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20 Mai 2021 / Lesezeit: 11 minuten

Reinigungsbranche

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 14

Vor allem Frauen und Migrant:innen arbeiten in der Reinigungsbranche, oft prekär beschäftigt. Einige Social Start-ups haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Arbeitsbedingungen in der Raumpflege zu verbessern.

Bild: IMAGO / Shotshop

Bild: IMAGO / Shotshop

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 14 von „Good News enorm“. Diese Woche geht es um die Reinigungsbranche. Wir sprechen über faire Löhne und bessere Arbeitsbedingungen, nachhaltige Produkte und die Wertschätzung für die Arbeit in der Raumpflege.

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. Über das Thema Reinigungsbranche sprechen die Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Astrid Ehrenhauser, Redakteurin beim enorm Magazin.

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – Gute Nachrichten und konstruktive Gespräche: Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute geht es um gute Nachrichten aus der Reinigungsbranche. Aber erst einmal der Gute-Nachrichten-Überblick:

Forschender der Stanford University haben ein Brain Computer Interface entwickelt, das gelähmten Menschen ermöglichen soll, schneller schriftlich zu kommunizieren. Stellen sich Benutzer:innen vor, einen Buchstaben per Hand zu schreiben, übersetzt das Implantat die Gehirnsignale in tatsächliche Schrift.

Großbritannien will zum Vorreiter für Tierrechte werden und plant, mit einem neuen Gesetz anzuerkennen, dass Wirbeltiere Emotionen und Gefühle haben. Außerdem soll es härtere Strafen für Tierquälerei geben. Und der Export von lebenden Tieren soll verboten werden.

Um die 950 Millionen Menschen mit Sehschwäche können sich keine Brille leisten. Der ehemalige Lehrer Martin Aufmuth will das mit seinem Projekt One Dollar Glasses ändern. In seiner Waschküche hat er eine Biegemaschine entwickelt, mit der sich in kürzester Zeit günstig Brillen herstellen lassen.

Forschender der Carnegie Mellon University in den USA haben die so genannte Morphin-Pasta erfunden. Flache Nudeln, die erst beim Kochen in ihre Form springen. Die reduzierte Größe spart Verpackungsmüll und verringert Transport- und Lageraufwand.

Allein die USA produzieren um die 346 Millionen Tonnen Mais im Jahr. Dabei wird das so genannte Maisstroh nach der Ernte weggeworfen. US-Ingenieur:innen haben jetzt eine Idee gegen die Verschwendung entwickelt. Sie wandeln das Maisstroh in Aktivkohle um und die kann wiederum Wasser reinigen.

Ich freue mich sehr, dass wir heute über gute Nachrichten und gute Entwicklungen aus der Reinigungs- oder in der Reinigungsbranche sprechen. Mein Name ist Bianca und ich bin Redakteurin bei Good News Deutsch.

Astrid: Hallo, ich bin Astrid und ich bin Redakteurin beim enorm Magazin. Ja, die Reinigungsbranche ist mir leider nicht bekannt für besonders gute Arbeitsbedingungen und für ökologisch gute Zustände, sagen wir mal so. Daher ist es umso schöner, dass es natürlich auch einige Unternehmen immer mehr gibt, die sich dagegen stellen und die es besser machen möchten. Und ich habe da für einen Artikel im enorm Magazin mit einem Social Start-up aus Berlin gesprochen. Die nennen sich Klara Grün und die sagen selbst, die Gründer:innen sagen, sie sind öko-faire Raumpflege. Also dafür stehen sie. Und die gibt’s seit 2017. Ende 2017.

