engagements für das Gastland und der globalen Zusammenhänge.

Gibt es auch etwas, was im Gegenteil überhaupt nicht sinnvoll ist?

Wir schließen auf unserem Portal zwei Arten von Projekten kategorisch aus: Waisenhäuser und sogenannte Löwen-Kuschelprojekte.

Kuscheln mit Löwen als Freiwilligenarbeit?

Bei diesen Projekten wird damit geworben, dass Löwen mit der Flasche aufgezogen werden, da die Mutter sie angeblich verstoßen habe. Das Versprechen: Nach der Aufzucht würden die Tiere wieder ausgewildert.

Was nicht stimmt?

Tatsächlich werden die Raubkatzen, wenn sie älter werden, bei den „Walking with Lions“-Touren eingesetzt. Bei diesen muss man dafür bezahlen, um mit Löwen im Teenager-Alter durch den Busch laufen zu können. Werden sie auch dafür zu groß und zu gefährlich sind, werden sie der Trophäenjagd zugeführt. Die Knochen werden dann letztendlich an die traditionelle Medizin nach Asien verkauft.

Was sind die Probleme von Freiwilligenarbeit in Waisenhäusern?

Das sind in der Regel keine Einrichtungen, die den Kindern wirklich helfen, sondern Häuser von Geschäftsleuten, die in erster Linie an ihrem eigenen Geldbeutel interessiert sind. Meist leben da Kinder von armen Familien auf dem Land, die regelrecht angeworben werden. Das Geld der Freiwilligen trägt in solchen Fällen wesentlich zu den Einnahmen bei – sei es als Teilnahmegebühr oder Spenden der Ehemaligen. Andere Einkommensquellen dieser Pseudowaisenhäusern sind Aufführungen der Kinder für die Touristen, Verkauf von Souvenirs „Made by Orphans“ oder direkte Spenden. Es wird also auf dem Rücken der Kinder versucht, so viel Geld wie möglich zu verdienen.

Gibt es einen Trend zu mehr Freiwilligenarbeit?

Unseren Erfahrungen nach ist die Zahl der deutschsprachigen Freiwilligen, die ins Ausland gehen, konstant geblieben.

Gilt das auch für die viel zitierten zweiwöchigen Aufenthalte junger Menschen, um den Lebenslauf aufzuhübschen?

Um dies herauszufinden haben wir rund 400 Freiwillige befragt, die zwischen Februar 2014 und September 2017 bei 17 unserer Partner im Ausland gearbeitet haben. Die Zahlen zeigen eher das Gegenteil: Gerade junge Menschen bevorzugen eine längere Freiwilligenarbeit. Das Schreckgespenst der jungen Leute, die aus egoistischen Motiven mal „schnell die Welt retten“ wollen, ist die seltene Ausnahme.

Was ist die durchschnittliche Einsatzzeit?

Die liegt bei unserer Befragung bei rund zwei Monaten. 72 Prozent der Umfrageteilnehmer waren 1 bis 3 Monate im Ausland. Der limitierende Faktor sind vermutlich dann die Kosten. Es zeigte sich auch, das Natur- und Umweltschutz-Projekte im Vergleich zu Projekten, bei denen man mit der einheimischen Bevölkerung interagiert, deutlich geringere Einsatzzeiten besitzen.

Mit welchem Alter gehen die meisten ins Ausland?

70 Prozent sind unter 24. Wobei das nicht heißt, dass die älteren das nicht wollen. Vielmehr sind die privaten Bedingungen entscheidend. Mit einem Job und einer Familie kann man eben nicht mehr so einfach mehrere Monate Freiwilligenarbeit im Ausland leisten.

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Das haben wir leider nicht bei uns erheben können. Meine persönliche Erfahrung legt aber auch bei hier eine Konstanz nahe.