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14 October 2019 / Lesezeit: 5 minuten

Plastikfreie Ozeane

Wir wollen kein Müllmeer

Unser Meer ist verunreinigt mit unzähligen Tonnen von Müll – das ist nichts Neues, die Lösungen hingegen schon. Wir zählen verschiedene Projekte auf, die in Zukunft unsere Meere vom Müll befreien sollen

TITELBILD: V2OSK/UNSPLASH

TITELBILD: V2OSK/UNSPLASH

Mit schwimmenden Plattformen, Netzkonstruktionen und Vorhängen aus Luftblasen versuchen Einzelkämpfer, die Ozeane vom Plastik zu befreien. Es ist ein immenses Vorhaben – und ein Aufruf an Politik und Wirtschaft, zu handeln

Wie sie da vorne auf dem kleinen Podium steht, erfüllt Marcella Hansch genau jenes Klischee, von dem sie gleich sprechen wird. Verträumt lächelnd, mit sanfter Stimme erzählt sie von ihrem großen Plan, das Plastik aus den Weltmeeren zu holen. Eine zarte, braun gelockte Person, die klingt, als erzähle sie guten Freunden etwas. Aber Hansch steht vor rund 100 Menschen in einer Kirche in Hamburg-St. Pauli und hat nur zehn Minuten Zeit, um ihr Meeressäuberungs-Projekt vorzustellen. „Ich höre oft“, sagt sie am Ende, „vor allem von älteren Leuten: Du bist doch nur ein kleines Mädchen, wie willst Du das denn schaffen?“ Hansch verzieht keine Miene, als sie diesen Kleine-Mädchen-Quatsch zitiert. Sie hält lieber mit einem anderen Klischee dagegen. „Ich komme aus dem Sauerland“, sagt sie mit einem Lachen. „Und habe einen echten Dickkopf.“

Marcella Hansch ist 32, Architektin, Dickkopf und Gründerin des Projekts Pacific Garbage Screening (PGS). Sie ist für diesen Abend aus Aachen, wo sie lebt, nach Hamburg gekommen, um beim „NKlub“ zu sprechen. Die Veranstaltung ist ein regelmäßiges Vernetzungstreffen der Nachhaltigkeitsszene, findet abwechselnd in Hamburg und Frankfurt am Main statt. Hansch nutzt dieses Forum, um Spenden, Unterstützer*innen und Öffentlichkeit zu gewinnen – denn ihre Idee ist ein immenses Vorhaben: die Entwicklung einer schwimmenden Plattform, die den Plastikmüll aufsammelt, der unsichtbar unter der Wasseroberfläche treibt.

Nach einem Tauch-Urlaub, in dem sie mehr Plastik als Fische sah, wollte Hansch handeln. Sie machte den Müll im Meer zum Thema ihrer Abschlussarbeit. Ihr Konzept baut auf dem Sedimentierungsprinzip auf: Das Plastik in den Ozeanen wird von der Strömung unter die Oberfläche gedrückt; sonst würde es, da es leichter als Wasser ist, obenauf schwimmen, wo man es abschöpfen könnte. Hanschs ursprünglich geplante Plattform, immerhin rund 400 Meter lang, sollte das Meerwasser so weit beruhigen, dass der Plastikmüll von selbst nach oben steigt. Ganz ohne Netze, die Fische oder andere Lebewesen schädigen könnten.

Die Plattform soll das Wasser so weit beruhigen, dass der Plastikmüll nach oben steigt

450 Jahre für eine Plastikflasche

Klar ist: In unseren Flüssen und Meeren schwimmt zu viel Plastik. Es ist eine massive Bedrohung für Ökosysteme, Meereslebewesen und – am Ende der Nahrungskette – auch für den Menschen. Denn Kunststoffe werden in der Natur nur sehr langsam abgebaut, eine Plastikflasche zerfällt in rund 450 Jahren. Von all dem Plastik, das wir verwenden und achtlos wegwerfen, sind wir sehr lange umgeben. Aber nicht nur in Gewässern schwimmen Kunststoffteile, sie schwirren auch in der Luft herum. All die Teilchen stammen aus den unterschiedlichsten Quellen: Von Mikroplastik in Kosmetik und Reinigungsmitteln bis zum Abrieb von Autoreifen. Von der Plastiktüte bis zum Einmalbecher. In die Meere gelangt Kunstoff zum größten Teil vom Land aus, durch die Flüsse.