Auch auf enorm: Social Start-up Klara Grün: „Wie geht sauber in gut?“

Das Problem der Reinigung ist ja oft so, dass die meisten Menschen dort sehr, sehr prekär beschäftigt sind. Super schlecht bezahlt. Das ist ein total hoher Druck, starke körperliche Belastung natürlich auch. Und gesellschaftliche Anerkennung ist oft leider total gering. Gewerkschaftlich organisieren ist auch super schwierig, weil man ja ganz oft alleine arbeitet oder nachts und so und vielleicht auch so ein „Lonely Wolf“-mäßiges Business. Und natürlich am Ende sind halt auch Menschen, die dort lange gearbeitet haben, im Alter von Armut bedroht. Und ja, so festangestellt oder sozialversichert, sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind leider auch die wenigsten, vor allem in Privathaushalten, sondern eher so Solo-Selbstständige Subunternehmen oder eben informell beschäftigt.

Da hab ich auch mal Zahlen recherchiert. Es sind wirklich 90 Prozent der Haushaltshilfen, die eben in den gut drei Millionen Privathaushalten eben saubermachen, aber auch einkaufen gehen. Und gut 90, so zirka 90 Prozent derer, die sind tatsächlich nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt, leider. Und diese Festanstellung wiederum hätte ein Vorteil, dass man dann im Fall von einer Krankheit abgesichert ist. Bei Unfällen natürlich auch. Man zahlt in die Rentenkasse ein, hat Anspruch auf Urlaub und so weiter und das ist natürlich eigentlich superwichtig. Ja und es gibt aber auch, tatsächlich für diese Menschen, die in Privathaushalten saubermachen, wäre eigentlich der Mindestlohn relevant. Also die würden ja 9,50 Euro die Stunde bekommen – gesetzlich – eigentlich. Aber wenn sie dann eigentlich gar nicht angestellt sind, ist es oft so, dass sie de facto viel weniger bekommen natürlich. Und nur wenn man in Gebäuden von so einem Gewerbe arbeitet und dort reinigt. Die Menschen dort, die bekommen sogar mehr theoretisch gesetzlich. Also die kriegen 11,11 Euro die Stunde und das ist in Branchen Mindestlohn, betrifft aber wirklich nur die gewerbliche Gebäudereinigung.

Bianca: Leider, wie ich gelesen hab, soll der auch bis 2023 stufenweise steigen. Das wäre auch eine kleine gute Nachricht aus diesem Bereich.

Astrid: Genau der ist jetzt im Januar auf die 11,11 Euro gestiegen und er soll weiter steigen, was wirklich gut ist. Und das ist ja auch die unterste Stufe. Da gibt’s dann noch weitere Stufen, je nachdem, ob man Fenster reinigt und so weiter oder welche Reinigungsarbeiten dann gemacht werden. Da zählt dann die Art der Tätigkeit und nicht die Ausbildung. Es ist auch ganz gut, glaube ich. Damit meinen auch viele Menschen, die als Quereinsteiger in den reinkommen, trotzdem dann hoffentlich langfristig auch mehr bezahlt. Genau. Also das ist so die Grundsituation der Reinigung, die echt eher nicht so gut ist, leider, für die Beschäftigten dort. Und Klara Grün zahlt das jetzt eben auch schon tatsächlich. Egal ob man im Gewerbe oder im Privathaushalt reinigt. Sie haben 100 Kund:innen und die Hälfte davon ungefähr sind Privathaushalte. Und Sie zahlen jetzt schon, wenn man neu anfängt, 11,50 die Stunde, also mehr als der tarifliche Mindestlohn der Branche wäre. Und wenn man ein halbes Jahr dabei ist, kriegt man 12 Euro und dann, nach einem ganzen Jahr sind es 12,50 sogar und soll auch weiterhin noch steigen. Da gibt’s Pläne für dieses Jahr und auch langfristig. Genau. Also das ist schon mal ein guter erster Schritt, würde ich sagen, dass man sieht bei diesem Social Start-up, die zahlen halt schonmal mehr.

