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14 April 2014 / Lesezeit: 4 minuten

Arbeit und Leben

Gute Arbeit!

Wie lässt sich eine gute Arbeitsatmosphäre herstellen?

Titelbild: Pcruciatti

Titelbild: Pcruciatti

Studien belegen immer wieder: Erschreckend viele Deutsche sind mit ihrem Job unzufrieden, nicht besonders motiviert und fühlen sich an ihrem Arbeitsplatz nicht wohl. Manche Umstände kann der einzelne kaum ändern. Auf andere hat jeder großen Einfluss. Sechs Tipps für bessere Stimmung am Arbeitsplatz

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hierzulande sind so gut, dass Deutschland in vielen Ländern als Vorbild gilt. Trotzdem sind Zufriedenheit der Deutschen mit ihrem Arbeitsplatz und ihre tagtägliche Motivation nicht besonders hoch. Das verkündet zumindest seit Jahren der Gallup Engagement Index. Nur eine Minderheit der Befragten fühlt sich mit dem eigenen Unternehmen stark verbunden. Im Vergleich mit sechs anderen europäischen Ländern sind die Deutschen am Arbeitsplatz sogar am wenigsten glücklich.

Was kann man tun, um die Arbeitsatmosphäre zu verbessern und die Zufriedenheit am Arbeitsplatz zu steigern? Klar ist: Man kann nicht alles selbst beeinflussen. Die Bedingungen, die das Unternehmen bietet, und die Vorgesetzten, die man hat, sind wesentliche Faktoren für die Atmosphäre am Arbeitsplatz. Wer 3 Euro pro Stunde verdient oder vom Chef ständig angebrüllt wird, kann das mit ein paar lockeren Sprüchen oder lustigen Parolen nicht ausgleichen.

Genauso wichtig ist aber auch zu erkennen, wie viele Chancen man selbst hat, das Betriebsklima zu verbessern – erst recht als Gruppe, zusammen mit den Kollegen. Und hier reicht es oft schon, einige wichtige Grundregeln zu beachten.

1. Menschen sind wichtiger als Vorgänge

Ein entscheidender Irrtum, dem viele Deutsche immer noch anhängen, ist die Einstellung „Wenn jeder seine Arbeit ordentlich macht, dann wird am Ende schon alles funktionieren.“ Das Problem dabei ist: Man mag mit dieser Einstellung zwar gut und sachlich arbeiten, aber man neigt dazu, die sozialen Beziehungen zu vernachlässigen. Dabei sind die Beziehungen zu anderen der wichtigste Faktor für unser Wohlbefinden. Das hat sogar die Neurobiologie bestätigt: Die beste Droge für den Menschen ist der andere Mensch, schreibt etwa der Psychiater und Hirnforscher Joachim Bauer. Es reicht deshalb längst nicht, einfach nur sein Ding durchzuziehen und seine Sache gut zu machen. Die Beziehungen zu den Kollegen wollen aktiv und positiv gestaltet sein.

2. Ausreichend Smalltalk

Man mag es nicht glauben, aber ein entscheidendes Mittel zur Pflege der Beziehungen ist der Smalltalk. Denn gerade beim lockeren persönlichen Austausch ist es möglich, etwas über die Kollegen zu erfahren, sich für sie als Menschen zu interessieren und so eine gute persönliche Beziehung zu ihnen aufzubauen. Der Gallup-Studie zufolge ist das Gefühl, als Mensch gesehen zu werden, eine wesentliche Bedingung für Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Wer den Austausch mit den Kollegen dagegen auf fachliche Themen beschränkt, der wird für sie nie mehr sein als ein Lieferant nüchterner Informationen, vielleicht sogar ein Konkurrent. In Deutschland galt Smalltalk lange Zeit als unprofessionell, in vielen Betrieben ist das sogar heute noch so. Auch dort wird sich das jedoch ändern. Und wer auf Widerstände gegen den Smalltalk trifft, der darf ruhig daran erinnern, dass bei ungezwungenen, informellen Gesprächen nicht zuletzt auch die besten Ideen entstehen.

