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13 Juli 2022 / Lesezeit: 7 minuten

Deutschlands erste Waldfluencerin

Fee Brauwers will den Wald retten – mit Instagram

Fee Brauwers ist Forstingenieurin, Jägerin – und Waldfluencerin.

Foto: Ella Knigge

Foto: Ella Knigge

Forstbloggerin Fee Brauwers erklärt auf dem Channel @jagd_fee, warum es den Bäumen um uns herum ziemlich schlecht geht, und was wir dagegen tun könnten. Anja Dilk hat sie zum Spaziergang getroffen.

Fee Brauwers steht da, wo sie am liebsten ist: im Wald. Links Birke und Buche, rechts Kiefer, am Wegesrand eine Eiche mit seltsam spitzen Blättern, „die ist eingewandert aus Amerika“, sagt sie und zeigt auf einen starken, dichten Baum mit hellen, federförmigen Blättern. „Hier, eine Esskastanie, aus dem Mehl ihrer Kastanien kann man lecker Brot machen.“ Sie strahlt auffordernd, fast so wie auf Instagram, wenn sie ihren Follower:innen erzählt: „Liebe Leute, ich mag Bäume, ich mag Essen, deshalb liiiiiebe ich Bäume, die Essen geben, wie die Esskastanie, sie macht mega nice Kastanien, den obergeilsten Honig und das Holz ist auch noch wunderschön. Der beste Baum der Welt, ganz klare Kiste.“

Nur, dass Fee Brauwers jetzt live im Wald steht, westhessisches Bergland. Die Sonne funkelt wie Sterne durch die Baumkronen, leise treibt der Wind durch die Blätter, auf dem Weg knirscht Sand unter den Füßen, es duftet nach feuchter Erde. Brauwers zieht tief die Luft in die Lungen. „Wenn ich im Wald bin, geht es mir sofort gut.“ Nur gibt es ein Problem: „Dem Wald selbst, dem geht es gar nicht gut.“

Deutschland 2022. Der Wald schwitzt. Es gibt fast keinen Baum, dem die Klimakrise nicht zu schaffen macht. Für Kiefer und Fichte ist es zu trocken, der Buche ist es zu heiß. Esche, Ahorn, Ulme – am Limit. Pilze und Schädlinge breiten sich aus. Nur zwanzig Prozent der Bäume sind laut Waldstandsbericht 2021 gesund. Der Wald ist so anfällig wie nie, vier Prozent sind nach den Dürren seit 2018 akut bedroht. Von Sachsen über den Harz bis zur Rheinebene. Und das ist erst der Anfang, sagen Expert:innen.

Fee Brauwers zeigt, wie saurer trockener Nadelboden aussieht.
Foto: Ella Knigge

Wald verstehen: Verantwortung als Forstwissenschaftlerin

„Ich möchte den Menschen bewusst machen, was durch die Klimakrise mit dem Wald passiert“, sagt Fee Brauwers. Sie ist 25 Jahre alt und Forstingenieurin. Natürlich, sie kann den Wald nicht selbst retten, schon gar nicht hat sie fertige Lösungen in der Tasche. „Es gibt sie leider bislang nicht.“ Aber sie kann aufklären, Zusammenhänge zeigen, Diskussionen anstoßen. Mit Baumartenkunde und Wissensspielen, Debattenvideos, Streitgesprächen und märchenhaften Streifzügen durchs dunkle Grün. „Das ist die Basis, um Lösungen zu finden. Als Forstwissenschaftlerin trage ich Verantwortung dafür.“