Tatsächlich, es gibt auch zum Beispiel, wir haben ja auch diesen Text in der taz, hatten wir auch gelesen, wo es darum ging, um ein Hamburger Unternehmen, „die Besserwischer“… „Besserwischer“, ja genau. Und die zahlen ja auch schon über diesen tariflichen Mindestlohn. Also da gibt’s ein paar gute Beispiele, auch deutschlandweit schon auf jeden Fall. Aber es ist leider noch nicht die Norm. Geld ist ja auch nicht alles. Es dreht sich auch vieles in der Reinigung oder die Probleme, die sind auch wirklich, die hängen eng zusammen mit einer Art von Wertschätzung, die oft fehlt. Und dass die Branche so ein bisschen stigmatisiert auch leider ist, was teilweise damit zusammenhängt wahrscheinlich, dass sehr, sehr oft nachts gereinigt wird, also typische Arbeitszeiten sind so zwischen 22 Uhr und 6 Uhr und dann ist es halt unsichtbar. Diese Tätigkeit bleibt halt unsichtbar und die Menschen dort verschwinden so ein bisschen. Und das will auch zum Beispiel Klara Grün nicht. Sie versuchen halt vor allen Dingen tagsüber zu reinigen und wenn wirklich mal in Büros das nicht funktioniert oder so, dann, dass man zumindest so eine Zeit noch hat, wo man sich ein bisschen überschneidet, dass da eine gewisse Sichtbarkeit entsteht. Das hat mir auch eine Raumpflegerin, so nennt sie sich, die Klara Grün arbeitet Kristina Göldner gesagt, die ist seit knapp drei Jahren dabei.

Und die meint auch das ist für sie alles ganz, ganz anders jetzt, seit sie bei diesem Unternehmen ist. Also, sie ist alleinerziehende Mutter und hat eben auch keine Ausbildung zur Gebäudereinigerin. Das ist ein Ausbildungsberuf, aber diese hat sie auch nicht. Sie ist Quereinsteigerin wie ganz, ganz viele in der Branche. Und früher hat sie halt meistens auch nicht sozialversicherungspflichtig gearbeitet und wurde halt informell irgendwie so unter der Hand bezahlt und so weiter. Hat halt ganz, ganz wenig Wertschätzung erfahren, meinte sie. Im Akkord Großraumbüros geschrubbt. Es war so wie sie es beschrieben hat, klang das ganz schön krass. Und ja, sie liebt ihren Job jetzt anscheinen. Sie meinte, sie hat wirklich großen Spaß daran zu reinigen in dem Unternehmen. Sie fühlt sich echt gut wertgeschätzt, auch von Kund:innen. Und vor allem mag sie es, dass es ökologisch ist. Sie reinigt selbst schon lange mit irgendwie ja, Bioethanol, Natron, Zitronensäure, Soda und so weiter und nicht mit diesem giftigen Chlorreinigern und so. Ich weiß nicht, ob du dich ein bisschen mit ökologischer Reinigung auskennst, Bianca, oder wie das bei dir zuhause so läuft?

Bianca: Ja, tatsächlich bin ich irgendwann mal auf dieses Buch gestoßen. Ich weiß leider gerade jetzt nicht mehr, wie es heißt, aber irgendwie „Reinigen mit 5 Haushaltsmitteln“, also die Klassiker Natron, Soda, Essig, Zitronensäure und all das. Und ich versuche regelmäßig, mir Mittelchen zusammenzubrauen. Nicht alles überzeugt mich, aber ich bin ja absoluter Fan von Essig. Ich finde, mit Essig geht eigentlich fast alles.

Astrid: Das stimmt. Das ist auch echt erstaunlich oft. Wieviel, also wie gut das irgendwie sauber macht oder? Auf jeden Fall. Und ich finde es auch persönlich. Ich finde es auch super interessant und macht es auch selber viel zu Hause bei mir. Ich habe auch mit Kristina Göldner, also mit der Raumpflegerin von Klara Grün, dann so ein bisschen gesprochen. Also, die kennt sich mega gut aus, sie hat mir gleich den Tipp gegeben, wie ich irgendwie mit Soda den Teppich noch reinigen kann, wenn ich will usw… Also es war ganz spannend. Und ja, sie meinte auch sie merkt es gesundheitlich total krass, weil sie sagt, dass sie früher, weil sie ja wirklich viel mit solchen Mitteln gearbeitet hat, hatte sie echt immer Husten und hatte sogar leichtes Asthma. Und es ist beides weg, seit sie eben bei Klara Grün oder auch vorher schon aufgehört hat, mit diesen schädlichen oder vielleicht umweltschädlichen Substanzen zu reinigen.