3. Fair kritisieren

Unzufriedenheit an sich ist nichts Schlechtes. Sie zeigt uns, was falsch läuft und wo sich etwas ändern muss. Deshalb ist es auch wichtig, Kritik zu äußern. Und zwar ruhig klar und deutlich, so dass sie auch ankommt. Es bringt nichts, seinen Frust in sich hineinzufressen, mit sich herumzutragen und darüber passiv-aggressiv zu werden. Die Kollegen spüren es trotzdem. Sie verstehen nur nicht, was das Problem ist und werden dann ihrerseits gereizt. Umgekehrt trägt es jedoch genauso wenig zu einem positiven Arbeitsklima bei, unter dem Vorwand der freien, klaren Meinungsäußerung ständig mit der Faust auf den Tisch zu hauen und herablassend über die Fehlleistungen der anderen herzuziehen. Entscheidend ist, kritische Worte sorgfältig zu wählen und möglichst positive Formulierungen zu suchen. Dabei können auch regelmäßige Besprechungen helfen, bei denen man nicht nur fachliche Fragen diskutiert, sondern auch anspricht, was jeder gerade auf dem Herzen hat. So stellt man sicher, dass jeder unter guten Bedingungen seine Bedürfnisse ansprechen kann und sich wertvoll und ernst genommen fühlt.

4. Großzügig loben

Beim Lob darf man im Gegensatz zur Kritik ruhig auch mal auf die Tube drücken. Auch das hat in Deutschland nicht gerade Tradition. Wer zu euphorisch lobt, gerät hier schnell in den Verdacht des Schleimens. Das ändert aber nichts daran, dass jeder, egal welche Persönlichkeit er hat, die anerkennenden, wertschätzenden Worte von anderen ganz wesentlich braucht, um ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln. Es ist dafür nicht nötig, unehrlich zu sein oder etwas zu erfinden. Jeder Mensch hat positive Seiten. Man muss sie nur entdecken und zur Sprache bringen. Letztendlich profitiert man davon auch ganz wesentlich selbst: Denn wer sich um eine positive Einstellung den Kollegen gegenüber bemüht, dem begegnen sie auch selbst mit Respekt und Wertschätzung.

5. Humor bewahren – Perfektionismus fahren lassen

Egal, wie gut der eigene Job ist und wie sehr die Arbeit, die man macht zu einem passt: Jeder Job ist auch immer wieder stressig und mühselig. Manchmal hat man einfach keine Lust, es läuft einfach nicht, oder man ärgert sich (trotz aller Bemühungen, positiv zu sein) über die Kollegen. Auch das ist normal und gehört dazu. Entscheidend ist, wie man damit umgeht: Wer seine Begrenzungen erkennt und akzeptiert, und im Zweifelsfall auch mal darüber lachen kann, macht sich und seiner Umgebung das Leben leichter. Wer dagegen krampfhaft versucht, alles bis ins letzte Detail zu perfektionieren, und nicht eher ruht, bis auch der letzte Fehler ausgemerzt ist, der verpasst die Chance, sich locker zu machen und strahlt nur negativen Stress aus. Keine guten Voraussetzungen für eine gute Arbeitsatmosphäre.

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6. Gemeinsame Aktivitäten

Außergewöhnliche gemeinsame Aktivitäten, am besten gleich Rafting oder Bungee Jumping – das ist es, worauf viele Unternehmen zurzeit setzen, wenn sie das Betriebsklima verbessern und die Motivation ihrer Mitarbeiter steigern wollen. Dagegen ist an sich auch gar nichts einzuwenden, aber: Es muss das letzte Mittel sein, nicht das erste. Er ist der Alltag, der das Gefühl bei der Arbeit wesentlich bestimmt, und es sind die alltäglichen Begegnungen und Interaktionen, die die Arbeitsatmosphäre prägen. Wenn diese Begegnungen nicht schon im Alltag für gute Gefühle sorgen, dann wird ein Ausflug in den Kletterpark nicht viel bewirken. Trotzdem sind gemeinsame Unternehmungen wichtig: Sie sorgen (wie der Smalltalk) dafür, dass man aus dem fachlichen Kontext herausgehoben wird und sich auch persönlich kennen und schätzen lernt. Dafür muss es längst nicht immer gleich die ausgefallenste Trendsportart sein. Oft reicht schon ein kleiner Ausflug in die Umgebung oder ein gemeinsames Grillen im Park.

Update vom 5. Juni 2019: Seit der Erstveröffentlichung dieses Beitrags im Jahr 2014 hat die Unzufriedenheit der Arbeitnehmer laut der letzten Gallup-Studie im Jahr 2018 sogar noch zugenommen; 24 Prozent von ihnen haben bereits „innerlich gekündigt“.