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Waldforschung per Computer

Wie muss der Wald aussehen, um in der Klimakrise zu bestehen? Andreas Huth vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig setzt auf Antworten aus dem Rechner. „Die Forschung hat seit dem Waldsterben in den 1980er-Jahren unglaublich viele Daten zusammengetragen, mit denen wir unsere Computermodelle füttern können.“ Daten zu Boden, Nährstoffgehalt, Artenvielfalt, Regenfall, Temperatur, Biomasse und Wachstumsgeschwindigkeit von Bäumen. Regelmäßig werden die Daten durch neue Erkenntnisse aus der Feldforschung aktualisiert. Gut 100.000 Wälder mit unzähligen Baummischungen haben Huth und sein Team digital erzeugt und in Simulationen durch den Stresstest der Klimakrise gejagt. Ergebnis: „Wahrscheinlich gibt es nicht den einen Baum für einen Standort“, so Huth. „Entscheidender ist ein Mix von mehreren Arten, die sich flexibel anpassen können.“ Letztlich sind solche Mischbestände auch wirtschaftlicher als Monokulturen – weil weniger Holz durch Schädlinge oder Unwetter zerstört wird. Mehr zu seiner Arbeit erklärt Andreas Huth in diesem Video.

Walbeck, ein kleiner Ort nahe der niederländischen Grenze. Backsteine, Fachwerk, bunte Wimpel über der Hauptstraße. Hier ist Fee Brauwers aufgewachsen. Ist durch den Wald gestreift, hat mit den Schafen des Onkels gespielt und jahrelang Ballett getanzt. Hätte eine Verletzung ihre Karriere als Profi-Ballerina nicht jäh gestoppt, wäre sie wohl nie Försterin geworden. So entscheidet sie sich für ihre zweite Liebe, den Wald. Sie studiert Forstwirtschaft an der Hochschule Rottenburg – als eine von 16 Frauen unter 106 Studierenden im Jahrgang. Inzwischen steckt sie mitten im Master und ist nebenbei die wohl erfolgreichste Forstbloggerin Deutschlands: 23.500 Abonnent:innen folgen ihren Posts in ihrem Instagram-Kanal @jagd_fee. Fee Brauwers, könnte man sagen, ist die Waldfluencerin der Republik.

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Ein Mittwoch im Mai. Brauwers stapft durchs Geäst, halbhohe Schnürstiefel, beige Hose, kakifarbene Outdoorjacke. Cajou, ihre grau-braune Weimeraner-Hündin, springt voran. Der Wind trägt Kindergeschrei aus dem Waldschwimmbad herbei, links geht es in einen kleinen Weg, und plötzlich ist da nur noch Blätterrascheln. Mit ihr durch den Wald zu streifen ist, wie einer Schatzkarte zu folgen, einem Pfad in eine verborgene Welt. „Unter uns“, sagt sie, „ist das Wood Wide Web, also Wurzelgeflechte, über die Bäume, Pilze und Mikroorganismen kommunizieren.“ Die Bäume liefern den Pilzen Zucker aus der Photosynthese, im Gegenzug helfen ihnen die Pilze bei der Nährstoff- und Wasseraufnahme. „Aber Bäume sind fies. Wenn etwa Robinien spüren, dass sich andere Arten breitmachen wollen, versprühen sie Gift.“ Ein Blick in die Kronen zeigt das Gerangel um Licht, komisch geformt hat sich eine Linde weggedreht, beiseite gedrückt von der Kiefer daneben. „Und hier, das sind Zeigerpflanzen.“ Das Buschwindröschen weist auf Wasser im Boden hin, die Brombeere offenbart, wo viel Stickstoff ist, der Löwenzahn zeigt Verdichtung an.  „Nicht gut für die Artenvielfalt.“

Fee Brauwers möchte Menschen bewusst machen, was durch die Klimakrise mit dem Wald passiert. Wie sie das macht? Mit Social Media.
Foto: Ella Knigge