Bianca: Ja das ist ein total wichtiger Punkt, den ich auch ehrlich gesagt gar nicht bedacht habe. Ich habe bei diesen nachhaltigen Mittel jetzt einfach vor allem immer gedacht: Okay, der Aspekt ist die Umwelt, aber ja, selbstverständlich die Menschen, die es nutzen und vor allem Menschen, die im Haupterwerb in dieser Branche tätig sind, die sind ja diesen Mitteln ständig ausgesetzt. Das hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Gut, dass du das sagst.

Astrid: Ja, auf jeden Fall. Und was, was wir beide ja gemerkt haben im Vorfeld der Recherche, dass es natürlich ja eine sehr, sehr weibliche Branche ist oder überhaupt Reinigungsarbeiten sehr so Frauen zugeschrieben werden in unserer Gesellschaft, ist auch total spannend und auch in dem Kontext wichtig, wenn es natürlich um Sachen geht wie finanzielle Situation oder Wertschätzung. Das spielt eine krass große Rolle irgendwie. Also, ich hab mit einer Wissenschaftlerin gesprochen, die ihre Doktorarbeit zu dem Thema geschrieben hat so zu diesem Bereich. Lena Schürmann, die forscht an der Humboldt-Universität in Berlin und die meinte, dass es wohl so ist, dass in unserer Gesellschaft Schmutz in Häusern, also Schmutz drinnen, wird eher so weiblich gesehen, also Frauen zugeschrieben, weil das so ein bisschen intimer, körpernäher ist. Und Schmutz auf der Straße, der ist dann eher so Männern zugeschrieben. Das ist so, das fand ich auch ziemlich spannend, wenn man überlegt, ist natürlich auch der Klassiker ist ja sozusagen eine Reinigungskraft für Straßenreinigung ist eher ein Mann klassisch oder klischeemäßig. Und so der Haushaltsbereich oder auch der Reinigungsbereich innerhalb von Häusern ist eher weiblich. So ein bisschen. Und das ist jetzt so das eine, wo es vielleicht ein bisschen herkommen könnte und das andere ist, dass grundsätzlich in unserer patriarchalen Gesellschaft halt Arbeit, die vor allem von Frauen verrichtet wird, ganz, ganz oft abgewertet wird. Also es ist so. Und zusätzlich ist es, also so zweischneidig, weil zusätzlich was wenig wert ist und was so übrig bleibt auf dem Arbeitsmarkt, das wird dann auch eher von Frauen ausgeführt, die Arbeit oder auch von Migrant:innen, also die Branche ist auch sehr migrantisch.

Auch auf enorm: Margret Rasfeld zur Bildungspolitik: „Die Care-Arbeit für Mensch und Planet muss im Zentrum stehen“

Und ja, das ist so diese Situation, die wir haben aus einer feministischen Perspektive und auch was Care-Arbeit angeht, das ist ja irgendwie diese Arbeit im Haushalt. Care-Arbeit, die unbezahlt ist, ganz, ganz oft. Die ist gesellschaftlich auch so oft weniger wertgeschätzt. Und die Arbeit, also Erwerbsarbeit, die dann ist, um Geld zu verdienen, die ist sozusagen getrennt davon. Es wird so aufgespalten in unserer Gesellschaft. Und die Care-Arbeit wiederum wird jetzt auf dem Markt angeboten, in der Reinigungsbranche. Wir haben so eine Situation, in der zwei Formen von Arbeit existieren: einmal die Erwerbsarbeit, einmal die Care-Arbeit. Und diese Care-Arbeit, die wird uns angeboten auf dem Markt. Und da funktioniert aber das Markt Prinzip überhaupt nicht, meinte Lena Schümann. Und das sieht man ja auch, weil die Preise nicht steigen. Die Nachfrage steigt zwar auch während Corona, Preise und Löhne steigen aber nicht. Und das liegt auch viel daran, dass Menschen eben auf den Verdienst angewiesen sind und das machen. Auch wenn sie richtig schlecht bezahlt werden, müssen sie es vielleicht machen, einfach. Und da funktioniert so eine Marktlogik nicht, die eigentlich funktionieren müsste.

