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26 Januar 2022 / Lesezeit: 6 minuten

Bernd Hansjürgens und Christiane Röttger diskutieren

Müssen wir die Natur bepreisen, um sie zu schützen?

In unserem Wirtschaftssystem spiegeln sich die Kosten von Umweltschäden durch Industrie und Konsum nicht wider. Brauchen Naturleistungen, etwa die Bestäubung durch Bienen, Preisschilder? Bernd Hansjürgens und Christiane Röttger sind sich uneinig.

Bild: Andre Künzelmann UFZ, Schild-Vogel, Adelphi 

Bild: Andre Künzelmann UFZ, Schild-Vogel, Adelphi 

Müssen wir der Natur einen Preis geben, um sie schützen zu können? Umweltökonom Bernd Hansjürgens und Christiane Röttger, Expertin für Artenschutz- und Diversitätspolitik, im Streitgespräch über die Pro und Contra einer Naturbepreisung.

Die Zerstörung der Natur nimmt drastisch zu, viele Ökosysteme stehen vor dem Kollaps. Und doch machen Wirtschaft und Gesellschaft weiter wie bisher. Herr Hansjürgens, Sie wollen die Natur bepreisen, um das zu ändern. Warum?

Bernd Hansjürgens: Weil wir nicht länger mit einem falschen wirtschaftlichen Kompass durch die Welt laufen dürfen. Bislang gibt es Naturleistungen kostenlos. Daher spielt ihr Verbrauch keine Rolle für die Entscheidungen von Unternehmen, Konsumenten oder Kommunen. Um das zu ändern, müssen wir den Wert der Natur systematisch erfassen und in die Entscheidungsarchitekturen unserer Gesellschaft einbauen.

Sie waren von 2013 bis 2018 Studienleiter der deutschen TEEB*-Gruppe, die Beispiele für die Bepreisung von Naturleistungen für Deutschland zusammengetragen hat. Wie funktioniert das?

Hansjürgens: Wir sprechen in der Ökonomie lieber von Inwertsetzung. Es geht nicht darum, an jede Naturleistung ein Preisschild zu kleben. Und nicht jede Naturleistung lässt sich monetär darstellen, der Wert von Parks zum Beispiel. Wir fragen daher zunächst allgemein: Welchen Nutzen haben Leistungen des Ökosystems für den Menschen? Ein guter, gesunder Boden ist zum Beispiel Grundlage für ertragreichen Ackerbau, Wald verhindert Bodenerosion und bindet CO₂, das Bestäuben der Bienen bringt uns Früchte, eine schöne Seenlandschaft hat touristischen Nutzen. Wir versuchen diese Naturleistungen quantitativ zu
erfassen und ihnen dann, wo es möglich ist, einen Wert beizumessen.

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Wie geht das?

Hansjürgens: Man befragt zum Beispiel die Besucher von Naturparks, wie viel sie für die Nutzung bereit wären zu zahlen, oder guckt, wie sich Mietpreise in einer Stadt verändern je nachdem, wie nah eine Wohnung an einem Park liegt. Man berechnet, was es die Wasserwerke kostet, Reinigungsmaßnahmen gegen überhöhte Nitratbelastung des Grundwassers zu ergreifen, etwa, weil stark gedüngt wird. So können wir viele dieser Leistungen quantifizieren und in Rechnung stellen – wer die Natur nutzt oder schädigt, muss zahlen.

Bernd Hansjürgens

Umweltökonom an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Leiter der Bereiche Ökonomie und Umwelt & Gesellschaft am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Von 2013 bis 2018 war Hansjürgens Leiter der TEEB*-Gruppe, die Beispiele für die Bepreisung von Ökosystemleistungen in Deutschland erstellt hat.
* The Economics of Ecosystems and Biodiversity
Bild: Andre Künzelmann, UFZ

Christiane Röttger

Senior Managerin Biodiversity bei Adelphi, einem Beratungs- und Forschungsinstitut für Klima, Umwelt und Entwicklung in Berlin. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Röttger in der globalen Artenschutz- und Diversitätspolitik. Heute leitet sie verschiedene Projekte im Bereich Biodiversität und Naturschutz.
Bild: Schild-Vogel, Adelphi

Frau Röttger, klingt das für Sie überzeugend?

Christiane Röttger: Nein, ich halte die Bespreisung der Natur sogar für einen Teil des Problems. Denn sie folgt derselben Logik, die diese Naturzerstörung überhaupt erst verursacht hat. Unser Wirtschaftsmodell ist auf quantitatives Wachstum ausgerichtet. Mehr produzieren, mehr konsumieren, mehr verschmutzen. Wenn wir jetzt die Folgen dieser Wirtschaftsweise mit denselben Methoden ausbügeln wollen, verstärken wir nur den Status quo. Wir reduzieren zudem Naturschutz auf technische Fragestellungen. Wir suggerieren damit, dass die zugrundeliegende Logik ganz in Ordnung ist und wir nur die Natur in unsere Buchhaltung integrieren müssen, um die Probleme, die das System verursacht, schon in den Griff zu bekommen.

