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23 Dezember 2021 / Lesezeit: 4 minuten

Umweltschutz in Rumänien

Rettet den Schatz im Wald

Die alten Wälder sind Lebensraum für bedrohte Tierarten wie Braunbären, Auerhühner und Luchse. Aber auch mit Blick auf die Klimakrise nützt der Wald: Er speichert viel CO2.

Foto: IMAGO / Matthew Williams-Ellis

Foto: IMAGO / Matthew Williams-Ellis

In Rumänien kämpfen Aktivist:innen um Jahrtausende alte Bäume. Helfen sollen EU-Recht und Ökotourismus.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Dezember/Januar 2021 des enorm Magazins mit dem Titel „Im Osten viel Neues“.

Dicht und stolz recken sich die Bäume in der hügeligen Landschaft gen Himmel. Das Video der Umweltorganisation Agent Green zeigt ein nach EU-Recht geschütztes Gebiet im Făgăraș-Gebirge in den rumänischen Südkarpaten. Doch als die Kamera weiter schwenkt, dominiert nicht sattes Grün, sondern kahl geschlagene Hänge und trostlose Schneisen.

Jährlich werden in Rumänien fünf bis zehn Millionen Kubikmeter Holz illegal geschlagen, schätzen Expert:innen. Das Verheerende: Diese Wälder sind oft über Jahrhunderte, gar Jahrtausende gewachsen. In Rumänien liegen etwa zwei Drittel der verbliebenen Urwälder der Europäischen Union, Skandinavien ausgenommen. Reiche Ökosysteme, widerstandsfähig gegenüber Dürren, Stürmen und der Klimakrise. Heimat für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Hier tummeln sich Auerhühner, durchs Dickicht streifen Wolfsrudel, Braunbären und Luchse. Außerdem speichern die Wälder viel CO2.

Im Jahr 2017 hat die Unesco Rumäniens alte Buchenwälder und Buchenurwälder zum Weltnaturerbe erklärt. Viele Naturwälder, aber auch ein Großteil der rumänischen Urwälder zählen zu den „Natura 2000“-Schutzgebieten der EU. Und auch nationale Gesetze verbieten es, Urwälder zu fällen – zumindest auf dem Papier. Noch machen sie 0,5 bis 1 Prozent der Wälder des Landes aus, auf 100.000 bis 300.000 Hektar werden Urwälder und urwaldartige Bestände geschätzt – vor 20 Jahren waren es noch doppelt so viele. Denn der Kapitalismus brachte nicht nur Marktlogik, sondern auch neue Technologien. EU-geförderter Straßenbau machte es leichter, in abgelegenen Gebieten illegal abzuholzen.

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In Rumänien Wälder kartieren, um sie zu schützen

Rainer Luick arbeitet an der Hochschule Rottenburg zu rumänischen Urwäldern, auch gemeinsam mit Wissenschaftler:innen vor Ort. Er ist Co-Autor einer Studie, die mit Satellitendaten zur Kartierung der Wälder beitragen soll. Denn es ist ein Problem, dass verlässliche Karten fehlen: Urwald, der nirgends als solcher ausgewiesen ist, kann leichter lukrativem Wirtschaftswald weichen.

Die Nachfrage nach dem Rohstoff ist hoch, auch in Deutschland. Illegal in rumänischen Wäldern gefälltes Holz endet als billige Spanplatten-Möbel, Einweg-Verpackungen oder Pappbecher, sagt Luick. „Dabei gibt es sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für Holz, etwa Vollholzmöbel oder Baumaterial. Das kann langfristig CO2 binden.“ Die uralten Bäume als Energiequelle zu verbrennen, setze hingegen CO2 frei.

Auch Gabriel Păun kritisiert das Verheizen der Ressource. Mit seiner Organisation Agent Green kämpft der Rumäne seit mehr als 12 Jahren für seine Wälder. „Die Situation hat sich nicht verbessert und dafür gibt es einen Grund: Die Nachfrage nach Holz wächst. Und Wälder locken mit schnellem Cash.“ Gerade ist Păun auf dem Weg nach Brüssel, zu Gesprächen mit EU-Parlamentarier:innen. Gleich muss er eine Videobotschaft nach Glasgow schicken, zur Klimakonferenz. Was Păun noch nicht weiß: Bald werden sich dort mehr als 100 Staaten dazu bekennen, bis 2030 Waldzerstörungen zu stoppen, so auch Rumänien.

Doch kann das Land das leisten? Seit Jahren wütet dort eine Holzmafia. Korruption und Machtmissbrauch entlang der Wertschöpfungskette bis hin zur Forstbehörde Romsilva begünstigen illegale Abholzung, indem etwa Karten zu Waldbeständen gefälscht werden, um mehr zu fällen als erlaubt, wie Wissenschaftler Luick kritisiert. Im Ranking von Transparency International liegt das Land auf Platz 69 von 180 – und ist damit das drittkorrupteste EU-Mitglied nach Bulgarien und Ungarn.

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EU-weit zusammenarbeiten

Im EU-System könnte der Schlüssel zur Rettung der Wälder liegen. Denn Păuns NGO Agent Green hat sich mit der deutschen Stiftung Euronatur und der auf Umweltrecht spezialisierten NGO ClientEarth zusammengetan und im September 2019 eine Beschwerde bei der Kommission eingereicht. Seit Februar 2020 läuft ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Rumänien.