Rein theoretisch funktioniert die leider gar nicht. Und dann kommt man natürlich direkt zu einer Kapitalismus-Kritik, weil in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem ist es einfach so, dass wir irgendwie wirklich sehen: Der Erfolg von irgendwelchen Menschen, die im Management arbeiten, in Büros, die haben halt deswegen Erfolg, weil sie sozusagen ihre Reinigungsarbeiten outsourcen, weil der Job von anderen Menschen gemacht wird und sie deswegen effektiv sein können, weil sie halt nicht noch irgendwie das Büro saubermachen. Und ja, das ist halt auch natürlich sehr kritisch zu sehen, weil man am Ende ja sagt: Okay, beide müssen am Ende mehr arbeiten, die Büroarbeiter:innen haben irgendwie höhere Arbeitsbelastung, aber auch die Menschen der Reinigung, für die wächst auch die Belastung. Krass. Und so eine Lösung, die ich eigentlich ganz witzig finde, wäre, dass man einfach in der Woche so zwei Stunden hat, jede Person, die einen Bürojob hat, und selber ihr Büro auch mal wieder schön macht und sauber machen soll. Das hat Lena Schümann mir im Gespräch auch als eine Lösung, die sie eben ganz charmant fand, mitgeteilt. Und ich dachte mir: Ja, das stimmt. Wenn man weniger krassen Workload hat mit seinem Büroarbeiten, dann könnte man auch selber das Büro mal ein bisschen sauber machen und so ein bisschen das aufbrechen, das System, wie wir das gerade haben.

Bianca: Tatsächlich gibt es ja gerade einen aktuellen Fall hier in Deutschland. Und zwar sollen die Mitarbeiter:innen der Staatskanzlei Mecklenburg-Vorpommerns um die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, ihre Büros, oder müssen jetzt seit dem 1. April ihre Büros regelmäßig selber reinigen. Als ich das gelesen hab, hab ich das erst einmal gefeiert und dachte: Ah, wie toll diese künstliche Barriere von essentieller Arbeit, die halt getan werden muss. Die Büros müssen halt gereinigt werden und ja, dass diese schon fast hochgepriesene Kopfarbeit der der Politiker:innen, dass dieses Auftrennung ja wegfällt, und fand das erst sehr gut. Das Land will so 1,2 Millionen Euro sparen pro Jahr. Das sie diese wiederum für Corona-Aufbaumaßnahmen brauchen ist natürlich zweischneidig, weil dadurch fällt oder fallen gewissen Reinigungskräften oder Unternehmen natürlich auch viele Einnahmen weg.

Astrid: Ja, total. Und ich meine, die Lösung wäre jetzt ja eigentlich nicht einfach zu sagen: Menschen, die auf den Job ja vielleicht angewiesen waren, weiß ich nicht, nicht nur zu beschäftigen, sondern zu sagen, man beschäftigt einfach die Reinigungskräfte, die es gibt, sozialversicherungspflichtig und bezahlt sie einfach viel besser. Und sie sollen nicht nachts unbedingt nur arbeiten und also die Arbeit sichtbarer machen. Aber natürlich diese Idee mit dem, dass man auch selber sein Büro sauber macht, langfristig gesehen ist wahrscheinlich einfach an sich ist es schon gut, um Arbeit so gar nicht so wegzuschieben und zu outzusourcen. Aber klar, wenn es aus einer Sparmaßnahme heraus geboren wird, ist es vielleicht der falsche Ansatz oder der falsche Grund eventuell. Und ja, es ist irgendwie, mal sehen, was sich da dann tut. Es ist jetzt noch nicht so lange mit dem selbst Reinigen der Büros in Mecklenburg-Vorpommern in der Staatskanzlei. Aber ja, auf jeden Fall könnt ihr ja mal gucken, wie sich das entwickelt, was dann die Mitarbeiter:innen dort sagen, wie es für sie ist oder so… Genau.