Hansjürgens: Aber wir haben ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das nach diesen Logiken funktioniert. So fällen wir Kaufentscheidungen, so tickt die Ökonomie, so arbeitet die Politik. Gerade deshalb müssen wir systemimmanent vorgehen und die Mechanismen des Systems nutzen. Es ist Irrsinn, wenn eine Kommune Bauflächen ausweist, aber bei der Entscheidung außer Acht lassen kann, welchen Verlust an Artenvielfalt und Bodenfeuchte eine versiegelte Fläche verursacht. Das möchte ich durch die Inwertsetzung von Naturkapital korrigieren.

Röttger: Sie blenden aus, dass viele Entscheidungen nicht nach reinen Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten gefällt werden. Denken Sie an das Berliner Schloss oder den Stuttgarter Bahnhof. Das sind politische Entscheidungen, die sich an bestimmten Zielen und Werten orientieren. Wenn wir über Naturbepreisung sprechen, ignorieren wir, dass es bei vielen Entscheidungen immer auch um Einfluss und Macht geht.

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Inwiefern?

Röttger: Die Frage ist doch: Wer profitiert vom Erhalt der Natur, wer von ihrer Zerstörung, und wer trägt letztlich die Kosten? Das entscheidet sich an den Machtverhältnissen vor Ort. Die Mangrovenwälder in Indonesien etwa sind die Lebensgrundlage vieler Menschen, Brutplatz für Meerestiere und Fische, wichtig für den Küstenschutz. Selbst wenn wir sie mit einem konkreten Wert beziffern könnten, ändert das nichts daran, dass einflussreiche Geschäftsleute Politiker:innen unter Druck setzen, damit sie den Wald abholzen und eine Garnelenfarm bauen können. Die wirft dann vielleicht 1.000 Dollar pro Hektar für den Investor ab. Dass die intakten Mangrovenwälder insgesamt eigentlich 10.000 Dollar pro Hektar wert sind, die allen zugute kommen könnten, ändert daran gar nichts.

Hansjürgens: Aber die Bewertung der entsetzlich zerstörten Mangrovenflächen ist der entscheidende Ausgangspunkt für den nächsten Schritt: die staatliche Korrektur. Gesetze etwa, die den Garnelenbetreiber verpflichten, die Folgekosten seiner Zucht zu übernehmen. Dann rechnet sie sich nicht mehr.

Röttger: Dazu müsste man nicht den monetären Wert der Mangroven ausrechnen. Die ökonomische Methodik macht Ökosystemleistungen total angreifbar. Nehmen Sie eine Kaffeeplantage in Costa Rica. Neben ihr ist ein Wäldchen, in dem Wildbienen leben und die Kaffeepflanzen bestäuben. Weil der Plantagenbesitzer so Ausgaben für eigene Bienenstöcke spart, zahlt er für die Nutzung der „Naturleistung Bestäubung“ einen Ausgleich an den Waldbesitzer für den Erhalt des Waldes. Eines Tages brechen die Weltmarktpreise für Kaffee ein, also setzt der Plantagenbesitzer auf Ananas und die Bienen samt Wäldchen sind plötzlich nichts mehr wert.

Hansjürgens: Das hat aber doch nichts mit Bepreisung zu tun. Das sind Weltmarktpreise …

Röttger: … das ist der ökonomische Mechanismus unseres Systems, der direkte Auswirkungen auf den Wert des Waldes hat …

Hansjürgens: Sie wollen den Kapitalismus abschaffen?

Röttger: Was heißt den Kapitalismus abschaffen? Das Beispiel soll nur verdeutlichen, wie gefährlich es sein kann, sich auf rein ökonomische Bewertungen zu verlassen, weil man sich so von externen, oft instabilen Faktoren abhängig macht. Solange der Wald Leistungen erbringt, die für uns ökonomisch sinnvoll sind, bezahlen wir. Trifft das nicht mehr zu, ist die Natur wertlos. Was schlagen Sie stattdessen vor?

Röttger: Wir müssen viel deutlicher unser Wirtschaftsmodell als die Ursache von Artensterben und Klimawandel benennen und uns von quantitativem Wachstum verabschieden. Wir brauchen eine Transformation im Denken und Handeln, dazu müssen wir unausgesprochene Annahmen und Paradigmen aufdecken und echte Alternativen aufzeigen. Das müssen wir besser kommunizieren, auch im öffentlichen Diskurs. Wir brauchen mehr Aufklärung und einen Bewusstseinswandel.

Hansjürgens: Damit werden Sie den Kaffeeplantagenbesitzer nicht davon abhalten, sich an den Weltmarktpreisen zu orientieren. Ich sehe auch nicht, dass die Menschen zu wenig informiert sind, zumindest nicht in Deutschland. Wir wissen, dass Bio besser ist als der Discounter, aber kaufen trotzdem dort ein. Wie wollen Sie Menschen mit Appellen überzeugen? Sie tun so, als hätten wir hier ein Land mit 80 Millionen Naturschützern, de facto gibt es nur 2 bis 3 Millionen. Die Leute im Bundesumweltministerium sind längst verzweifelt, weil sie außer Naturschützer:innen niemanden erreichen. Für die meisten Menschen und Unternehmen spielt die Natur bei Entscheidungen keine Rolle. Und bei ihnen verfangen ökonomische Argumente am besten. Die Natur wird dadurch zur handelbaren Ware? Na gut. Aber was setzen Sie dem entgegen, wenn Sie im Kampf gegen die Interessen von Lobbyverbänden, Konzernen, Finanzwirtschaft bestehen wollen?

