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21 September 2018 / Lesezeit: 3 minuten

Naturschutz

„Es ist Zeit, endlich zu handeln“

Eine Herde Elefanten zieht durch ein Schutzgebiet im Süden Kenias. Inzwischen ist in Afrika ihre Population auf rund 352.000 Tiere geschrumpft. Denn noch immer werden sie durch den illegalen Handel mit Elfenbein bedroht – und zunehmend auch vom starken Bevölkerungswachstum

Titelbild: Anthony DELANOIX/Unsplash

Titelbild: Anthony DELANOIX/Unsplash

„Wir wissen, wie die Erde gerettet werden kann“, sagen die großen Umweltschutzorganisationen. Aber sie gehen auf verschiedenen Wegen dorthin. Von den beiden wichtigsten Naturschutzorganisationen der Welt setzt die eine, Greenpeace, vor allem auf Konfrontation. Die andere, der WWF, plädiert für Kooperation. Dessen Vorstandsvorsitzender Eberhard Brandes erklärt im Interview, warum

Herr Brandes, Insektensterben, Umweltverschmutzung, Klimawandel – von Naturschützern hört man viele Horrormeldungen. Welche Nachrichten aus dem Umweltschutz machen Ihnen Mut?

Das WWF-Netzwerk hat aktuell weltweit rund 1300 Projekte zur Bewahrung der biologischen Vielfalt und erfreulicherweise erhalte ich immer wieder positive Neuigkeiten. Uns ist es beispielsweise gelungen, die Zahl der wildlebenden Tiger von 3200 im Jahr 2010 auf heute rund 3900 Tiere zu steigern. Oder das Beispiel Regenwaldschutz: In Liberia wurde 2017 ein neuer Nationalpark ausgewiesen. Er ist Teil eines gigantischen, grenzübergreifenden Schutzgebietssystems, in dem WWF durch finanzielle und technische Unterstützung und in Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort aktiv ist. In diesem letzten intakten Waldblock Westafrikas leben vom Aussterben bedrohte Schimpansen und Waldelefanten.

Gleichzeitig verursacht die Menschheit aktuell das größte Massensterben seit dem Ende der Dinosaurier. Was muss sich verändern, damit Naturschutz mehr Wirkung zeigt?

Naturschutz ist erfolgreich, wenn alle an einem Strang ziehen: staatliche Behörden, Umweltschutzorganisationen, Unternehmen und natürlich auch die Menschen vor Ort. Wir müssen das Artensterben und die Erderhitzung stoppen und damit unsere eigene Lebensgrundlage, unser Zuhause bewahren. Nur so schaffen wir eine lebenswerte Zukunft auch für unsere Kinder. Deutschland trägt als Industrienation hier eine besondere Verantwortung. Der WWF als global arbeitende Naturschutzorganisation kann in Projekten viel bewirken. Der große Wurf aber muss über politische Entscheidungen kommen. Die gute Nachricht ist: Wir wissen, was zur Rettung unserer Erde getan werden muss. Nie zuvor hatten wir klarere Vorgaben zum Umweltschutz als die, die in den UN-Nachhaltigkeitszielen formuliert und im Weltklimavertrag von Paris beschlossen wurden. Es ist Zeit, endlich zu handeln.

Wie viel Veränderung lässt sich durch politische Einflussnahme und Aktionen erreichen?

Es ist viel Veränderung möglich, auch wenn es nicht immer ganz einfach ist. Dafür brauchen wir eine möglichst große Unterstützung in der Bevölkerung. So haben wir 2012 unter dem Motto „Wir sind der Schwarm“ die EU-Parlamentarier mit einer digitalen Kampagne für eine starke EU-Fischereireform mobilisiert. Erfolgreich war auch unsere Kampagne gegen eine Aufweichung von europäischem Naturschutzrecht. Aktuell gibt es übrigens Bestrebungen, die Wasserrahmenrichtlinie, die unsere Flüsse und Seen schützt, aufzuweichen. Auch hier werden wir uns mit aller Kraft dagegenstemmen.

Trotzdem setzt der WWF nicht allein auf Protest und Aktivismus. Warum?

Proteste und Demonstrationen sind wichtig. Aber sie können nicht unser einziges Werkzeug sein, mit dem wir erfolgreiche Naturschutzarbeit um- und durchsetzen. Wir nutzen daher die gesamte Palette an Möglichkeiten: von Online-Petitionen oder Demonstrationen über politische Lobbyarbeit und Kooperationen bis hin zur praktischen und konkreten Umsetzung von Naturschutzprojekten vor Ort. Die persönliche Überzeugung eines jeden ist jedoch der langfristig wirksamste Hebel, mit dem man andere Menschen mitreißen und für Naturschutz begeistern kann.

Die Unternehmens-Kooperationen des WWF geraten immer wieder in die Kritik. Warum sind Sie überzeugt, dass Naturschutz und Wirtschaft zusammenarbeiten müssen?

Unternehmen sind Teil des Problems. Also müssen sie auch Teil der Lösung sein. Würde sich der WWF in seiner Arbeit nur auf Unternehmen konzentrieren, wäre das sicherlich zu kurz gedacht. Aber wir richten uns ja auch an die Konsumenten direkt, ebenso wie an den Gesetzgeber und Entscheider in der Politik. Unternehmen können eine positiv-nachhaltige Wirkung über ihre weltweiten Wertschöpfungsketten entfalten und schneller und konsequenter in der Umsetzung sein als die Politik. Ich kenne viele Unternehmer, die in ihrem Herzen Umweltschützer sind. Die müssen wir erreichen und für langfristiges Engagement begeistern. Unter Vollkostenrechnung ist übrigens der ökologisch richtige Weg fast immer auch der ökonomisch bessere.

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Viele Unternehmer setzen dennoch auf schnelle Profite. Wie weit dürfen die Eingeständnisse gegenüber der Wirtschaft gehen?

Der WWF schafft gemeinsam mit Unternehmen „Leuchttürme“, die uns helfen, unsere Ziele zu verwirklichen. Dadurch können wir ganze Wertschöpfungsketten und Märkte nachhaltig verändern. Im Übrigen halte ich nicht viel davon, immer von „der Wirtschaft“ zu sprechen, denn letztlich stehen hinter „der Wirtschaft“ nicht nur Unternehmer, sondern auch Millionen Arbeitnehmer und Verbraucher.