Bianca: Ich wollte noch auf die Privatsphäre oder auf den Privatbereich zu sprechen kommen. Carsten Hank vom Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität Köln hat mit seiner Kollegin Anja Steinbach von der Universität Duisburg-Essen untersucht, wie Paare in Deutschland die Hausarbeit und Kinderbetreuung aufteilen. Jetzt zu Corona-Zeiten. Und da zeigt sich auch ganz klar dieses Bild, was du angesprochen hast dass Care-Arbeit einfach mehrheitlich von Frauen verrichtet wird. Dass es hier in Deutschland tatsächlich so ist, dass über 60 Prozent in Hetero-Beziehungen die Frauen überwiegend oder sogar vollständig die Care-Arbeit, die Reinigungsarbeit zu Hause übernehmen.

Astrid: Ja, super krass. Und das ist, ich mein ja, das passt ja genau dazu, dass es so ein weiblich besetzter Bereich ist, diese nicht gesehene, unbezahlte Mehrarbeit. In dem Fall ist es ja jetzt nicht bezahlte Reinigungstätigkeit, sondern das Private, wo man eben nicht mal Geld dafür bekommt.

Bianca: Auch allgemein gibt es in der Arbeit den Trend dazu, dass die Menschen in Deutschland der Meinung sind, dass der Beruf, jetzt wirklich der Beruf einer Reinigungskraft, eine viel höhere Anerkennung verdient hat. Also über 90 Prozent aller Befragten haben in einer Studie aus dem Jahr 2017 des Instituts der deutschen Wirtschaft angegeben, dass Reinigen als Beruf absolut essentiell und wichtig und viel besser anerkannt werden sollte (Korrektur: Die Angaben beziehen sich auf eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2019). Also, es gibt ja durchaus dieses Bewusstsein, wie wichtig das ist. Und ja, ich hoffe, dass ebenso Unternehmen wie Klara Grün oder auch die Besserwischer und viele weitere Privatpersonen dazu dafür sorgen, dass das noch mehr wächst. Diese Anerkennung und dass sich das natürlich auch in der Bezahlung niederschlägt.

Astrid: Ja und ich glaube, das ist auch, was ich total schön fand in dem Gespräch mit der Raumpflegerin Kristina Göldner von Klara Grün, die eben auch meinte: Ja, früher hat sie ja auch gesagt, sie geht jetzt Klos putzen. Und jetzt? Heute sagt sie: ,Heute pflege ich ein Zuhause, einen Ort, an dem sich Menschen zurückziehen, an dem sie Kraft tanken.‘ Sie sagt auch wirklich so, sie kriegt es ja auch von ihren Kund:innen gespiegelt. Dass es irgendwie sowas wahnsinnig Schönes ist, so das Zuhause, und dieses wieder schön zu machen, und dass es irgendwie sehr viel, ihr auch sehr viel gibt. Und wenn man schaffen würde, dass sich vielleicht auch beide Seiten da wohler fühlen, dass man sagt, man hat eine Reinigungskraft, die man aber richtig gut bezahlt, die Sozialversicherung hat und so weiter und diese Person dann auch die Arbeit einfach gerne machen kann, weil man sie fair entlohnt und auch fair behandelt, dann könnte das ja langfristig auf jeden Fall für die Branche schonmal eine ganz große Verbesserung bringen. Hoffentlich.

Bianca: Vielen Dank, Astrid für das Gespräch.

Astrid: Vielen Dank, Bianca.

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