Der Wald als Spiegel der Geschichte

Jeder Wald ist ein Spiegel der Geschichte, „wir leben heute in den Pflanzungen der 1950er-Jahre“. Viel Kiefer also, sie lieferte schnelles Holz für den Bau in der Nachkriegszeit, seitdem hat sie sich festgesetzt. Neben dem Weg recken sich die Nadelbäume dutzendfach in den Himmel. Fee Brauwers greift in den Boden und öffnet die Hand: „Rohhumus, trocken, nichts krabbelt. Kiefern verlieren alle drei Jahre ihre Nadeln, sie machen den Boden sauer, es fehlt an Mikroorganismen.“ Die Kiefer selbst hat in sandigen Böden nur wenig Halt, nun macht ihr die Trockenheit zu schaffen. Ihre Kronen werden licht, der Baum verliert Kraft. Die ganze Katastrophe so einer Monokultur zeigt sich bei der Kieferböschung um die Ecke. Was der Wind nicht umfegte, hat die Motorsäge erledigt.

Das Fichtenwäldchen um die Ecke ist nicht viel besser dran. Noch stehen die Bäume. „Aber die sind alle tot“, sagt Brauwers. In weißen Schlieren läuft der Harz einen langen Stamm hinunter, ein letztes Aufbäumen gegen die Angreifer: Borkenkäfer. Brauwers bricht ein Stück Rinde ab, auf der Rückseite sind Gänge zu sehen, in der Mitte die „Rammelkammern der Borkenkäfer“. Sind die Larven erwachsen, verlassen bis zu 40.000 Käfer die Rinde und stürzen sich auf die nächsten Bäume. „Nach zwei Dürresommern haben auch die gesunden kaum noch Widerstandskraft.“

Rast am Kiessee, Waldrand. Hündin Cajou nimmt ein Bad. Brauwers seufzt. Es ärgert sie, dass die Diskussionen in der Öffentlichkeit oft so voller Widersprüche sind und manchmal einseitig. Nun steht der natürliche Wald hoch im Kurs, bloß nicht eingreifen mit menschlicher Hand. Schon gar nicht Holz entnehmen, „ernten“, wie es in der Forstwirtschaft heißt. „Aber dann gehen die Leute zu Obi und kaufen Bretter. Wo soll das Holz dafür herkommen, wenn nicht aus unserem Wald?“ Oder: Nur heimische Arten sind erwünscht, was aber, wenn sie der Klimakrise, wie die Esche, nicht standhalten? Und warum wird so wenig darüber gesprochen, dass sich Wald auch wirtschaftlich tragen muss? Fünfzig Prozent sind in privater Hand.

„Ökologischer Waldumbau findet ja längst statt, seine Erkenntnisse müssen wir nutzen.“ Behutsam eingreifen, „gezielt rausnehmen“, um neue Arten dazwischen zu setzen, Monokulturen aufzulockern. Von Borkenkäfern befallene Bäume entfernen, damit andere eine Chance haben. „Wieso dürfen wir auch gefährdete Bäume laut Gesetz erst fällen, wenn sie achtzig Jahre alt sind?“, sagt Brauwers. „Guck mal dahinten, alles voller Totholz.“ Schwere Äste liegen quer, in alten Baumlöchern sammelt sich Wasser, darüber glitzern Spinnweben. Totholz ist ein Fest für Artenvielfalt. „So muss es sein in einem naturnahen Wirtschaftswald“. Der Weg führt durch ein lichtes  Birkenwäldchen, eine Petterson-und-Findus-Landschaft. „Finden wir schön, nicht?“ Wunderschön. „Eben, aber auch das ist eine Monokultur. Laubbäume gut, Nadelbäume schlecht – so einfach ist es nicht.“

Feldversuche: Welche Bäume trotzen der Klimakrise?