Röttger: Dass wir uns endlich die richtigen Fragen stellen, anstatt an Symptomen rumzubasteln. Welche Wirtschaft wollen wir, wie werden Unternehmen geführt, wie finanziert? Warum schauen wir nicht auf die Positivbeispiele? Der Outdoor-Modehersteller Patagonia setzt nicht mehr auf Wachstum und ist trotzdem erfolgreich. Wie gelingt das? Erkenntnisse aus der Ökologischen Ökonomie, Gemeinwohl- oder Donut-Ökonomie liefern dafür fundierte Grundlagen, die viel stärker in den Fokus und in die Praxis rücken müssten.

Hansjürgens: Gute Ideen, ja, aber an den magischen Zahlen der Ökonomie kommen Sie nicht vorbei: 1:9:90 – einer bringt eine Innovation, neun sind bereit zu folgen, neunzig machen weiter wie bisher.

Röttger: Also in vorauseilendem Gehorsam sagen, die Welt ist halt so?

Hansjürgens: Nein. Ich will doch das System völlig umbauen. Ja, einige Systemelemente akzeptiere ich – wie die Marktwirtschaft, weil sie den Wohlstand in allen Ecken der Welt in einem Maße zu vermehren vermag wie kein anderes System. Andere möchte ich auf den Kopf stellen. Die Inwertsetzung der Natur würde die bestehenden Investitions- und Konsumwege grundlegend verändern. Das wäre eine Revolution.

Röttger: Wir haben immer noch einen Zielkonflikt zwischen Wirtschaftswachstum und der Sicherung unserer Lebensgrundlagen …

Hansjürgens: Nein, haben wir nicht. Beispiel Landwirtschaft. Erst die ökonomischen Anreize, Milliarden Euro Subventionen im Jahr über die EU-Agrarpolitik zu vergeben, haben überhaupt zu den großindustriellen Strukturen im Agrarsektor geführt. Die Landwirte bekommen oft die Hälfte ihres Jahreseinkommens aus Fördergeldern, natürlich richten sie sich dann daran aus. Genau diesen ökonomischen Anreizmechanismus können wir nutzen, um wieder umzusteuern.

Röttger: Natürlich brauchen wir ökonomische Anreize, aber dazu müssen wir die Natur nicht finanziell bewerten. Was fehlt, ist der politische Wille. Warum beschränken wir nicht den Einfluss derjenigen, die von der Zerstörung profitieren, und stärken die Rechte jener vor Ort, allen voran der Kleinbäuer:innen, indigenen Völker, lokalen Gemeinden? Warum bauen wir nicht 60 Milliarden Euro umweltschädlicher Subventionen im Jahr ab? Wir sollten das Geld in die Agrarwende oder den Ausbau des Nahverkehrs investieren.

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Was ist denn durch den Ansatz der Naturbepreisung bislang in Bewegung gekommen?

Hansjürgens: Gerade tut sich einiges. Der Bundestag überlegt, die „Gesetzesfolgenabschätzung“ einzuführen. Vor der Einführung von Gesetzen müssen dann auch ihre Folgen für die Ökosysteme berechnet werden. Das Feld „Sustainable Finance“ boomt, mehr als 90 Banken und andere Finanzeinrichtungen entwickeln derzeit Kriterien für gute und schlechte nachhaltige Investitionen. Unternehmen beziehen zunehmend Biodiversitäts-Indikatoren in ihre Entscheidungen ein. Aber natürlich hat sich die Welt in den vergangenen zehn Jahren nicht auf den Kopf gestellt.

Röttger: Unser Ziel ist ähnlich, nur die Wege sind unterschiedlich. Ich fürchte nur, wir denken schon zu lange innerhalb des Systems, in den ewig pragmatischen kleinen Schritten. Wohin hat uns das gebracht? Und ich befürchte, dass Unternehmen den Bepreisungsansatz immer wieder als Ausrede missbrauchen werden, um die grundlegenden Probleme nicht angehen zu müssen.

Hansjürgens: In der Tat sind wir – auch die Wissenschaft – leider nicht gut darin, Optionen auszuloten. Wie könnten die Geschäftsmodelle für grüne Transformationspfade aussehen, wie können Unternehmen profitabel innerhalb der planetaren Grenzen wirtschaften? Wir sollten dafür endlich alle an einen Tisch holen: Ökonominnen, Naturschützer, Unternehmerinnen, Finanzwirte, Lobbyistinnen. Und gemeinsam nach konkreten Lösungen suchen.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Dezember 2021 des enorm Magazins mit dem Titel „Im Osten viele Neues “. Das aktuelle Heft könnt ihr hier kaufen.

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