Das Umweltbundesamt in Dessau (UBA), Deutschlands zentrale Umweltbehörde, hat im Juni 2019 ein Papier veröffentlicht: „Kunststoffe in der Umwelt“. Es analysiert den Status Quo der Belastung und seine Ursachen, empfiehlt Maßnahmen. Was die Meere betrifft, stehen für das UBA folgende Aufgaben ganz oben: Grenzwerte festlegen, Langzeitüberwachung organisieren, Auswirkungen untersuchen. Und es geht den Experten um Prävention: Mikroplastik in Kosmetik und Reinigungsmitteln müsse verboten, die Bürger sensibilisiert und das neue Verpackungsgesetz „anspruchsvoll umgesetzt“ werden. Zudem gelte es, für mehr Pfand- und Rücknahmesysteme zu sorgen, illegale Müllentsorgung auf See zu unterbinden und ein möglichst abfallarmes Produktdesign zu fördern.

Ein Job für Einzelkämpfer

Was aber Maßnahmen betrifft, den bereits in den Meeren treibenden Müll zu entfernen, bleibt die Behörde mehr als zurückhaltend: Das sei schwierig, man könne immer nur kleine Mengen erfassen, das Ganze sei zeit- und kostenintensiv – von den ökologischen Risiken ganz zu schweigen. „Daher hat die Vermeidung weiterer Einträge oberste Priorität.“ Das Plastik aus den Weltmeeren zu holen, so scheint es, überlassen Staat und Wirtschaft Menschen wie Marcella Hansch. Ein Job, der ganze Staatengemeinschaften überfordert, bleibt die Sache junger Einzelkämpfer*innen. Es sind sind vor allem Start-ups, Initiativen und gemeinnützige Vereine, die Plastikteppiche, größer als viele Länder, beseitigen wollen.

Eines der bekanntesten Projekte ist „The Ocean Cleanup“ des jungen Niederländers Boyan Slat. Der 24-Jährige will, vereinfacht gesagt, den Meeres-Müll mit einer schwimmendem Netzkonstruktion zusammentreiben. Daran arbeitet er, nach einem sehr erfolgreichen Crowdfunding und inzwischen mit einem großen Team, bereits seit fünf Jahren. Im Herbst 2018 scheiterte der erste Einsatz eines Prototyps – aber Slat ist schon wieder mit einer verbesserten Version im Pazifik.

Drei junge Seglerinnen, die wie Slat auch aus den Niederlanden stammen, wollen dagegen dafür sorgen, dass Müll künftig gar nicht erst in die Ozeane gelangt. Seit 2017 arbeiten sie an „The Great Bubble Barrier“, so der Name ihres Projekts. Es will Plastik, das durch die Flüsse in die Meere treibt, schon an den Mündungen aufhalten. Die Idee von Saskia Studer, Anne Marieke Eveleens und Francis Zoet klingt bestechend einfach – und scheint frei von Nebenwirkungen. Die drei Frauen wollen Rohre quer durch Flüsse verlegen, aus denen über kleine Löcher Luftblasen nach oben steigen – so soll eine Art Vorhang entstehen, durchgängig für Schiffe und Fische, aber dicht genug und so geschickt ausgerichtet, dass er Plastikteile stoppt und ans Ufer leitet. In Youtube-Videos kann man verfolgen, wie die drei Niederländerinnen in Gummihosen in die IJssel steigen, ein Mündungsarm des Rheins in die Nordsee, um die erste Rohrkonstruktion ins Wasser zu bugsieren. Auch sie zeigen Herzblut, Leidenschaft und den unbedingten Willen, etwas zu tun. 500 000 Euro haben sie im September 2018 bei der „Green Challenge“ der Postcode Lotterie gewonnen. Sie hoffen, noch 2019 einen ersten Blasen-Vorhang in den Niederlanden zuziehen zu können. „Wir sind bereit, Regierungen und Unternehmen weltweit dabei zu helfen, die Plastikverschmutzung zu stoppen“, schreiben Studer, Eveleens und Zoet auf ihrer Website. Es klingt wie ein Aufruf. Aber Länder, Kommunen, Behörden und Firmen müssen ihm auch folgen.