Agata Szafraniuk ist Anwältin bei ClientEarth in Polen. 2018 konnte sie über denselben juristischen Weg den polnischen Białowieża-Urwald retten. Auch Rumänien verstoße gegen EU-Recht: Illegal gefälltes Holz gelange auf den EU-Markt, die Auswirkungen des Holzeinschlages auf geschützte Lebensräume würden nicht ausreichend geprüft und Waldbewirtschaftungspläne blieben der Öffentlichkeit verborgen. Obendrein wurden Teile von Natura-2000-Schutzgebieten zerstört. Das zeigt Beweismaterial von Agent Green für das Făgăraș-Gebirge, das Maramuresch-Gebirge sowie den Nationalpark Domogled-Cernatal. In einigen Ecken gibt es Kahlschläge von mehr als 10.000 Hektar, das gefährdet besonders geschützte Tierarten wie Wolf, Luchs oder Auerhuhn. „In diesen drei Gebieten muss das Fällen sofort gestoppt werden“, fordert Szafraniuk. Sie wartet darauf, dass der Fall endlich vor dem Gerichtshof der Europäischen Union (CJEU) landet: „Wir hatten gehofft, dass es längst so weit ist. Am Anfang ging alles so schnell, unsere Argumente waren überzeugend.“ Doch sie bleibt optimistisch: „Wir haben die Macht, etwas zu verändern, wenn wir als NGOs zusammenarbeiten.“

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Auch Umweltschützer Păun stellt einen positiven gesellschaftlichen Wandel fest: „Vor zehn Jahren habe ich noch alleine illegale Holztransporte verfolgt. Heute sind wir eine Bewegung. Immer mehr Menschen in Rumänien haben verstanden, dass sich der Staat nicht genug um die Wälder kümmert.“ Immer wieder hat Păun beim Sammeln von Beweisen für Waldzerstörungen sein Leben riskiert, die Holzmafia schreckt vor Gewalt bis hin zu Mord nicht zurück. „Aufzugeben war nie eine Option für mich. Aber jetzt möchte ich Lösungen zeigen.“ Păun glaubt daran, dass sich mit dem Wald Geld verdienen lässt, ohne ihn auszubeuten, etwa mit Ökotourismus. Warum sollten Tourist:innen bis in die Amazonas-Region fliegen, wenn es Urwälder in Europa gibt? Die rumänische Bevölkerung ist größtenteils arm, die Löhne sind niedrig, gerade in den Karpaten leben viele Menschen von den Holz-Einnahmen, heizen selbst damit. Ihnen zu verbieten, Bäume zu fällen, lässt  diese Realität außer Acht.

Păun weiß das. Im südwestlichen Schiltal möchte er mit seiner neuen Stiftung Forever Forest zunächst 500 Hektar Mischwald kaufen. Finanzieren soll den millionenschweren Kauf eine Besonderheit des rumänischen Steuerrechts: Statt die volle Körperschaftssteuer zu zahlen, können Unternehmen bis zu 20 Prozent davon in soziale Projekte investieren. Auf einem Teil des Gebiets will Păun Ökotourismus aufziehen, die Einnahmen sollen den Menschen vor Ort zugute kommen. „Ich möchte ihnen eine zweite Chance geben, vom Wald zu leben, ohne ihn zu fällen.“ In weniger streng geschützten Bereichen soll nachhaltige Forstwirtschaft erprobt und wissenschaftlich begleitet werden.

Wissenschaftler Luick ist skeptisch: „Um Tourist:innen ein überzeugendes Erlebnis zu bieten und genug Einnahmen für die Menschen zu erwirtschaften, bräuchte man Tausende Hektar.“ Anderswo in Rumänien zeigen Stiftungen oder private Besitzer:innen, wie das funktionieren kann. Luick selbst arbeitet in einem mit 150.000 Euro von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten Projekt. Gemeinsam mit Forstbetriebsgemeinschaften sollen zwei rumänische Wissenschaftler Ökotourismus-Konzepte entwickeln.

Auch Geschäftsmodelle, die auf Nichtnutzung setzen, könnten dem Wald helfen. Luick fordert Kompensationen für private Waldbesitzer:innen, wenn sie Bäume stehen lassen. „Wer die EU-Biodiversitätsstrategie und den darin proklamierten Schutz der Urwälder ernst nimmt, kommt daran nicht vorbei.“ Auch Unternehmen nutzen diesen Weg bereits, kaufen und zertifizieren Wälder, um CO2-neutral zu werden.

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Eine Entscheidung vom Januar macht Hoffnung, dass auch die rumänische Verwaltung den Holzunternehmen nicht mehr alles durchgehen lässt: Die Wettbewerbsbehörde hat gegen 31 Firmen Strafzahlungen in Höhe von 26 Millionen Euro verhängt, wegen illegaler Absprachen. „Das sind zwar Peanuts im Vergleich zu dem Profit der Unternehmen“, sagt Aktivist Păun, „aber ein Zeichen, dass endlich genauer hingeschaut wird.“