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30 Mai 2020 / Lesezeit: 3 minuten

Vanessa Nakate über Klimaproteste in Afrika

„Wir nutzen eine Sprache, die die Menschen verstehen“

Vanessa Nakate bei der Weltklimakonferenz im Dezember 2019 in Madrid.

Bild: imago images / Hans Lucas

Bild: imago images / Hans Lucas

Afrika trägt nur geringfügig zum Klimawandel bei, leidet aber stark unter den Folgen. Aktivist*innen wie die Uganderin Vanessa Nakate finden, dass der Kontinent nicht genug Beachtung findet. Sollte er aber – gerade in der Corona-Krise.

„In der Schule wird der Klimawandel unterrichtet als etwas, das in der Zukunft passieren wird“, sagt Vanessa Nakate. „Und, dass man sich darum keine Sorgen machen muss.“ Doch dann hat die 23-Jährige angefangen, sich in ihrer Heimat Uganda umzuschauen. „Ich merkte, dass die Folgen jetzt schon in meinem Land zu spüren sind.“

Nakate wird oft mit Greta Thunberg verglichen. Sie ist eine der bekanntesten jungen Klimaaktivisten und -aktivistinnen in Afrika. Vor mehr als einem Jahr hat sie Thunbergs Klimabewegung Fridays for Future erstmals in ihrer Heimat umgesetzt; im Corona-Lockdown macht sie nun in den sozialen Netzwerken weiter. Doch Vanessa Nakate kämpft nicht nur gegen den Klimawandel, sondern auch um mehr Aufmerksamkeit für den Kontinent, der am meisten unter den Folgen leidet – und für mehr Beachtung auf der globalen Bühne des Klimaaktivismus.

Auch auf enorm: Globaler Klimastreik – „Bekämpft jede Krise!”

Afrika hat bislang nur etwa drei Prozent zum globalen CO2-Ausstoß beigetragen. Doch die Zukunft sieht unverhältnismäßig düster aus: „Kein Kontinent wird so stark unter den Folgen von Klimawandel leiden wie Afrika“, heißt es vom UN-Umweltprogramm (UNEP). In Afrika werden die Temperaturen Prognosen zufolge stärker ansteigen als in anderen Regionen der Welt. Dürren, Überschwemmungen und Zyklone könnten sich verstärken. Sollten die globalen Temperaturen um zwei Grad steigen, werden laut UNEP mehr als die Hälfte der Menschen Afrikas von Unterernährung bedroht sein.

10 bis 15 Prozent an Wachstum des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts verloren

Auch die wirtschaftlichen Folgen werden enorm sein. In den vergangenen 30 Jahren haben die meisten afrikanischen Länder wegen der Klimaveränderungen bereits jährlich 10 bis 15 Prozent an Wachstum des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts verloren, wie eine Studie unter anderem des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) zeigt. Länder, in denen Landwirtschaft eine große Rolle spielt, leiden demnach bereits wirtschaftlich am meisten und werden es auch in der Zukunft tun. „Die meisten der afrikanischen Volkswirtschaften sind schlecht an ihre derzeitigen Klimabedingungen angepasst“, heißt es.

Trotzdem ist es schwer, für ihren Kampf Beachtung zu bekommen, sagt Nakate – vor allem dort, wo der Diskurs um den Klimawandel am lautesten ist, in Europa und Nordamerika. Internationale Medien sind erst durch ein schlecht zugeschnittenes Foto auf die 23-Jährige aufmerksam geworden. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar hatte die US-Nachrichtenagentur AP Nakate aus einem Bild mit Thunberg und anderen europäischen Aktivistinnen entfernt. Dagegen hatte sich die Uganderin ausgesprochen und viel Zuspruch bekommen. Doch der Hype – und das Interesse an ihrem Aktivismus – ist seitdem wieder abgeebbt.

In der Heimat haben es Nakate und ihre Mitstreiter nicht einfacher. Die Herausforderungen sind zwar groß, das Wissen um den Klimawandel aber gering. „Die Menschen haben so viele andere Probleme“, sagt Happy Khambule, ein Experte für Klima- und Energiepolitik bei Greenpeace. Und noch verstünden die meisten nicht die Verbindung zwischen den Klimaveränderungen und ihren täglichen Problemen wie dem Mangel an Zugang zu sauberem Wasser oder der Heuschrecken-Plage in Ostafrika, die durch extrem viel Regen verstärkt wurde.

„Die Länder müssen reagieren und sie müssen hart sein“

Obwohl afrikanische Länder wenig zum globalen CO2-Ausstoß beitragen, fordert Khambule mehr Handlung von den Regierungen auf dem Kontinent. Der Klimawandel sei wie Covid-19: Ein Problem, das nicht vermieden werden könne. „Die Länder müssen reagieren und sie müssen hart sein – weg von Industrien, die auf fossilen Brennstoffen beruhen; stärkere Maßnahmen, um die Bevölkerungen gegen die Klimawandel-Folgen zu wappnen.“ Aus Sicht von Khambule und Nakate ist die Corona-Krise eine einmalige Gelegenheit für dieses Umdenken.

Doch das muss auch in der Bevölkerung passieren. „Im globalen Norden gibt es ein gewisses Privileg“, sagt Nakate. Die meisten Menschen wüssten, was der Klimawandel ist; die Klima-Botschat von Thunberg und Co. treffe dort auf fruchtbaren Boden. Nakate trifft nach eigenen Angaben oft auf Widerstand, wenn sie mit Menschen in ihrer Heimat Uganda redet. „Warum kümmerst du dich nicht um andere Probleme?“, bekomme sie etwa zu hören. Deswegen geht es Nakate mit kleinen Schritten an: Sie geht in Schulen und spricht mit der jüngeren Generation. Sie setzt sich für Solaranlagen und energieeffiziente Öfen ein. Sie organisiert in ihrem Heimatort Aufräumaktionen und redet dabei mit Menschen. „Wir nutzen eine Sprache, die den Menschen zu verstehen gibt, dass wir in einer Krise stecken.“

Khambule glaubt daher, dass das Greta-Modell des Klimaaktivismus in Afrika nicht unbedingt funktionieren würde. „Eine Bewegung rund um einen Personenkult würde sich hier schwer tun“, sagt der Greenpeace-Experte. Die Probleme der Menschen seien zu unterschiedlich, als dass eine große Botschaft Wirkung haben würde. „Der Aktivismus hier hat einen eigenen Ansatz“: keine Massenproteste oder Reden vor einem Millionenpublikum; dafür gezielte Kampagnen, die die akuten Probleme der Menschen ansprechen. Vielleicht braucht Afrika also gar keine Greta, sondern viele, viele Vanessas.

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