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10 November 2022 / Lesezeit: 3 minuten

Kolumne Mein erstes Mal

Wie man Moorpatin wird

Belgische Moor-Landschaft Hohes Fenn, nahe der Grenze zu Deutschland. Diese Feuchtgebiete sind zentral für den Klimaschutz: Sie speichern große Mengen von CO2.

Bild: IMAGO / agefotostock

Bild: IMAGO / agefotostock

Mit Patenschaften möchte der Bund für Umwelt- und Naturschutz in Brandenburg zerstörte Moore retten. Dabei geht es nicht um Spenden, sondern ums Anpacken. Unsere Autorin hat es ausprobiert.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Oktober/November 2022 des enorm Magazins mit dem Titel: „Bedingungsloses Grundeinkommen: Wie realistisch ist die Utopie?“ Du kannst sie bei GoodBuy versandkostenfrei und klimapositiv bestellen.

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Berlin Ostkreuz, 6.47 Uhr. „O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn, wenn es wimmelt vom Heiderauche …“ Vorauseilend hallen mir die noch aus Schulzeiten bekannten Zeilen von Annette Droste-Hülshoffs Knabe im Moor durch den Kopf. Am Ostkreuz ist die Stimmung weder schaurig noch geheimnisvoll. Müde Stille auf dem Bahnsteig. Rosiges Morgenlicht scheint durch die hohen Fenster, verleiht dem grauen Nicht-Ort beinahe etwas Romantisches. Einfahrt Regio. „Wer fährt mit mir nach Cottbus?“, fragt die nette Schaffnerin. Hier! Grau wird zu Grün und eine Stunde später purzel ich mit dem Berufsverkehr nach draußen. Ich bin auf dem Weg zu meinem ersten Einsatz als Moorpatin – ein Projekt des Bunds für Umwelt und Naturschutz Brandenburg (BUND). Ehrenamtliche beobachten dabei Moore in ihrer Umgebung: Sie dokumentieren, informieren und planen gemeinsame Arbeitseinsätze zu ihrem Erhalt. Moore haben mich schon immer fasziniert und als ich das Projekt vor wenigen Wochen zufällig entdecke, lebt meine Begeisterung für die sagenumwobenen Gebiete wieder auf.

Moorpatenschaft: 95 Prozent der Moore in Deutschland gelten als tot

Was ich als Moorpatin zu tun habe, erklärt mir heute Bastian Ascher, Leiter des Brandenburger BUND-Projekts Sumpf & Sand. Im Rahmen seiner Tätigkeit stapft er seit einigen Monaten durch Brandenburger Schutzgebiete und möchte ein Bewusstsein für das Naturwunder schaffen. Ich erkenne ihn sofort an der grünen Fahne des BUND. Ascher schätze ich auf Mitte zwanzig und trotz früher Stunde ist er voll Tatendrang. Auch ich lege direkt los: „Moor in Deutschland heißt mindestens 30 Zentimeter Torfauflage“, referiere ich, „richtig?“ Richtig. Durch ständige Vernässung etwa durch Grundwasser (Niedermoore) oder Regen (Hochmoore) und Luftmangel im Boden entsteht Torf, eine Mischung konservierter oder nur teilweise zersetzter Pflanzenreste. Die Schicht wächst nur einen Millimeter pro Jahr (bei 30 Zentimetern macht das 300 Jahre pflanzliches Wachstum und Verfall). Entwässerung, etwa für Landwirtschaft, Torfgewinnung und Siedlungsbau, aber auch die Klimakrise haben den Moorbestand jedoch drastisch verringert: In Deutschland gelten 95 Prozent der Moore als tot. Dabei tragen sie durch ihre Fähigkeit, große Mengen CO2 zu binden, entscheidend zum Klimaschutz bei; ihre einzigartige Beschaffenheit dient dem Erhalt der Artenvielfalt. Um sie zu schützen, hat der BUND die Moorpatenschaften ins Leben gerufen– und ich bin dabei.

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Als Moor-Neuling begleite ich zunächst Ascher zu zwei Naturschutzgebieten, um mehr über die Patenschaft und Moore allgemein zu erfahren, bevor ich ein eigenes übernehme. Es geht gen Stadtrand, Ascher erzählt: Ins Moor führte ihn zunächst die Schmale Windelschnecke, deren Vorkommen in Südbrandenburg er seit seiner Bachelorarbeit untersucht. In Europa geschützt, braucht sie besondere Bedingungen, etwa neutralen pH-Wert im Boden. Langsame Schnecke im langsam wachsenden Moor, gefällt mir.

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Links eingebogen, plötzlich eine imposante Allee: Alte Bäume säumen den Weg. Ringsum taunasse Wiesen, Nebel zieht über die Gräser. Nicht schaurig, aber unheimlich schön. Auf alten Karten erkennt man hier ein großes Wassergebiet. Nur ein kleiner Teil ist heute übrig: im Moor des Fuchsbergs. Dunkel scheint das Wasser durch das hohe Schilf. Es raschelt, plätschert, summt. Ein schmaler Trampelpfad trennt das Landschafts- vom strengeren Naturschutzgebiet. Die Grenze zu kennen ist als Pat:in wichtig. Denn je nach Schutzstatus dürfen Moore nur eingeschränkt betreten, geschweige denn gepflegt werden.
Kurze Zeit später stehe ich vor einer Schilfwand. 400 Meter weiter beginnt das Schnepfenrieder Moor. Ich schmunzle: „Schnepfe?“ – und oute mich direkt als vogelunkundig. Ja, Schnepfe. Ein Vogel aus der Gattung der Regenpfeiferartigen, staksige Beine, langer Schnabel, lebt wassernah. Notiert. Rosa Blüten schimmern in Gras und Schilf: Indisches Springkraut, lerne ich. Eine invasive Art – schön als späte Bienenweide, doch dem Moor nimmt sie die Luft. Ascher überlegt, sie in einer Aktion gezielt zu entfernen, doch er weiß: Naturschutz ist ein Kompromiss. Alles auf einmal kann man nicht schützen, heißt: keine Alleingänge, dafür zusammenarbeiten, Expert:innen fragen. Und: Guter Austausch braucht gute Daten. Meine Hauptaufgabe als angehende Moorpatin darum: Inventar führen,also Moose bestimmen, Schnecken suchen oder Wasserstände prüfen. Das hilft dem BUND, in gezielten Einsätzen die Pflege und den Schutz der Moore voranzutreiben.

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Cottbus Hauptbahnhof, 11.01 Uhr. Viel zu schnell sitze ich wieder im Zug. Mit nassen Füßen und jahrhundertealtem Torf unter den Schuhen fahre ich beseelt zurück nach Berlin. Ich zwinge das Zug WLAN, die Moorkarte des Landes Brandenburg aufzurufen, erkunde sie. Bald bin ich auf Exkursion mit einer Biologin in Potsdam. Danach werde ich mich auf die Suche begeben, nach meinem Moor.