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20 Mai 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Weltbienentag

Je schlampiger der Garten, desto besser für Insekten

Eine gemeine Seidenbiene bei der Arbeit: Bundesweit leben etwa 580 Arten Wildbienen, an die 40 gelten als ausgestorben.

imago images / blickwinkel

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Wissenschaftler werben zum Weltbienentag am 20. Mai für weniger akkurate Pflege und mehr Unordnung in Gärten und Grünanlagen. Vor allem Wildbienen sind bedroht.

Löwenzahn, Distel, Klee, ungemähte Wiese – ein gepflegter Garten sieht anders aus. Wo mancher Nachbar die Nase rümpft, kann für Insekten das Paradies liegen. Bienen, Hummeln und Schmetterlinge finden Nahrung. Wo hingegen der Rasenroboter das Gras millimetergenau auf Höhe hält und dicke Blüten gefüllter Dahlien, Rosen, aber auch Tulpen und Narzissen leuchten, bleiben sie hungrig. Zugunsten der Optik haben viele gezüchtete Blumen zurückgebildete oder keine Staubblätter – und damit keine Pollen und keinen Nektar.

Wissenschaftler werben zum Weltbienentag am 20. Mai für weniger akkurate Pflege und mehr Unordnung in Gärten und Grünanlagen. „Je schlampiger das aussieht, desto besser ist es für die Insekten“, sagt Andreas Segerer von der Zoologischen Staatssammlung München. „Man kann auf den ersten Blick den Artenreichtum einer Wiese und eines Parks daran schätzen, wie viele unterschiedliche Farben, Formen und Strukturen man sieht.“

Bayern ist Vorreiter beim Weltbienentag

Die Vereinten Nationen haben den Weltbienentag 2018 ins Leben gerufen, um auf mehr Schutz der Bienen zu drängen. Bayern ist Vorreiter. Fast 1,75 Millionen Menschen hatten hier Anfang 2019 das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ mit ihrer Unterschrift unterstützt, im Juli verabschiedete der Landtag strengere Regeln im Umwelt-, Natur- und Artenschutz, nicht nur für die Bienen. Biotope sollen besser vernetzt, Gewässerrandstreifen an Äckern und Straßen mehr geschützt, der Einsatz von Pestiziden eingeschränkt und der ökologische Anbau ausgebaut werden.

Das Volksbegehren habe viele sensibilisiert, sagt Petra Friedrich vom Deutschen Imkerbund. Dennoch sehe man vielerorts weiter „Schottergärten“ und kurz gemähte Rasenflächen. „Wenn man in so eine Neubausiedlung hineinschaut, dann ist das nicht nur für Insekten eine Wüste.“ Ihre Botschaft: „Ihr müsst nicht Imker werden, um Bienen zu helfen.“ Vor allem Wildbienen seien bedroht. Bundesweit leben etwa 580 Arten, an die 40 gelten als ausgestorben. Anders als Honigbienen, die als „Haustiere“ mit Zuckerwasser über den Winter gebracht und medikamentös gegen Krankheiten geschützt werden, leben Wildbienen allein. Sie sind auf ganz bestimmte Pflanzen angewiesen und leisten gerade hier wichtige Arbeit beim Bestäuben.

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Segerer sieht Bayern mit seinen neuen Regelungen für Deutschland in einer „Vorbildfunktion“. Die „Wirkmächtigkeit“ dessen, was auf den Weg gebracht wurde, reiche aber nicht. „Der Flächenfraß als wesentlicher Faktor beim Insektensterben ist davon überhaupt nicht tangiert.“ So seien etwa die Genehmigung von Pestiziden und Düngeregeln nicht Sache des Freistaates. Auch der durch intensive Landwirtschaft und Verkehr angereicherte Stickstoff, der einen düngenden Effekt auf Pflanzen hat, schade. „Das ist wie im Schlaraffenland: Der Tisch ist gedeckt – aber die meisten Arten sind an Mangelbedingungen angepasst.“ Sie gehen ein – „und mit ihnen Insekten, die von ihnen lebten, und damit andere Insekten, die auf diese Insekten angewiesen sind. Das gibt Dominoeffekte“.

Honigbienen verlieren durch Pestizide Orientierung

Teils änderten sich mit der Düngung die Inhaltsstoffe der Pflanzen, was einigen Raupen nicht bekomme, sagt Segerer. Auch Duftstoffe einer Pflanzen können sich durch Überdüngung wandeln, Schmetterlinge oder andere Insekten erkennen sie dann nicht mehr. Honigbienen verloren durch Pestizide die Orientierung und fanden nicht mehr zu ihrem Volk. Zudem wurden sie anfälliger gegen Krankheiten, etwa die Varroa-Milbe.

Düngung, Pestizide – Hauptproblem bleibt Wissenschaftlern zufolge die intensive Landwirtschaft. Bundesweit wurden 2018 nach Daten des Umweltbundesamtes 50,8 Prozent der Gesamtfläche landwirtschaftlich genutzt. Siedlung und Verkehr nahmen 13,9 Prozent ein. Teils sind die Städte artenfreundlicher als das Umland. Laut Friedrich vom Deutschen Imkerbund ist das einer der Gründe für den Trend zum Imkern in der Stadt. „Die Bedingungen sind besser als auf dem Land. Durch Parks, Friedhöfe und Kleingärten gibt es ein vielfältigeres Nahrungsangebot.“

Die Bauern weisen die alleinige Schuld am Artensterben von sich. Sie hätten „nach wie vor großes Unverständnis“, dass sie als einzige Gesellschaftsgruppe zusätzliche Auflagen beachten sollten. „Die Umsetzung des Volksbegehrens bleibt bisher einseitig“, sagt Walter Heidl, Präsident des Bayerischen Bauernverbandes. „Bis heute gibt es keine verbindlichen Vorgaben für mehr Artenvielfalt bei Kommunen, Hausbesitzern, Kirchen oder Industrie.“ Aber: „Insekten, Bienen und Artenschutz gehen alle an.“

Klimawandel betrifft Bienenvölker

Stefan Spiegl, Präsident des Landesverbands Bayerischer Imker, sieht durch das Volksbegehren mehr Aufmerksamkeit für Bienen, aber noch kaum Veränderungen. „Ich denke, dass es ein paar Jahre braucht, bis die Maßnahmen Wirkung zeigen.“ Auch der Klimawandel betrifft nach seiner Beobachtung die Bienenvölker. Durch die größere Trockenheit hätten Pflanzen weniger Nektar. Der direkte Wechsel von Winter auf Sommer ohne Frühjahr führe zudem dazu, dass die Bienenvölker zur Blütezeit nicht ihre volle Stärke hätten, da der Nachwuchs erst schlüpfe.

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Segerer sieht im Schwund der Arten eine noch größere Bedrohung für die Welt als im Klimawandel. „Bei Artensterben und Überdüngung der Erde sind wir im ultraroten Bereich.“ Nach Segerers Einschätzung ist ein Massenartensterben im Gange wie zuletzt nach dem Asteroideneinschlag vor 66 Millionen Jahren. Damals seien rund 76 aller Arten verschwunden. Die Corona-Krise zeige: „Kipppunkte können überraschend schnell das ganze System nach unten reißen.“ Wenn mit dem Artenschwund Ökosysteme zusammenbrechen, drohten gesellschaftliche Konflikte um immer knappere Ressourcen. Die Gefahr steige. Denn: „Die Zerstörung der Lebensräume geht weiter.“