Auf einer großen Versuchsfläche bei Freiburg experimentiert Jürgen Bauhus, Professor für Waldbau an der Universität Freiburg, mit Baumkandidaten, die in der Klimakrise bestehen könnten. Er findet sie in Regionen der Welt, in denen heute ein Klima herrscht wie vielleicht morgen bei uns. Südfrankreich etwa oder Nordamerika. Dann schaut er: Bewähren sich die Zerr-Eichen aus Südeuropa bei Hitzewellen, hält die Roteiche aus den USA stand? Weil das verdammt lange dauert, hält Bauhus zudem Ausschau nach alten „Versuchsanbauten“. „Immer schon gab es Förster mit einem Faible für Experimente, die auf ein, zwei Hektar exotische Arten angepflanzt haben“, sagt Bauhus. „Wir analysieren diese Bestände, zum Beispiel mithilfe von Probebohrungen im Stamm – wie haben sie Hitzephasen in den letzten Jahrzehnten überstanden, inwieweit erhalten sie die heimische Biodiversität?“ Denn das ist der Knackpunkt: Können nicht-heimische Bäume auch heimischen Arten neuen Lebensraum bieten? Und sind sie gleichzeitig resistent gegen die Schädlinge in deutschen Wäldern?

Mittlerweile ist Brauwers bundesweit auf Podien unterwegs, diskutiert in Talkshows über Wege aus der Waldkrise, beantwortet Hörer:innenfragen im Radio. Manchmal hat sie keine Lust mehr, wie vor ein paar Wochen, als ihr nach dem Post über Baumkartenkunde zum Ahorn ein Sturm der Kritik entgegenfegte: „Es gibt doch mehr als drei Arten Ahorn!“ Deutschland und der Wald, das ist fast wie Deutschland und Fußball. Millionen Expert:innen da draußen. Manchmal fordert sie Politiker:innen in ihrem Channel direkt heraus. Wie neulich Annalena Baerbock. „Sie wollen Holzhäuser und ökologischen Waldbau, völlig richtig. Sie wollen aber auch die Jagd verbieten. Wollen sie den Wald voller Zäune knallen, oder was ist die Idee? Wie sollen die jungen Bäume vor Rehwild geschützt werden, wenn nicht durch die Jagd?“

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Als Jägerin den Wald schützen

Fee Brauwers ist mit der Jagd aufgewachsen, oft hat sie ihren Vater begleitet. Mit 17 macht sie selbst den Jagdschein. Sie weiß, wie umstritten das Thema ist, ja, wie hasserfüllt viele auf Jäger:innen blicken. „Aber um eine Auseinandersetzung mit dem Töten von Tieren kommt niemand herum.“ Sie hat für sich entschieden: „Erstens: Wo natürliche Feinde fehlen, will ich als Jägerin den Wald schützen. Zweitens: Wenn ich Fleisch essen möchte, muss ich Tiere schießen können.“ Seit 2018 isst Brauwers „wilgan“, wie sie es nennt, nur selbst geschossenes Wild kommt auf den Teller, sonst nichts vom Tier, „denn das ist klimaneutral“. „Lass doch vegan machen und wild“, kontert sie im Insta-Streitgespräch mit Bettina Eick von Peta zum Thema „Müssen wir fürs Klima vegan werden?“ Brauwers: „Vegan für alle ist doch nicht realistisch.“

Auf Podien wird sie oft gefragt, na, wie sieht denn nun die Lösung aus für den Wald? Und immer wieder antwortet sie: „Die eine Lösung sehe ich nicht. Es bleibt nur flexibel zu sein, zu experimentieren und die Gegebenheiten vor Ort in den Blick zu nehmen.“ Mal kann das heißen, ein Areal sich selbst zu überlassen, mal kranke und tote Bäume zu entnehmen, um es mit neuen Arten anzureichern. Wahrscheinlich heißt richtige Weg oft: Risikominimierung durch Risikostreuung; ein geschickter Mix von Baumarten, Größen, Altersgruppen – so kann ein klimastabiler Mischwald entstehen.

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Neulich hat Fee Brauwers ein Reel gedreht. Orangeroter Sonnenuntergang, Cajou läuft über die Felder, Schwenk zum Waldrand am Horizont, eine Stimme per Voice-over: „Hey, ich will dieses Video mit euch teilen, vielleicht ist es ja bei euch nicht so schön.“ Wie hier im Wald von Walbeck.