In Aachen hat Marcella Hansch Anfang 2019 ihren Job als Architektin gekündigt, eine Stiftung finan­ziert ein Jahr lang ihre Stelle. Das Pacific Garbage Screening ist vor Kurzem in das erste eigene Büro gezogen, das alte Tuchwerk in Aachen. Ein Team von Studierenden und jungen Absolventen – Biologen, Bauingenieure, Maschinenbauer, Geografen und Werkstofftechniker – sitzt dort an der Grundlagenforschung und der Berechnung der futuristisch anmutenden Konstruktion. Die soll so angepasst werden, dass das Modell seine Arbeit in Flüssen erledigen kann. Wie The Great Bubble Barrier will das Aachener Team den Haupteintrag von Plastik in die Meere stoppen, bevor er überhaupt dort ankommt. Parallel zu dem gemeinnützigen Verein musste Hansch ein Start-up gründen, um sich auf öffentliche Förderprogramme bewerben zu können. Viereinhalb Vollzeitstellen kann sie derzeit finanzieren – brauchen könnte sie gut 20 mehr. „Wir müssen Forschungsanträge stellen, Strömungen und die Bewegung von Plastik im Meerwasser analysieren, Genehmigungen einholen … und so weiter.“ Zum Forschen kommt sie gar nicht mehr, sondern verhandelt mit potenziellen Partnern und Sponsoren, hält Vorträge, spricht auf Konferenzen. Auf der PGS-Facebookseite ist sie mit Politikern zu sehen, bei Preisverleihungen, im Fernsehen. Hansch gelingt es, das Thema ins Bewusstsein zu rücken.

Alle wollen eine Gegenleistung

„Viele sagen: ‚Toll, was ihr macht, ich würde euch gerne helfen‘“, sagt sie. „Aber es ist sehr schwierig, Geldgeber zu gewinnen. Alle wollen eine Gegenleistung dafür haben. Wir haben aber leider nicht die Kapazitäten, Unternehmen zu beraten.“ Hansch weiß, dass sich manch großes Unternehmen mit einer Spende für sein Projekt schmücken will. Greenwashing, seufzt sie, ein schwieriges Thema. „Aber wir können die Großen nicht außen vor lassen. Der Bauernhof um die Ecke kann uns finanziell kaum helfen.“

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Manch großes Unternehmen will sich mit einer Spende für sein Projekt schmücken

Wenn das Team und sie im aktuellen Tempo weiterkommen – bedingt durch zu wenig Geld und Personal –, soll das erste „Freilandmodell“ innerhalb der nächsten drei Jahre entwickelt sein. Hansch spricht bewusst nicht von einem „Prototypen“, weil das suggerieren würde, dass es sich dabei schon um die erste vollständig fertige Plattform handele. Bis das so weit ist, kann es noch länger als drei Jahre dauern.

Da half es, dass sie vor Kurzem eine Aufmunterung aus sehr berufenem Munde zu hören kam, von der berühmten US-amerikanischen Meeresschützerin Sylvia Earle: „Mach auf jeden Fall weiter!“ Und dann war da noch dieses kleine Mädchen, ein echtes kleines Mädchen diesmal, das nach einem Vortrag zu Marcella Hansch nach vorne kam. Nur, um ihr zu sagen: „Danke, dass du dich um das Meer kümmerst.“